Sonntag, 31. August 2014

Glidden, Sarah: Israel verstehen

Nun, dies wird wohl keine reine Rezension, dies hier wird gleichzeitig ein Vergleich zweier Studienreisen. Was denen gemeinsam ist? Sie führten nach Palästina. Die von Sarah Glidden, einer 1980 in Boston geborener amerikanischen Jüdin war eine sogenannte Birthright - Reise im Jahre 2005. Die meinige war von der Gewerkschaft* der Polizei organisiert und fand im September 2009 statt. ISRAEL VERSTEHEN - Das könnte man als Motto für beide stehen lassen, Motivation und Gründe waren doch etwas unterschiedlich.

Dem Blogger ist es vergönnt, verschiedenste Geschichten und Methoden auszuprobieren, um eine Geschichte zu erzählen. Daher versuche ich, während ich der Geschichte im Buch folge, den Zeichnungen einige eigene Fotos mit wenigen Kommentierungen gegenüber zu stellen.


Was bringt mich nun dazu, das Thema aufzugreifen? Nun zum einen ist ein erneuter Konflikt zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen entflammt. Zum anderen stammt die Empfehlung von AstroLibrium, einem Bloggerkollegen. Außerdem reizte der Umstand, dass hier eine soganannte graphic novel vorliegt, also ein "ernstes comic".

* 1 *

Im ersten Kapitel erzählt Sarah Glidden, von der alle Bilder und der Text stammen, von der Orientierung. Sie möchte endlich mit eigenen Augen sehen, was es denn mit diesem Israel da unten in Palästina auf sich hat. Sie überredet noch eine Freundin und dann fliegen sie nach Israel. Im Rahmen einer Birthright-Reise, bei denen jüdische Jugendliche aus aller Herren Länder kostenlos Israel bereise können, finanziert vom Staat Israel und aus Spenden. Unsere Reiseleiter Yalon erzählte uns damals auch, dass er mit solchen Reisen zu tun hat, bei denen jungen Juden durchaus erklärt wird, dass sie, wenn zu Hause mal gar nichts mehr geht, in Israel ein zu Hause wartet.  Sarah erzählt von der Vorbereitung und vom Flug mit den ungewohnt intensiven, eingehenden Kontrollen (kann ich nur bestätigen), von den ersten Begenungen und ersten Konflikten. Da kämpft wohl schon jemend gegen mögliche Vorurteile?




 * 2 *
 Wir haben heute den 30. August 2014 und in der Presse ist von Kämpfen zwischen syrischen Rebellen und phillipinischen Blauhelmsoldaten die Rede, welche den Waffenstillstand auf den im Jahr 1981 von Israel anektierten ► Golanhöhen überwachen sollen. Ich habe keine Ahnung, ob wir, Sarah und ich heute diese Stellen besuchen könnten. Sarah bekommt die Information, dass die Syrier auf Israel von den Höhen herunter schossen. (Wir sahen einen Film über die Zurückschlagung syrischer Panzerverbände). Die ISR (Israel Self Defence Forces) eroberten die Höhen 1967 im ► Sechstagekrieg. Daher schaut der Besucher heute auf Syrien herunter.

Um zu den Golanhöhen zu kommen, überquert man den Jordan. Die "Drachen" sind aus Militärschrott gemacht.

 * 3 * 
 Das nächste Kapitel führt die Gruppe um Sarah Glidden an den See ► Genezareth. Der Abstecher ist logisch, allerdings geht es nicht zu den von Christen verehrten Stätten, sondern zum Kibbuz ►DEGANIA, in dem der umstrittene ► General Mosche Dajan geboren wurde.  Dieser Kibbuz wurde bereits 1910 gegründet. Sarah erföhrt von den Schwierigkeiten des kommunalen Zusammenlebens. Davon, dass das Thema Privateigentum zu Spannungen führte. DEGANIA muss es ziemlich lange ausgehalten haben, nun zieht auch da die Privatisierung ein. Das sozialistische Prinzip "jeder nach seinen Möglichkeiten und jedem nach seinen (notwendigen) Bedürfnissen" klappt auch hier nicht. Außerdem wollten junge Kibbuzim nicht alle Feld- oder Fabrikarbeiter werden.



