Dienstag, 22. September 2015

Todenhöfer, Jürgen: Inside IS...


Spiegel - Bestseller
... 10 Tage im "Islamischen Staat"



Manchmal ist es schwer, ein Buch zu rezensieren. Dieses hier gehört dazu. Nach dem Maischberger-Talk das Spiegel-Online Magazin zur Sendung:

„Mit Jürgen Todenhöfer hatte Maischberger den Mann eingeladen, der den vor einem Jahr verstorbenen Peter Scholl-Latour endgültig als beliebtesten Islam- und Nahosterklärer der Deutschen beerbt hat.“[1]

Nun ja, das ist ja einerseits eine Empfehlung und andererseits wohl ziemlich leichtfertig in die Welt hinaus posaunt. Der weitere Text jedenfalls lobt die Vorgehensweise des Publizisten nicht sonderlich. 

Vor fünf Tagen schreibt Todenhöfer auf seiner Webseite, dass er in Gaza einen Spiel- und Bolzplatz und einen Frischwasserbrunnen eingeweiht hat und zwar mit dem Honorar für sein Buch INSIDE IS – Zehn Tage im >Islamischen Staat<. Er nennt eine Summe von 135.000 €.

„Mit "INSIDE IS" verfolge ich 2 Ziele: Die Welt über den 'Islamischen Staat' aufzuklären. Und mein Honorar für Kinder und Flüchtlinge in Syrien und Gaza zu spenden.“[2]

* * *

Wie klärt Todenhöfer denn nun über den IS auf? Indem er nach Syrien und den Irak reist und vor Ort mit Jihadisten spricht und die Reise dokumentiert. 

Das Buch beginnt mit einem Kapitel über die „Geburt des >Islamischen Staates<“ und einem Kapitel über die „Ziele des Westens“. Er beschreibt eine „Fahrt an die IS-Front“, unter anderem zu den Peschmerga-Kurden und anschließend den „Chat mit dem Terror“, vor allem den mit Aba Qatadah. Todenhöfer hat dessen Mutter besucht, auch von diesem Treffen erzählt er. 

Die zweite Hälfte dieses Buches beinhaltet die Reise und beginnt mit deren Konkretisierung durch einen weiteren langen Chats (insgesamt über sieben Monate [3]) und reist dann über die Türkei in das Gebiet, in welchem die sich „Staat“ nennende Terrororganisation herrscht. Die Reise beginnt am 2. Dezember 2014 und wird am 15. Dezember 2014 beendet sein, zehn Tage davon werden sich Jürgen und Frederic Todenhöfer sowie Malcom, ein Freund Frederics in unmittelbarer Begleitung des Deutschen und anderer IS-Terroristen durch das besetzte Land reisen, unter anderem in die durch den IS eroberte Stadt Mossul.


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Jürgen Todenhöfer und sein Sohn Frederic nahmen über Skype Kontakt mit Deutschen auf, die für den IS in Syrien und im Irak kämpfen und vereinbaren eine Informationsreise unter der Bedingung, dass sie vom Kalifen Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri einen Schutzbrief erhalten, der ihnen und einem weiteren Freund garantiert, heil nach Hause zu kommen. Todenhöfer erhält diesen Brief. Sodann reisen sie in Begleitung des Deutschen Christian E. oder Aba Qatadah unter anderem nach Mossul, die Stadt, die der IS eingenommen hat. Er interviewt nicht nur diesen Mann, sondern auch Ärzte, islamische Richter, Gefangene und andere. Fotografiert und filmt mit Einschränkungen, erlebt zum Glück nicht allzu oft Bomber- und Drohnenangriffe und erreicht die Türkei wieder mit der Auffassung, mit einer der schlimmsten Gruppe von Massenmördern gesprochen zu haben, die den Islam nicht repräsentieren.




In diesem Buch gilt Todenhöfers Interesse den Fragen:

Wie mächtig und gefährlich ist der IS wirklich? Welche Wahnvorstellungen leiten seine Anführer? Was treibt deren Gefolgsleute zu den Gräueltaten, die die Welt in Schrecken versetzen? [4]

Er kommt zu dem Fazit, dass die IS-Kämpfer überzeugt sind, „mit ihrer totalitären Ideologie und ihrer demonstrativen Brutalität die Welt verändern zu können.“ [5]

* * *

Todenhöfer wurde vorgeworfen, dass man solchen Leuten keine Plattform bieten dürfe für jegliche Form von Eigenwerbung. Dies geschah in unangenehmer Weise zum Beispiel durch Marcus Lanz, auch die Talkshow von Sandra Maischberger, „Ich stelle mich“ zeigte Aspekte, die einen wenig objektiven Umgang mit Todenhöfers Thema aufweisen. Die Duellszene mit Nikolaus Blome zeigt das. Ein gänzlich anderes Interview meint man zu sehen bei RT (Russia Today).




