Dienstag, 12. Februar 2019

Ein Operettenbesuch

DIE DREIGROSCHENOPER

a6808-Logo2BB25C325BCcherjungeWie lernten wir Brecht kennen? Mir fällt da gleich eine Zeile ein:
„Eine Pappel steht am Karlsplatz – mitten in der großen Stadt Berlin…“
Es geht um einen Baum, der einen kalten Nachkriegswinter als einziger überstand. [1]
Ich gebe zu, nicht alles aus der Schulzeit blieb unmittelbar hängen. Was war da noch? Ach ja: Die Gewehre der Frau Carrar. Dabei, nun entsinne ich mich doch, hätte ich lieber die Mutter Courage behandelt. Davon hatte mir der Vater erzählt.
Dann gab es da so verschiedene Aussprüche oder Zitate von Bertold Brecht. Zwei lauteten:
„Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“
„Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“
Das sind so Gedankenschnipsel, die haften blieben. Schnipsel, mit denen man seine eigene „Gelahrtheit“ wirkungsvoll unterstreichen kann. Hoffentlich trifft man dabei auf keinen, der den Kontext dieser Schnipsel kennt, peinlich. Oder sagt: „Oh, das ist aus der DREIGROSCHENOPER.“ Da kann man noch bedeutungsvoll nicken.




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Abendfüllendes Programm



Das ist jetzt vorbei. Denn letztens sah ich in der Staatsoperette ein Stück von Bertold Brecht und Kurt Weil. Eben jene DREIGROSCHENOPER. Erstmalig. Im Verlauf der Aufführung in der Staatsoperette Dresden vernahm ich dann die beiden „Gedankenschnipsel“.
Ein Abend in der Operette. Wir befinden uns im jüngsten Theater der Landeshauptstadt. Im KRAFTWERK MITTE wurden von ungefähr zwei Jahren die Bühnen der Staatsoperette und des Theaters der Jungen Generation wieder eröffnet. Mitten in der Stadt, größer und moderner. Gegenüber des alten beschaulichen Hauses in Leuben sieht das Operettentheater ein wenig zerzaust aus. Aber wir befinden uns ja in einem interessanten Industriebau, der nun ein „Kraftwerk aus Kunst, Kultur & Kreativität in Dresdens Mitte“ ist. [2]


Collage3
Ein Kraftwerk wird zum Theater


„Sie werden jetzt eine Oper hören. Weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen, und weil sie so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heißt sie ‚Die Dreigroschenoper‘“. (Einleitender Text von Brecht zur Schallplatten-Aufnahme)
Brecht hatte da im Jahre 1929 einen Stoff ausgegraben, der eigentlich im 18. Jahhundert spielte. THE BEGARS OPERA. Die Oper für Bettler. Selbst schrieb er: „Die Dreigroschenoper… führt in das Millieu von den Verbrechervorstädten Londons, Soho und Whitechapel, die vor 200 Jahren so wie heute die Zufluchtstätte der ärmsten und nicht immer durchsichtigsten Schichten der Londoner Bevölkerung waren.“ (Brecht 1928 – Programmheft)
Der Bettlerkönig Peachem stattet Menschen mit dem nötigen Material zu Krüppeln aus und schickt sie betteln. Sein Gegenspieler in der Stadt ist der Verbrecher Macheath. Der pflegt auch gute Beziehungen zum Polizeichef Brown. Macki hat nun Polly, Peachems Tochter, entführt und geheiratet. Das passt dem Vater nicht und nun beginnt er einen Bandenkrieg. Er schafft es, dass Mackie Messer verhaftet wird. Vor dem Käfig kommt es zum Disput zwischen Polly und Lucy, einer frühere Geliebten vom Mackie, die die Tochter des Tiger-Brown ist.
Am Ende, wie kann es anders sein, wird Macheath begnadigt, es erscheint der königliche Bote.
Ein geschickt aufgebautes Programmheft stellt dem Besucher erst einmal die Oper da, der Text stammt vom Meister lebst. Sodann lässt man einen zu Wort kommen, der die Zeit der Uraufaufführung sehr genau kannte: Er meint, dass er die Jahre von 1928 bis 1930 „sonderbarer Weise… wenig mit Massenelend und politischer Spannung“, sondern eher mit „Wohlstand und kulturellem Hochbetrieb“ verbindet. Er stellt gegenüber, dass trotz der Wirtschaftskrise auf kulturellem Gebiet gut verdient wurde. Er schreibt von vollen Nachtlokalen, verkauften Picassos, von der letzten Max-Reinhard-Inszenierung oder dem Furtwängler-Konzert. Aber auch, dass sich der Bürgerkrieg vorzubereiten scheint in der Konfrontation von Stahlhelm und Reichsbanner, von Nazis und Kommunisten. Im Deutschen Theater tritt Gustaf Gründgens in einem Stück namens VERBRECHER als morbider Homosexueller auf. „Berlin war hingerissen von seiner ‚aasigen‘ Verworfenheit, dem hysterisch beschwingten Gang, dem vieldeutigen Lächeln, den Juwelenblicken… Es war die Zeit der Entdeckungen.“ Und Brecht entdeckt die „Beggar´s Opera“. (Programmheft – Seite 8/9 – Klaus Mann 1952) Der musste es wissen, das weiß jeder, der den MEPHISTO, ob als Buch oder Film, kennt.




