Donnerstag, 21. August 2014

Die Madonna auf dem Theaterplatz

Am letzten Freitag wurde in Dresden das alljährliche Stadtfest in Dresden eröffnet. Dies unternahmen die Oberbürgermeisterin und ein Mann in barrockem Kostüm, welcher als Canaletto vorgestellt wurde. Bernardo Belotto, genannt ►Canaletto - nach ihm heißt seit diesem Jahr dieses Stadtfest. Neben den beiden stand ein weiterer stadtbekannter Dresdner: Bernd Aust mit seiner Querflöte. Bekennender Fan von Jethro Tull und folgerichtig wurde im folgendem Konzert auch Locomotive Breath gespielt. Doch halt, wer ist Bernd Aust ohne ► Electra, die Dresdner Band, gegründet 1969?

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Das "größte Stadtfest Deutschlands", (Helma Orosz, - Oberbürgermeisterin) eröffnet damit eine Band, die mit der Rocksuite von der Sixtinischen Madonna auf die Geschichte eines weltberühmten Gemäldes aufmerksam macht, welches an zentraler Stelle vielleicht 200 Meter weit von der Bühne auf dem Theaterplatz in der Sempergallerie hängt. (Da hängen auch Dresdner Stadtansichten, welcher der bereits genannte Canaletto malte) Raffaels Madonna hängt auf der Bühne und zeigt das zentrale Thema eines Konzertes, welches es so noch nicht gab und vielleicht auch nicht mehr geben wird: Das musikalische Triptychon Open Air.

© KaratekaDD (15.08.2014)

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viele hundert jahre sind hin über die welt
seit ein großer maler malte
die madonna die das kind, auf den armen hält
gottes frau und josephs frau
aber war es nicht vor allem jene frau
die in seinem herzen war
irgendwo gewonnen, irgendwo gesehen
oder nichts als sehnsucht gar

und er malte gott nicht wie ein feuer oder licht
und er malte gott wie es aus menschenaugen spricht
jahwe hörte auf ein geist vom himmel her zu sein,
wurde geist des menschen und ein maler fing ihn ein.
...



Raffael, auch Raffael da Urbino, Raffaello Santi hieß der Maler (Rafaelo), welcher den Auftrag für das Gemälde von Pabst Julius II. erhielt. Das war im Jahre 1512. Im Jahre 1753 erwarb August III. das Bild und fügte es seiner Gemäldesammlung in seiner kurfürstlichen Hauptstadt zu.

Kurt Demmler schrieb den Text und Bernd Aust komponierte die Musik.

"Und er malte Gott nicht wie ein Feuer oder Licht
und er malte Gott wie es aus Menschenaugen spricht." 

Es war ein Auftragswerk. Die Uraufführung fand 1979 statt. Ich weiß noch, wie ich die Schallplatte erwarb und auch durch diese Zeilen wohl zum ersten Mal daran dachte, dass Humanismus und Christentum auch in der DDR sich nicht ausschließen müssen. Fünfzehn war ich damals.


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wiki

wie sie schwebt schwebt über wolken daher
da geht der papst auf die knie
und die blitzgewohnte geblendet sieht fort
einhält die artillerie
setzten nicht gar soldaten ihr leben ein
aus kellernacht und minen sie zu befrein
das nicht zerstört wird was uns gehört
uns dem menschen und nicht einem volk
...
halten nicht wir in ehren ihr angesicht
die wir verstehn daß es vom menschen spricht
kleinmut und stolz aus diesem holz
schuf der mensch sich am sechsten tag gott.
...
ah ah herrliche frau 
himmel und erde in eins
ah ah herrliche frau
es ist auch unsere frau
ah ah herrliche frau
jeder Mensch sieht in ihr eins 
ah ah herrliche frau 
es ist auch unsre Frau



Das Bild
 
Setzten nicht gar Soldaten ihr Leben ein... Und schon ist es da, das Wort BEUTEKUNST. Das Internet zu durchforsten bringt selten vernünftige Artikel. Und oft extreme Ansichten. Für die einen suchten Rotarmisten die Gemälde der Alten Meister und viele andere Kunst, um sie vor der Vernichtung zu bewahren. Steckten sie doch in wahrlich  klimatischen ungünstigen Stollen und Bergwerken, oftmals vermint und mit Sprengfallen gesichert. Für die anderen wurden sie einfach erbeutet und vielleicht nur aus politischen Gründen in den fünziger Jahren der DDR zurück gegeben. Vieles ist wohl noch zu finden und wohl nicht nur auf russischer Seite, wie der Fall ► Gurlitt zeigt.