Vom schwierigen Kibbuzleben erfuhr unsere Reisegruppe an einem anderen Ort, oben im Norden an der israelisch - libanesischen Grenze, welche von schwer gesichert ist und in deren Nähe sich auch ein Camp von Blauhelmsoldaten befindert. Der Leiter erzählte uns außerdem von Überfällen der Hisbollah und über die Kommune hinwegfliegende Raketen. Und davon, dass die Kinder in Kindergärten untergebracht waren und ein Überfall den Jüngsten im Kibbiz galt.


 * 4 *
 Vom See Genezareth fährt Sarahs Gruppe nach ►Tel Aviv. Sarah kommt nun mal mit Leuten in Berührung, die nicht zu ihrer Reisegruppe gehören oder aus den Gegenden sind, die sie besuchen.Irgendwie fühlt sie sich gar nicht fremd in dieser Stadt... Dann besucht die Reisgruppe ► Jaffa. (Da fing damals unsere Tour an). Natürlich darf der Ort der Verkündung der Unabhängigkeit Israels nicht fehlen. ► Erez Israel: Hier, am Ort an dem David Ben Gurion die Unabhängigkeit erklärte, bekommen die Teilnehme von Sarahs Birthright - Reise nun auch erklärt:



"Ihr seid hier, weil der Staat Israel allen Juden in der Welt gehört. Dies ist auch euer Land. Ihr seid die Gesandten des israelischen Staates. Ihr seid hier, um den Staat Israel zu spüren. Ihr seid hier, weil ihr hier zu Hause seid." ( Seite 99) 


© URDD
Dies bekamen wir auf unserer Studienreise natürlich nicht zu hören. Fast wortwörtlich hätte aber folgende Passage sein können:

"Wenn unsere Kinder 18 Jahre alt sind, schicken wir sie zur Armee. Das ist nicht normal, und es ist auch nicht einfach. Glaubt ihr, dass mir das gefällt? Es gibt keine Mutter auf der Welt, die ihr Kind zur Armee schicken möchte. Aber wir sind stolz auf sie. In Israel ist jeder Mensch Soldat, das ist wahr. Aber jeder Soldat ist auch Mensch. Vielleicht machen wir Fehler, vielleicht tun wir Dinge, die euch nicht gefallen, aber wir lieben dieses Land, es gibt Probleme, ja, aber wir wollen sie lösen." (Seite 98)

Für Sarah scheint dies alles etwas zu viel zu sein.




 * 5 * 
Israel ohne die ►Negev geht gar nicht. Sarahs Reisegruppe besucht ► Beduinen und nimmt an einem Kamelausritt teil. Ein Palästinabesuch ohne seine arabischen Bewohner wäre nur ein halber Besuch. Auch wir waren in einem Dorf seßhafter gewordener Beduinen, in Bir al Maksur. Ich erinnere mich nicht nur an den arabischen Kaffee und die Mühsaal auf englich zu erfahren, wie dieser hergestellt wird, sondern auch an die Worte des Muktars des Dorfes:  

"Alle, ob Juden, Araber, Christen, Druse, ob jüdischer Israeli oder arabischer Israeli - alle sind Palästinenser."



Hier erfährt Sarah Glidden etwas von ►E.T. Lawrence, besser bekannt als Lawrence von Arabien, über die Kultur der Beduinen und das Problem des Seßhaftwerdens. Natürlich darf ein Besuch der Bergfestung ► MASADA am Toten Meer nicht fehlen. Die Gruppe erlebt, was selten ist, und was uns nicht vergönnt war: den sagenhaften Sonnenaufgang über dem Toten Meer.

Der Geschichte der Festung Masada wird relativ viel Raum eingeräumt.


 Das weist aud den Charkter der Birthright - Reisen hin, denn Masada und dem kollektiven Sebstmord der Juden vor den angreifenden Römern spielt im jüdisch - israelischem Geschichtsverständnis ein große Rolle.

Die Reisen ähneln sich hier sehr stark. Die Festung, der Aufstieg, das spätere Bad im ► Toten Meer, selbst der Kauf diverser Kosmetika mit Totesmeersalz ist beschrieben.

 In diesem Kapitel erfährt Sarah Glidden auch viel über ► David Ben Gurion, den zionistischen Staatsmann, der die Staatsgründung ausrief. Sarah erzählt, als wäre dies eine ganz persönliche Erläuterung von Ben Gurion für sie selber.

Natürlich kann hier mit Bildern und kurzem Text kein umfassender Überblick über die Staatsgründung Israels gegeben werden. Aber das Dilemma des Konfliktes zwischen den Arabern und den Juden wird durchaus deutlich.  

