Mittwoch, 23. Oktober 2013

Pieper, Tim: Mord im Tiergarten



Blutige Adler bleiben zurück - Grausige Morde im Berliner Tiergarten

Des Dr. Otto Sanftlebens zweiter Fall
von Tim Pieper

Der bereits aus MORD UNTER DEN LINDEN bekannte Kriminologe und Sportsmann wird einige Jahre nach dem ersten Fall von Commissarius Funke gebeten, an einem grausigen Mordfall mitzuwirken. Begleitet wird er von seinem inzwischen erwachsenen Leibdiener (?) Moses, einem Schwarzafrikaner, der ihn duzt.
Ein von extremem Antisemitismus beherrschter, ehemaliger Mitbewohner von "Nueva Germania" in Paraguay, betet Odin, den Chef der nordischen Götter an und bringt im Opfer dar. Nach einem nordischen Ritus der Wikinger: Den Blutadler.

© Tim Pieper
Otto muss sich nicht nur mit dem Fall auseinandersetzen, er muss auch mit seinem Moses eine Segelregatta (Bild links) siegreich bestreiten, zumindest gegenüber einem überheblichen, wohl ebenfalls antisemitisch eingestellten Professor. Ach ja, eine Frau tritt in sein Leben. Bekannt aus der Jugendzeit. Die sehr selbstständige, vegetarische, nicht gerade gesellschaftskonforme Malerin und Zeichenlehrerin Igraine Raab. Ob da was passiert?


Wir schreiben das Jahr 1896. Das Deutsche Kaiserreich sucht seinen Platz in der Welt. Es hat da in Absprache mit dem British Empire eine südwestafrikanische Enklave abbekommen. Dort, im heutigen Namibia, leben die ►Hereros. Von diesen ist der Enkel eines Häuptlings mit weiteren anlässlich einer Gewerbeausstellung in Berlin. Die treten da als "Schauneger" auf und müssen seltsame Tänze in seltsamen Gewändern aufführen. Wilhelm Mahaero, so heißt der Hereroprinz, kann ein wenig dagegen angehen.

Können Dr. Otto Sanftleben und Commissarius Funke, welcher dem "dritten Geschlecht"[1] (so nannte man das damals) zugeordnet werden kann, den Fall klären?

* * *
Quelle
Neu -Germania? Was ist denn das? Aha, eine von einem gewissen Bernhard FÖRSTER gegründete Siedlung für "reinrassige" Germanen, frei von jedem jüdischen Einfluss. Nur sind wohl einige Bewohner noch nicht reif für dieses Unternehmen. Der Förster hatte vermutlich schon Selbstmord begangen und nun zwingen einige versaute "Herren" einen jungen unschuldigen Germanen zum Sex mit einer wegen ihrer Rasse minderwertigen Eingeborenen. Da muss man doch zum Verbrecher werden, später in der Hauptstadt des Deutschen Kaisereiches, bei den vielen Juden, die dort leben und vor allem weil man mehrfache Befriedigung bei diesem Akt im Urwald hatte.

Nein, keine Angst, ich schreib in diesem Stil nicht weiter. (Klicken sie mal auf die Bildquelle) Aber ich denke, damit wird schon im Prolog des Romans ersichtlich, es geht um ►Antisemitismus und ► Fremdenfeindlichkeit um die Jahrhundertwende. Tim Pieper wagt die Gratwanderung, diese Themen in einem Roman zu behandeln, der außerdem eine ganze Reihe von amüsanten Episoden aufweist. Der Autor hat tief in die Recherchekiste gegriffen, denn manch bekannter Antisemit kommt im Roman vor bzw. wird zumindest benannt. ( Ahlwardt, Henrici u.a.), Er lässt seine Hauptfigur in einem Lokal einer antisemitischen der Versammlung extremster Art beiwohnen. Er lässt auch kein Hehl daran, dass bereits hier die Grundlage für die ca. 40 Jahre später einsetzende systematische Verfolgung von Juden durch die Nationalsozialisten gelegt wurde. Nicht erst hier, auch schon früher. In einem Gespräch mit dem Commissarius führt ein gefährdeter jüdischer Reichstagsabgeordneter aus, warum die Juden in so vielen Ländern auch im Ausklang des 19. Jahrhunderts noch so angefeindet werden. Dem (bisher) weniger an Geschichte interessierten Leser wird viel Stoff an die Hand gegeben. Eine Vertiefung mittels Lexika und Internet ist durch viele historisch genaue Angaben sehr leicht möglich.

