Samstag, 24. Januar 2015

Prinz, Alois: Beruf Philosophin...


... oder die Liebe zur Welt - Die Lebensgeschichte der Hannah Arendt

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Gibt es eigentlich Philosophinnen?
So lautete die Frage vor einigen Jahren unter zwei sogenannten Buchgesichtern. Damals ging es um Luise Rinser. Ausgangpunkt der Diskussion war deren Buch MIRIJAM. Aber auch der Name Hannah Arendt fiel. Dannach verlor ich das ein wenig aus den Augen, bis ich vor knapp zwei Jahren in einem kleinen Kino in Brühl den Film HANNAH ARENDT sah.

Das Buchgesicht, welches mir deutlich machte, dass Philosoph durchaus auch weiblich sein können, schenkte mir die hier zu besprechende Biografie und nun habe ich sie gelesen.


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Im Jahre 1906 wurde Johanna Arendt bei Hannover geboren, sie wuchs in Königsberg auf. Die Eltern waren säkulare Juden, wodurch sie relativ spät mit dem Judentum an sich in Verbindung kam.[1] Bereits mit vierzehn Jahren beschäftigte sie sich mit KANT und KIERKEGAARD. Ab 1924 studierte sie in Marburg bei Martin HEIDEGGER Philosophie. Das Studium setzte sie später ab 1928 bei Karl JASPERS fort, der auch ihr Doktorvater wurde. Sie bekam später Kontakt zu zionistischen Organisationen, welche sie auch unterstützte ohne selbst Zionistin zu sein oder zu werden.

Frühzeitig emigrierte sie vor dem Nationalsozialismus nach Paris und konnte auch in Frankreich 1940 der Deportation entgehen. Gemeinsam mit Ehemann Heinrich Blücher und ihrer Mutter erreichte sie 1941 New York.[2]



Szenenfoto Film - Quelle Spiegel

Sie beschäftigte sich weiterhin viel mit philosophischen Themen und natürlich immer wieder mit M. HEIDEGGER, mit dem sie am Anfang ihres Studiums eine Liebesbeziehung verband, welche erst später offenbart wurde. Sie unternahm regelmäßig Europareisen und besuchte die junge Bundesrepublik Deutschland und auch den jungen Staat Israel. Gegenüber der zionistischen Weltanschauung ging sie auf Distanz. Arendt vertritt schon lange vor der Staatsgründung Israels die Auffassung, dass eine jüdische Heimstätte nur existieren kann, wenn man sich mit seinen arabischen Nachbarn versöhnt und mit ihnen friedlich zusammenlebt. Ansonsten wären die Juden so etwas wie ein Kriegerstamm (Spartaner), umgeben von feindlichen Nachbarn. Wie weitblickend.[3]


Quelle: wiki
Bekannt wird sie später vor allem mit ihren Werken zum Totalitarismus und dann mit ihren Berichten zum Eichmann-Prozess (Eichmann in Jerusalem). Da sie hier die „Banalität des Bösen“ beschreibt und Eichmann zwar als verbrecherischen Nationalsozialisten und Bürokraten, jedoch nicht als das personifizierte Böse schlechthin beschreibt, handelt sie sich entsprechenden Ärger ein. Sie bezeichnet den Angeklagten in Jerusalem als „Das Gespenst in der Glaskiste“[4] und schreibt, „Ich weiß nicht, wie oft ich gelacht habe, aber laut“ als sie ihre Protokolle bzw. die Gerichtsprotokolle noch einmal liest. „Eichmann und kein Ende“ ist das nächste, das 28. Kapitel, überschrieben und darin berichtet Prinz von den Anfeindungen, denen sie auch und vor allem von jüdischen Freunden ausgesetzt ist.


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An dieser Stelle sei eine persönliche Bemerkung angebracht. Vor einigen Jahren sah ich in einer langen Nacht einen Zusammenschnitt des Eichmannprozesses in Jerusalem. Während dieser Dokumentation staunte ich über das Gebaren des Angeklagten, eines klassischen Verwaltungsbeamten und Befehlsempfängers, der die Befehle mit Akribie und "Verantwortung" ausführte. Diese Bilder hatte ich auch beim Lesen dieser Biografie wieder vor Augen. Auch wenn die Forschung heute ein Stück weiter ist, Hannah Arendt hat zu einer Versachlichung der der Berichterstattung und Literatur über den Nationalsozialismus beigetragen, was auf keinen Fall einer Verharmlosung der Verbrechen das Wort reden soll.

