Seit dem 15. August ist sie nun bekannt - die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017: 20 Titel. Da lohnt es sich doch sicher, mal einen Blick zu riskieren:
Eigentlich sollte es mich nicht überraschen, dass ich keinen einzigen Titel davon kenne oder bisher auch nur davon gehört habe. Doch halt, zu 'Katie' von Christine Wunnicke habe ich vor einiger Zeit einmal eine lobende Rezension gelesen. Aber sonst? Natürlich erscheinen manche Titel erst noch, da kann man sie auch noch gar nicht kennen. Aber selbst viele der Autoren sowie einige der Verlage sind für mich vollkommen neu.
Die Unkenntnis hält mich jedoch nicht davon ab, neugierig zu bleiben. Und so bleibe ich dem Vorhaben treu, das ich bereits seit ein paar Jahren pflege, und werde einige der genannten Titel lesen. In diesem Jahr fällt auf, dass zwar wieder deutlich mehr Autoren als Autorinnen auf der Liste stehen (Verhältnis etwa 2:1), dass aber diesmal nicht nur die bekannten Namen, die 'alten Hasen', mit von der Partie sind, sondern auch zahlreiche eher unbekannte Autoren, die Überraschungen. Die interessieren mich jetzt mal in erster Line. Vorgenommen habe ich mir daher bisher:
Was macht das Glück einer Familie aus? Wenn es - neben vielen
Komponenten wie Gesundheit, sicherem Einkommen und dergleichen -
gemeinsame Erinnerungen sind, die Zusammenhalt ermöglichen, so denkt
Lucy an einem Dezembertag in Berlin an keine glückliche Familie. Ihr Bruder Simon ist verschwunden. Das Nachsinnen über ihn führt sie zu
einem früheren Wintertag ins Haus der Großeltern in Hamburg, an dem
etwas geschah, das den Kindern verschwiegen wurde. Dieses Schweigen
prägte nicht nur die weitere Zukunft, sondern reicht auch in die
Generation der Großeltern und Urgroßeltern zurück, welche sich in
vielfältig Ungesagtes verstrickten. Von Deutschland über Österreich,
Italien und Osteuropa wird das Netz gespannt, das die Figuren mit ihren
Lebensgeschichten knüpfen, verlieren, wieder aufnehmen - ein Ringen um
die Wahrheiten, die in der Vergangenheit liegen, und das Annehmen der
Herausforderungen, welche die Gegenwart bereithält. Schnee und Stein sind in diesem Roman die Materialien, an denen Lucy und
ihre Familie scheitern oder wachsen, an denen sie dem Bedrohlichen eine
Form abzuringen, dem Zerstörerischen ein „Trotz allem” entgegenzusetzen
versuchen.
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Eines Nachts verwandelt sich Hilma Honik in einen Werwolf und tötet
ihren Mann. Von nun an sind ihre beiden Kinder auf sich selbst gestellt:
immer in der Angst, die Bestialität liege in der Familie und könne auch
von ihnen Besitz ergreifen. Während sich Iselin dafür entscheidet, in
ihrer Heimatstadt Bergen mit ihren Mitbewohnerinnen die Terrorzelle
"Mädchen im System" zu gründen, bereist Edvard die Ränder der
Sowjetunion auf seinem Weg nach Afghanistan. Es beginnt eine
fantastische Sinnsuche durch das 20. Jahrhundert und die Unwägbarkeiten
menschlichen Verhaltens. In seinem zweiten Roman zeichnet Jakob Nolte
einen schwarzen Regenbogen des Horrors über die Welt und erweist sich
dabei als detailverliebter Nihilist und Meister des Wahnwitzes.
► HIER geht es zur Rezension vom 05.09.2017
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Vev ist ein Scheidungskind, ihre Familie ist größer, als sie es schon
einmal war. Da ist die Mutter, Sonja, die auch mithilfe von Drogen nicht
recht über die Scheidung hinwegkommt, und da ist ihr Neuer, den alle
nur The Dude nennen, einer, der die Dinge in die Hand nimmt und aufräumt
in Sonjas Leben. Und da ist Milan, Vevs Vater, der zu Natalie und ihren
beiden Töchtern zieht, aber auch in seiner neuen Familie nicht den
richtigen Platz findet. Sie alle gehören irgendwie zusammen, weil sie
nicht voneinander loskommen. Und Vev? Und die anderen Kinder? Die Kinder
lernen schnell, wie das Spiel läuft, und spielen es bald besser als die
Erwachsenen. Es sind skandalös alltägliche Verhältnisse, die Monika Helfer in den
Blick nimmt. Sie geht nahe heran an die Menschen, die darin leben, die
mit sich und den anderen zurechtzukommen versuchen. Ihr Blick ist
entlarvend, aber auch voller Empathie, schonungslos, aber immer im
Dienst der Aufrichtigkeit. Und was aus größerer Entfernung wie eine
Familie aussieht, ist bei näherer Betrachtung eben oft nicht mehr als
ein fein austariertes System von Eigeninteressen.
