Sonntag, 4. Juni 2017

Kollek, Teddy & Amos: Ein Leben für Jerusalem

Mit einer gewissen Israel- oder Palästina-Affinität kommt man an Jerusalem nicht vorbei. Es ist schon eine faszinierende Stadt und ob man sich über das Jerusalem vor 2000 Jahren, dem der Kreuzzüge vor 1000 Jahren oder dem 1967 wieder Vereinigten nähert, ist dabei fast unerheblich.

Selten ist ein Mensch 28 Jahre Bürgermeister einer Stadt. Teddy Kollek war es von 1965 bis 1993.1 Als er das Amt aufgab oder aufgeben musste, war er 82 Jahre alt. Vor einigen Wochen drückte mir ein Kollege sein Buch EIN LEBEN FÜR JERUSALEM in die Hand.

In diesem autobiografischen Buch, Mitautor Amos Kollek (Sohn), lernen wir nicht nur das Jerusalem der Bürgermeisterzeit des in Veszprém, Ungarn, geborenen und in Wien aufgewachsenen Teddy (Theodor nach Herzl 2 benannt) Kollek kennen, sondern natürlich das Jerusalem, wie es nach der Staatsgründung Israels aussah. Vor allem war es bis 1967 geteilt in einen israelisch-jüdischen und einen jordanisch-arabischen Teil.




Kollek selber war ein waschechter Zionist wie schon sein Vater. Er schloss sich der zionistischen Jugendbewegung an und war ab dem Jahr 1937 Mitbegründer des Kibbuz Ein Gev am See Genezareth. Er hätte, vielleicht hat er ja auch, das Vorbild für Leon Uris Romanfigur Ari ben Kanaan 3 aus dem Roman EXODUS abgeben können. Kollek reiste durch die Welt, verhandelte vor allem mit US-Amerikanern aber auch mit lateinamerikanischen Diktatoren über den Kauf von Waffen und veranlasste den Schmuggel dieser nach Palästina.4

Als Mitglied der Hagana war Kollek an der Rettung von Juden aus Europa beteiligt und sprach in dieser Funktion mit Eichmann 5 persönlich. Damit war er beteiligt an der Entlassung von 300 Jugendlichen aus verschiedenen Konzentrationslagern.6 In Bezug auf den Eichmannprozess schreibt er:

„In gewisser Weise glaube ich, daß das bedeutsamste Ereignis in der neueren Geschichte nicht die Gründung des Staates Israel war, sondern die Ausrottung von sechs Millionen Juden. Sicherlich: Das eine ist ein positives Ereignis, das andere ein negatives. Wenn man die beiden jedoch überhaupt miteinander vergleichen will, dann hat das letztere — die grauenhafteste Tragödie für unser Volk — vermutlich doch den tiefgreifenderen Einfluß auf den Lauf unserer Geschichte ausgeübt. Doch wie dem auch sei — man kann keine historischen Ereignisse hassen, und auch einzelne Menschen zu hassen hat keinen Sinn. Der Mensch Eichmann löste in mir keine starken Haßgefühle aus. Ich kann sehr zornig oder enttäuscht sein, Haß jedoch habe ich niemals verspürt, nicht einmal Antisemiten gegenüber. Während des Zweiten Weltkrieges galt meine Wut mehr unserer eigenen Ohnmacht als den Nazis, mehr der Tatsache, daß wir ihre Taten nicht verhindern konnten.“ 7

Bevor Kollek Bürgermeister von Jerusalem wurde, arbeitete er im Ministerpräsidentenamt – als eine Art Kanzleramtsminister für David Ben Gurion In diesem Zusammenhang erzählt er von sich als Zionist und geht auf Öffentlichkeitsarbeit und Tourismus ein:

„Seit Beginn meiner Laufbahn im öffentlichen Leben — von der Zeit in der Jugendbewegung bis zu meinem augenblicklichen Amt als Bürgermeister von Jerusalem — habe ich mich in allererster Linie als Verfechter der zionistischen Sache gesehen. Ich halte es für außerordentlich wichtig, der Welt den Zionismus zu erklären, und mir ist das zur zweiten Natur geworden. Wenn es in meiner Macht stände, die Kompetenzen in der Regierung zu verteilen, würde ich sämtliche Stellen, die etwas mit Public Relations, Information, Medien und Tourismus zu tun haben, im Ministerpräsidentenamt zusammenfassen. Sie sind von grundlegender Bedeutung und sollten von dem Mann gesteuert und koordiniert werden, der auch Israels Politik bestimmt.“ 8


