Freitag, 16. November 2018

Hackl, Erich: Am Seil

Dieser Autor war mir bislang unbekannt, doch über Whatchareadin erhielt ich die Gelegenheit, seinen jüngsten Roman im Rahmen einer Leserunde zu lesen, was stets sehr bereichernd ist.

Bevor ich näher auf das Buch eingehe, möchte ich hier einmal betonen, welch ein besonderes Engagement die Betreiber von Whatchareadin zeigen. Auf Buchmessen knüpfen sie immer intensivere Kontakte zu den Verlagen, so dass es nun immer häufiger möglich ist, vom Verlag unterstützte Leserunden zu gestalten. Diogenes gehört zu meiner großen Freude auch zu den kooperativen Verlagen. Dafür möchte ich einfach mal Danke sagen...

Doch nun zum Roman:



  • Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (25. Juli 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 9783257070323
  • ISBN-13: 978-3257070323










EHRE, WEM EHRE GEBÜHRT...


Bergsteiger (Quelle: Pixabay)

Erich Hackl schreibt seine Erzählungen und Geschichten nach wahren Begebenheiten - so auch diese. Im Klappentext heißt es:


Wie es dazu kam, dass der stille, wortkarge Kunsthandwerker Reinhold Duschka in der Zeit des Naziterrors in Wien zwei Menschenleben rettete. Wie es ihm gelang, die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in seiner Werkstatt zu verstecken. Wie sie zu dritt, an ein unsichtbares Seil gebunden, mit Glück und dank gegenseitigem Vertrauen überlebten. Was nachher geschah. Und warum uns diese Geschichte so nahegeht.


Erinnerungen. Unvollständig. Aber eindrücklich. Zu Papier gebracht. Dokumentarisch. Menschlich. Mahnend.

Lucia ist es, die sich hier erinnert, die Tochter der Jüdin Regina Steinig, beide um ein Haar auf demselben Transporter gelandet, der die Nachbarn aus der Sammelunterkunft in den Tod fuhr. Doch stattdessen - ein Freund. Der ohne große Worte seine Werkstatt öffnete für die beiden Menschen in Not. Menschen, die nicht wussten wohin. Menschen, denen als Alternative nur noch der Weg ins Gas blieb.

Es ist eine besondere Erzählweise, derer sich Erich Hackl bedient. Durch das Aneinanderreihen von mosaikartigen Erinnerungsfetzen wirkt die Erzählung oftmals sehr distanziert, gleichzeitig aber auch eindringlich. Dass dies zusammengeht, verblüfft mich immer wieder. Hackl wertet nicht, er gibt in seinen Worten, in seinem Stil wieder, was ihm anvertraut wurde.

Regina Steinig gehörte wie Reinhold Duschka auch einer Gruppe junger Leute an, die aus eigenständig denkenden Individuen bestand: halb Pazifisten, halb Kommunisten. Alles potentielle Kandidaten fürs KZ. Zwar hat es die meisten der Gruppe im Zweiten Weltkrieg irgendwohin verschlagen, aber Reinhold blieb in Wien und sah es glücklicherweise wohl als selbstverständlich an, seine Hilfe anzubieten. Vielleicht auch geschuldet seinem Ehrenkodex als Bergsteiger - Kletterer müssen sich in jeder Lebenslage aufeinander verlassen können.

Durch die geschilderte Situation - vier Jahre eingesperrt in enge Räumlichkeiten - drängt sich fast schon zwangsläufig der Vergleich zu Anne Frank auf, deren Schicksal vielen Menschen durch die immer wieder aufgelegten Tagebücher bekannt ist. Aber Schicksale lassen sich nicht miteinander vergleichen, das wird hier auch ganz deutlich. Und auch Menschen nicht. Deutlich wird aber trotz des fast sachlichen, dokumentarischen Stils und trotz der Erinnerungslücken auch die Atmosphäre jener vier Jahre, die Bedrücktheit, die Ängste, der Hunger, die Suche nach Zeichen der Hoffnung.

Erich Hackl gibt dem Kind aus Kriegstagen eine Stimme. Lucia, der so wichtig war, dass der selbstlose Einsatz Reinhold Duschkas nicht vergessen wird. Der es nicht reichte, dass er - fast gegen seinen Willen - durch Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt wurde. Die seinen Namen und das was er getan hat hinausschreien wollte in die Welt. Er, der beileibe kein Held war, ein begabter Kunsthandwerker und leidenschaftlicher Bergsteiger, kein Mann der vielen Worte, jemand, der ebenso fehlerbehaftet war wie andere Menschen auch. Aber jemand mit Zivilcourage zu Zeiten, in denen dies lebensgefährlich war.


"Er war nicht eitel, was auch von Vorteil war. Er hat nach seinen Überzeugungen gehandelt, aber die offene Konfrontation vermieden, so daß die Schläge des Feindes ins Leere gegangen sind. Er hat sich nicht aufgeopfert. Er hat sowohl das eigene als auch das Leben anderer hochgeschätzt. Darin ist er mir ein Vorbild." (S. 110 f.)


Und nun? Zurücklehnen und wohlwollend nicken? Hoffen, dass man selbst in vergleichbarer Situation ähnlich gehandelt hätte?

Das wird nicht ausreichen. Denn Unmenschlichkeit gibt es heute wie damals, Menschen zweiter Klasse auch - oder was ist mit den zahllosen Flüchtlingen, die seit einigen Jahren Europa überschwemmen und die schlimmstenfalls und nicht selten im Mittelmeer ersaufen? Ein Gerechter unter den Völkern - sollten wir uns nicht alle ein Beispiel daran nehmen?


© Parden













Der Diogenes Verlag schreibt über den Autor:

Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und einige Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Madrid. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. ›Auroras Anlaß‹ und ›Abschied von Sidonie‹ sind Schullektüre. Unter anderem wurde er 2017 mit dem Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet.

übernommen vom Diogenes Verlag

1 Kommentar:

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