Sonntag, 27. Juli 2014

Heine, Heinrich: Deutschland. Ein Wintermärchen


Heine war davon überzeugt, daß er mit seinem "Werkchen" Deutschland. Ein Wintermärchen etwas verfaßt hatte, das "mehr Furore machen wird, als die populärste Broschüre, und das dennoch den bleibenden Wert einer klassischen Dichtung haben wird". Recht hatte er. Mit seinem Versepos sollte er zwar in kürzester Zeit die gesamte empörte Presse gegen sich haben, aber auch heute noch ist es aus unseren Bücherschränken nicht wegzudenken.
Was hier zunächst als genauer Reisebericht über eine Reise daherkommt, die Heine im Jahre 1843 von Paris über Aachen und Köln nach Hamburg führte, entpuppt sich auf den zweiten Blick als eine bissige politische Satire. Heine prangert u.a. die politische Rückständigkeit an, die das in viele Kleinstaaten zersplitterte Deutschland kennzeichnete; die drastischen Zensurpraktiken, mit denen die freie Meinungsäußerung verhindert wurde; sowie die Willkür des Polizeistaats Preußen unter der Herrschaft von Friedrich Wilhelm IV.
Es verwunderte niemanden, daß Heines Werk sofort nach dem Erscheinen verboten wurde. Was ihm als besonders negativ vorgeworfen wurde, war nicht nur der brisante Inhalt, sondern vielmehr die Verbindung von Form und Inhalt. Der Dichter hatte hier nämlich eine Variation der Vagantenstrophe verwendet, durch die die Strophen eine besondere Leichtigkeit erhielten und die zusammen mit der saloppen Sprache den Kritikern und Bewahrern der politischen Zustände geradezu wie schallendes Hohngelächter anmuteten.


  • Taschenbuch
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (1000)
  • ASIN: B00HLR1OJG






Reisebilder und kritische Dichtung...




Auszug aus dem Werk Heines


Da ich Heinrich Heines Klassiker "Deutschland. Ein Wintermärchen" noch gar nicht kannte, aber bereits in Erfahrung gebracht hatte, dass es zum Verständnis des Werkes gut wäre, über bestimmte historische, politische, religiöse, mythologische und literarische Kenntnisse der damaligen Zeit zu verfügen, beschloss ich, mir nicht nur den Text als solchen zu besorgen, sondern gleich ein Buch, in dem auch Erläuterungen und Kommentare dazu abgedruckt sind.
Ich entschied mich letztlich für das Werk aus der Reihe "Suhrkamp BasisBibliothek".

Nach der Lektüre des Buches nun die Frage: wie kann man es bewerten? Wonach sich dabei richten?
Bei den Kommentaren war mir wichtig, dass sie leicht verständlich, strukturiert und informativ gleichzeitig waren. Dabei nicht zu lang, also nicht ermüdend. Mir hat das in diesem Buch wirklich gut gefallen. Kurz und prägnant waren die Erläuterungen sowie äußerst hilfreich, um das Werk Heines in einen angemessenen Gesamtrahmen einordnen zu können.

Wie aber kann man nun einen "Klassiker" bewerten? Die Form - es handelt sich bei dem Werk um ein Versepos - ist sicher nicht mehr zeitgemäß, genauso wenig die Sprache. Erstmals erschien "Deutschland. Ein Wintermärchen" im Jahr 1844.
Doch obwohl das Versepos für mich teilweise anstrengend zu lesen war, gerade auch durch die unterbrechenden Texterläuterungen, ohne die ein Verständnis jedoch erschwert oder sogar unmöglich wäre, fand ich es sehr beeindruckend. Mit dem nun vorhandenen Hintergrundwissen um die damaligen politischen und gesellschaftlichen Umsände ist das Werk m.E. nicht hoch genug einzuschätzen...

