... Litterae-Artesque trifft Professor Carsten Gansel
Literaturbegeisterte Mitmenschen stöbern in großen Buchläden und in kleinen, regionalen „Bücherlädchen“ nach Büchern. Manche Bücher findet man allerdings an unzugänglichen Stellen, für solche braucht man Bücherfinder.
Ältere Leser erinnern sich vielleicht an Heinrich Gerlachs „Die verratene Armee“, den Stalingrad-Roman aus dem Jahre 1957, erschienen in der Bundesrepublik. Dieser Roman sei eine „authentische Dokumentation, vergleichend und abwägend, abgerundet und glatter“ als das Original. Das Original? Das Original trägt den Titel „Durchbruch bei Stalingrad“ [1] , das Manuskript, wie auch das des Folgebandes „Odyssee in Rot“ wurde vor der Rückkehr aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft konfisziert.
Professionelle Forschungsobjekte führen dann zu außergewöhnlichen Funden. Professor Carsten Gansel ist ein Bücherfinder. Während eines Projekts zu deutscher Kriegsliteratur bekommt der Literaturwissenschaftler von einem Kollegen den Hinweis, dass der gerade in Moskauer Archiven arbeitet. Es ist November 2011. Carsten Gansel stellt Kontakte nach Moskau her und im Februar 2012 reist er nach Moskau, um im Zentralen Russischen Militärarchiv zu arbeiten. Er vermutet, dass dort die Urfassung von Heinrich Gerlachs Antikriegsroman zu finden sein muss. Die Minuten, als Carsten Gansel das Manuskript in den Händen hält, wird er nicht vergessen.
Freilich muss man sich in einem solchen Archiv bewegen und verständigen können. Carsten Gansel bringt dazu von Hause aus einiges mit. Geboren ist er 1955 in Güstrow wo er 1974 sein Abitur an der Erweiterten Oberschule „John Brinckman“ ablegte. Diese Schule muss ihm den Weg zum „Bücherfinder“ mitgegeben haben, Brinkmann war ein niederdeutscher Schriftsteller, der mit Fritz Reuter während der Revolution 1848 in Mecklenburg zusammenwirkte. An dieser Oberschule legte eine Generation zuvor auch Uwe Johnson sein Abitur ab.
Wenn man in Güstrow Germanistik, Slawistik und Pädagogik studiert und dann ein Forschungsstudium der germanistischen Literaturwissenschaft samt Promotion dranhängt, im Jahre 1989 die Habilitation ablegt, dann ist das die halbe Miete, die andere Hälfte folgt im September 1991: Gansel kann an der Universität Greifswald weiterforschen und er wird später Professor an der Universität Gießen werden. Voraussetzung die erfolgreiche Evaluation, die einen Nutzen für die akademische Arbeit erhoffen ließ. An der Justus-Liebig-Universität Gießen wird er über Jahrzehnte der einzige ostdeutsche Professor für deutsche Literatur an einer westdeutschen Einrichtung sein.
Im August 2026 erzählt Gansel von dieser Reise in die sowjetisch/russischen Archive, wir sitzen in den Räumen der Fritz-Reuter-Gesellschaft im Neuen Tor in Neubrandenburg, in der nunmehr auch die Mecklenburgische Literaturgesellschaft ihren Sitz hat. [2] Eine Suche in solchen Archiven geht nicht ab ohne russischen Wodka, als der Kontakt geknüpft war, findet er neben dem Kriegsromanen „Durchbruch bei Stalingrad“ auch Manuskripte des bekannten Kinderbuchautors Ottfried Preußler, der weltweit eine Auflage von über 50 Millionen Exemplaren aufweist. Gansel ist bis 2022 jährlich um die zweimal in Russland, und eine Reise führt ihn auch nach nach Engels, die ehemalige Hauptstadt der Republik der Wolgadeutschen. Hier forscht er zur Russlanddeutschen Literatur, u.a. zum Autor Gerhard Sawatzky. Auf dessen Roman war er früh gestoßen, und letztlich vertraut ihm Hugo Wormsbecher, einer der führenden Vertreter deutscher Nationalität in der Sowjetunion dessen Roman „Wir selbst“ an. [3] Der Roman war 1938 bereits gedruckt und wurde dann auf Befehl Stalins vernichtet. Die Urfassung hatte seine Frau über Jahrzehnte versteckt. In dem bedeutenden Epos geht es nicht zuletzt um die sowjetische Kollektivierung in den dreißiger Jahren. Gerhard Sawatzky stirbt 1941 im Gulag.
Gansel veröffentlicht zunächst 2016 „Durchbruch bei Stalingrad“, die Herausgabe mit einem Nachwort von fast 200 Seiten wird ein internationaler Erfolg und in mehrere Sprachen übersetzt. Es folgt 2017 die Neuedition von Heinrich Gerlachs „Odyssee in Rot“, die minutiös über seine Stationen in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft erzählt. 2020 folgt „Wir selbst“. Die Geschichte dieser Bücher ist in umfangreichen Nachwörtern erzählt, genauso spannend, wie die Romane selbst. 2022 folgt dann – ebenfalls bei Galiani - „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ mit zahlreichen unbekannten Dokumenten und Texten des Autors.