Video (Quelle Staatsoperette)
Video-Player

Ein gewisser Marcel Reich-Ranicki hahier behauptet, Brecht wäre ein weitestgehend unpolitischer Mensch gewesen und hätte die Ideologie des Marxismus als Grundlage für einige Stücke wie DIE MUTTER, MUTTER COURAGE oder DIE HEILIGE JOHANNA DER SCHLACHTHÖFE gebraucht. Die DREIGROSCHENOPER nannte er nicht.
Das will ich mal dahingestellt lassen. Aber wo ist dieser Text nicht politisch?

Denn wovon lebt der Mensch?

Mac_

Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben

Und Sund und Missetat vermeiden kann

Zuerst müßt ihr uns was zu fressen geben

Dann könnt ihr reden: damit fängt es an.

Ihr, die ihr euren Wanst und unsre Bravheit liebt

Das eine wisset ein für allemal:

Wie ihr es immer dreht und wie ihr’s immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muß es möglich sein auch armen Leuten
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

Denn wovon lebt der Mensch?

Indem er stündlich

Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt.

Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich

Vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist.

CHOR:

Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein: Der

Mensch lebt nur von Missetat allein!

Mir hats gefallen. Erst einmal, dass ich das Zitat wieder fand und dann noch der Vortrag dieses Songs. Wirklich gut. Das gilt für die allermeisten Songs, sei es der MACKIE MESSER SONG, die ZUHÄLTERBALADE oder der KANONENSONG. Auch die Songs für die Frauen waren gut, allerdings hätte ich mir manchmal, zum Beispiel bei der SEERÄUBER-JENNY ein bisschen mehr „Verruchtheit“ gewünscht, die Interpretation schien mir etwas zahm. Doch ist so etwas Ansichtssache, hört man sich die ganz alten Aufnahmen an, dann haben die damals auch ganz anders gesungen.

Über die Unsicherheit menschlicher Verhältnisse

Das Recht des Menschen ist’s auf dieser Erden

Da er doch nur kurz lebt, glücklich zu sein

Teilhaftig aller Lust der Welt zu werden

Zum Essen Brot zu kriegen und nicht einen Stein.

Das ist des Menschen nacktes Recht auf Erden.

Doch leider hat man bisher nie vernommen

Daß einer auch sein Recht

bekam – ach wo! Wer hätte nicht gern einmal
Recht bekommen Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

POLLY UND FRAU PEACHUM :

Da hat er eben leider recht.

Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht.

PEACHUM:

Natürlich hab ich leider recht.

Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht.

Wer wollt‘ auf Erden nicht ein Paradies ?

Doch die Verhältnisse, gestatten sie’s ?

Nein, sie gestatten’s eben nicht.

Dein Bruder, der doch an dir hangt

Wenn halt für zwei das Fleisch nicht langt
Tritt er dir eben ins Gesicht.
Auch treu sein, ja, wer wollt es
nicht? Doch deine Frau, die an dir hangt
Wenn deine Liebe ihr nicht langt
Tritt sie dir eben ins Gesicht.
Ja, dankbar sein, wer wolltes nicht ?
Und doch, dein Kind, das an dir hangt
Wenn dir das Altersbrot nicht langt
Tritt es dir eben ins Gesicht. Ja, menschlich sein, wer wollt es nicht!

PEACHUM:

Natürlich hab ich leider recht

Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht.

Wir wären gut – anstatt so roh

Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

Politisch? Aber klar. Ernst Busch, der in der ersten Verfilmung der DREIGROSCHENOPER die Mackie-Messer-Ballade sang, nahm die Melodie für seine Reichtagsbrandballade.
Ja, die Verhältnisse. Befürchtet hatte ich eine Aufführung, in der versucht wird, eine moderne politische Adaption herzustellen. Dies blieb glücklicherweise aus, die Bilder, die Kostüme passten in die Zeit der Neuauflage durch Brecht und Weil. Sicher wäre es möglich gewesen, liest man sich in die Texte rein. Dem Tiger-Brown einen Januskopf zu verpassen, eine gute Idee, dies war das herausstechende Kostüme.





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Und der Maceath hat ein Messer…


Das Bühnenbild war mir nicht immer verständlich, aber insgesamt hat mir die Aufführung sehr gut gefallen. die Texte waren gut verständlich, die Akustik im Haus (in der Nähe der Elbe!) scheint zu funktionieren. Unter der musikalischen Leitung von Christian Garbosnik legt die Staatsoperette ein schönes Stück auf die Bretter.
 Theater in Dresden. Eine Oper an der Operette. Ein schöner Abend.
Zuerst veröffentlicht auf Litterae - Dresdensis am 10.02.2019

© Der Bücherjunge
[1] https://genius.com/Bertolt-brecht-die-pappel-vom-karlsplatz-annotated
[2] https://www.kraftwerk-mitte-dresden.de/
[3] Seite „Die Dreigroschenoper“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 1. Februar 2019, 21:43 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Die_Dreigroschenoper&oldid=185297901(Abgerufen: 10. Februar 2019, 11:08 UTC)

1 Kommentar:

  1. Was für ein schöner, lebendiger Beitrag. Rundum gelungen mit Fotos, die einen zusätzlichen Einblick erlauben, Textpassagen und Hintergrundinformationen. Nur ein eigener Besuch der Oper hätte wohl noch mehr Vergnügen bereitet... ☺

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