Donnerstag, 24. November 2016

Portman / Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis


© URDD
Sonntag. Schauburg. Kuscheliges Kino mit altem Charme. Und weichen aber wegen kurzer Lehne doch unbequemen Sesseln. Wohin das Programm des Programmkinos führt, zeigt eine Bar auf halber Treppe namens Halbe Treppe. Da bin ich nun schon mal gespannt, ob eine Leserin, ein Leser damit etwas anfangen kann. Vielleicht sollte ich noch mal erwähnen, dass mich Freitags der interessierte Blick in den Blog einer Dresdner Boggerfreundin dazu brachte, am Sonntag in eben dieses Kino zu gehen.
סיפור על אהבה וחושך


Aber eigentlich ist dies nicht unbedingt DER Beginn einer filmisch-buchigen Rezension zu EINE GESCHICHTE VON LIEBE UND FINSTERNIS. Den Begriff "buchig" borge ich mir einmal aus von einem, ohne den ich auf Amos Oz vielleicht gar nicht aufmerksam geworden wäre. Und er ist es doch, ein Beginn. Es bleibt nämlich anzunehmen, dass der Film, in dem die Mitproduzentin Natalie Portman auch eine Hauptrolle und die Regie übernommen hat, es vermutlich nicht  in die großen Kinos schafft und auf die sogenannten Programmkinos beschränkt bleibt. In Dresden in der Schauburg, in Mecklenburg (momentan) gar nicht, in Berlin aber an fünf Stellen und in München läuft er auch. Aber nicht in den Filmpalästen. Warum? Vielleicht wegen der erzählten Geschichte.

Filmplakat
Die Geschichte handelt von einer jungen Familie. Vater Arie ist Bibliothekar und wäre gern in die Fußtapfen seines Onkels, des Gelehrten Joseph Gedalja Klausner getreten und Akademiker geworden, die Mutter Fania ist eine gebildete junge Frau in einem Land, in welchem sie zunehmend nicht zurecht kommt. Arie und Fania haben einen Sohn. Amos, der sich später Oz nennen wird.

Fania ist eigentlich recht schweigsam, kann aber in Gesprächen mit Freunden und Bekannten diesen sehr geistreich ein Wendung geben und begeistert auch mit dieser Gabe, die sie selten einsetzt. Doch diese Erkenntnis hat der Blogger aus dem Buch EINE GESCHICHTE VON LIEBE UND FINSTERNIS, welches der Junge Amos veröffentlichen wird, als er bereits 63 Jahre alt ist. Geboren wurde Amos im Jahr 1939, wir schreiben nun das Jahr 1945 / 1946, als Amos in die Schule kommt. Amos kommt in Jerusalem in die Schule, kurz bevor die UN-Generalversammlung die Resolution 181 zur Teilung Palästinas verabschiedet. In diesen Spannungen lebt die kleine Familie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, deren Wände hinter Bücherregalen vollständig verborgen sind.


Arie Klausner ist mit seinen Eltern 1933 nach Jerusalem gekommen. Dies ist die zweite Flucht, denn 1917 flüchteten sie von Odessa nach Vilnius, also von Russland (heute Ukraine) nach Litauen. Auch Fania ist kurz danach, einundzwanzigjährig, nach Palästina ausgewandert, sie wurde in Rowno, Ukraine geboren. Palästina: in ihren Gedanken und Gefühlen DAS Gelobte Land. Hier würden die Juden dieser Welt, nirgends gelitten, eine Welt, die sich lohnt aufbauen, lauter Menschen mit Kraft, Mut, Frohsinn und übermäßigem Willen. So wie sie es am jüdischen Gymnasium in Rowno einst träumte. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus in Jerusalem.
Es gibt sie, die das Land aufbauenden Pioniere über die Amis einmal schreiben wird, was der Blogger bereits einmal hier zitierte, aber Fanias Träume erfüllen sich eher nicht.


Familienfoto aus dem Buch / Szenbild

Amos Eltern sind nicht reich. Fanias Vater war einst ein reicher Mühlenbesitzer in der Ukraine. Sie kommen zurecht. Mehr schlecht als recht, der Vater ist für praktische Sachen nicht sonderlich begabt, die Szene, wie sie auf kärglichem Boden hinter dem Haus versuchen eine Garten anzulegen ist bezeichnend. Dies ist eine der im Film sehr schön wiedergegebenen Szenen des Buches. Ebenso erzählt der Film die Geschichte des ersten Buches, welches Arie geschrieben. Zu gern wäre er in die Fußtapfen des berühmten Onkels getreten mit seinem Erstling über hebräische Novellen.