Tim Pieper hat einen historischen Kriminalroman geschrieben. Natürlich soll der kein Sach- oder Lehrbuch sein. Persönlich will ich aber anmerken, dass dem Aspekt, dass es neben dem offensichtlichen extremen Antisemitismus auch einen latenten, vielleicht sogar flächendeckenden gab, mindestens aber die flächendeckende Fremdenfeindlichkeit gegeben hat, zuwenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Das oben erwähnte Gespräch zwischen Funke und Wolfsohn hätte mit 1,5 Seiten mehr, dies noch beschreiben können. Oder Otto hätte mit Moses kurz darüber sprechen können. Immerhin wollte er ihm zu einem Studienplatz an der Universität verhelfen und dort stieß Moses ob seiner Hautfarbe an Grenzen.

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Quelle wiki
Dr. Otto von Sanftleben ist Kriminologe und Psychiater. Schon vom Elternhaus her gut begütert, hat er neben einer Karriere als Sportler (Radrennen) auch eine Reihe von Büchern geschrieben. Er beschäftigt sich mit Verbrecherphänomenologie. Er untersucht das Verhalten von Tatverdächtigen zum Beispiel deren Körpersprache bei Vernehmungen. Außerdem ist er bei einem damals bekannten Psychiater und Rechtsmediziner in die Lehre gegangen: Richard FridolinJoseph Freiherr Krafft von Festenberg auf Frohnberg, genannt von Ebing. Den könnte man auch schon einen Kriminologen nennen. Berühmt wurde er zum Beispiel dadurch, dass er Homosexuelle zwar durchaus als pervers ansah, dies aber auf Ererbung zurückführte und somit der Meinung war, dass sie nicht vor den Kadi gehörten. Nun warum schreibe ich das hier rein? Der Otto Sanftleben arbeitet ja mit dem schwulen Commissarius Funke gut zusammen. Vermutlich hat der Krafft-Ebing eine Aktie am modernen Verhalten unserer Hauptfigur. Tim Pieper, bzw. Dr. Otto Sanftleben bezieht sich da auf dessen Werk "Lehrbuch der gerichtlichen Psychopathologie" von 1881.[2] Auf der Grundlage der Theorie über die Melancholiker und deren Verhalten suchen Sanftleben und Funke nach dem Mörder.[3]
Auch seine Verbrecherphänomenologie[4] ist heute wohl ein klein wenig überholt, aber sehr interessant ist für Laien und Profis der Ausflug in die forensischen Wissenschaften um die vorletzte Jahrhundertwende. Heute würde man Ottos Herangehensweise wohl eher der Vernehmungspsychologie zuordnen.  Bei Vernehmungen übrigens wendet er Mittel an, die heute verboten sind, wie das Einschüchtern von Delinquenten, die tatsächliche oder vermeintliche Drohung mit Gewalt. Zumindest weiß Sanftleben aber schon, dass er sich hier in einer Grauzone befindet, damals vor 115 Jahren. 

