Montag, 31. August 2015

Xinran: Wolkentöchter


Zehn Frauen und ihre bewegenden Geschichten, die alle von dem schmerzlichen Verlust der eigenen Tochter erzählen: Da ist Kumei, die von ihrer Familie gezwungen wurde, ihre beiden Töchter kurz nach der Geburt zu töten. Was sollte man mit den nutzlosen Wesen auch anfangen? Oder ein Ehepaar, das sich während einer Zugfahrt liebevoll um seine Tochter kümmerte – und sie dennoch an einem verlassenen Bahnhof aussetzte. Und Xinran selbst, die ein Mädchen vor dem Dasein als Waise retten wollte. Doch ihr Verstoß gegen die Ein-Kind- Politik wurde so geahndet, dass sie das Mädchen für immer verlor.


  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Droemer HC (2. November 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
  • ISBN-10: 3426199017
  • ISBN-13: 978-3426199015
  • Originaltitel: Message from an Unknown Chinese Mother. Stories of Love and Loss.





















WARUM HAT MEINE MUTTER MICH NICHT GEWOLLT?




Warum hat meine Mutter mich nicht gewollt? Diese Frage stellen in China vor allem Mädchen, denn sie werden häufig von ihren Müttern verlassen. Nicht freiwillig, wie die zehn bewegenden Geschichten, die Xinran zusammengetragen hat, beweisen: Alle erzählen von dem schmerzlichen Verlust der eigenen Tochter. Keiner, der diese Geschichten liest, wird sie je vergessen.


Chinesische Frauen wünschten sich nur zwei Dinge: in diesem Leben keine Töchter zu gebären und im nächsten Leben nicht als Frau wiedergeboren zu werden.

Einen atemberaubenden Aufschwung hat die Volksrepublik China hinter sich. Das Land gehört mittlerweile zu den wirtschaftlich einflussreichsten der Welt. Doch wie sieht es hinter der Fassade aus? Da verbergen sich nach wie vor alte Werte... Besonders auf dem Land ist das Familienleben noch von diesen alten Vorstellungen geprägt. Dieses Buch vermittelt eine Ahnung vom schier grenzenlosen Leid, das die 1979/80 verordnete Ein-Kind-Politik, aber auch uralte Denkmuster und sexuelle Unaufgeklärtheit über chinesische Kinder und ihre Eltern gebracht haben.


"Ihr Leute in der Stadt, ihr bekommt Essen vom Staat. Hier bei uns richten sich die Getreiderationen danach, wie viele Köpfe eine Familie hat. Mädchen zählen nicht. Die zuständigen Beamten geben uns kein zusätzliches Land, wenn ein Mädchen geboren wird und so knapp, wie das Ackerland ist, würden die Mädchen sowieso verhungern."


Dies ist kein Buch, das man mal einfach so runterliest. Nicht nur weil es eher eine Dokumentation ist und damit nicht unter die übliche Belletristik fällt. Sondern vor allem, weil der Inhalt erst einmal verkraftet sein will  - und zwar Stück für Stück. So manches Mal musste ich beim Lesen nicht nur kräftig schlucken, sondern konnte dann einfach nicht mehr weiterlesen - trotz des eher sachlichen Stils, den die Autorin hier gewählt hat. Un-vor-stell-bar, was man hier zu lesen bekommt - und doch millionenfacher Alltag chinesischer Mädchen und Frauen, auch heute noch.


Jede Frau, die ein Kind geboren hat, musste Schmerzen erleiden, aber die Mütter von Mädchen haben alle ein gebrochenes Herz.

Xinran, 1958 in Beijing geboren, arbeitete jahrelang als Radiojournalistin. Ihre Sendung "Words on the Night Breeze" war in ganz China bekannt und berühmt. In dieser riefen Mütter an, die ihre traurigen und ergreifenden Schicksale schilderten. Xinran interviewte außerdem auf ihren Reisen durch China viele Frauen und Mädchen und erzählt uns in ihrem Buch von deren Geschichten.


Schon in ihrer Kindheit hatte sie die Erwachsenen sagen hören, dass das erste Enkelkind, so es ein Mädchen war, nicht überleben durfte. Falls doch, zerstöre es die Wurzeln der Familie. Das erste überlebende Baby musste ein Junge sein.


Zehn Geschichten präsentiert Xinan in diesem Buch, schildert wie es zu den Begegnungen kam und wie bewegt und fassungslos sie selbst oftmals war bei dem, was sie da zu hören bekam. Als ihr immer deutlicher wurde, dass ein rigides politisches System, erlernte Traditionen und Werte die Menschlichkeit und den natürlichen Mutterinstinkt offensichtlich zu unterdrücken vermögen - aber um welchen Preis? China war laut einem Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2002 das Land mit der höchsten Selbstmordrate bei Frauen. Der gemeinsame Tenor der Geschichten: Mädchen und Frauen sind nichts wert...


"Machen sie sich keine Sorgen darüber, was den Mädchen alles passieren könnte?" - "Was nützt es, sich Sorgen zu machen? Wenn sie Glück haben, überleben sie. Wenn nicht... Mädchen sind dazu geboren zu leiden. Es ist furchtbar, dass sie keine Jungen sind."


Und die Bevölkerung Chinas hat viele Wege gefunden, um mit dem Problem umzugehen, wenn ein Mädchen geboren wird. Vielerorts, gerade im ländlichen Bereich, überleben die Kleinen die Geburt nur um Minuten - werden mit der Nabelschnur erdrosselt, unter Wasser getaucht oder lebendig in den Toiletteneimer gesteckt, sich selbst überlassen.