Liest man das Buch, dann fällt einem nicht unbedingt auf, dass der Autor vor allem die Geschichte der Familie und mehr noch, die Geschichte der Mutter-Sohn Beziehung erzählt. Erst nach und nach stellt sich heraus, dass der Autor genau dies wohl vor allem für sich verarbeitet. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte von Vertreibung, Flucht, von Krieg, von einer Staatsgründung, von Idealen und Idolen in einer Dichte und in einem Umfang, dass dies ein Film wohl schwerlich einfangen kann.



Der Film greift allerdings hauptsächlich diese Mutter-Sohn-Beziehung auf. Einzelne Geschichten, einzelne Bilder dienen der Illustration. So erreicht Natalie Portman ihr Anliegen durchaus, genau diese Beziehung zu erzählen. In einem Zeit-Artikel war zu lesen:

"Vielleicht aus Ehrfurcht vor der literarischen Leistung des Autors, vielleicht aus Rücksicht auf das private Unglück hängt sich Portman zu sehr an ihre Vorlage. Statt eine eigene Bildsprache zu entwickeln, reiht die Regisseurin in der ersten Hälfte des Films lediglich Szenen mit Familie und Freunden aneinander. Später montiert sie dokumentarisches Material in den Film, ohne jedoch die Zeitgeschichte atmosphärisch verdichten zu können. Die Regisseurin Portman erliegt der Versuchung, Literatur nachzuerzählen, statt sie mit den Mitteln des Films neu zu denken. Sie will zu viel und wagt zu wenig." *



Dieser Aussage sollte man nicht unbedingt folgen. Es gelingt der Regisseurin nämlich durchaus, die zunehmende Einsamkeit und Traurigkeit der Fania Klausner darzustellen, die Bilder unterstreichen, dass diese Frau den so herbei gesehnten eigenen Frieden natürlich nur schwer finden wird. Das folgende Video unterstreicht das eher.



Natalie Portman hat den Film eigentlich auf hebräisch gedreht, er ist englisch untertitelt. Diese Idee hätte ich ausnahmsweise auch für die deutsche Version gut befunden. In den Trailern empfand ich die melodische Sprache als sehr schön passend. Die notwendigen Untertitel hätte ich in Kauf genommen, auch wenn sie vielleicht hier und da den Blick von den Bildern gelöst hätten.




Buch und Film bilden eine Symbiose. Selten gehören Buch und Film so gut zusammen. Hat man den Film gesehen und liest anschließend das Buch, dann werden die literarischen Bilder, die sich aufblättern unterstrichen, hat man das Buch zuerst gelesen, dann versteht man die filmische Umsetzung gleich besser und Erinnerungen an das Lesen kommen einem bei jeder Szene.Hinzu kommt, dass die Kinder- und Jugendzeit des Elternpaares, die Gründe für die Auswanderung nach Palästina im Buch ausführlich beschrieben werden. Auch der übermächtige Einfluss des Gelehrten Josef Klausners wirkt nur im Buch und wird im Film nicht einmal erwähnt. Es sei allerdings betont, dass dies wohl den Rahmen gesprengt hätte.

Portman hat einen Film gedreht über den sich die Kritiker trefflich streiten. Es war ihr eine Herzenssache, sie ist selbst das Kind eines israelischen Vaters und einer jüdisch-amerikanischen Mutter. Ihre Großeltern wanderten selber 1930 nach Palästina aus, ihre Urgroßeltern wurden in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. (wikipedia) 

Die Schausspielerauswahl ist auch gelungen. Portman und Gilad Kahana (Arieh Klausner) passen sogar zum Familienbild, ebenso wie Amir Tessler (Amos Klausner). In ihrem Spiel erkennt man die handelnden Personen des Buches wirklich wieder.




Die großartige Sprache des Amos Oz lud sie sicherlich ein, die komplexe autobiografische Geschichte zu verfilmen. Es ist ihr gelungen. Es ist kein Reißer, die Geschichte ist nicht einfach, die Bilder machmal schwer und schlecht einzuordnen. Wie bereits bemerkt, wohl kein Film für die großen Filmpaläste.


© KaratekaDD


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Kommentare:

  1. Ein sehr gelungener Vergleich von Film und Buch! Vielleicht könnten wir so etwas öfter machen? Gefällt mir sehr!

    Und in jedem Fall wird deutlich, wie beeindruckt Du von beidem warst. Sehr schön!

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    1. Ich danke dir. Die Bücher des Amos Oz sind schon etwas Besonderes.

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  2. Was für eine gelungene Besprechung und was freue ich mich, dass ich der Auslöser deines Kinobesuches war.

    Hab noch einen schönen Tag, lieber Uwe.
    Grüße - Bini

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