Sonntag, 15. Oktober 2017

Hansen, Dörte: Altes Land


Mit ihrem ersten Roman Altes Land gelang es der norddeutschen Autorin Dörte Hansen auf Anhieb, sich in die Herzen ihrer Leser zu schreiben. 
Das Buch geriet auf Anhieb zum Bestseller, und dies ganz zu recht, wie ich meine. 
Zugegeben: Das Buch stand ziemlich lange, einige Monate nämlich, in meinem Bücherregal und wartete zwischen etlichen anderen Neuerwerbungen darauf, endlich gelesen zu werden.
Manche Dinge brauchen eben Zeit.
Und manche Bücher muss man lesen, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist, nämlich wenn man sowohl die Zeit und Muße als auch die innere Aufgeräumtheit dafür hat.
Jedenfalls ist das bei mir so.

Dann hole ich meine  noch ungelesenen Bücher (oder zumindest einen Teil davon) aus dem Regal und lege sie vor mich hin auf den Tisch, blättere mal in diesem, mal in jenem und lese ein paar Zeilen, wie sie mir beim zufälligen Aufschlagen der Seiten in die Augen springen.
Dieses Ritual vor dem Beginn einer neuen Lektüre ist mir wichtig und weckte in mir die Lust darauf, gerade dieses Buch genau jetzt lesen zu wollen:
Altes Land.
Der Titel lässt mich eine alte deutsche Kulturlandschaft, an Obstbäume mit Steinobst, an alte, duftende Apfelsorten und dergleichen denken. 
Dörte Hansen beschreibt die Landschaft, aber mehr noch die Menschen auf eine Art und Weise, die mich sofort, von der ersten Seite an, in ihren Bann gezogen hat:





"In manchen Nächten, wenn der Sturm von Westen kam, stöhnte das Haus wie ein Schiff, das in schwerer See hin- und hergeworfen wurde. 
 Kreischend verbissen  sich die Böen in den alten 
 Mauern.
 So klingen Hexen, wenn sie brennen, dachte Vera,  
 oder Kinder, wenn sie sich die Finger klemmen".

Dies sind die ersten sechs Zeilen des Buches.
Und sind sie nicht schön?

Dörte Hansen gelingt etwas, was nur wenige Autoren schaffen:
Sie bezaubert mit ihrer Sprache und mit ihrem schnörkellosen, oft mit typisch norddeutsch - trockenem Humor gewürzten Schreibstil, der gleichzeitig so großartige Sätze hervorbringt wie die oben zitierten Zeilen. 

Die unterschiedlichen Charaktere und deren Schicksale beschreibt die Autorin mit Herz und frei von Sentimentalitäten, aber immer mit treffender Sprache und so originell, dass man gar nicht aufhören möchte zu lesen. Mal mit spöttischem Humor, mal mit beißenden Spott, aber immer mit innerer Anteilnahme, springt sie jeweils von diesem zu jenem Charakter, erzählt uns deren Geschichten, die alle miteinander verwoben sind. 
Sie charakterisiert dabei zutreffend und erweist sich als scharfe Beobachterin: Manchen ihrer Typen hat man, der Gedanke kommt einem zwangsläufig, doch auch schon mal "in Echt" getroffen, oder nicht?! 


Dabei ist die Geschichte eigentlich eher tragisch als lustig: 

Seit mehr als sechzig Jahren lebt Vera Eckhoff im Alten Land, ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen, das niemals richtig angekommen ist. Bis eines Tages wieder zwei Flüchtende vor der Tür stehen: Veras Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn Leon … Das Überraschungsdebüt des Frühjahrs!
Altes Land erzählt in einer knorrigen Atmosphäre und mit trockenem Humor vom Kampf zweier Frauen mit ihrer Vergangenheit, die drei Generationen hat erstarren lassen. Von einer Romantisierung des Landlebens keine Spur. Und als Vera und Anne beginnen, das Haus wieder in Stand zu setzen, entwickeln die unangepassten Frauen eine neue Kraft, die alles in Bewegung bringt.... (Büchergilde Gutenberg)


Die Autorin:

Dörte Hansen wuchs in Högel im Amt Mittleres Nordfriesland auf, gesprochen wurde zuhause plattdeutsch. Ihre „erste Fremdsprache“ Hochdeutsch lernte sie in der Grundschule.
Nach dem Abitur 1984 studierte sie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Linguistik, Anglistik, Romanistik und Frisistik. 1994 wurde Hansen an der Universität Hamburg mit einer soziolinguistischen Arbeit über eine besondere Form der Zweisprachigkeit promoviert.
Dörte Hansen-Jaax lebte seit 2005 mit ihrer Familie in Steinkirchen (Altes Land)und seit 2016 wieder in Husum.

Nach einem Praktikum beim Magazin Merian arbeitete sie bis 2008 als Journalistin für mehrere Hörfunksender (NDR, WDR, SWR, hr, DLF) und verschiedene Zeitschriften, bis 2012 dann als festangestellte Kulturredakteurin bei NDR Info. Seither ist sie als freie Autorin tätig.

In ihrem ersten Roman Altes Land (2015) verarbeitete Dörte Hansen kritisch das Thema Heimat: Viele Stadtmenschen entdeckten für sich das Land als Sehnsuchtsort Heimat und zögen aufs Dorf. Sie unterlägen dabei ihrer Ansicht nach jedoch einem Irrtum, denn sie spielten nur Landleben, machten „Bauerntheater“. Diese Thematik verknüpft sie mit dem Schicksal der weiblichen Hauptfigur als heimatloser Nachkriegsflüchtling aus Ostpreußen im Alten Land. Das Buch wurde ein Bestseller und von den meisten Kritikern gelobt.

(Quelle: Wikipdia)


Dörte Hansen: Altes Land
Roman
Schutzumschlag, Lesebändchen,
Leinen, Umschlaggestaltung Franziska Neubert,
288 Seiten.

Erschienen als Lizenzausgabe bei Büchergilde Gutenberg
Preis für Mitglieder 17,95 €
Originalverlagspreis 19,99 €

DNB

Eine Rezension von TinSoldier

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