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Auch filmisch wurde das Thema umgesetzt. FÜNF TAGE, FÜNF NÄCHTE war ein sowjetisch - deutscher Film aus dem Jahr 1960. Aktuell kam vor einigen Monaten die amerikanische Version THE MONUMENTS MEN heraus. Letztere waren Amerikaner. Von Heldentum habe ich soeben gelesen. Es wird wohl noch einige Zeit vergehen müssen, bis über die Rettung von Kunstwerken ideologiefrei erzählt und gesprochen werden kann.


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Doch zurück zu ELECTRA und ihrem Werk.
DAS BILD setzt ein mit dem Madrigal ► (hier) Io ti voria von Orlando di Lasso. Dazu ist natürlich ein Chor notwendig. So wird sehr melodische Rockmusik, verwoben mit klassischen Motiven und Stücken zur Rocksuite (Zyklus von Instrumental- und Orchesterstücken). Der Text ist mal wieder von  Kurt Demmler, der für so viele Gruppen und Sänger bekannte Texte schrieb. ►Bernd Aust schrieb die Musik, Dresdner Urgestein und Bandleader, heute Konzertveranstalter, natürlich auch für das Stadtfest.

1980 sagt er im Interview:
"Die Madonna beschäftigt mich seit langem. Mich faszinierte, vieviel Diesseitigkeit der Maler der "Himmelskönigin" gegeben, wie tief er bei der Erfüllung seines kirchlichen Auftrages an die Menschheit gedacht hat. Deren Schönheit - und da ist ja nicht nur die äußere gemeint -, deren Würde, deren Fähigkeit, Leben zu schenken und zu bewahren, sind letztlich der Gegenstand des Bildes."
 
"Es ging ... nie darum, was Raffael ins Bild setzte, nun in Worte und Töne zu fassen. Wir gingen vom Standpunkt, von den Erfahrungen und Erwartungen der Heutigen aus, sehen uns also in den Reihen derer, die das Bild heute mit Sinn und Verstand auf sich wirken lassen. Dazu allerdings gehört Respekt. Mein Respekt äußerte sich darin, daß ich mich gründlich mit dem Maler, seinem Werk und seiner Zeit auseinandersetzte, mit seinen Intentionen, bevor es ans Komponieren ging, daß ich mir sehr genau überlegte, mit welchen Mitteln ich die beabsichtigte Wirkung erreiche - so kam es zum Einsatz des Chores... Wichtig war, daß sich jeder in der Gruppe mit der Aufgabe identifizierte und in vielen Einzelheiten Ideen beisteuerte, daß wir in Kurt Demmler einen Texter hatten, der sich der Größe des Anspruchs stellt..." (Gespräch mit Bernhard Hönig 1980 - entnommen der Rückseite der Amiga - Schallplattenhülle) 
 
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DER BETRACHTER
 
wenn du dahinhetzt 
dann vergiß die deine nicht
wie lange zeit schon
sahst du ihr nicht ins gesicht 
o auch in ihren augen gibt es diesen samt 
o küss die bitternis von ihrem mund verdammt 
...
o auch in ihren augen gibt es diesen samt 
o leg die herrlichkeit ihr um die Haut verdammt ...
geh zu ihr da steht sie mit dem kind
schweben die die noch ungeboren sind
tief in dir da fällst du auf die knie 
das ist sie ganz genau 
das ist die frau 

Der Betrachter ist im ersten Teil von Sprechgesang erlebt. Er warnt, die Mutter, die Schwester, die Liebste nicht zu vergessen. Denn es ist "sie ganz genau - DAS IST DIE FRAU". Geh zu ihr, denn da steht sie mit dem Kind: Geh in die Gemäldegallerie, setzt dich vor Raffaelos Gemälde, setz die Kopfhörer auf und hör zu. 

   
* * *
 
Natürlich bestand das Konzert, welches electra mit dem den Streichern der Elbphilharmoniker und dem Großen Chor Hoyerswerda aufführten, der Tenor Jens Uwe Mürner sang die "Madonna" nicht nur aus dieser. Das wäre ja dann auch nur knapp eine halbe Stunde gewesen.







Und so kommen Stücke in Classic - Rock zur Aufführung, wie der "Säbeltanz" von Chazschaturjan, die schon auf der Scheibe electra - Adaptionen zu hören waren. Nie, Nie zuvor, Tritt ein in den Dom, Scheidungstag waren neben anderen auch zu hören.










Natürlich, denn Bernd Aust kündigte die "Scheidung" von den Fans an. 
Nie zuvor und wohl niemals wieder werden wir eine solche Open - Air - Aufführung erleben: electra denkt über das Aufhören im nächsten Jahr nach.