Jürgen Todenhöfer hat schon seit vielen Jahren immer wieder versucht, auch mit den „Schurken“ dieser Welt zu sprechen, erstmals als junger 34jähriger Abgeordneter der CDU mit dem chilenischen Diktator Pinochet. Auch dafür wurde er angegriffen und dies beileibe nicht nur von Links. Er hat auch mal in Bezug auf die gestürzte sozialistische Regierung Allende gesagt, dass „für sozialistische Experimente in der dritten Welt die DDR zuständig“ wäre und dieser zugesagte Kredite auch für die putschende Junta zur Verfügung stehen müssten. Wofür er wohl 4000 eingekerkerte Chilenen freibekam.[6] Doch soll diese Episode nicht stellvertretend stehen für seine Grundhaltung, die einerseits die Muslime als Anhänger einer friedlichen Religion sieht und andererseits die Politik des Westens, insbesondere aber nicht nur der USA als Ursache für den erstarkenden islamistischen Terrorismus und den IS als dessen schlimmste Form ansieht. Diese Episode stellt den Beginn von politischen Handlungen dar, wozu auch ein Gespräch mit dem syrischen Präsidenten Bassar al Assad zählt. Die Art und Weise wie er zu diesem Gespräch kam geriet in heftige Kritik, denn die Mails im Vorfeld an eine Art Pressesprecherin Assads gerieten in die Öffentlichkeit [7]. Wie kommt man an Gespräche mit den Diktatoren dieser Welt? Oder kommt es darauf an, welche politische Auffassungen der Interviewer hat? Vor allem, wenn er die Politik der USA kritisiert.

* * *

Das Buch des 1940 geborenen ehemaligen Richters, Bundestagsabgeordneten, und Medienmanagers hat seine unbedingte Berechtigung im Canon der Literatur um Terrorismus, nicht nur den, welchen man islamistisch nennt. Ebenso ist es im Licht der in den letzten Wochen angestiegenen Migrationsströme, deren Ursache auch die Grausamkeiten des sogenannten „Islamischen Staates“ sind, sehr interessant, beleuchtet es doch, dass „Andersglaubende“ einer unmittelbaren Todesgefahr unterliegen. Dies betrifft Schiiten und Jesiden unmittelbar, Juden und Christen ebenso, Kopfsteuer hin oder her, denn der Prophet ist wohl ziemlich schnell zu beleidigen. Zumindest in den Augen eines Christian E. & Co.

Ich glaube nicht, dass man Jürgen Todenhöfer nun unbedingt als Nachfolger des Peter Scholl-Latour bezeichnen sollte. In meinem Regal steht „Inside IS“ allerdings neben Scholl-Latours letztem Buch „Der Fluch der bösen Tat“. „Inside IS“ ist das erste Buch, welches ich von Jürgen Todenhöfer gelesen habe. Das Letzte war es wohl nicht.

* * *



► Video von J. Todenhöfer bei LiveLeak vom 16.01.2015
Interview bei Russia Today (RT) – YouTube vom 07.02.2015
Talk bei Markus Lanz vom 30.04.2015
► Menschen bei Maischberger vom 26.08.2015: Chaos im Orient
Interview Todenhöfer – Baschar al Assad vom 08.07.2012
► Webseite von J. Todenhöfer
► Bertelsmann Verlag / München 2015 / ISBN: 978-3-570-10276-3 / 286 Seiten / DNB


© KaratekaDD

PS: Das Thema ist im Internet äußerst gegensätzlich diskutiert wurden. Bewusst habe ich das YouTube Video von RT hier mit eingebunden. Der IS wütet auch in Syrien und Russlands Interesse an und in Syrien ist bekannt. Um diese Umstände darzustellen habe ich die genannten Beiträge verlinkt. Nicht alles, was in diesen gesprochen wird, entspricht meiner persönlichen Meinung.



[2] http://juergentodenhoefer.de; 21.09.2015; 18:27 Uhr
[3] https://www.youtube.com/watch?v=UBhhJjAF7ME ; Aussage im Interview bei RT-Deutsch
[4] Siehe Todenhöfer: Inside IS, 2015, Klappentext - Schutzumschlag
[5] Vgl. Ebenda

Kommentare:

  1. Eine wertneutrale Darstellung des Buches mit einigen wichtigen, wenn auch offenen Fragen. Interessant!

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    1. So WERTNEUTRAL finde ich das Geschriebene gar nicht.

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