Mittwoch, 30. Oktober 2013

Dicker, Joël: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert


Ein Skandal erschüttert das Städtchen Aurora an der Ostküste der USA: 33 Jahre nachdem die zauberhafte Nola dort spurlos verschwand, taucht sie wieder auf. Als Skelett im Garten ihres einstigen Geliebten ...Dieser raffinierte, anspielungsreiche Roman liest sich wie ein Krimi und ist doch viel mehr! Es ist der Aufmacher jeder Nachrichtensendung. Im Garten des hochangesehenen Schriftstellers Harry Quebert wurde eine Leiche entdeckt. Und in einer Ledertasche direkt daneben: das Originalmanuskript des Romans, mit dem er berühmt wurde. Als sich herausstellt, dass es sich bei der Leiche um die sterblichen Überreste der vor 33 Jahren verschollenen Nola handelt und Quebert auch noch zugibt, ein Verhältnis mit ihr gehabt zu haben, ist der Skandal perfekt. Quebert wird verhaftet und des Mordes angeklagt. Der einzige, der noch zu ihm hält, ist sein ehemaliger Schüler und Freund Marcus Goldman, inzwischen selbst ein erfolgreicher Schriftsteller. Überzeugt von der Unschuld seines Mentors - und auf der Suche nach einer Inspiration für seinen nächsten Roman - fährt Goldman nach Aurora und beginnt auf eigene Faust im Fall Nola zu ermitteln ...




Vielschichtig, spannend und ein ungeheures Lesevergnügen...

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  30.10.2013)



 "Ein gutes Buch lässt sich nicht allein an seinen letzten Worten bemessen, sondern an der Gesamtwirkung aller vorausgegangenen Worte, Marcus. Ungefähr eine halbe Sekunde nachdem der Leser mit Ihrem Buch fertig ist, nachdem er das letzte Wort gelesen hat, muss er spüren, wie ihn ein starkes Gefühl überkommt. Er muss einen Moment lang an nichts anderes denken als an das, was er gerade gelesen hat, und den Einband mit einem Lächeln, aber auch mit einer Spur von Traurigkeit betrachten, weil ihm alle Figuren fehlen werden. Ein gutes Buch, Marcus, ist ein Buch, bei dem man bedauert, dass man es ausgelesen hat." (Nachwort)
 


 
In Aurora, Colorado, einem verschlafenen Nest wie diesem, spielt die Handlung des Buches.


Der 30jährige Marcus Goldman ist ein gefeierter Autor. Bereits sein erstes Buch hat sich eine Million mal verkauft, doch nun hat er eine Schreibblockade, obwohl der Abgabetermin seines neuen Romans unaufhaltsam näher rückt. In seiner Verzweiflung wendet er sich an seinen ehemaligen Professor und Freund Harry Quebert, dem einst mit seinem Buch "Der Ursprung des Übels" der überraschende Sprung auf die Bestsellerlisten gelang. Sein alter Mentor bietet Goldman an, ihn in seinem Haus am Meer zu besuchen und zur Ruhe zu kommen - dadurch erhofft er sich, neue Inspiration und Motivation zu erhalten.
Doch plötzlich gerät Harry Quebert unversehens selbst in Bedrängnis. Bei Gartenarbeiten auf seinem Grundstück werden die sterblichen Überreste der 15jährigen Nola Kellergan entdeckt, die vor 33 Jahren plötzlich verschwunden war. Als bei der Leiche das Manuskript seines erfolgreichen Romans entdeckt wird und sich zudem herausstellt, dass er seinerzeit als 34Jähriger ein Verhältnis mit diesem Mädchen hatte, ist der Skandal perfekt. Harry Quebert droht die Todesstrafe!

 

Doch was geschah wirklich im Jahr 1975?
Was geschah in dem kleinen Ort am Meer?
Marcus Goldman beschließt, in der Vergangenheit zu forschen und die Wahrheit herauszufinden. Dreh- und Angelpunkt ist die Liebesgeschichte zwischen Harry Quebert und der 15jährigen Nola, die im Laufe des Romans an immer neuen Facetten hinzugewinnt. Dabei entpuppen sich immer neue Geheimnisse, viele Bewohner kämpfen mit ihren eigenen Dämonen, manch einer möchte die Vergangenheit auch lieber ruhen lassen. Das beschauliche Nest Aurora wird wachgerüttelt durch die Nachforschungen Goldmans, und allmählich erkennt er: dies ist der Stoff für sein neues Buch.