"Ich bin nicht Willens, für den Frieden auch nir auf ein Prozent Zionismus zu verzichten. - Aber ich möchte nicht, dass der Zionismus auch nur ein Prozent der legitimen arabischen Rechte beeinträchtig." (Ben Gurion - Zitat Seite 144)

 Sarah Glidden fährt als anschließend sehr nachdenklich in Richtung der nächsten Station: JERUSALEM.


 * 6 *

In ► Jerusalem trifft die Gruppe zuerst auf Angehörige einer Gruppe, die Hinterbliebenen des Palästinakonflikts infolge von Anschlägen und Mordtaten beider Seiten helfen will, anschließend besuchen sie ► Yad Vashem, den ► Herzlberg und die ► Klagemauer. Besucht man diese Stätten, dann geht man davon etwas anders weg, als man hingekommen ist. Ich glaube, dies beurteilen zu können, insbesondere gilt das natürlich für Yad Vashem, die Holocoust - Gedenkstätte und die Klagemauer, über der sich der ► Felsendom, der älteste Sakralbau des Islams erhöht. Dieses Bild, obwohl selten so ausgesprochen verdeutlicht ja auch den Palästinakonflikt: Die goldene Kuppel erhebt sich über dem jüdischen Tempel.



* 7 *
Sarah Glidden hat Freunde in aller Welt. So nereitet sie schon länger einen Solotrip im Anschluss an die Birthrightreise vor. Die Altstadt von Jerusalem ist noch einmal das Ziel von Sarah und ihrer Freundin, so kommen sie auf den Platz vor dem Felsendom und auf dem ► Kreuzweg in die ► Grabeskirche. Sie besuchen eine Theateraufführung und die Vorlesung eines Rabbi. Der Anschauungen über Palästina prallen zwischen Sarah und  ihrem Freund Nadan noch einmal aufeinander. Aber sie begreift nun, dass ihre Meinung nicht die einzig richtige oder wahre ist. Ein Besuch im ► Westjordanland (Westbank)  klappt nicht. Mit vielen Eindrücken fligt sie nach Hause. Doch bevor sie ihren Freunden von der Tour berichten kann, wird sie wohl die vielen Eindrücke erst einmal sortieren und sammeln müssen.



 * 8 *
Nein, dies ist kein achtes Kapitel. Ich habe nur noch wenige Anmerkungen zu machen. Der Titel dieser sogenannten Grafic Novel ist irritierend, denn "in sechzig Tagen oder weniger" steht mit der Reise der Sarah Glidden eigentlich in keinem Zusammenhang. ISRAEL VERSTEHEN (?) hätte gereicht. Auch zwei Monate reichen wohl nicht aus, um hinter das Geheimnis dieser Region, des Staates Israel und des fortschwellenden Konfliktes zu kommen. Eine Reizüberflutung erreicht den erstmaligen Besucher ziemlich schnell, ich weiß wovon ich rede und da ist mir die Geschichte doch ziemlich nahe. Das Thema "Birthright" ist ein anderes und so sind die Reisen nach Israel wohl immer irgendwie thematisch*, denn wer macht schon nur eine Woche Badeurlaub in Eilat?

Die Autorin schreibt zur Einführung: "Der Leser sollte wissen, dass ich dieses Buch erst nach der Reise geschrieben habe. Bestimmte Gespräche und Zeitangaben wurden verändert, weil ich die Einzelheiten vergessen hatte, oder um sie dem Erzählfluss anzupassen. Im Vordergrund stand aber immer, alles so darzustellen, wie ich es erlebt habe."

Ich kann den verschiedenen Zitaten auf der Rückseite des Buchdeckels nur zustimmen. Hier liegt eine sehr ehrliche, eine sehr persönliche und auch emotionale Geschichte einer jungen Frau vor, die das Glück hat, diese ihre eigenen Erlebnisse auf diese Art und Weise mit vielen teilen zu können. als Einstieg in das Thema ist dieses Buch gut geeignet, umfassend ist es natürlich nicht.



Ernsthafte Geschichten als Comic. Das ist also möglich.** Das Buch beinhaltet im Anschluss einen kleinen Glossar, eine kurze Bibliografie und eine kurze Zeitachse. Alles andere: siehe Lexikon und Internet oder ► hier.