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Hannah Arendt nimmt Stellung zum Vietnamkrieg, zur McCarthy – Ära, zu den Bürgerrechten in Amerika und wählt John F. Kennedy. Arendt beschreibt sich in einem Interview mit Günter Gaus im ZDF vom 28. 10.64 nicht als Philosophin sondern als Dozentin für „politische Theorie“[5]. Doch beschäftigt sie sich bei weitem nicht nur mit politischer Theorie, sondern eben auch mit wirklich philosophischen Themen. „Vita activa oder vom tätigen Leben“ heißt eines ihrer Werke, Hannah Arendt geht es um das Denken, das Wollen und das Urteilen des Menschen, dies behandelt sie auch in ihren Vorlesungen an amerikanischen Universitäten.
1975 stirbt sie nach einem zweiten Herzinfarkt in New York.


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Quelle Spiegel
 Es ist einerseits nicht schwierig, die Biografie einer solchen Person zu lesen, will man aber tiefer einsteigen, wird es komplizierter. Alois Prinz hat es mit einer geschickten Einteilung der Kapitel, deren Überschrift auch immer ein kurzes Zitat beinhalten, geschafft. auf gerade mal rund 300 Seiten einen Bogen zu spannen, der Leben und Wirken von Hannah Arendt sehr gut beschreibt. Man muss nicht besonders philosophisch interessiert sein, um dem Inhalt zu folgen, auch wenn es sich empfielt, bei diesem oder jenem Ereignis oder zu einzelnen Personen einmal nachzuschlagen. Alois Prinz schaft es auch, das Thema „Eichmann in Jerusalem“ eben nicht als das zentrale Thema zu behandeln, sondern es genauso zu bearbeiten wie andere große Themen, deren sich die „politische Theoretikerin“ annahm. In einer Rezension[6] habe ich gelesen, dass der Autor „mit wenig wissenschaftlichen Aufwand (in der Textverarbeitung) eine Biographie schreiben [habe] wollen. … flach, sich auf das Wesentliche beschränkend, liefert die vorliegende Biographie außer biographischen Daten wenig werkinterpretatorische Ansätze und kaum kritische Reflektion der von Arendt vertretenen philosophischen Positionen.“

Dem kann ich nun gar nicht zustimmen. Wir haben es hier mit einer Biografie für Jugendliche und junge Erwachsene zu tun, wer wissenschaftlich Ansätze sucht, der solle sich einer entsprechenden Bibliothek umsehen. Die geforderten Inhalte würden eine solche Biografie wohl sprengen. Zu empfehlen hätte ich allerdings unbedingt das erwähnte Interview mit Günter Gaus und die Dokumentation in sieben Teilen auf YouTube[7].




Zur Person: Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus


Das Buch wurde für den UNESCO-Preis für Kinder und Jugendliteratur nominiert und der Tagesspiegel schrieb „So anschaulich, spannend wie ein Roman, dabei sorgfältig auf Zeugnisse bauend, macht Alois Prinz mit seiner Biografie eine der originellsten politischen Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts bekannt.“ (Buchrücken).



Ein Porträt entlang des Gesprächs mit Günter Gaus


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Zum Film:

Margarethe v. TROTTA dreht den Film Hannah Arendt im Jahr 2012. Die Regisseurin, der Filme über weltbekannte Frauen (Rosa Luxemburg; Hildegard von Bingen...) liegen, erzählt mit bekannten deutschen und internationalen Schauspielern hauptsächlich die Episoden um das Thema Eichmann und fügt dabei Originalaufnahmen aus dem Prozess ein. Sie verzichtet auch nicht auf Rückblenden aus dem Leben der Hannah Arendt in Bezug auf ihren Lehrer Martin HEIDEGGER. An dem und an "Eichmann" entzünden sich Diskussionen mit Freunden wie Hans Jonas (Ulrich Noethen) und Kurt Blumenfeld (Michael Degen). Eine starke Rolle zeigte auch Axel Milberg als Heinrich Blücher, ihren Ehemann. Die Rolle der Hannah übernahm Barbara Sukowa, das machte Trotta zur Bedingung.
Kritiker äußerten sich in Bezug auf die Widersprüche der Hauptfigur selbst und zur biografischen Umsetzung. Insgesamt allerdings bekam der Film auch viel Lob und zu bedenken ist, dass es der Regisseurin um die FRAU ging, welche sich in einer "Männerdomäne" (Gespräch mit Gaus) zu behaupten hatte. Selbst bin ich der Meinung, dass Margarete von Trotta den richtigen Weg wählte, denn zu viel "Philosophie" hätte letztlich die Zuschauer abgeschreckt. Andererseits wird ihrem ersten Lehrer Heidegger Raum eingeräumt, Karl Jasper aber nicht. Das ist insofern schade, weil ihr Doktorvater Jasper schon eine wichtige Rolle in ihrem Lebensweg spielte. Die Vorlesung, in der Arendt / Sukowa ihre Auffassung zum Thema Eichmann darstellte, war ein Appell, der eindringlicher kaum dargestellt werden konnte. Zu empfehlen ist Trottas "Director's Note" in der sie ihre Sicht auf Hannah Arendt beschreibt, Trotta stellt sie nicht nur neben Rosa Luxemburg, sie schreibt der politischen Theoretikerin eine für die heutige Zeit wichtigere Bedeutung zu.[9]