"Nicht die Kriminellen interessieren mich, sondern ihre Überführung", erwiderte Otto. "Wenn ich ihren Gesichtsausdruck beobachte, wenn ich dem Tonfall ihrer Stimme lausche, dann offenbaren sie mir ihre dunkelsten Geheimnisse, ob sie wollen oder nicht." [5]

© Tim Pieper
Tim Pieper bemüht sich außerdem, seinem Leser die Stadt Berlin und deren reizvolle Umgebung nahezubringen. Auch hier bekommt der daran interessierte Leser  viel Stoff zur Recherche. Hierzu hat er auf seiner Webseite auch ein paar Bilder eingestellt.

Auf diesem Bild ist der Schauplatz des Buchfinales zu sehen. 

Quelle
Auf den ersten Blick scheint die Siegessäule auf dem Buchdeckel auch heute noch dort zu stehen. Denkste. Links daneben würde der Deutsche Reichstag auftauchen. Glaubt ihr nicht? Dann seht mal hier:




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Die Figuren Otto, Moses, Funke, Igraine, auch der etwas seltsame Kriminalwachtmeister Holle und der Schutzmann Stresow, ebenso der zu Beginn eher undurchsichtige Reisefreund Ottos, Daniele Vicente sind interessante vielseitig "gezeichnete" Personen. Deren Interaktion ist trotz des sehr ernsten Themas auch mal sehr lustig, z.B. ist das Training für und dann die Segelregatta selbst sehr schön zu lesen und macht Spaß.
Die Gegenspieler, Prof. v. Trittin, Leiser und andere bleiben auch nicht farblos.

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Dem Autor ist sein nunmehr drittes Buch sehr gut gelungen. Zweihundertzweiundfünfzig Seiten waren schnell bewältigt. Die Spannung lies niemals nach. Die suche nach dem Verbrecher hielt bis zuletzt an. Sehr schön war der Einstieg durch einen Zeitungsartikel, der den Leser gleich in die richtige Zeit katapultierte. Das hat Tim Pieper auch schon beim "Lindenmord" so gemacht. Ebenso ist der vorangestellte Prolog ein wiederkehrendes Element. Ohne diesen würde der Leser vermutlich gar keinen Bezug zum Täter herstellen können. Mal abgesehen davon bekam der Leser gleich mal staunende Augen, denn von Neu-Germanien haben bestimmt noch nicht so viele gehört oder gelesen.

Ich wünsche mir weitere spannende Bücher von Tim Pieper. Danke für das Buch mit Widmung und Danke auch für deinen Einsatz in der buchgesichter.de - Leserunde.

(Auf die weibliche Form LESERIN habe ich aus Gründen der Lesbarkeit verzichtet ;) )

► Mord im Tiergarten in der Deutschen Nationalbibliothek

© KaratekaDD


[1] alter Begriff zur Umschreibung der Homosexualität 
[2] siehe PIEPER, Tim: Mord im Tiergarten, Emoms:, 2013, Seite 255 
[3] die Ausführungen über die Melancholiker sind vermutlich veraltet. Den vier Temperamenten zugeordnet, welche heute ebenfalls als überholt gelten, waren Melancholiker demnach traurig, trübsinnig, misstrauig aber auch verlässlich und selbstbeherrscht. 
[4] der heute gebrächliche Begriff der ►Kriminalphänomenologie befasst sich mit den Erscheinungsformen des Verbrechens, bzw. der Straftaten überhaupt. Dazu gehören Vorbereitung, Ablauf (Modus Operandi), Art und Umstände, Gelegenheiten, individuelle aber auch gesellschaftliche Hintergründe. Weitere Bestandteile der Kriminologie sind Viktimologie, Äthiologie, Pönologie, forensische Psychologie und die Kriminalstatistik. 
[5] Klappentext

Kommentare:

  1. Lieber Uwe, es freut mich sehr, dass dir Ottos zweiter Fall so gut gefallen hat. Deine Rezension, angereichert durch Fotos, Erklärungen und Links, finde ich sehr gelungen. Sie wird hoffentlich viele begeisterte Leser finden. Beste Grüße aus Berlin, Tim

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    1. Tim, immerhin hast du hier eine eigene Autorenseite! ;)

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