Donnerstag, 29. Juni 2017

Leon, Donna: Stille Wasser (BR26)

Dies ist des Commissario Brunettis inzwischen sechsundzwanzigster Fall.

"Wer wusste schon, was jemand sah? Oder fühlte. Jeder Mensch war ein Universum für sich, mit unendlich vielen Möglichkeiten und Fähigkeiten." - und Geheimnissen und Abgründen, möchte ich ergänzen. (Seite 333)

Brunetti ist kaputt. Es ist zwar ein fingierter Schwächeanfall während einer brisanten Vernehmung, aber im Ospedale merkt Guido, dass er wirklich auf dem Zahnfleisch kraucht. Krank!

Paola, Guidos Frau, erscheint wutentbrannt, eher aber wohl besorgt, am Krankenbett. Der junge Kollege, den Guido mit dem Anfall aus der Patsche half, stand plötzlich in der Universität in Uniform vor ihr. 

Nun verhilft sie ihm zur Erholung in einer Villa auf Sant´ Erasmo. Verwaltet von Davide Casati. Der kannte Guidos Vater von einer gemeinsam gewonnenen Ruder-Regatta. Das verbindet. Und so fängt die Erholung an: Lesen, Rudern, Schlafen... 

Doch Casati, scheint schwer an einem Problem zu brüten. Er hält Bienenstöcke auf den Inselchen in der Lagune. Erschütternd und geheimnisvoll. der vernarbte Rücken des Lagunen-Imkers.
Bald ahnt der Leser, das Sterben der Bienen könnte durch ein Umweltverbrechen verursacht wurden sein...

Und dann findet Brunetti mit den Kollegen auf Sant´ Erasmo die Leiche des Freundes in dessen Boot. Ein Unfall?




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Es ist nicht das erste Mal, dass Donna Leon sich italienischer Umweltverbrechen annimmt. Diesmal aber ist es nicht vordergründig die Gier von Firmen, welche diese begehen, hier geht es um die Menschen, die darin verwickelt werden. Und so wird Brunetti daran erinnert: "...die wenigsten denken an die Folgen ihres Tuns. Die eigenen Wünsche rechtfertigen alles." (Seite 332)

In dieser Geschichte ist also die Suche nach Tätern nicht der Zweck des Handelns von Guido Brunetti, der diesmal mi seiner Kollegin Griffoni ermittelt, unterstützt von Signorina Elettra, die in jedem Hackerclub würde unterkommen können und bemerkenswert wenig gestört vom Vice Questore Patta. Aber vielleicht stört der ja nicht, weil es gerade irre warm ist in Venezia.


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Donna Leon bleibt der Art und Weise ihrers Schreibens treu. Ich mag diese Figur, wenn sie ihn an die mahnenden Worte seiner Mutter denken lässt, "dass er von anderen nicht verlangen konnte, die dinge so zu sehen wie er selbst." (Seite 330)

Oder wenn sie einer Figuren über Männerfreundschaften sagen lässt: "Männer haben keine Freunde,... Männer haben Kameraden und Kumpels und Kollegen, aber die wenigsten haben Freunde. Und wenn doch, sind es meistens Frauen, manchmal sogar die eigene." (Seite 233) Und jetzt, wo ich den Klebezettel entferne, merke ich, das ist eigentlich ein "Schlüsselspruch", dessen "Wahrheit" sich am Ende der Geschichte bestätigt.

Es sind die gewohnt leisen Töne eines besonderen Polizisten (in der Literatur), wenn der, die Tochter des Davide Casati nach der Bienenpflege befragend zur Antwort erhält:

"'Ich habe es nie gelernt. Jahrelang habe ich ihn zu den Bienen begleitet und ihm zugesehen, trotzdem weiß ich nicht, was oder wann etwas zu tun ist, oder womit sie im Winter gefüttert werden. Ich habe nicht richtig aufgepasst. Er hat versucht, mir alles zu erklären, aber es hat mich nicht interessiert. Ich wollte nur den Honig.' Sie seufzte.
Immer sind es die kleinen Tücken, die uns aus der Bahn werfen, dachte Brunetti. Trauer liegt in uns vergraben wie eine Landmine: Schwere Schritte stapfen folgenlos daran vorbei, während andere, die kaum den Boden berühren, sie zur Explosion bringen." (Seite 225)

Und so findet man in den Romanen der amerikanischen Venezianerin ganz viele Dinge, die einen anhalten, einhalten lassen beim lesen.

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Ganz am Schluss betrachtet der Commissario Dottore Guido Brunetti ein Tatortfoto noch einmal ganz genau... 

Mögen es doch bitte mehr als dreißig Fälle werden.


 Hörprobe

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Foto: © Regine Mosimann /
Diogenes Verlag
Im Jahre 1981 zog die im Jahr 1942 geborene Amerikanerin nach Venedig. Hier wurde sie mit den Brunetti-Romanen weltberühmt. Die meisten wurden in Deutschland und in den USA verkauft. Sie soll mal gesagt haben, wenn die auf den italienischen Markt kämen, müsste sie das Land verlassen.

DNB / Diogenes / Zürich 2017 / 978-3-257-06988-4 / 343 Seiten
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Das Brunetti Projekt

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