Auf der Webseite zum Film findet man eine Handreichung für Lehrer. Ein 32seitiges Dokument, welches für den Einsatz in Klasse 10 konzipiert ist. Diese orientiert sich natürlich am Film, geht aber auch ein wenig darüber hinaus in Bezug auf Hannah Arendts Leistungen als Wissenschaftlerin.




Trailer


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Alois Prinz wurde 1958 geboren. Er studierte Literaturwissenschaft und Philosophie, er lebt in der Nähe von München. Prinz veröffentlichte Biografien über Hermann Hesse, Ulrike Meinhof, Franz Kafka und auch über den Apostel Paulus und Josef Goebbels.

Zur Neuauflage 2012 sagte Alois Prinz:
»Nach wie vor bin ich überzeugt davon, dass man diese bedeutende und faszinierende Frau nur verstehen kann, wenn man ihre Gedanken eng zusammensieht mit ihrem abenteuerlichen Lebenslauf, ihrer Persönlichkeit, ihrer Beziehung zu Menschen und ihrer Haltung zu den historischen Ereignissen ihrer Zeit. «[10]

Es ist durchaus bemerkenswert, dass das Buch von Alois Prinz auf der Filmseite mit erwähnt wird.


Neuauflage
► Alois Prinz im Beltz - Verlag
► Alois Prinz in der Wikipedia
► Alois Prinz in der DNB


DNB / Beltz-Verlag / ISBN: 978-3-407-81128-8 / 329 S.



© KaratekaDD





1 Prinz: Hannah Arendt, Kapitel II „Jüdin in Königsberg“
2 Vegleiche wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Hannah_Arendt, 16.01.2015
3 Prinz: Hannah Arendt, Seite 116
4 Ebenda, Seite 228, Kapitel 27 „Das Gespenst in der Glaskiste“
5 Interview: https://www.youtube.com/watch?v=J9SyTEUi6Kw
6 LB: http://www.lovelybooks.de/autor/Alois-Prinz/Hannah-Arendt-1018078603-w/rezension/1080272172/
7 Dokumentation: https://www.youtube.com/watch?v=3XSaoBgqDMI
8 Alois Prinz in der wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Prinz
9 Filmseiten: Heimatfilm /  Hannah Arend - Der Film
10 Prinz: Hannah Arendt, Seite 329 / Beltz-Verlag: Internet



Kommentare:

  1. Das Buch bzw. den Film muss ich mir merken! In der Schule muss ich nämlich eine Seminararbeit über den Sinn des Lebens in Verbindung mit Filmen schreiben. Ein genaues Thema hab ich noch nicht, aber Hannah Arendt wäre schon mal eine Idee :) Danke fürs Vorstellen :)
    Liebe Grüße
    Lioba :)

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    1. Mit "Sinn des Lebens" bist du ja schon mal dicht dran. Das Arendt das "tätige Leben" in Arbeit und Freizeit unterteilt, was man aber schon genauer nachlesen müsste, kann man den Bezug zum Medium Film in "Arbeit" und "Freizeit" bestimmt herstellen. Stell ich mir interessant vor. Schön, wenn ich dich drauf bringen konnte - unabsichtlich.

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  2. In jedem Fall ist Arendt eine interessante und beeindruckende Persönlichkeit gewesen. Man merkt, wie sehr Du Dich mit der Thematik befasst hast - das Buch sollte einfach Deins werden... :)

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