Montag, 2. Februar 2015

Rausch, Roman: Die letzte Jüdin von Würzburg


Spionin am Löwenhof

Straßburg 1349: Als eine der wenigen aus der jüdischen Gemeinde entkommt die junge Jaelle lebend einem Pest-Pogrom. In Männerkleidern rettet sie sich nach Würzburg, wo sie den Berater des Bischofs kennenlernt, den mächtigen Michael de Leone. Der findet Gefallen an dem jungen „Johan“ und nimmt ihn in seine Dienste.
Rabbi Moshe, Haupt der jüdischen Gemeinde, wittert eine Chance. Mit Jaelle hätte er Augen und Ohren an den Entscheidungen des Bischofshofs. Er ahnt: Dort wird ein ungeheurer Komplott gegen die Juden geschmiedet. Widerstrebend lässt sich Jaelle auf den gefährlichen Auftrag ein, eigentlich hat sie anderes im Sinn. In Würzburg sollen ihre letzten Verwandten leben. Sie macht sich auf die Suche. Und deckt ein sorgsam gehütetes Geheimnis auf.


Ein bewegender Schicksalsroman über den Mord an den Würzburger Juden.


  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: rororo; Auflage: 4 (2. Mai 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499268035
  • ISBN-13: 978-3499268038


                    und


  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 1928 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 512 Seiten
  • Verlag: Rowohlt E-Book; Auflage: 1 (2. Mai 2014)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00H07CCP2








 DIE JUDEN IM MITTELALTER...


Würzburg 1349

Jaelle ist ein jüdisches Mädchen aus gutbürgerlichem Haus, doch für sie und alle anderen ganz plötzlich richtet sich die christliche Bevölkerung Strassburgs gegen die Juden. Verfolgt, getötet, verbrannt - und niemand hatte die Anzeichen bemerkt. Mehr tot als lebendig kann sich Jaelle als einzige retten, trauert um ihren Vater, die Heimat, die sie nun für immer verloren hat. Doch sie hat ein Ziel, das ihr Vater ihr im letzten Moment noch zuraunen konnte: Würzburg. Dort seien die Juden sicher - und dort lebten ihre letzten Verwandten, die sie sicher unter ihre Fittiche nehmen würden.
Doch die Ahnenrollen sind im Feuer verloren gegangen, und beim Unterricht durch ihren Vater hat Jaelle nie wirklich zugehört - wer also sind ihre Verwandten und wo kann sie sie finden? Bei ihrer Suche trifft sie nicht nur auf Rabbi Moshe und seine liebenswerte Frau Miriam, die Jaelle von Anfang an unterstützen, sondern auch auf den Berater des Bischofs, Michael de Leone. Jaelle aus Selbstschutz in Männerkleidern, wird als Johan am Hofe Leones aufgenommen: als Schreiber soll sie wichtige Dokumente und Bücher kopieren und festhalten. Rabbi Moshe sieht hier seine Chance gekommen, immer ein Ohr an der Entwicklung in der Stadt zu haben: Jaelle alias Johan soll die jüdische Gemeinde auf dem Laufenden halten, damit sie vor ähnlichen Ereignissen wie in Strassburg gefeit sind...

Tjaaaa - historische Romane und ich, naja. Dies erst einmal vorweg. Doch will ich mich bemühen, hier eine differenzierte Rezension zu schreiben.

Der Schreibstil Roman Rauschs ist unbestritten flüssig, der Text gut zu lesen. Und der Anfang des Buches ist durchaus spannend, da es nahezu ansatzlos beginnt mit der Verfolgung der Juden in Strassburg. Die Anlage der Charaktere fand ich anfangs wirklich interessant: der linien- und prinzipientreue Michael de Leone, Rabbi Moshe als Vaterersatz für Jaelle, der jüdische Arzt David, zu dem Jaelle sich schnell hingezogen fühlt, und schließlich Jaelle selbst, die sich als Johan selbst verleugnen muss und ständig zwischen allen Stühlen steht, sich dabei aber zu einer starken Persönlichkeit entwickelt.