 

Eine gelungene Buch-in-Buch-Inszenierung präsentiert uns Joël Dicker hier, wobei die einzelnen Szenen passend ineinander greifen. Der Autor nimmt sich viel Zeit, um ein Bild von Aurora und seinen Bewohnern entstehen zu lassen, das einem phasenweise das Gefühl vermittelt, einen Film zu sehen. In angenehm flüssigem Schreibstil wechselt das Buch immer wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit, untermalt durch Ausschnitte aus den Büchern Queberts und Goldmans und mit einer Einleitung jeden Kapitels durch einen der Tipps, die der Professor einst seinem Studenten vermittelte, um ihn zu einem guten Schriftsteller zu machen.
Das Buch hat mich erstaunt mit seinen nicht enden wollenden Wendungen - immer wenn sich etwas vermeintlich schlüssig erschloss, gab es wieder eine neue Erkenntnis, die die Geschichte in eine gänzlich andere Richtung trieb. Dabei schuf die liebevolle Inszenierung der Orte und Charaktere ein unglaublich angenehmes Lesegefühl - durchzogen von Spannung, Berührung und Humor. Joël Dicker lässt es sich sogar nicht nehmen, die Bestseller-Manie der Verlagswelt zu parodieren, wozu manche Gespräche zwischen Goldman und seinem New Yorker Verleger Anlass bieten.

 

Krimi und Liebesgeschichte in einer idyllischen Umgebung Neu-Englands, überzogen von einem Hauch von Twin Peaks - und das in einem überzeugend ungewöhnlichen Konzept.
Um auf das Nachwort zurückzukommen, das ich dieser Rezension vorangestellt habe: schon jetzt trauere ich den Figuren nach, ja, sie werden mir fehlen. Und ich bedauere es, dass das Buch ausgelesen ist.

 

Von mir erhält das Buch den Favoritenstatus und eine unbedingte Leseempfehlung!


© Parden 










Hier ist ein Interview mit Joël Dicker zu sehen - über sein Buch und seine Zukunftspläne. Der französische Originalton ist mit deutschen Untertiteln unterlegt, so dass das Verständnis kein Problem sein sollte. 
Interessant finde ich dabei u.a. die Aussprache des Namens "Harry Quebert". Während ich im Buch (angelehnt an die Aussprache im gleichnamigen Hörbuch) den Namen englisch aufgefasst habe, zumal der Roman ja in den USA spielt, spricht Joël Dicker ihn eindeutig französisch aus...










Joël Dicker
Der Schweizer Joël Dicker ist der Sohn einer Buchhändlerin und eines Französischlehrers, er ist sowohl französischer als auch russischer Abstammung. Während seiner Jugend spielte er Schlagzeug und gründete im Alter von zehn Jahren mit La Gazette des animaux eine eigene Zeitschrift, die er sieben Jahre lang führte. Für sein umweltpolitisches Engagement wurde er mit dem Tierschutzpreis Prix Cunéo pour la protection de la nature ausgezeichnet.
In Genf besuchte er die Collège Madame de Staël. Mit 18 Jahren zog er nach Paris, wo er  ein Jahr lang Schauspiel studierte. Nach seiner Rückkehr begann er ein Jurastudium an der Universität Genf, das er 2010 erfolgreich abschloss.
Die Novelle Le Tigre war 2005 Dickers literarisches Debüt. 2012 erschien sein zweiter Roman, La Vérité sur l'affaire Harry Quebert. Der Roman gewann etliche Preise und Auszeichnungen.  Bis September 2013 wurden weltweit etwa 1,5 Mio Exemplare verkauft. 

 

Kommentare:

  1. Eigentlich könnte man ja alles lesen, was du so beschreibst. Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass ich kaum entäuscht werden könnte. aber man kan ja nicht alles lesen. Dieses hier aber muss ich mir wirklich mal vormerken.
    Die besten Rezensionen schreibst du, wenn es ....
    Grüße
    Uwe

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    1. Ja, merke es Dir mal vor, Uwe - es lohnt sich wirklich!

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  2. Ich hatte das Buch auch bereits im Fokus - und nach deiner gelungenen Rezension werde ich es auch lesen, sobald ich Zeit dazu finde. Erst aber muss ich noch all die anderen Bücher lesen, die eigentlich schon viel zu lange auf meiner Liste stehen....

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    1. Das mit den langen Listen kenne ich auch... Die werden erfahrungsgemäß aber immer länger statt kürzer! :)

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