Donnerstag, 2. April 2015

Oz, Amos: Judas

Verrat & Liebe, Liebe & Verrat

Im Jahr 2009 besuchte ich im Rahmen einer Studienreise Israel. Ich war zwar vorher schon einmal dort, aber das war ein reiner Touristentrip und eintägig. Seit der Studienreise lässt mich das Thema nicht mehr los. Daher gibt es hier auf dem Blog auch eine spezielle Palästina-Seite, die ich bewusst so genannt habe. Israel ist „nur“ ein Teil davon.

Auf der Buchmesse in Leipzig hatte ich vor wenigen Wochen das Glück, dem israelischen Schriftsteller Amos OZ, der von der ARD interviewt wurde, zuzuhören. Darauf komme ich später noch einmal zurück. Arndt Stroscher, der „Chef“ von ASTROLIBRIUM, übergab mir des Abends dann ein Exemplar von JUDAS. Das Buch erhielt den Buchmessepreis und nicht nur das, die Übersetzerin Mirjam Pressler bekam ihn auch. Das sind schon ein Novum und ein Grund, sich mit dem Schriftsteller und seinem Buch näher zu befassen.

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Interview ARD
zum Interview klicken (Foto © URDD)

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Schmuel Asch, ein israelischer Student an der Hebräischen Universität meint sein Studium abbrechen zu müssen, weil seine Eltern auf Grund von Firmenpleite dies nicht mehr unterstützen können. Außerdem hat seine Freundin ihn verlassen. Hinzukommt, dass Schmuel mit seinem Diplomthema nicht mehr weiter kommt, er arbeitet über Jesus aus der Sicht der Juden. Es ist das Jahr 1958 und Jerusalem ist geteilt. Schmuel sucht sich eine Arbeit und eine Bleibe, diese besteht ohne langes Suchen dann gleich in der Tätigkeit als „Betreuer“ eines alten intellektuellen Mannes nebst Logis und ziemlich spartanischer Verpflegung.

Eingestellt hat ihn Atalja Abrabanel, sie ist die Schwiegertochter des alten Gerschom Wald. Spröde, unnahbar und zwanzig Jahre älter als unser Student. Dessen Aufgabe besteht darin, dem Alten Gesellschaft zu leisten, Abend für Abend diskutieren sie über „Gott und die Welt“. Das passt zur bisherigen Beschäftigung unseres Helden, einen asthmatischen, intellektuellen nicht sehr sportlichen Typ, der allerdings eine immer mehr größere Neugier nach der Frau zeigt, welche mit der Zeit zu etwas „Zuwendung“ ihrerseits führt.

Das ist die eine Geschichte, die in JUDAS erzählt wird, die Geschichte einer Liebe zwischen einem jungen Studenten und einer erwachsenen Frau, eine Liebe deren Gegenseitigkeit eher keine Zukunft hat.

Schmuels Neugier zielt über Atalja aber noch auf einen anderen Umstand, denn er sucht nach der Beziehung zwischen dem alten Mann und der Frau, dass sie seine Schwiegertochter ist, wird ihm erst später offenbart. Ataljas Mann fiel im Unabhängigkeitskrieg. Ihr Vater, Scheathiel Abrabanel, der den Namen eines jüdischen Gelehrten und Politikers in portugisischen Diensten im 15./16. Jahrhundert trägt, arbeitete in der Jewish Agency und in der Zionistischen Weltorganisation, lehnte aber die Staatsgründung ab, wodurch er zum „Verräter“ wurde und sich zurückzog. Nach dem Tode seines Schwiegersohnes nahm er dessen Vater Wald bei sich auf.


Gethsemane: Wen eint die Kirche der Nationen?

Nun dreht sich die Geschichte um den Verrat. Um einen vermeintlichen Verrat. Den des JUDAS, der seinen Meister JESUS angeblich verriet und die Römer zur Kreuzigung überredete, dafür 30 Silberlinge von der Priesterkaste bekam, die er gar nicht nötig hatte. Warum sollte er im Garten Gethsemane den Nazarener verraten, durch den „Judaskuss“ bezeichnen, wo doch inzwischen jeder diesen Prediger kannte? War es ein Verrat an Eretz Israel, wenn Scheathiel Abrabanel, der viele palästinensische Araber seine Freunde nannte, die Staatsgründung ablehnte, weil er den Krieg voraus sah, der die Völker, Juden wie Araber, Jahrzehnte beschäftigen würde?

