Donnerstag, 19. November 2015

Dehe, Astrid / Engstler, Achim: Unter Schwalbenzinnen


Ein Kopist und eine junge Patriziertochter,
   gezeichnete Visionen eines fantasievollen Mädchens,
rudimentäres Wissen über ein geheimnisvolles Buch,
eine unidentifizierbare Schrift.
Die Visionen könnten politische Brisanz enthalten
im Florenz des Jahres 1442,
es regiert Cosima Medici.

Was bleibt?
Ein geheimnisvolles Manuskript
mit geheimnisvollen Bildern und
einer bis heute nicht entschlüsselten Schrift.

Präsentiert vom Autorenpaar Astrid Dehe und Achim Engstler im Steidl-Verlag Göttingen.




* * *

Die Burg mit den Schwalbenzinnen.

Abb. 1


© by URDD
Matteo Fini ist der Stammhalter einer Familie, die ein geheimnisvolles Buch bewahrt welches niemand entziffern kann. Lediglich einige Verse sind es, die Matteo auswendig gelernt hat und diese Verse und das Buch an seinen Sohn weitergeben soll. Matteo arbeitet als Kopist, er schreibt Bücher ab. Eines Tages erhält er einen Auftrag: Er soll die Visionen von Evelina di Adimaris aufzeichnen. Fortan eilt er für einen imensen Lohn in deren Palast und skizziert ihre visionären Beschreibungen.

© by URDD
Matteo kommt mit seinen Notizen kaum hinterher, mühevoll vervollständigt er nachträglich immer diese Skizzen. Ein Bild kehrt wieder, das Bild von der Burg mit den Schwalbenzinnen.

"Ich sah eine Burg, die sich wandeln wollte, die mehr war als Stein. Zinnen hat sie wie die Schwänze von Schwalben, die das Licht durchpflügen im schnellen Pflug. Verzweigen will sich die Burg, sie treibt Gärten und Wälder, Seen und Sterne. In Kreisen blühen neue Länder auf. Mond und Sonne sind Eins, weder trennt sie Tag noch Nacht." [1]

Ketzerisch erscheinen die Gedanken zuweilen, im Geiste der Fraticelli, im Geiste der Catari. Ist Matteos Buch, das Libre di C, in diesem Geiste geschrieben? Mit der Zeit sieht er sich im Florenz des Cosima de´ Medici Verfolgungen ausgesetzt. Kann er beides retten, das übereignete Buch und die Zeichnungen der wunderschönen, klugen und manchmal entrückten Evelina?

Abb.2
"Das Zeichen der Fische. Sie sind ein Paar. Hell wird das Wasser, in dem sie schwimmen durch das Licht des Sterns, den jeder von ihnen steigen lässt, an einem langen Band. sie halten es zwischen den Kiemen. Kaum erst geboren sind ihre Frauen, liegen in Zubern, tauchen auf aus den Wassern. Auch sie haben einen Stern, aber noch ist er fern. Die Sterne, sie streben empor, mit einem Band an den Zuber geknüpft.  Alles strebt dann empor, alles richtet sich darum auf. Die Zuber, die Frauen. Schon greifen sie nach dem Band, Schon grüßen sie mit der freien Hand. Innerer Ring. Verwundert geht ihr Blick nach links. Äußerer Ring. Staunend schauen sie nach rechts." [2]

* * *

Er quält sich, der Kopist, er müht sich, er hat die Worte im Kopf: wie bildet er sie nach? Kerzenfarben nimmt er, zeichnet und zeichnet. Tierkreise, Sonne, Mond und Sterne, Pflanzen, Tiere, Kräuter, eine Menge nackter Frauen, Seite um Seite, Bild um Bild.  Er vernachlässigt andere Aufgaben und plötzlich ist Schluss. Fürstlich der Preis, wenn er alle Seiten aushändigt dem Sekretär. Schon sucht man nach dem unverständlichem Buch...