Im August 2025 feiert der Aufbau Verlag seinen 80igsten Geburtstag. In Neustrelitz sitzen aus diesem Anlass am 2. September im Kulturquartier Neustrelitz drei Büchermenschen an einem
Tisch. Carsten Gansel, Nele Holdack, Lektorin im Verlag und Katrin Matern, die die Buchhandlung „Frau Rilke“ und durch dieses Gespräch führt. Aufbau ist der erste Verlag, der gleich 1945 im Sommer in der sowjetischen Besatzungszone genehmigt wird, der Theodor Pliviers „Stalingrad“ herausbringen wird, Hans Fallada mit „Keiner stirbt für sich allein“, Heinrich Mann, Anna Seghers, Lion Feuchtwanger und viele andere. Der Verlag sucht nach einem Buch, welches aus Anlass des Geburtstages eine Wiederauflage erleben könnte und man wird fündig.
Gerti Tetzner schrieb 1974 den Roman „Karen W.“ [4] Sie erzählt den Weg einer jungen Juristin aus der Stadt zurück aufs Land, eine Geschichte über ideologische Schwierigkeiten, ins Hintertreffen geratene Ideale und eine verlorene Liebe. Bis in die 80er Jahre erlebte der Roman eine Reihe von Auflagen, dann verschwand er aus dem Blickfeld. Carsten Gansel schlägt vor, diesen Roman neu herauszubringen und führt mit der Autorin ein Gespräch darüber, wie es sich schrieb in der DDR. In diesem Zusammenhang spielt auch ein anderer Roman der Autorin eine Rolle, der in der DDR nicht erscheinen konnte. Er hieß zunächst „Oase“.
[5] Es ist ein wieder gefundener Stoff, alt und neu zugleich. Der Roman sollte nicht erscheinen, und als ein Vertrag mit einem westdeutschen Verlag möglich war, kam die Staatssicherheit und setzte die Autorin unter Druck. Auch dieses Buch enthält „Buchgeschichte“ und der Bücherfinder Carsten Gansel erzählt diese mit der Autorin in einem weiteren Interview.
Mitstreiter forderten den Literaturprofessor einst auf, doch über die „Verschwundene Literatur der DDR“ zu schreiben. Gansel lehnt zunächst ab, um dann im Mai 2026 wieder in Neustrelitz zu sitzen und sein eigenes Buch „Ausradiert? – Wie die Literatur der DDR verschwand“
[6] vorzustellen. Diesmal ist nicht viel Platz, die Buchhandlung „Frau Rilke“ ist brechend voll, Katrin Matern fragt ihn aus und so manches aus seinem beruflichen Werdegang wird vor den Zuhörern ausgebreitet. Wer, wenn nicht er, sollte so ein Buch schreiben. Selbst erzählt er dabei seinen Weg in eine seltene Professur eines Literaturwissenschaftlers. Er meint, dass er dieses Buch schreiben kann, weil er „keine Rechnung“ mit dem Westen offen hat. Gansel bricht eine Lanze für die Literatur des verschwundenen Landes östlich der Elbe und deren Leser. Literatur ist nie nur ideologisch, sie erzählt das Leben, macht Fehler, korrigiert diese gelegentlich, aber sie verschwindet letztlich auch nicht.
Dem Buch, das bei Reclam erschien, ist eine persönliche Leseliste von 50 Titeln beigefügt und über einen QR-Code kann man auf 334 DDR-Titel zwischen 1945 bis 1989 kommen, die für Gansel wichtig sind. Damit können alle deutschen oder deutsch lesenden Leserinnen und Leser zur Bücherfinderin, zum Bücherfinder werden. Ganz unprofessionell.
Ein Bücherfinder, der für uns Bücher in der Zeit findet, hier und anderswo, dem zuzuhören eine spannende Erfahrung ist, ein Kenner von Uwe Johnson bis Brigitte Reimann, mit dem wir Geschichte anders und neu erfahren können.
- Durchbruch bei Stalingrad, Galiani 2016: https://www.galiani.de/buch/heinrich-gerlach-durchbruch-bei-stalingrad-9783869711218, 04.09.26, 14:30 Uhr
- Gespräch Rennicke / Gansel über „Ausradiert? – Wie die Literatur der DDR verschwand“ (Reclam 2026), gefundene Bücher, DDR-Rezeption und Lebenswege, 10.08.26
- Wir selbst, Galiani 2020 / https://www.galiani.de/buch/gerhard-sawatzky-wir-selbst-9783869712048, 04.09.26, 14:30 Uhr
- Karen W., Aufbau Verlag 2025 / https://www.aufbau-verlage.de/aufbau/im-gespraech/gerti-tetzner-karen-w
- Gegen Wind, Aufbau Verlag 2026 / https://www.aufbau-verlage.de/aufbau/im-gespraech/gerti-tetzner-gegen-win
- „Ausradiert?, Reclam 2026 https://www.reclam.de/produktdetail/ausradiert-9783150115664
©️ UR
Ein interessanter Beitrag - genau richtig hier in diesem Blog! Sind wir nicht alle ein wenig Bücherfinder?
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