Mittwoch, 8. Juni 2016

De Vigan, Delphine: Das Lächeln meiner Mutter



»Du bist nicht so wie andere Mütter« – Von klein auf weiß Delphine, dass ihre Mutter talentierter, schöner, unkonventioneller ist als andere. Wie wenig diese jedoch dem Leben gewachsen ist, erkennt die Tochter erst als Erwachsene. Warum hat Lucile sich für den Freitod entschieden? Diese Frage treibt Delphine seit dem Tag um, an dem sie ihre Mutter tot aufgefunden hat. Sie trägt Erinnerungsstücke zusammen, spricht mit den Geschwistern ihrer Mutter, mit alten Freunden und Bekannten der Familie. Es entsteht das Porträt einer widersprüchlichen und geheimnisvollen Frau, die ihr ganzes Leben auf der Suche war – nach Liebe, Glück und nicht zuletzt nach sich selbst. Gleichzeitig zeichnet Delphine das lebendige Bild einer französischen Großfamilie im Paris der 50er und 60er Jahre. Erinnerung um Erinnerung lernt sie ihre Mutter und schließlich auch sich selbst zu verstehen.

(Klappentext Verlagsgruppe Dromer Knaur)


  • Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: Droemer TB (3. November 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Doris Heinemann
  • Originaltitel: Rien ne s'oppose à la nuit
  • ISBN-10: 3426304120
  • ISBN-13: 978-3426304129
















NICHTS STEHT DER NACHT ENTGEGEN...


Dieses Buch ist ein Klebezettelverschlinger - so viele schöne und bedeutsame Stellen gibt es hier...


"Rien ne s'oppose à la nuit", so lautet der französische Titel des Buches - und gleichzeitig ist dies eine Liedzeile aus einem Chanson, der die Autorin während der ganzen Zeit begleitet hat, in der dieses Buch entstand. Eine düstere und mutige Schönheit empfand Delphine de Vigan beim Hören des Chansons - Attribute, die sich in diesem Roman widerspiegeln. Doch ist es überhaupt ein Roman?

"Das Lächeln meiner Mutter" ist im Grunde eine Hommage der Autorin an ihre Mutter Lucile, die mit nur 61 Jahren Selbstmord beging - eine Spurensuche, das Zusammensetzen zahlreicher Mosaiksteinchen und Erinnerungsfragmete, aus denen schließlich das Bild einer widersprüchlichen und geheimnisvollen Frau entsteht. Delphine ist es schließlich, die ihre Mutter tot auffindet...


"Ich sah sie sofort auf ihrem Bett liegen, die Schlafzimmertür war offen, Lucile kehrte mir den Rücken zu (...), sie schläft, sagte ich mir, ich nahm alle Kraft zusammen, um mir das zu sagen, ich ging in ihr Schlafzimmer (...), ich kauerte mich neben sie, ich schüttelte sie, sanft, dann heftiger (...) Der Gedanke konnte mich nicht erreichen, es war nicht akzeptabel, es war unmöglich, das kam nicht in Frage, nein." (S. 367)


Einen Teppich der Erinnerungen webt de Vigan hier, geknüpft aus Aufzeichnungen von Gesprächen mit den zahlreichen Mitgliedern der Familie, aus Notizen, Tagebucheintragungen, Briefen, Fotos, Filmen, Dokumenten... Vielschichtig das Porträt, das so nach und nach vor den Augen des Lesers entsteht - und auch und vor allem vor den Augen der Autorin. Denn es war ein schwieriger, langwieriger, kräftezehrender Prozess, in dem dieses Buch entstand, geprägt von Zweifeln, die de Vigan nicht müde wird zu betonen. Die Chronologie des Lebens ihrer Mutter, immer wieder unterbrochen durch Einblicke in den Schaffensprozess des Romans, das ist es, was den Leser hier erwartet.


"Ich weiß nicht mehr, wann mir der Gedanke kam, über meine Mutter zu schreiben, um sie herum oder von ihr aus, doch ich weiß, wie sehr ich den Gedanken ablehnte, ihn möglichst lange auf Abstand hielt und mir dabei die Liste der unzähligen Autoren vor Augen führte, die im Laufe der Jahrhunderte bis in die jüngste Gegenwart über ihre Mutter geschrieben hatten, um mir zu beweisen, wie vermint das Gelände war und wie abgegriffen das Thema (...) Wahrscheinlich hatte ich den Wunsch, eine Hommage an Lucile zu schreiben, ihr einen Sarg aus Papier - denn mir scheint, das sind die schönsten aller Särge - zu schenken und ihr ein Leben als Figur zu geben." (S. 14 und 72)


Sie zieht einen sofort in ihren Bann, diese Familiengeschichte.
Denn es ist nicht nur die Geschichte ihrer Mutter, die Delphine de Vigan hier erzählt. Die Erzählung saugt den Leser in die Szenerie einer bürgerlichen Familie hinein, hinter deren wohlanständiger Fassade Schlachten geschlagen werden,  wo Brüche unheilbare Wunden hinterlassen - bis hin zur Verzweiflung am Dasein. Vorsichtig, beihnach scheu tastet sich die Autorin an das Leben ihrer Mutter heran. Immer wieder hält sie inne, reflektiert sich und ihr Tun - und die möglichen Folgen ihrer Enthüllungen. Die Balance zwischen dem, was der Leser wissen darf und dem, was man nie erfahren
soll, wirkt dabei sehr geglückt.


"Bislang hatte sie sich nie eine Vorstellung von ihrer Zukunft machen, ihr Form und Farbe geben könen. Sie hatte sich nie in ein anderes Leben projizieren, neue Umgebungen erfinden können. Weshalb sie manchmal gedacht hatte, ihre Träume seien so groß, so maßlos, dass sie nicht einmal in ihren eigenen Kopf passten." (S. 143)


Dies ist ein Buch, das einen zunehmend fesselt. Es ist der Autorin gelungen, die Menschen, die darin vorkommen, in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zu zeichnen: als gut und schlecht, verzweifelt und glücklich, hoffnungsvoll und zerstört. Ein liebevolles und schonungsloses Buch, das den Mythos
einer Familie zugleich ehrt - und dekonstruiert. Das Porträt einer zerrissenen Frau, gleichzeitig ein Ausschnitt der Chronik einer Großfamilie, eingebunden in das Zeitgeschehen vor allem der Pariser 50er und 60er Jahre.

Eine sehr persönliche Erzählung, empahtisch und klar geschrieben, aber zu keiner Zeit pathetisch oder melodramatisch - und dennoch ungemein berührend. Thematisch wie erzählerisch war dieses Buch für mich eine Entdeckung.


© Parden



















Die Verlagsgruppe Droemer Knaur schreibt über die Autorin:

Delphine de Vigan wurde 1966 in Paris geboren, wo sie heute noch mit ihren zwei Kindern lebt. Sie arbeitet tagsüber für ein soziologisches Forschungsinstitut und schreibt nachts, wenn alle schlafen, ihre Romane. Ihr dritter Roman, "No & ich", wurde in 11 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet (u. a. 2008 mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International). Auch "Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin" war für den Prix Goncourt nominiert.

übernommen von der Verlagsgruppe Droemer Knaur

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