Mittwoch, 26. Oktober 2016

Doerr, Anthony: Memory Wall


Unser Leben, unsere Welt werden durch unsere Erinnerungen zusammengehalten. Was geschieht mit uns, wenn wir sie verlieren, und welche Möglichkeiten tun sich auf, wenn andere unsere Erinnerungen wiederbeleben können? 
Der 74-jährigen Alma Konachek, die in einem Vorort von Kapstadt lebt, widerfährt genau dies. Sie verliert ihr Gedächtnis. Unbekannte brechen mehrfach in ihr Haus ein, auf der Suche nach Hinweisen zu einem spektakulären Fossilienfund ihres plötzlich verstorbenen Mannes. Denn Alma hat eine Wand voller Fotos, Gedächtnisstützen, Speichermedien, in der sich irgendwo der fehlende Hinweis zu dem gesuchten Fossil befindet.In dieser lichten, wunderschönen Novelle gelangt schließlich ein Junge in den Besitz des Geheimnisses dieser alten Frau und ihres Mannes, einer Episode aus ihrer Vergangenheit mit der Macht, ein Leben zum Guten zu wenden. Der Junge reist dazu in die Karoo-Wüste und setzt sich dieser wilden Landschaft aus. Wie alle Werke Doerrs zeugt auch dieses von der Größe des Lebens – von der geheimnisvollen Schönheit der Fossilien, Wolken, Blätter - vom atemberaubenden Glück, in diesem Universum zu leben. Die Vorstellungskraft und Sprachmacht, das Einfühlungsvermögen und die Erzählkunst Anthony Doerrs sind unvergleichlich.

(Klappentext C.H. Beck Verlag)

  • Gebundene Ausgabe: 135 Seiten
  • Verlag: C.H.Beck; Auflage: 1 (10. Februar 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN-10: 3406689612
  • ISBN-13: 978-3406689611
  • Originaltitel: Memory Wall













EIN GANZES LEBEN...


Die Memory Wall befindet sich im Hause der reichen Witwe Alma Konachek. Vor vier Jahren starb ihr Ehemann Harold, und seither kümmert sich nur noch ihr treuer schwarzer Diener Pheko um sie. Alma lebt in einem wohlhabenden Vorort oberhalb des Zentrums von Kapstadt - und leidet mit ihren 74 Jahren an einer fortschreitenden Demenz. Die Wand der Erinnerungen in ihrem Schlafzimmer ist geradezu gepflastert mit Fotos, vollgeschriebenen Notizzetteln - und Kassetten.

Dies sind jedoch keine gewöhnlichen Kassetten, sondern Erinnerungsbewahrer. Ein wenig fühlte ich mich hier an Harry Potter und das Denkarium von Professor Dumbledore erinnert - nur dass es sich hier um das Produkt einer neuen (fiktiven) medizinischen Methode handelt. Nach einer Operation am kahlrasierten Kopf, bei der vier Löcher bis zum Gehirn gebohrt wurden, ist es nun möglich, dort einen Port anzuschließen und so mittels eines technischen Gerätes Erinnerungen abzuzapfen, die anschließend auf Kassetten gespeichert werden. So kann Alma täglich in ihren Erinnerungen schwelgen, auch wenn ihr Gehirn längst nicht mehr in der Lage dazu ist, selbst diese Erinnerungen hervorzurufen.


"Man muss erst beginnen, sein Gedächtnis zu verlieren, und sei's nur stückweise, um sich darüber klar zu werden, dass das Gedächtnis unser ganzes Leben ist (...)" (S. 7)


Doch ist diese Novelle nicht einfach eine der traurigen Erzählungen um einen demenzkranken Menschen. Hier gibt es ein ganzes Geflecht an Themen, die aufgrund der Kürze der Novelle nur angerissen werden können - und die dennoch beim Lesen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das gewachsene Verhältnis von Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Jung und Alt spielt hier ebenso eine Rolle wie die Frage nach dem Wesen des Menschseins, dem Sinn des Seins, der Schicksalhaftigkeit oder des Determinismus des Lebens.

Kein erhobener Zeigefinger schleicht da durch die Zeilen, doch gerade wegen der leisen Töne und der bildhaften Beschreibung der Szenen stehen die angerissenen Fragen um so deutlicher vor Augen. Trotz einger surreal anmutender Passagen konnte ich mich einer einnehmenden Eindringlichkeit nicht erwehren. Die hervorgerufene Stimmung ist oftmals düster, und doch vermag Anthony Doerr mit seinem teils klaren, teils mit Metaphern gespickten Schreibstil zu überzeugen.

Eine nachhallende Novelle, die trotz des geringen Umfangs nicht einfach so heruntergelesen werden sollte. Ein beeindruckendes Stück Erzählkunst...


© Parden







Im amerikanischen Original sind sogar sechs Geschichten in dem Band versammelt - im deutschen Werk nur eine.







Der C.H. Beck Verlag schreibt über den Autor:

Anthony Doerr, 1973 in Cleveland geboren, lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Boise, Idaho. Neben Erzählungsbänden wie „Der Muschelsammler“ (2007) veröffentlichte Doerr die Romane „Winklers Traum vom Wasser“ (2005) und „Alles Licht, das wir nicht sehen“ (2014), für den er 2015 den Pulitzer Prize erhielt. Der Roman, der in den USA annähernd 2 Millionen Exemplare verkaufte, wurde auch in Deutschland zu einem Bestseller, und in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Für seine Erzählungen hat Doerr bislang vier Mal den renommierten O. Henry Prize erhalten, neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er auch drei Mal den Pushcart Prize. Im Jahr 2007 wurde Anthony Doerr von der Britischen Literaturzeitschrift Granta auf die Liste der „21 Best Young American Novelists“ gesetzt.

übernommen vom C.H. Beck Verlag

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