Er erzählt von der Zehnjahresfeier der Staatsgründung, von Kulturveranstaltungen, dem Besuch von Papst Paul VI und dem „phantastischem Public Relations Erfolg des Romans EXODUS. Hierzu meint er, dass „Buch und Film ein idealisiertes Bild von Israel [schufen] als einem Land voller Helden und Halbgötter – kurz ein Volk von ganz außergewöhnlichen klugen und kühnen Menschen.“ Dies führte u.a. auch zu einer gewissen Überheblichkeit und Sorglosigkeit, was in dieser gespannten Region zu nicht unerheblichen Todesopfern führte. 9 Von Optimismus zeugt allerdings eine Geschichte, wonach ein Konzert mit Isaak Stern in Ein Gev nahe der syrischen Grenze stattfand, obwohl in Syrien gerade eine Revolution ausbrach und auf den Golan-Höhen gekämpft wurde. Das war 1951. „Sowohl die Schüsse als auch Isaaks Geigenklänge waren typisch für die Zeit.“ 10

mit Gurion und Moshe
Gerade in aktueller Zeit wird viel über demokratische Wahlen diskutiert. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang die Meinung Kolleks zu indirekten und direkten Wahlen, letztere zieht er bei weitem vor: „Das allerwichtigste für die Wähler ist jedoch zu wissen, wen sie wählen, und für den Gewählten, unmittelbaren Kontakt zu einer klar umrissenen Wählerschaft zu haben und ihre Interessen zu vertreten. So wie die Dinge heute laufen, werden die Kandidaten für die Knesset von Parteisekretären ausgesucht, und zwar zumeist eher aufgrund von Loyalität als aufgrund von Fähigkeit, wobei die Wünsche der Wähler Überhaupt nicht berücksichtigt werden. Rückt die nächste Wahl näher, haben die Wähler, falls sie meinen, daß ein bestimmter Abgeordneter der besonders gut oder auffällig schlecht war, keinerlei Möglichkeiten der Einflußnahme. Sie können den Stellenwert des Betreffenden auf der Parteiliste nicht ändern. Außerdem vertreten Knessetabgeordnete derselben Partei oft ganz unterschiedliche Ansichten, so daß die Wähler nicht wissen, welche Politik denn nun eigentlich verwirklicht werden wird. Das System produziert außerdem eine große Anzahl kleiner Parteien und schließt die Wahl einer verantwortlichen Mehrheitspartei vollständig aus.“ 11 
Jedenfalls hat sich Kollek nicht nur unter seinen eigenen Mehrheitsverhältnissen gut halten können. 12



Die Presse: Das ist schon ein Kreuz mit der Presse, ob er nun im Ministerpräsidentenamt arbeitet oder als Bürgermeister, den im Jahr 1966 ein deutscher Pressemann besucht, der selbst und dessen späteres Imperium immer kritisch gesehen wurden: Axel Springer. Schon damals sehr erfolgreich im zwanzigsten Jahr nach Kriegsende, stiftete Springer Eine Million Dollar für einen Flügel des Israel-Museums in Jerusalem. Die beiden mochten sich. Bezeichnend ist aber auch, dass es Ratsmitglieder gab, die des Deutschen Namen nicht öffentlich erwähnt haben wollten, darüber gab es einen riesen Krach. Springer selbst soll für antideutsche Gefühle mehr Verständnis gehabt haben.13




Das Jahr 1967 ist vielleicht das wichtigste Jahr während der Bürgermeisterjahre des Autors. Es begründete wahrscheinlich dessen lange Amtszeit. Es war der Sechstagekrieg, der am 05. Juni 1967 ausbrach. ** Nach dem Präventivschlag der Israelis auf die ägyptische Luftwaffe rückten dann am nächsten Tag israelische Truppen in Ostjerusalem ein und bis an die Klagemauer vor.