* * *

Abb 3
Was ist das für ein Buch, welches Astrid Dehe und Achim Engstler so detailreich beschrieben haben? Poetisch der Text, mit dem sie die Bilder eines über 500 Jahre alten Manuskripts beschreiben. Die Beschreibungen legen sie der Evelina in den Mund. Das sogenannte Voynich-Manuskript liegt dem Roman zugrunde. 
Ein mysteriöses Werk und einer Schriftsprache, die bis heute nicht wirklich entschlüsselt werden konnte. Dehe und Engstler liefern eine literarische Erklärung für etwas, an dem sich fast schon Generationen von Wissenschaftlern die Zähne ausbissen.  

"Der sowohl rätselhafteste als auch faszinierendste Abschnitt des Manuskripts stellt auf fast jeder Seite Gruppen nackter Frauen mit gewölbten Bäuchen dar, die in Becken oder Wannen sitzen, die durch Leitungen oder Röhren verbunden sind. Die Leitungen münden häufig in teils organisch, teils mechanisch wirkende End- und Verbindungsstücke. Diese Ambivalenz führte dazu, den Inhalt des Abschnitts sowohl mit anatomischen Gegenständen (z. B. der menschlichen Reproduktion) zu verknüpfen, als auch (dem Augenschein folgend) ihn schlicht als „bäderkundlichen“ (balneologischen) Abschnitt zu bezeichnen." [3]

Abb 4
"Aha!", möchte man meinen. Und rätselt weiter. Es empfielt sich, die Bildersammlung unter Wikipedia Commons gelegentlich anzusehen. Die Suche nach dem jeweiligen Bild, welches Evelina gerade dem Matteo ausbreitet, ist ebenso interessant wie die Lektüre selbst. Finden wir den Text in den Bildern wieder? Ein Kreislauf von Werden und Vergehen, vom Kosmos, dargestellt in den Tierkreiszeichen.Manchem mag es vorkommen, wie ein "Apotheker Buch", eine botanische und kräuterkundliche Sammlung. Oder eine häretische Erörterung der Weltenordnung, in Geheimschrift verfasst und nur Eingeweihten verständlich. Der Hinweis auf die Katharer und die Pairfaits unter diesen, kommt nicht von ungefähr. 


Auf der Verlagsseite erklären die Autoren in einem Video dass der Text sie "spontan inspiriert hat". Ach so, der Text. Sie haben ihn "übersetzt" und dabei dessen Illustrationen  "abgemalt".

Abb 5

Wenn es wahr ist, was ein gewisser Torsten Timm annimmt, dann hat ein Autokopist einfach verschiedene Zeichenketten erfunden, diese aneinander gereiht und immer wieder abgewandelt.[4] Begibt sich der Leser auf die Spuren des Manuskripts, dann erscheint dies eine sehr interessante Erklärung zu sein. Jedoch ist die von Astrid Dehe und Achim Engstler viel schöner, finde ich.

* * *

Interview auf www.steidle.de

In diesem Video erzählt das Autorenpaar zuerst über Nagars Nacht, den Roman, welcher von Tinsoldier und von mir bereits besprochen wurde. Im Anschluss gehen sie leider nur kurz auf die Schwalbenzinnen ein. Ihr erstes gemeinsames Buch war ein Essayband mit dem Titel Kafkas komische Seiten im Jahr 2011. Der nächste Roman, Auflaufend Wasser, hat uns, TinSoldier und mir, auch sehr gut gefallen. 


www.steidle.de

Nun haben sie also einen historischen Roman geschrieben. Der Umgang mit Farben, Tinte und Pergament wird beschrieben, ein paar Einblicke in die politischen Gegebenheiten im Florenz des Jahres 1442 geben sie auch. Aber es sind die Bilder, die sie schreibend malen, das Bild des jungen Kopisten, der einer schönen jungen träumenden Erzählerin gegenüber sitzt und die von ihr erzählten Bilder, rätselhaft und vielfältig, mal mehr - mal weniger bunt, welche den Roman ausmachen.