Aber schnell stellte sich bei mir nach fulminantem Anfang auch eine Ermüdung ein. Zäh flossen manche Kapitel dahin, vor allem wenn es wieder einmal um die Ahnenforschung Jaelles ging.
Auch das Bemühen des Autors, seine unbestritten ausführlichen und detailgetreuen Recherchen zu präsentieren, empfand ich zeitweise als ermüdend. Zum zigsten Mal zu lesen, dass die Juden für die Pest und andere Unglücke verantwortlich gemacht wurden und als 'Brunnenvergifter' galten oder zum xten Mal über die Tatsache informiert zu werden, dass die Juden u.a. Geldgeschäfte betrieben und viele Hochrangige bei ihnen derart verschuldet waren, dass es undenkbar schien, dass sie die Schulden jemals zurückzahlen könnten - und deshalb nicht unglücklich wären, wenn die Juden von der Bildfläche verschwänden, das bot schließlich kaum noch Überraschendes. Nicht besonders gelungen fand ich dabei auch die Präsentation mehrseitiger Textblöcke im Anschluss an einzelne Kapitel, die über die wahren Hintergründe der Juden Würzburgs im Mittelalter berichteten. Das störte meinen Lesefluss doch empfindlich. M.E. hätten diese Textblöcke im sowieso schon ausführlichen Anhang des Buches einen deutlich besseren Platz gefunden...

Den Schluss fand ich - wohl im Gegensatz zu vielen meiner Mitleserinnen der Leserunde - wirklich enttäuschend. Natürlich zog die Spannung in den letzten Kapiteln an, aber trotzdem wirkte es auf mich, als sei beim Autor die Luft irgendwie raus. Die vielversprechenden Handlungsstränge, die sich im Verlauf des Buches skizzierten, zerplatzten größtenteils wie eine Seifenblase, spielten gar keine Rolle mehr. Natürlich kann man den Standpunkt vertreten, dass angesichts des großen Grauens der Verfolgung der Juden alles andere seine Bedeutung verliert, aber auf mich wirkte das lieb- und einfallslos. Abgesehen von den fallengelassenen Handlungssträngen blieben am Ende auch noch einige Fragen offen, was mich eher schulterzuckend das Buch schließen ließ. Schade. Der Anfang hatte doch einiges mehr an Potential versprochen.

Insgesamt ein Buch, das sich flüssig lesen lässt und das sich mit einem interessanten historischen Thema befasst, das für mich aber letztlich nicht hielt, was ich mir davon versprach. Schade.


© Parden






Rausch wurde 1961 im unterfränkischen Gerolzhofen geboren und wuchs in Wiesentheid-Reupelsdorf auf. Er studierte Betriebswirtschaft mit den Schwerpunkten Marketing und Medienwirtschaft, arbeitete lange Jahre im Medienbereich und als Journalist. 2002 gründete er gemeinsam mit Blanka Stipetic die Schreibakademie storials.com. Für die sogenannte Kilian-Trilogie erhielt er 2002 auf der Leipziger Buchmesse den Books on Demand-Autoren Award. Seit 2003 erscheinen seine Bücher im Rowohlt Verlag. Zu seinem bisherigen Hauptwerk zählen zwei voneinander unabhängige Reihen. Nach vielen Jahren in Würzburg, der Heimat seiner Krimi-Figuren Kilian und Heinlein, lebt Rausch heute in Berlin.

 Quelle

Kommentare:

  1. Ich hätte da noch ein paar historische Romane vorrätig ;)

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  2. Ich finde immer, dass historische Romane gerade bei vorhandenen Hintergrundinformationen wichtig und interessant sind. Immerhin lesen das auch viele, die eben nicht so bewandert sind, oder sich eher mit anderen, auch historischen Themen beschäftigen.
    Wenn ich bei anderen Blogs manchmal lese, dass zu viele geschichtliche Fakten in einem historischen Roman stehen und damit von der Handlung ablenken, kann ich eigentlich nur den Kopf schütteln. Eine Liebesgeschichte vor 300 Jahren ohne Hintergrund hätte auch gleich in der Gegenwart geschrieben werden können.
    Da die liebe Anne mich kennt, wird sie diese zugegebenermaßen harsche Kritik verstehen. Oder?

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    1. Ach, lieber Uwe, da m.E. keines Deiner Argumente etwas mit meiner Rezension zu tun hat - denn ich habe mich wohl nicht über 'zu viele' geschichtliche Fakten beschwert, sondern über ein ständiges Wiederkäuen immer derselben und über die wiederkehrenden Einschübe von Informations-Kästen zum geschichtlichen Hintergrund, die m.E. geschickter im Anhang platziert worden wären - warum sollte ich da böse sein? Lernen beim Lesen, dagegen habe ich sicher nichts - es geht um die Art und Weise, und zigfache Wiederholungen ermüden einfach auf die Dauer.

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