Samstag, 10. März 2018

Schlink, Bernhard: Olga

Die Geschichte der Liebe zwischen einer Frau, die gegen die Vorurteile ihrer Zeit kämpft, und einem Mann, der sich mit afrikanischen und arktischen Eskapaden an die Träume seiner Zeit von Größe und Macht verliert. Erst im Scheitern wird er mit der Realität konfrontiert – wie viele seines Volks und seiner Zeit. Die Frau bleibt ihm ihr Leben lang verbunden, in Gedanken, Briefen und einem großen Aufbegehren.

(Klappentext Diogenes Verlag)

  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (12. Januar 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257070152
  • ISBN-13: 978-3257070156














ANNÄHERUNG AN EIN LEBEN...



Eine Frau, die kämpft und sich findet, ein Mann, der träumt und sich verliert. Leben zwischen Wirklichkeit, Sehnsucht und Aufbegehren. Vom späten 19. bis zum frühen 21. Jahrhundert, von Deutschland nach Afrika und in die Arktis, von der Memel an den Neckar - die Geschichte einer Liebe, verschlungen in die Irrwege der deutschen Geschichte...

Olga. Ihre Geschichte wird in diesem neuen Roman von Bernhard Schlink erzählt, ihrem Leben nähert sich der Autor und mit ihm der Leser nach und  nach an. Doch ist dies nicht nur die Geschichte eines Lebens, es ist auch die Geschichte einer Liebe, die mit Heimlichkeiten belegt und von Sehnsüchten überlagert Mühe hat zu überdauern, doch sich letztlich als stark erweist - stark genug, um Trennungen zu überstehen, Kriege und persönliche Katastrophen.


"Er wandte ihr das Gesicht zu und lächelte verlegen (...) Sie hätte ihn in den Arm nehmen und ihm über den Kopf streichen mögen, traute sich aber nicht. Seine Sehnsucht berührte sie wie die Sehnsucht eines Kindes nach der Welt. Aber weil er kein Kind mehr war, spürte sie in seiner Sehnsucht, seiner Frage, seinem Rennen eine Verzweiflung, von der er nur noch nichts wusste." (S. 33 f.)



Ende des 19. Jahrhunderts kommt Olga in Schlesien zur Welt, gelangt nach dem frühen Tod der Eltern nach Pommern zur Großmutter, von der Stadt aufs Land. Olga sehnt sich nach Zuneigung, doch zeigt sich die Großmutter ihr gegenüber stets kalt und abweisend, und in der Dorfschule ist sie mit ihrem Hunger nach Wissen, dem Lesen unzähliger Bücher und ihrem festen Willen ein Außenseiter. Erst als Herbert und seine Schwester Viktoria in ihre Klasse kommen, ist Olga nicht länger die einzige, die nicht wirklich dazu gehört. Doch anders als Olga gehören Herbert und Viktoria der gehobenen Schicht an als Kinder des Gutsbesitzers. Trotzdem freunden sich die Kinder an, und erst als sie älter werden, verändert sich diese Freundschaft.

Während zwischen Olga und Herbert eine Liebe erwächst, die letztlich zeitlebens bestehen bleibt, distanziert sich Viktoria zunehmend von dem armen Mädchen. Auch die Eltern Herberts machen keinen Hehl daraus, dass Olga keine standesgemäße Wahl ist, und so wird der heranwachsenden jungen Frau immer deutlicher, dass es keine Zukunft für sie und Herbert geben wird, in der sie mit ihm offiziell als Mann und Frau leben könnte. Doch auch Herberts Sehnsucht nach der Weite, der Unendlichkeit, dem Nichts führt zu langen Pausen dieser Liebe, denn immer wieder zieht es ihn fort, in die Kolonien, zu Expeditonen, in die Welt.


"Olga wusste, dass er sie liebte und ihr so nahe war, wie er einem anderen Menschen nur sein konnte. Er wr mit ihr auch so glücklich, wie er mit einem anderen Menschen nur sein konnte. Nichts, was er geben konnte, versagte er ihr. Was sie vermisste, war er zu geben nicht fähig." (S. 80)


Doch Olga ist stark. Und so lebt sie ihr Leben, kämpft um die Ausbildung als Lehrerin, unterrichtet die Dorfjugend und schließt vereinzelt Freundschaften. Doch Herbert ist und bleibt ihre einzige Liebe, auf die sie wartet, wenn er wieder unterwegs ist, und die sie heimlich genießt, wenn er wieder zurückkehrt.

Behutsam nähert sich Bernhard Schlink diesem Leben an, dieser großen Liebe, und dabei gleichzeitig einem ganzen Jahrhundert. Dabei erweist sich die Dreiteilung des Romans als ein überaus gelungener stilistischer Schachzug. Während der erste Teil aus einer auktorialen Erzählperspektive geschildert wird und die Geschehnisse fast nüchtern betrachtet, wechselt der zweite Teil unversehens zu einem Ich-Erzähler. Ferdinand lernt Olga in fortgeschrittenen Jahren kennen, als sie als Näherin zu seiner Familie kommt. Das Verhältnis ist bald eines wie zwischen Großmutter und Enkel und hält auch über die Kinder- und Jugendzeit hinaus an. Gleichzeitig erfährt der Leser von dem Werdegang Ferdinands und von dem, was Olga ihm über ihr und Herberts Leben berichtet. Der dritte Teil schließlich beinhaltet Briefe von Olga an Herbert, als dieser während einer Expedition verschwand. Hier kommen Gefühle, Gedanken, Geheimnisse zutage, die das Leben und Lieben Olgas noch einmal auf eine ganz andere Weise beleuchten und das Bild abrunden.


"Er schwieg, und sie wartete. Auf einmal klangen ihr das Rauschen des Winds und das Schnauben des Pferds und der Gesang der Nachtigall traurig. Als würde ihr bedeutet, dass ihr Leben Warten sei und dasss das Warten kein Ziel, kein Ende habe. Der Gedanke schüttelte sie..." (S. 84)


Bernhard Schlink schreibt in einem ruhigen Schreibstil, aber auch wenn hier vieles nur angedeutet und angerissen erscheint, weist der Roman an vielen Stellen doch eine große Tiefe auf, berührt ohne rührselig zu werden. Olga ist mir im Verlauf der Lektüre nahe gekommen und verlässt mich letztlich mit einem ruhigen Gefühl und einem leisen Lächeln.

Ein starkes Buch über eine starke Frau, ein vielschichtiger Roman, der zu eigenen Entdeckungen einlädt.


© Parden











Der Diogenes Verlag schreibt über den Autor:

Bernhard Schlink, geboren 1944 bei Bielefeld, ist Jurist und lebt in Berlin und New York. Der 1995 erschienene Roman ›Der Vorleser‹, 2009 von Stephen Daldry unter dem Titel ›The Reader‹ verfilmt, in über 50 Sprachen übersetzt und mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, begründete seinen schriftstellerischen Weltruhm.

übernommen vom Diogenes Verlag