Kurzmeinung: Ruhiger Roman, der dem assoziativen Fluss der Gedanken und Erinnerungen der Ich-Erzählerin folgt - Zwischenbilanz eines Lebens...
ZWISCHENBILANZ EINES LEBENS...
Ein Haus zu verkaufen klingt zunächst nach einer ziemlich überschaubaren Angelegenheit. Bei Eva Menasse wird daraus eine Reise durch zwanzig Jahre Leben – und durch all das, was sich an einem Ort festsetzt. Die namenlose Erzählerin will ihr Wochenendhaus loswerden, dieses etwas verwahrloste Refugium an einem See in der ostdeutschen Provinz. Doch mit dem Entschluss zum Verkauf kommen die Erinnerungen: an Ehe und Patchworkfamilie, Kinder und Liebhaber, an Renovierungen, Freundschaften, Nachbarn, Gartenzäune und die eigentümlichen Nachwehen der deutschen Wiedervereinigung. Das Haus wird dabei fast zum eigenen Charakter. Man kann es ansprechen, ihm Vorwürfe machen, sich von ihm trennen – und merkt doch, dass man damit immer auch einen Teil des eigenen Lebens verkauft. Menasse verbindet diese Rückschau mit einem trockenen, oft leicht ironischen Humor, der mich sehr ansprach. Und Charaktere wie die Handwerker Alla und Bolek oder auch die Bewohner der benachbarten Datschen sorgen dafür, dass die leise Melancholie des Romans nie in sentimentales Selbstmitleid kippt.
Was mir besonders gefallen hat, ist Menasses genauer Blick auf die kleinen Dinge: ein kaputtes Rohr, eine verwilderte Wiese, Baumarktprobleme, merkwürdige Nachbarn. Aus diesen Nebensächlichkeiten wachsen plötzlich größere Gedanken über Alter, Verlust, Heimat, Fremdheit, Familie und darüber, wie Beziehungen sich verändern und auseinandergehen. Gleichzeitig ist das Buch eigenwillig gebaut. Der assoziative Fluss der Gedanken bestimmt den Rhythmus des Buches: die Erinnerungen kommen nicht ordentlich der Reihe nach, sondern springen, mäandern, machen Umwege. Das passt zum Erinnern, kann aber auch anstrengend werden. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Menasse einer Beobachtung noch eine zweite und dritte gedankliche Schleife anhängt, obwohl die erste bereits saß.
Insgesamt mochte ich diesen Roman gerade wegen seiner Unaufgeregtheit. Menasse erzählt hier nicht die große Geschichte eines spektakulären Lebens, sondern zeigt, wie viel Geschichte sich in einem alten Haus, einer gescheiterten Ehe oder einem längst überwucherten Garten verstecken kann. Und sie hat einen unverstellten Blick dafür, dass Abschied selten so klar ist, wie man ihn sich vorher einredet. Ein kluger, leicht melancholischer und letztlich auch angenehm zu lesender Roman – zuweilen sehr mäandernd, aber mit vielen Sätzen, die mich einfangen konnten.
Dies ist keine Geschichte, die mit großen Wendungen auf Wirkung aus ist, sondern eine, in der sich die Bedeutungen erst beim genaueren Hinsehen entfalten. Nicht alles davon hat mich gleichermaßen erreicht, vieles war mir zu beiläufig für einen Roman im eigentlichen Sinne. Aber Menasses aufmerksame Beobachtungen, die ruhige Sprache und der eigenwillige Gedankenfluss haben mich angenehm durch die Erzählung getragen.
Eine besondere Kunst des Abschiednehmens: die Zwischenbilanz eines Lebens vor einem Neustart.
© Parden


Du hast da ja gewisse Erfahrungen, so mit Hausverkauf und Garten
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