Mir bleibt nur noch, Achim Engstler für den Roman zu danken und euch einen letzten Tipp dazu zu geben.

Legt ein Tablet neben euch und sucht die Bilder zum Beispiel auf Voynich Manuscript Manager. Auf Leseprobe 1, 2 und 3 könnt ihr schon mal probelesen.


Findet die Burg mit den Zinnen wie die Schwänze von Schwalben.

Abb 6

* * *

DNB / Steidl - Verlag /  Göttingen 2015 / ISBN: 978-3-95829-046-4 / 304 S.

 © KaratekaDD



Quellen:



[1] Dehe / Engstler: Unter Schwalbenzinnen; Göttingen 2015; Seite 47
[2] siehe Ebenda, Seite 127
[3] Seite „Voynich-Manuskript“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 14. November 2015, 08:24 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Voynich-Manuskript&oldid=148023805 (Abgerufen: 19. November 2015, 18:47 UTC) 
[4]  http://voynich.tamagothi.de/2014/07/30/ein-autokopist/; abgerufen am 19.11.2015; 20:00 Uhr


Webseiten:

Bilder:
Abb 2: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Voynich_manuscript?uselang=de#/media/File:Voynich_Manuscript_%28127%29.jpg; Gemeinfrei; File:Voynich Manuscript (127).jpg; Hochgeladen von JovanCormac; Erstellt: Exact date of creation unknown, thought to have been written in the 15th or 16th century.
Gemeinfrei; File:Voynich Manuscript (141).jpg; Hochgeladen von JovanCormac; Erstellt: Exact date of creation unknown, thought to have been written in the 15th or 16th century.
Abb 4:  https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Voynich_manuscript?uselang=de#/media/File:Voynich_Manuscript_%28104%29.jpg; Gemeinfrei; File:Voynich Manuscript (104).jpg; Hochgeladen von JovanCormac; Erstellt: Exact date of creation unknown, thought to have been written in the 15th or 16th century.
Abb 5https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=Category:Voynich_manuscript&uselang=de&fileuntil=Voynich+Manuscript+%2884%29.jpg#/media/File:Voynich_Manuscript_%28119%29.jpg;Gemeinfrei; File:Voynich Manuscript (119).jpg; Hochgeladen von JovanCormac; Erstellt: Exact date of creation unknown, thought to have been written in the 15th or 16th century.
Gemeinfrei; File:Voynich Manuscript (158).jpg; Hochgeladen von JovanCormac Erstellt: Exact date of creation unknown, thought to have been written in the 15th or 16th century.



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Kommentare:

  1. An die geneigten Leser:
    Schreibt doch hier rein, wo sich die Schwalbenzinnenburg auf dem großen ausgeklappten Pergament befindet.
    Suchst du schon oder liest du noch?

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  2. Einen Leser wie KaratekaDD haben wir uns gewünscht: Jemanden, der nicht nur in den florentinischen Gassen verschwindet, sondern die Bilder im Kopf behält - und natürlich das Zentrum des Buches, das rätselhafteste aller Manuskripte. Der Tipp, ein Tablett neben den Roman zu legen, um beim Lesen die verschlungene Schrift und die dubiosen Zeichnungen auf den alten Pergamenten vor Augen zu haben, ist ganz in unserem Sinne! - Und dann schreibt der Mann nicht bloß eine Rezension, sondern gleich eine Abhandlung ... Danke!

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    1. Na das freut doch den Blogger, wenn er solche Autoreneinträge nach verdientem Feierabend findet. Dies war nun wirklich eines der besten Bücher in diesem Jahr. Was noch kommt, ist entweder was ganz anderes oder wird es schwer haben.

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  3. Auch nach mehrfacher Lektüre dieser Besprechung erscheint mir das Buch recht verwirrend zu sein? Deine Begeisterung kommt jedenfalls rüber... ☺

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    1. Verwirrend nicht. Aber rätselhaft. Weil man die Visionen des Mädchens nicht gleich (oder gar nicht) einordnen kann. Das letzte Kapitel hilft... ;)

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