Montag, 18. November 2013

Novemberblues




November

Wenn welke Blätter taumelnd fallen, 
Melancholie bereitet süßen Seelenschmerz;
Wenn dichte Nebel düster wallen,
Weltschmerz bohrt sich tief in´s Menschenherz;
Wenn der Toten wir gedenken,
Und falbes Mondlicht fahl durch Wolken scheint,
Wenn wir tief in Schmermut uns versenken,
Manch´ Menschenkind Verlust beweint;
Wenn träge willenlos in Leere wir versinken,
Ob einheitsgrauer Tage Überdruß: 
Hilflos müde müssen wir darin ertrinken
Wie nach des Hypnos lähmend Kuss

© TinSoldier

*


Ja liebe Leute, jetzt hat er wieder viele von uns in seinen Fängen: 
Der Novemberblues - 
und um es gleich am Anfang zu sagen: Auch mich!


Doch, wie man sieht, bin ich mit diesem "Leiden" offenbar nicht allein:

November Blues

Keine Lust mehr zu Schreiben,
damit mir die Zeit zu vertreiben.

Keine Lust mehr zum Denken,
mir den Geist zu verrenken.

Keine Lust mehr zum Sprechen,
mich mit Worten zu rächen.

Keine Lust mehr zum Dichten,
neue Ideen; mitnichten.

Keine Lust zu der Lust,
November Blues, nichts als Frust

Autorin: florie auf

Ein nettes kleines Gedicht, das recht genau die Symptome einer Winterdepression beschreibt und auf den Punkt bringt: 
"Keine Lust zu der Lust !"


Das nachfolgende Beispiel zeigt, dass selbst prominente Poeten von Zeit zu Zeit, wenn auch aus unterschiedlichsten Gründen, von einer "Schreibblockade" befallen werden können:


Bittschrift 

(Untertänigstes Pro Memoria an die Consitorialrat Körnersche weibliche Waschdeputation in Loschwitz,
eingereicht von einem niedergeschlagenen Trauerspieldichter)


Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei, 
die Tobaksdose ledig, 
mein Magen leer - der Himmel sei 
dem Trauerspiele gnädig. 

Ich kratze mit dem Federkiel 
auf den gewalkten Lumpen; 
wer kann Empfindung und Gefühl 
aus hohlem Herzen pumpen? 

Feuer soll ich gießen aufs Papier 
mit angefrornem Finger? -- 
Oh Phöbus, hassest du Geschmier, 
so wärm auch deine Sänger. 

Die Wäsche klatscht vor meiner Tür, 
es scharrt die Küchenzofe- 
und mich - mich ruft das Flügeltier 
nach König Philips Hofe. 

Ich steige mutig auf das Roß; 
in wenigen Sekunden 
seh ich Madrid - am Königsschloß 
hab ich es angebunden. 

Ich eile durch die Galerie 
und - siehe da! - belausche 
die junge Fürstin Eboli 
in süßem Liebesrausche. 

Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust, 
mit wonnevollem Schauer, 
in ihren Augen Götterlust, 
doch in den seinen Trauer. 

Schon ruft das schöne Weib Triumph, 
schon hör ich - Tod und Hölle! 
Was hör ich? - einen nassen Strumpf 
geworfen in die Welle. 

Und weg ist Traum und Feerei, 
Prinzessin, Gott befohlen ! 
Der Teufel soll die Dichterei 
beim Hemderwaschen holen. 


Gegeben 
in unserm jammervollen Lager ohnweit dem Keller. 

F. Schiller 
Haus-und Wirtschafts-Dichter 


Friedrich Schiller:
1785  "Haus-und Wirtschaftsdichter"
in Dresden
Dieses humorvolle kleine Gedicht schrieb kein Geringerer als Friedrich Schiller, neben Goethe immerhin das größte literarische Genie der Weimarer Klassik. Schiller lebte zu dieser Zeit in Dresden bei seinem Gönner, dem Kunstmäzen Christian Gottfried Körner. Dieser hatte ihm sein Gartenhäuschen in Loschwitz zur Verfügung gestellt, wo Schiller 1785/1786 an seinem "Don Carlos" arbeitete. 

*


Möge der berüchtigte Novemberblues alle Leser und Besucher dieses Blogs verschonen. 
Und nicht vergessen: Viel frische Luft und die Ausnutzung jedes Sonnenstrahls, sowie der genussvolle Umgang mit den schönen Dingen des Lebens, wozu zweifelsfrei immer ein gutes Buch gehört, kann helfen!
In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern einen
"Blues-freien" November ! 





Kommentare:

  1. Lieber Rudi, schau doch mal beim Bücherjungen nach. Da hab ich mal eine kleine Werbung geschaltet.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Uwe,
      deine Adaption des Themas beim Bücherjungen finde ich super! Vielen Dank!

      Löschen
  2. Rudi, Du bist der Richard Wagner hier im Blog - so schwer Dein Gedicht. Ich wünsche Dir viele Sonnenstrahlen, dass der Novemberblues auch Dich wieder aus seinen Fängen lassen möge...

    Allerdings denke ich in den letzten Jahren auch so manchesmal, dass die Menschen, die den Spätherbst und Winter in sonnigen Gefilden verbringen, so Unrecht nicht haben...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Der Wagner war gar nicht so schwermütig. Eher ziemlich agil und draufgängerisch im Revolutionsjahr 1848 in Dresden. Hab ich gerade erst gelesen.

      Löschen
    2. Ich meinte auch eher seine Musik als ihn selbst. Seine Opern beispielsweise sind ja schon recht schwer...

      Löschen
  3. Hallo Anne,
    das Leben ist halt eine Symphonie mit den Tonarten Moll und Dur.
    Alles hat seine Zeit.
    Aber ich arbeite daran, bald wieder nach "Dur" zu wechseln. Und ja, ein Wenig Sonne könnte helfen...
    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
  4. Hallöchen,

    beim Stöbern auf eurem Blog bin ich gerade über diese tollen Gedichte gefallen. Ich mag Schiller sehr gerne, aber deines gefällt mir auch sehr gut und es steckt einiges an Talent darin. Schön, dass du auch noch ein paar andere Gedichte zu diesem Thema dazu gestellt hast, das hatte eine wundervolle Wirkung.
    Momentan habe ich auch sowas ähnliches wie Novemberblues, nur dass gerade Mai ist. Das Wetter ist aber auch nicht weniger grau und regnerisch, daher ist meine Stimmung genau zu deinem Gedicht passend.

    Drachige Grüße
    Noctana von Drachenleben

    AntwortenLöschen