Es ist auch nicht einfach, die Bandbesetzung im Laufe von 40 Jahren nachzuvollziehen. Da gab es nicht nur Wechsel, sonder auch Wiederkommen. Und irgendwie traurige Geschichten, wenn man an den Grund denkt, weswegen  Manuel von Senden die Gruppe 1989 verließ, der erste Sänger der "Madonna" und so sängerisch begabt, das er einige Jahre sogar an der Semperoper sang. Heute singt er an der Grazer Oper. So was ist doch selten. Oder Stefan Trepte, schon einmal von 1972 - 1974 bei electra, bekannt geworden mit Tritt ein in den Dom. Wer kennt nicht den Peter Ludewig, Mampe genannt? Der Jüngste im Bund ist dr Drummer Falk Möckel, der ist erst 45!

Und Peter Ludewig ist auch nicht mehr dabei, dafür aber wieder als Sänger Gisbert Koreng. Da sieht man mal wie aktuelle wiki (rechts) wirklich ist.





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Der Weg nach Hause, nach Dresden meine ich,  lohnt sich unbedingt auch dann, wenn auf dem Theaterplatz ein solches Highlight stattfindet. Schade, dass es keine Videowand gab, aber zeitweise stand ich auch am Bühnenrand und konnte den Musikern fast ins Gesicht sehen.


© KaratekaDD (2014)


Es ist schön alte Freunde zu treffen wie Gundolf "Kundi", der seit jungen Jahren auf mission-buehnenrand reist. Kundi, an das K kann ich mich nur schwer gewöhnen, wenn ich auch weiß, dass dies eine Bedeutung hat, ist auch Kollege und Kommilitone, vor 31 oder 32 Jahren lernten wir uns kennen. Zwischenzeitlich waren wir auch Musikerkollegen, aber dies ist eine andere Geschichte... Gundolf ist schon ein richtiger Konzertprofifotograf, wie seine Bildberichte beweisen. Wer also in Sachsen wissen will, was so los war musikalisch, muss mission-buehnenrand besuchen.


 


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Zum Schluss: Wer kennt sie nicht, die schönste Brauerei der Welt? Aber es weiß wohl jeder, in diesem Bau wird Radeberger ausgeschenkt, aber gebraut wird es wo anders. Unter der angegebenen Quelle kann man aber nachlesen, dass RADEBERGER die Nachwuchsförderung in der Semperoper unterstützt. Seit 1992 dauert diese Kooperation schon an. Das erklärt doch gleich mal die Werbung, allgegenwärtig im TV. Nun, die Firma hat ja auch kräftig beim Stadtfest gesponsort.

 
Quelle
Wohl bekomms
dem Dresdner Bücherjungen!
© KaratekaDD




























Kommentare:

  1. Was erfahre ich gerade? Gundolf schreibt, der Peter Ludewig ist schon seit zwei Jahren wegen Krankheit nicht mehr dabei und als zweiter Sänger arbeitet Gisbert Koreng. Aber wozu gibt es Kommentare.

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  2. Wenn die Madonna reden könnte, würde sie uns bestimmt sagen, dass dieser tolle Konzertbericht mit sehr viel Herzblut geschrieben wurde. Es macht Spaß so einen Beitrag mit den vielen Hintergrundinformationen zu lesen. Diese Arbeit verdient das Prädikat "absolut lesenswert". Danke, alter Freund. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder auf eine ordentliche Mugge und ein anschließendes Bier;-) Herzliche Grüße Kundi

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    1. Danke dir und ja, wir werden uns treffen. Grüße nach Preske, natürlich auch an Lissy.

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    2. ...sie würde uns sagen
      wie sie entstand
      unter raffaelos händen
      als wollt er mit diesem madonnenbild
      einen gruß den menschen senden...

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    3. Auch nach so vielen Jahren ist "Wenn die Madonna reden könnte"mmer noch ein wunderschönes Lied, alter Freund. Passt ja auch sehr gut zu diesem Thema ;-)

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  3. Hier traut man sich ja kaum, sich einzumischen. Aber auch als Nicht-Dresdnerin und in Unkenntnis der Band oder anderer genannter Personen möchte ich sagen: ein wirklich ansprechender Artikel, bei dem man merken kann, wie wichtig er dir ist. Sehr schön! :)

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    1. Liebe Anne, du übertreibst wieder mal ein bißchen. Klar wichtig ist die Madonna schon. Aber als Artikel ist der Beitrag doch wie viele andere auch...

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