Samstag, 23. April 2016

Grenz, W., Lehmann, J., Keßler, S.: Schiffbruch - Das Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik


Spätestens seit den Unglücken vor Lampedusa im Herbst 2013, bei denen über sechshundert Flüchtlinge starben, ist klar: Die europäische Flüchtlingspolitik versagt. Dabei haben sich die Regierungen der Europäischen Union eigentlich darauf geeinigt, ein gemeinsames Asylsystem zu schaffen. Doch während die europäischen Binnengrenzen fallen, werden die Außengrenzen undurchlässig. Wer es trotzdem bis nach Europa schafft, den erwarten oft ein mangelhaftes Asylverfahren und unzumutbare Lebensbedingungen - auch in Deutschland. Die Asylexperten Wolfgang Grenz, Julian Lehmann und Stefan Keßler machen deutlich: Europa betreibt eine fehlgeleitete Flüchtlingspolitik, die das Leben und die Rechte der Flüchtlinge aufs Spiel setzt.

(Klappentext Verlagsgruppe Droemer Knaur)


  • Taschenbuch: 208 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (4. Mai 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426787458
  • ISBN-13: 978-3426787458
















 IT TAKES COURAGE TO BE A REFUGEE...


Flüchtlinge auf dem Mittelmeer


Als Flüchtling braucht man Mut. Schließlich verlässt man das, was man als Heimat empfunden und angesehen hat, seine Familie, seine ganze Existenz, und macht sich auf den Weg ins Ungewisse. Doch ist es selten der Einzelne, der im Fokus steht, wenn es um die Frage der Flüchtlingspolitik geht. Die Mengen sind es, die bewegen, die Fragezeichen entstehen lassen, Sorgen und Ängste, bisweilen sogar Hass und Ablehnung.


"Europa wird sich auf viele weitere Jahre einstellen müssen, in denen die Menschen auf den 'alten Kontinent' fliehen - zu Land, zu Luft, zu Wasser. Nicht jedes Bootsunglück wir automatisch Beweis einer gescheiterten Flüchtlingspolitik sein. Aber jeder Tote im Mittelmeer ist ein Beweis, dass wir besser werden müssen."


Es sind die Katastrophenmeldungen von Ertrunkenen im Mittelmeer, die aufhorchen lassen, zuletzt vor einigen Tagen, wo gleich bis zu 500 Flüchtlinge bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen sein sollen. Unvergessen das Bild des syrischen Flüchtlingskindes, das leblos an einem türkischen Strand liegt. Für Medien sowie für viele Nutzer in den sozialen Netzwerken ist es zum Sinnbild der Flüchtlingskrise geworden.

Mehr Flüchtlinge, mehr Abwehr - so könnte man die Reaktion Europas wohl bezeichnen, und auch wenn Deutschland mehr Flüchtlinge aufnimmt als viele andere europäische Staaten, begegnet diesen Menschen neben viel Hilfsbereitschaft auch eine Unzahl an bürokratischen Hürden sowie auch viel Hass und Fremdenfeindlichkeit. Parteien, die das Thema für ihren Wahlkampf nutzen und Medien, die gezielt Informationen und Parolen streuen - wer soll da noch durchblicken? Als ich auf dieses Buch stieß, griff ich zu. Ein Sachbuch zu dieser komplexen Thematik - was kann es Besseres geben, um sich über all die damit verbundenen Zusammenhänge zu informieren?


"Wer irrgeulär die Grenze zur EU übertritt, will fast immer Asyl beantragen. Aber nicht jeder, der Asyl beantragt, hat auch irregulär die Grenze übertreten. Und vor allem: Nicht jeder, der Asyl beantragen will, erhält Gelegenheit, es auch zu tun. Nicht jeder, der es beantragt, bekommt es. Und nicht jeder, der es auf dem Papier bekommt, bekommt es auch in Wirklichkeit. Klingt kompliziert? Ist es auch. Wer Europa erreicht hat, lernt schnell, was komplexe Bürokratie bedeutet."


Und dieses Buch informiert tatsächlich. Keine leichte Lektüre, wie man sich wohl vorstellen kann - und 127 Lesezeichen verdeutlichen vielleicht, wie viele wichtige und bemerkenswerte Stellen ich hier markiert habe. Zu viel, um hier im einzelnen darauf einzugehen - und wie sollte ich mir auch anmaßen, an dieser Stelle in wenigen Sätzen das wiederzugeben, was drei Autoren sachlich fundiert auf über 200 Seiten zusammengetragen haben?

Doch wie kann die EU nun ihrem eigenen Anspruch gerecht werden, ein Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts zu sein  gegenüber schutzbedürftigen Flüchtlingen und Asylsuchenden? Was kann und muss sich auch in Deutschland ändern? Das vorliegende Buch skizziert Antworten auf diese Fragen. Es ist dabei nicht nur ein eindringliches Plädoyer für eine "'menschenrechtskonforme, gute und realistische Flüchtlingspolitik"', sondern liefert in sechs Kapiteln eine prägnante und gut lesbare Analyse der Entstehung und Herausforderungen des Flüchtlingsschutzes auf internationaler, europäischer und nationaler Ebene.


"Je nachdem, in welchem EU-Land sich ein Flüchtling befindet, können sich die Dinge für ihn sehr unterschiedlich entwickeln, kann die Unterbringung schlechter oder besser sein und sogar die Entscheidung über das Asylgesuch unterschiedlich ausfallen. Eine Asyl-Lotterie beginnt."


Bei aller Sachlichkeit ist das Buch auch parteiisch - und das ist auch gut so. Ohne die Grenzen des Machbaren aus den Augen zu verlieren, stellen die Autoren die Widersprüchlickeiten und Schwierigkeiten in der Gesetzgebung und der Handhabung der europäischen bzw. deutschen Flüchtlingspolitik dar, plädieren dringend für eine Verbesserung des Flüchtlingsschutzes und räumen mit Vorurteilen auf. Abschließend präsentieren sie Vorschläge, die zur Entspannung der Flüchtlingskrise beitragen könnten und verknüpfen auf diese Art eine deutliche und fachlich untermauerte Anklage gegen die derzeitige Flüchtlingspolitik mit der Möglichkeit eines Auswegs.

Dieses engagierte Plädoyer für die Abkehr von einer fehlgeleiteten Flüchtlingspolitik in Europa verdient in meinen Augen viele Leser. Wissen baut Ängste ab und sorgt für einen Überblick über die historischen und internationalen Zusammenhänge. Und eines ist das Buch ganz gewiss: ein deutliches Statement für die Mitmenschlichkeit.

Unbedingt empfehlenswert!


© Parden















Die Verlagsgruppe Droemer Knaur schreibt über die Autoren:



Wolfgang Grenz war von 1979 bis 2013 hauptamtlich für Amnesty International tätig, zuletzt als Generalsekretär von Amnesty International Deutschland. Er ist Gründungsmitglied von Pro Asyl und Vorstandsmitglied der UNO-Flüchtlingshilfe. Quelle




Julian Lehmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Global Public Policy Institute (GPPi), einem Thinktank in Berlin. Zuvor war er unter anderem für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen tätig. Quelle



Stefan Keßler arbeitet als Senior Policy and Advocacy Officer beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst Europa in Brüssel. Über mehrere Jahre hinweg war er Vorstandsmitglied von Amnesty International Deutschland. Quelle


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