„Das Hauptübel liegt darin, dass die Unterdrückten insgeheim davon träumen, selbst zu Unterdrückern ihrer Unterdrücker zu werden.“ (Seite 249)





Das Buchthema ist kein religiöses, es ist ein politisches. Es geht um den „Verrat“ vor 2000 Jahren, für den die Christen alle Juden verantwortlich machten und so den Grundstein für den Antisemitismus insbesondere in Europa legten. Es ist gleichermaßen ein „Verrat“ des Scheathiel Abrabanel, der den dauerhaften und immer noch überaus aktuellen Konflikt in Palästina sah, und darum das große Ziel des Zionismus, eine Heimstatt für die Juden der Welt zu finden, zum Zeitpunkt als es möglich wurde, ablehnte, weil der „Verräter“ dies nicht auf Kosten eines anderen alteingesessenen Volkes erreichen wollte. „Noch ein Liliputstaat um den Preis eines ewigen Krieges:“ (Seite 246)

Seine Überzeugungen zu vertreten und zu begründen, unangenehme Meinungen zu äußeren, führen insbesondere in Zeiten kriegerischer Konflikte oder revolutionärer Perioden auch zu Isolierung und zum Vorwurf des Verrats.

„Wer bereit ist, sich zu verändern…, wer den Mut hat, sich zu verändern wird immer wieder von jenen als Verräter bezeichnet werden, die zu keiner Veränderung fähig sind und eine Heidenangst vor Veränderung haben, die Veränderung nicht verstehen und sie ablehnen.“ (Seite 273)

Zurück zur Liebesgeschichte. Gerschom Wald verliert noch einmal einen Sohn, als Schmuel auszieht. Die Zuneigung, die er Atalja zeigte, überträgt sich auch auf den alten weißhaarigen, teilweise gelähmten Alten und der gibt diese zurück. Doch Schmuel geht nicht als Verlierer aus dem Haus in Jerusalem weg. Er dürfte als ein anderer gehen, als der er kam.

„Durch seinen Tod [Micha Walds] bekam ich diesen Winter in seinem Haus geschenkt, im Schoß seines Vaters und seiner Frau. Er ist es, der mir diesen Winter geschenkt hat. Den Winter, den ich vergeudet habe. Obwohl ich dort Freiheit und Einsamkeit im Überfluss genoss.“ (Seite 329)

Es geht ihm wie dem Leser, der nach der letzten Seite des Buches nachdenklich und um vieles Wissen reicher ein bei aller Geschichte und Politik sehr gefühlvolles Buch aus der Hand legen wird.


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Es dauert eine Weile, bis der Leser zum Kern der Geschichte, also zum Thema JUDAS und Verrat vordringt. Zu Beginn wird der Geschichte des Schmuel Asch größerer Raum gegeben. Erst als Gerschom Wald und Schmuel miteinander ins Gespräch kommen, werden die Inhalte politischer.

Gleichermaßen nimmt die Spannung der Liebesgeschichte und der Geschichte um die Familie Wald / Abrabanel und der Darstellung des Judas-Verrates zu. Die Gegenüberstellung der Geschichte um Jesus / Judas und der Staatsgründung Israels unter ständiger Hinweise auf die Rolle David Ben Gurions wird ebenso immer detaillierter. Oz gelingt es dabei den Spannungsbogen bis zum Schluss weiter zu steigern. Gleichermaßen will der Leser nun erfahren wie es mit Schmuel & Atalja, Schmuel & Wald, mit Judas & Abrabanel weiter geht. Die Tragödie des Scheathiel Abrabanel und die des Judas wirken wie der Ausgangspunkt für jahrhundertelange (Juden / Christen) und jahrzehntelange (Juden / Araber) Kriege, Unterdrückung, für Kreuzzüge verschiedenster Art.

Der Roman ist damit ein Buch für den Frieden. Aktuell unter den Völkern in Palästina und überhaupt für einen Frieden unter den Religionen.