...und bis dahin hatte ich nicht gewusst, dass ein zweitausend Jahre altes Landverteilungssystem in chinesischen Dörfern noch im ausgehenden 20. Jhd. angewendet wurde. Und ich wusste erst recht nicht, dass so viele neugeborene Mädchen aufgrund dieses Systems ihr Recht auf Leben verloren hatten.


Andere setzen die weiblichen Säuglinge einfach aus, hoffen, dass sie gefunden und gut versorgt werden. Tausendfach trifft man quer durch China auf 'Zusatzkind-Partisanen' - Paare, die auf dem Land das Weite suchen und oftmals mit dem Zug, falls sie es sich leisten können, durch China fahren oder gar ins Ausland reisen, damit die Frau fernab von ihrem eingetragenen Wohnsitz schwanger werden und gebären kann. Xinran traf auf einer Zugfahrt auf eine kleine Familie mit einem kleinen Mädchen, die Mutter erneut hochschwanger. Während der Fahrt setzten sie das Mädchen neben dem Stand eines Imbissverkäufers aus und hofften, dass der es zukünftig gut versorgen würde. Xinran erfuhr, dass die Familie bereits seit 7 1/2 Jahren mit dem Zug durch China reiste, dabei bereits vier Töchter geboren und ausgesetzt hat und erst wieder nach Hause zurückkehren würde, wenn endlich der ersehnte Sohn geboren wurde.


Unterwegs trifft man viele Leute wie unsereins. Da lernt man schnell alle Kniffe und Tricks. Und an den Strommasten neben den Gleisen hängen Listen mit Leuten, die bereit sind, Babys auf die Welt zu holen und Abtreibungen zu machen.


Zu Beginn des 19. Jahrhunderts etablierten westliche Missionare die ersten Waisenhäuser - doch waren diese bis in die 90er Jahre von der Gesellschaft vergessene Einrichtungen. Für die Offiziellen galten Waisenhäuser als nationale Schande, für die Bevölkerung waren sie Müllhalden. Erst mit der Änderung des Adoptionsgesetzes und der zunehmenden Anzahl ausländischer Adoptionen änderte sich dieser Zustand ein wenig. Allerdings nur hinsichtlich der materiellen Ausstattung, keineswegs hinsichtlich eines adäquaten Umgangs mit den Kindern - fast ausschließlich Mädchen. Hier steht allein der wirtschaftliche Faktor im Vordergrund.


Unser Krankenhaus ist verpflichtet, in Übereinstimmung mit der staatlichen Ein-Kind-Politik zu arbeiten... Letztlich mussten wir dafür sorgen, dass hier keine Babys mehr ausgesetzt werden.


Xinran legt plausibel dar, dass die staatliche Ein-Kind-Politik sicher noch einmal zu einer Verschärfung der Situation für Mädchen und Frauen geführt hat - dass aber die alten Traditionen und Werte gerade in der ländlichen Bevölkerung noch einen viel größeren Anteil daran hat, wie mit Mädchen umgegangen wird. Für diese Menschen ist es unabdingbar, dass das Erstgeborene ein Junge ist - mag es auch noch so viele Mädchenleben kosten. Gerade auf dem Land wird die Ein-Kind-Vorgabe oftmals nicht eingehalten - nach dem Jungen darf also auch ein Mädchen überleben. Die Kontrollmöglichkeiten der Umsetzung der staatlichen Vorgabe sind in der Stadt viel eher gegeben.


Ich möchte sie in die Arme schließen. Ich möchte, dass die kleine Xinxin, die ich in Erinnerung habe, zu einer erwachsenen Tochter wird...


Viele der ungewollten Mädchen sind in den vergangenen Jahren von ausländischen Familien adoptiert worden. Und doch bleibt da die Suche, die Sehnsucht nach den Wurzeln. Die von Xinran gegründete Stiftung 'The Mothers' Bridge of Love' hat sich zum Ziel gesetzt, Adoptivfamilien zu hlefen, mehr über das Leben der leiblichen Mütter, über chinesische Geschichte und Kultur zu erfahren. Aber es ist kaum möglich, etwas über die leiblichen Mütter zu erfahren: zu viel geschieht heimlich, im Verborgenen, anonym. Und doch hat Xinran von den Müttern, die bereit waren, über ihre Geschichte zu reden, erfahren, wie sehr sie dauerhaft unter der Trennung leiden, die Ungewissheit über das Schicksal ihres Kindes kaum ertragend.


Für mich ein überaus interessantes Buch, das mir einen kleinen Einblick in die Traditionen und Denkmuster der chinesischen Bevölkerung gab, etwas das wohl nur einem Menschen gelingen kann, der selbst aus diesem Land stammt. Es war berührend und bewegend, hat wütend gemacht, aber auch Verständnis geweckt. Ein Buch, das nachhallt und nicht mit dem Zuschlagen der letzten Seite aus den Gedanken verschwindet.
Gerade wenn man einmal über den Tellerrand hinausschaut, wird deutlich, wieviel Glück man als Frau letztlich hatte, in dieser westlichen Kultur aufzuwachsen.



© Parden























Bildergebnis für xinranXue Xinran ist eine chinesische Journalistin und Schriftstellerin. In den 1980er und 1990er Jahren war sie in Nanjing als Radiojournalistin tätig. Mit ihrer Sendung Worte im Abendwind wurde sie in ganz China und weiten Teilen Asiens berühmt.
Seit 1997 lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in London, wo sie seitdem über das Leben chinesischer Frauen schreibt. Sie arbeitet außerdem für den Guardian und gründete die Wohltätigkeitsorganisation The Mothers' Bridge of Love, eine Organisation, die sich um chinesische Kinder kümmert, die von westlichen Pflegeeltern adoptiert wurden (vor allem im Zuge der chinesischen Ein-Kind-Politik verstoßene Mädchen).



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