Nach 12 Jahren Emigrantentums in Paris erfasst Heine das Heimweh, und er tritt eine Reise quer durch Deutschland an bis in seine Heimatstadt Hamburg. Beim Wintermärchen handelt es sich jedoch nicht nur um in Verse gebrachte Reisebilder.
Das Werk ist vielmehr in erster Linie eine Satire auf die Missstände der damaligen deutschen Gegenwart, eine kritische Dichtung, die den vorherrschenden politischen Zuständen sozusagen den Spiegel vorhielt. Dabei war es nicht einfach, das Werk an der scharfen Zensur vorbei so zu erhalten, dass es seinen Charakter nicht verlor...

Auch wenn Heine in einem anderen Jahrhundert (-tausend) lebte als wir heute, war es für mich tatsächlich ein Vergnügen, die Verse zu lesen. An manchen Stellen musste ich richtig schmunzeln, weil ich mir die Reaktionen der politischen wie kirchlichen Obrigkeit auf derartige "Frechheiten" gut vorstellen konnte.

Insgesamt komme ich trotz anstrengender Lektüre also zu einer sehr guten Bewertung - sowie zu der dämmernden Erkenntnis, dass Klassiker wohl nicht umsonst Klassiker geworden sind...


© Parden








Christian Johann Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 als Harry Heine in Düsseldorf, Herzogtum Berg; † 17. Februar 1856 in Paris) war einer der bedeutendsten deutschen Dichter, Schriftsteller und Journalisten des 19. Jahrhunderts.
Heine gilt als „letzter Dichter der Romantik“ und zugleich als deren Überwinder. Er machte die Alltagssprache lyrikfähig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Literatur eine zuvor nicht gekannte elegante Leichtigkeit. Die Werke kaum eines anderen Dichters deutscher Sprache wurden bis heute so häufig übersetzt und vertont. Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war Heine ebenso bewundert wie gefürchtet. Wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Einstellung wurde er immer wieder angefeindet und ausgegrenzt. Diese Außenseiterrolle prägte sein Leben, sein Werk und dessen wechselvolle Rezeptionsgeschichte.


Quelle Text und Bild

Kommentare:

  1. Nanu, ich dachte, du hast diesen Beitrag schon vor längerer Zeit verfasst, aber vielleicht war es ja auch in einer der Communities. Sehr schön, es freut mich, das dir das gefallen hat.

    Ich wundere imich trotzdem immer, wenn dieses politische Gedicht als "schwere Kost" angesehen wird.
    ;)

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    1. Dich als historisch Bewanderten mag das verwundern, aber wie du wohl weißt, hat nicht jeder die Geschichte als Steckenpferd.

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  2. Caput X
    Dicht hinter Hagen ward es Nacht
    Und ich fühlte in den Gedärmen
    Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst
    Zu Unna, im Wirtshaus erwärmen.

    Ein hübsches Mädchen fand ich dort,
    Die schenkte mir freundlich den Punsch ein;
    Wie gelbe Seide das Lockenhaar,
    Die Augen sandt wie Mondschein...

    Das (Gast)Haus, in dem Heine damals nächtigte und wo er dieses Mädchen traf, steht noch heute am Marktplatz meiner Heimatstadt Unna. Ein Schild an der Fassade erinnert an Heine´s Besuch in Unna.

    Über die Westfalen heißt es im Wintermärchen weiter:

    Sie fechten gut, sie trinken gut,
    Und wenn sie die Hand dir reichen,
    Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie;
    Sind sentimentale Eichen.

    Heine ist nicht nur deswegen einer meiner Lieblingsdichter.
    Sehr schön auch ist seine Gedichtsammlung "Das Buch der Lieder".

    Schöne Rezension Anne!

    Der Tinsoldier

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    1. Vor allem ist das eine sehr schöne Reaktion auf eine gute Rezension, lieber TinSoldier...

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    2. Vielen Dank, lieber Rudi - eine schöne und passende Antwort, wie ich finde... :)

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