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Diverse Israel - Literatur

Inzwischen zeigt sich mir, dass in der Literatur in und über Israel sich kritische Stimmen mehren. Für mich ist dabei vor allem feststellbar, dass ein renommierter und ebenso in Israel kritisierter Autor, Tom Segev, in seinen Sachbüchern wie DIE ERSTEN ISRAELIS, ähnliche Geschehnisse berichtet. Das Bild vom Tod Micha Walds war ein Wiedererkennen von Szenen aus dem Roman HADDSCH von Leon Uris. Schmuel Asch berichtet von den Kämpfen in und um Haifa, diese Bilder findet man heute in dem Vierteiler GELOBTES LAND von Peter Kosminsky. Dieser Film zeigt eine Israelkritik, die man sich in Deutschland zumindest von offizieller Seite kaum vorstellen kann. „Die Sicherheit des Staates Israel ist deutsche Staatsräson…“ hat Bundeskanzlerin Merkel im Jahr 2012 vor der Knesseth erklärt. Die Durchsetzung eines solchen Leitsatzes erscheint nicht nur dem Bundespräsidenten schwierig. Vor allem aber wird der Staat Israel daran arbeiten müssen, den Konflikt aufzulösen, die Art und Weise dürfte einen Politikwechsel erfordern. Amos Oz hat meines Erachtens gezeigt, warum das so ist.



Trailer Gelobtes Land



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© URDD
Amos Oz wurde in Israel als Verräter bezeichnet. Bis zu diesem Buch war es ein langer Weg, der auch eine langsame Zuwendung, eine Veränderung in Bezug auf Deutschland und die Deutschen aufwies. Dies erklärt der Schriftsteller, der mit Büchern auch Brücken zwischen Kulturen und Völkern schlagen will ganz hervorragen in dem genannten Interview.

Oz wurde 1939 in Jerusalem geboren und wohnt heute in Arad, in der Negev. Seinen Großonkel, J. Klausner, einen großen zionistischen Gelehrten, zitiert er gelegentlich in seinem Roman. Oz, der selbst am Jom Kippur Krieg und am Sechs-Tage-Krieg (1967) teilnahm, ist ein konsequenter Befürworter der Zweistaatenlösung. Er ist Mitbegründer von Peace Now – Schalom Achschaw – deren Ziel „in einem gerechten Frieden und der historischen Versöhnung mit dem palästinensischen Volk besteht.“



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Es bleibt noch einmal einem Bloggerfreund aus Fürstenfeldbruck zu danken, denn Arndt "Astrolibrium" Stroscher war der Auffassung, dass ich dieses Buch zwingend lesen müsste und daher drückte er es mir auf der Leipziger Buchmesse in die Hand. Übrigens hat sein "Messepatenkind", Myrjam Pressler den Buchmessepreis für die Übersetzung erhalten, daher wird sie wohl einen großen Anteil daran haben, dass ich den Roman großartig finde.






Suhrkamp Verlag / Berlin 2015 / ISBN: 978-3-518-42479-7 / 331 Seiten / DNB
► Amos Oz in der DNB
► Amos Oz auf dem BLAUEN SOFA des ZDF
► Mirjam Pressler in der DNB

© KaratekaDD


 

Kommentare:

  1. Genau das hatte ich mir erhofft. Einen großen Artikel von dir mit so viel Liebe und Hintergrund. Es ist für dich geschrieben. Da bin ich mir sicher...

    Mich hat dieser Roman extrem beschäftigt, denn er berührt die alten Fragen der Menschheit und gerade am heutigen Karfreitag ist es für mich ein besonderes Buch.

    Es ist nicht nur der Tag der Kreuzigung von Jesus, es ist auch der Beginn der Verfolgung der Juden... und das vielleicht nur, weil ein Verräter gar keiner war - die Geschichte erzählt uns nicht immer die richtigen Geschichten.

    Meine Auseinandersetzung mit Amos Oz:

    https://astrolibrium.wordpress.com/2015/03/04/amos-oz-und-mirjam-pressler-hand-in-hand-fur-judas/

    Uwe, ich liebe deinen Artikel... und bin froh, dass dieses Buch genau zu dir wollte, sollte und musste.

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    1. Danke Arndt für diese Zeilen. Karfreitag. An sich ist das für mich ein Feiertag, den ich aus traditionellen Gründen auch als solchen genießen darf. Im Licht dieses Romans darf man aber auch mal in dieser Richtung denken, Wäre dieser Paulus nicht gewesen...

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  2. Ein beeindruckender Artikel zu einem offenbar besonderen Buch. Deine Zeilen machen mich neugierig, und ich bin sicher, dieses Buch sollte tatsächlich zu Dir...

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    1. Ich bin immer noch nicht sicher, ob das nun absolut DAS Buch für mich war.

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