DNB / Panini Verlag GmbH / Stuttgart 2011 / ISBN: 978-3-86201-154-4 / 208 Seiten
► Zu meiner Palästina Seite

© KaratekaDD

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 * Mein Reisebericht von 2009 unter gdp - Israelreisen
** Schon einmal habe ich eine solche Graphic Novel rezensiert.

 "Graphic Novel (dt. illustrierter Roman, Comicroman, Grafischer Roman) ist eine, seit den 80er Jahren populäre und aus den Vereinigten Staaten übernommene Bezeichnung für Comics im Buchformat, wobei sich diese aufgrund ihrer erzählerischen Komplexität häufig an eine erwachsene Zielgruppe richten. Der Terminus stellt den Versuch dar, längere und häufig als thematisch anspruchsvoll beworbene Comicbücher, vom herkömmlichen, westlichen Heftcomic und Comic-Album abzugrenzen, was auch durch den großflächigen Verkauf über den Buchhandel zum Ausdruck kommen soll. Der Begriff stößt in Teilen der Comicindustrie auch auf starke Ablehnung." (wiki)

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Kommentare:

  1. Ein außergewöhnliches Buch, zumindest für mich, denn eine "Graphic Novel" habe ich noch nie gelesen.
    Sehr gut gemachte und informative Rezension zu einem Thema, das nachdenklich macht. Der Kontrast zwischen der gewählten Form (Komik) und der Ernsthaftigkeit des Themas ist außergewöhnlich!

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    1. Comic kommt nicht von Komik (komisch) sondern steht nur für Bildergeschichten. Der Begriff Graphic Novel begegnete uns schon mal bei LINDBERGH. Ob Comics eine solche wirklich darstellen, ist umstritten. Interessant war das allmal.

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    2. Hallo Uwe, betrachte es als "Freud´sche Fehlleistung" meines derzeit arg strapazierten Hirns - natürlich kenne ich den Begriff "Comic" und seine Bedeutung.... :-)

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  2. Ich finde es gelungen, wie Du den Artikel hier aufgezogen hast. Deine individuellen Eindrücke einer Israel-Reise mit der des Buches zu verknüpfen - toll. Die Foto-Collagen als Ergänzung sind natürlich beeindruckend.

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    1. Schön, wenn es euch anspricht. Der Pressechef des Verlages hat es kurz mit

      "Hallo.
      Vielen Dank, da freuen wir uns sehr darüber.
      Viele Grüße,..."

      kommentiert. ;)

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  3. Aus einer Mail vom Verlag:

    "Zu Ihrer Rezension. Sie ist für uns interessant und gleichzeitig ungewöhnlich da Sie die Rezension mit einem persönlichen Reisebericht verknüpfen/kombinieren. Daher ist Sie auch wenig länger geraten als gewöhnlich, aber dies ergibt sich durch die Kombination mit Ihren persönlichen Erlebnissen. Aber dadurch gewinnt man einen ganz anderen, persönlicheren Eindruck zum Comic und auch zu Israel selber. Was uns ein wenig fehlt ist, da es sich ja um ein Comic/Graphic Novel handelt, ist ein Eingehen (oder Bewertung) auf Optik, Zeichenstil und ähnliches. Dies aber wiegt nicht sonderlich schwer. Was uns auch sehr freut ist das Sie mit Ihrer Rezension, eine Klientel ansprechen die sich dem Medium Comic eher wenig bis gar nicht nähert, dafür möchten wir uns auch noch einmal bedanken."

    Ich bedanke mich für diese Zeilen, lieber Herr Sinner.

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    1. Also noch ein paar Bemerkungen zum Buch selbst:
      Als ungeübter Comic-Leser bracht man etewas Zeit, die kleine Schrift in den Bildern zu lesen. Froh war ich, dass dies alles sehr übersichtlich war, sonstige Commics sind mir zu schrill und zu knallig. Dies hier war angenehm zu lesen, auch wegen der Farbgestaltung.
      Die Zeichnungen waren sehr gut erkennbar, damit meine ich die Orte, die Sarah Glidden in Palästina besuchte.
      Die Reiseroute auf einer Karte dargestellt, das wäre noch interessant gewesen. Zum Beispiel innerhalb des Buchdeckels.

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    2. So, ich habe mir noch eines aus dem Katalog rausgesucht. Es passt zum Thema, mehr wird nicht verraten.

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