Sonntag, 4. Oktober 2026

Morton-Thomas, Sophie: Das Nest

 

An einem einsamen englischen Küstenort, wo das Marschland auf den Ozean trifft, wo Vögel die bessere Gesellschaft sind, lebt Fran eine ereignislose Routine. Sich um den Campingplatz kümmern, ihren Sohn von der Schule abholen, Abendessen kochen. Freude findet sie nur an den verschiedenen Vogelarten, die sie am Strand beobachten kann. Doch Frans stilles Leben wird plötzlich erschüttert, als die Lehrerin ihres Sohnes verschwindet und Roma in der Nachbarschaft ihr Lager aufschlagen. Zwischen Gerüchten und Anschuldigungen kommen Geheimnisse ans Licht, denen Fran verzweifelt zu entfliehen versucht. Als die Lehrerin tot aufgefunden wird, droht alles auseinanderzubrechen. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Pendragon / 2025 / ISBN 978-3-86532-909-7 / 320 Seiten


Kurzmeinung: Eher ein düsteres Familiendrama als ein Krimi - punktet durch eine sehr besondere und intensive Atmosphäre, die Auflösung ist schräg...








EHER EIN DÜSTERES FAMILIENDRAMA ALS EIN KRIMI...


Fran lebt mit ihrem Mann Dom und ihrem Sohn Bruno in einem abgelegenen englischen Küstenort und betreibt dort eine kleine Wohnwagensiedlung. Viel geschieht in ihrem Leben nicht – und genau das scheint ihr entgegenzukommen. Am liebsten zieht sie sich mit ihrem Fernglas ins Marschland zurück und beobachtet dort Vögel, insbesondere eine seltene Zwergseeschwalbe, die dort ihr Nest gebaut hat. Mit Menschen tut Fran sich deutlich schwerer. Zu ihrem Mann und ihrem Sohn wirkt sie oft eigenartig distanziert, und ihre Schwester Rosalie sowie deren arbeitsloser, trinkender Mann Ellis sind ihr eher lästig als willkommen in der Wohnwagensiedlung. Bruno sowie seine Cousine Sadie sind Kinder, die kaum erwachsene Ansprechpartner haben und die mit ihren Problemen doch sehr allein gelassen werden. 

Eines Tages schlagen Roma in dem kleinen Küstenort auf. Der alte Tad mit seiner großen Familie lagert auf der Wiese neben der Wohnwagensiedlung, man lernt sich nur zögerlich kennen und geht sich lieber noch aus dem Weg. Bruno und Sadie sind allerdings neugierig, und zwischen ihnen und den Roma entsteht allmählich mehr Kontakt. Doch als kurz darauf die Lehrerin aus der Schule der Kinder verschwindet, gerät die ohnehin fragile Ordnung des Ortes ins Wanken. Als es dann auch plötzlich von Ellis keine Spur mehr gibt und gehäuft tote Vögel auftauchen, wird aus dem unterschwelligen Unbehagen langsam ein Kriminalfall, bei dem nach und nach auch die sorgfältig verdrängten Geheimnisse der Bewohner ans Licht kommen.

Erzählt wird abwechselnd aus Frans und Tads Perspektive. Tad fand ich als Gegenpol zu Fran interessant. Er trägt Verantwortung für seine Familie, versucht für seine Tochter Jade da zu sein und begegnet den Kindern Bruno und Sadie mit einer Aufmerksamkeit, die sie zu Hause vermissen. Überhaupt sind die Charaktere sowie die Beziehungen zwischen den Figuren für mich spannender als die eigentliche Ermittlungsarbeit. Hier geht es um Vernachlässigung, Einsamkeit, Schuld, Vorurteile, Zugehörigkeit und die Frage, was Menschen bereit sind zu verdrängen, um ihre eigene kleine Welt zusammenzuhalten. Fran bleibt dabei allerdings eine schwierige Figur. Ihre Fixierung auf die Vögel ist nachvollziehbar, ihre zunehmende Abwendung von den Menschen weniger. Gerade ihre Passivität und ihre mangelnde Bereitschaft, Dinge anzusprechen, haben mich beim Lesen immer wieder auf Abstand gehalten, zumal ihr Wille zur Verdrängung sie zu einer unzuverlässigen Erzählerin machen.


"Der Mann dreht sich um und geht den Pfad entlang. Die Bäume, Komplizen der Nacht, greifen mit ihren langen Ästen nach ihm und ziehen ihn in die Dunkelheit."


Am stärksten ist der Roman dort, wo Morton-Thomas die Landschaft beschreibt. Das Marschland, das Meer, Nebel, Regen, Wind und die einsame Küstenlandschaft erzeugen eine kalte, bedrückende Stimmung. Man meint förmlich die feuchte Kälte zu spüren. Auch die detaillierten Vogelbeobachtungen haben ihren eigenen Reiz – allerdings nehmen sie so viel Raum ein, dass die eigentliche Handlung lange Zeit doch sehr auf der Stelle tritt. Die Vögel sind dabei mehr als bloße Kulisse: Nester, Eier und zerstörte Brutstätten spiegeln ziemlich deutlich das fragile Familiengefüge wider. Gleichzeitig arbeitet Morton-Thomas mit Vorurteilen und Misstrauen, ohne die Figuren einfach in Gut und Böse einzuteilen. Gerade dadurch entsteht lange ein unangenehmes Gefühl, dass unter der scheinbar eintönigen Oberfläche jederzeit etwas kippen könnte.

Lange passiert wenig, und die Spannung entsteht eher aus dem Unbehagen als aus tatsächlicher Handlung, bevor sich die Ereignisse im letzten Drittel deutlich verdichten. Das Finale hält dann zwar einige Überraschungen bereit, wirkte auf mich aber leider doch recht konstruiert. Einige Wendungen wirkten weniger überraschend als sorgfältig zurechtgelegt, und manche Entscheidungen der Figuren konnte ich schlicht nicht nachvollziehen. So hat die Auflösung für mich einen Teil der zuvor aufgebauten Spannung wieder verspielt.  

Insgesamt ein überaus atmosphärischer, ungewöhnlicher Roman zwischen Familiendrama und Krimi, bei dem die Naturbeschreibungen und die psychologischen Abgründe jedoch stärker sind als der eigentliche Kriminalfall. Trotz der Besonderheit konnte mich die Geschichte daher leider nicht komplett überzeugen.


© Parden




Sophie Morton-Thomas wuchs in West-Sussex auf und war schon immer vom Schreiben begeistert. Bereits früh schrieb sie Kurzgeschichten, mit denen sie für mehrere Preise nominiert war. Mit »Travel by Night« hat sie bereits einen erfolgreichen Roman veröffentlicht. (Quelle: Pendragon)


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