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Vielleicht liegt es am Nebel. Davon jedenfalls gibt es in London auch um
1870 herum genug, und wer weiß, vielleicht trübt er der Stadt
kollektiv die Sinne. Kaum einer, der nicht dem Medium seiner Wahl
vertraut, um in schummrigen Séancen mit dem Jenseits zu parlieren.
Florence Cook ist das It-Girl der Branche – streng verschnürt im Schrank
bringt sie die aufregendste aller Erscheinungen zutage: Katie, 200
Jahre jung und in gleißendes Weiß gewandet, früher Piratentochter, heute
eine unruhige Seele auf der Suche nach Erlösung. Oder …? Ein Fall für
Sir William Crookes, der Florence (und Katie) nach den Regeln der
damaligen Kunst unter die Lupe nimmt – nur um am Ende erschöpft zu
konstatieren, dass die Wissenschaft im Grunde auch nur ein Spuk ist.
Eine herrlich übersinnliche Geschichte, und das Beste: Es ist alles
wahr. Wirklich.
► HIER geht es zur Rezension vom 26.08.2017
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Für mich schon ein recht ambitioniertes Vorhaben. Und wie ich mich kenne, wird keiner der gewählten Titel letztlich den Deutschen Buchpreis erhalten. Aber vielleicht erlebe ich ja auch eine Überraschung - wer weiß. Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf die Bücher und freue mich schon auf die Lektüre!
Wie hat Dille von den Kirschkernspuckern gesagt? "So viele Bücher - so wenig Zeit."
AntwortenLöschenDas stimmt leider. Aber andererseits: so bleibt man neugierig, und es geht nienieniemals der Lesestoff aus... ☺
LöschenDas erste Buch ist nun gelesen und für gut befunden: Katie von Christine Wunnicke. Ich habe mich beim Lesen schon lange nicht mehr so amüsiert! Die Rezension hierzu erscheint bald hier im Blog.
AntwortenLöschenDie Rezension ist nun hier im Text verlinkt...
LöschenAuch das zweite Buch ist gelesen und war ebenfalls eine Überraschung - für mich allerdings keine positive: Schreckliche Gewalten von Jakob Nolte. Für mich bestenfalls schräg - in jedem Fall aber eine Zumutung! Auch diese Rezension ist nun oben im Text verlinkt...
AntwortenLöschenPlanungen sind so eine Sache... :)) Zwei der ausgewählten Bücher habe ich bislang immer noch nicht gelesen, dafür aber drei andere:
AntwortenLöschen- Das Floß der Medusa von Franzobel (4 Sterne): Kein bequemes Buch, sondern ein Roman, der seinem Leser viel abverlangt - auch wenn Franzobel zwischendurch die Zügel ein wenig lockerer lässt und den abgründigen Ernst mit tiefschwarzem Humor, Zynismus und wohlplatzierten Überschriften seiner Kapitel auflockert. Anstrengend, ja, aber lesenswert!
- Außer sich von Sasha Marianna Salzmann (3 Sterne): Auch wenn zu spüren ist, mit wieviel Engagement und Herzblut die Autorin ihr Erstlingswerk geschrieben hat, wie viel Persönliches auch wohl dort eingeflossen ist, kann ich in der Summe einfach nicht mehr Sterne vergeben, was mir sehr leid tut. Aber neben der Faszination hinsichtlich der Gestaltung des Romans, seiner Bildhaftigkeit und der existentiellen Fragen, die hier gestellt werden, gibt es eben das persönliche Gefühl eines Zuviels und einer phasenweise Unerträglichkeit. Niemand bedauert das mehr als ich.
- Walter Nowak bleibt liegen von Julia Wolf (4 Sterne): Für mich ist dieser Roman von Julia Wolf zurecht auf der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Die Erzählung will nicht gefallen, sie ist sperrig wie ihr Hauptcharakter, sie fordert. Und doch ist der Roman mit seinem außergewöhnlichen Schreibstil und der reinen Aneinanderreihung von Gedanken etwas Besonderes, Originelles. Sicher nichts für jedermann, aber mir hat es wider Erwarten richtig gut gefallen.