Seit 1967 ununterbrochener Schutz der Klagemauer


Bürgermeister einer geteilten Stadt und dann im Krieg zu sein war sicherlich eine gewaltige Herausforderung. Interessant auch um Hinblick auf kontroverse Ansichten ist das Thema des Moghrabi-Virtels . Im Wikipedia-Artikel liest man dazu folgendes: „Nach der Eroberung Ostjerusalems im Jahre 1967 ließ Israel das marokkanische Viertel zerstören, um besser an die Klagemauer zu gelangen. Kollek war Hauptverantwortlicher für die Räumung der Häuser.“ 14






Bei Kollek liest sich dies etwas anders: Die einzige Lösung des Problems war der Abriß der Elendsquartiere des Moghrabi-Viertels. Ich... bat Ya'acov Yanai, Yigael Yadin, den Architekten Arieh Sharon und noch ein paar andere zu einer Besprechung. Ein dominierendes Gefühl erfüllte mich: Es muß getan werden — so soll es jetzt geschehen, bevor es zu spät ist. Um zu einem formellen Beschluß zu kommen, wandte ich mich an meine eigene Verwaltung, die genauso dafür da war. Dann zogen die Archäologen und anderen Fachleute zur Mauer und zeichneten genau auf, was abgerissen werden sollte und was nicht. Wir fanden passende Wohnquartiere für die Leute, die in den Elendshütten gehaust hatten. Samstagabend, den 10. Juni 1967, begannen wir mit der Planierung des Moghrabi-Viertels. Nach zwei Tagen war die Arbeit geschafft — fertig, sauber!“ 15



Dies geschah innerhalb von zwei (!) Tagen, sechs Tage nach Beginn des Krieges, sechs Tage nach dem Sieg. Auch im Wikipedia Artikel zu den Altstadtvierteln wird nur die Vertreibung der Bewohner erwähnt, von Umsiedlung liest man da erst einmal nichts.16 – Es galt, den Juden der Welt den Zugang zur Klagemauer zu ermöglichen. Diese war zwar in den Nachkriegsverträgen mit Jordanien, bis dahin Verwalter Ost-Jerusalems vereinbart, aber nicht gewährleistet wurden.17 Vermutlich hat der sonst so besonnene Bürgermeister West-Jerusalems, der der arabischen Politik seines Landes durchaus auch kritisch gegenüberstand, hier doch gemeint, dass der Zweck die Mittel heilige.




* * *

Das die nächsten 26 Jahre nicht einfach waren, dies erfährt man aus der weiteren Lektüre. Kunst, Kultur, das Schulwesen, das Miteinander und gegeneinander der Kulturen und Religionen, die wechselnde Politik der jeweils führenden Parteien, werden von ihm beschrieben. Wie ähnlich erscheint dabei dem europäischen Leser die Rufe nach einem starken Führer wie Menachem Begin in den siebziger Jahren zu Benjamin Netanjahu heute.18  Es geht um sichere Grenzen, um Einwanderung weiterer Araber und vieles mehr.

Im Nachwort beschreibt Kollek, wie er des ägyptischen Präsidenten Sadat in Jerusalem empfing und der spätere Friedensvertrag mit Ägypten. Und all dies mit einem Ministerpräsidenten, der einst mit terroristischen Mitteln 19 gegen Briten und Araber kämpfte.

Bei all diesen Widersprüchen findet sich dann auch die Kritik an Kreisky und Brandt, denen er die Unterstützung Arafats vorwirft.20


Den Löwenbrunnen stiftete später die Regierung Helmut Kohls


Das Buch enthält nun drei Nachworte. Eins von 1980 zur deutschen Erstausgabe, eines von 1985 und eines von 1991, in dem dann von einem Treffen der Außenminister der USA und der Sowjetunion, Baker und Pankin und dem Bemühen um eine Nahost-Friedenskonferenz berichtet wird. Oder von der Einwanderung Tausender aus der ehemaligen Sowjetunion. 21

Den Wunsch der Palästinenser, Jerusalem zu ihrer Hauptstadt zu machen, findet Kollek aus praktischer Sicht utopisch. Zwei Verwaltungen würden zur Spaltung der Stadt führen.22 Heute, im Jahr 2017, zehn Jahre nach Teddy Kolleks Tod, scheint man keinen Schritt weiter gekommen zu sein. Da ist es schon ein Zeichen, wenn der gerade gewählte und umstrittene US-Präsident Trump sich unmittelbar in seinem ersten Israelbesuch zu einem Gebet an der Klagemauer begibt, anschließend dann zum Präsidenten der Palästinenser Abbas fährt. Alle Vorgänger und andere Staatsoberhäupter vermieden den Besuch der Westmauer, wollten sie doch damit eine „Anerkennung“ vermeiden, denn die Vereinigung der Stadt gilt international als unrechtmäßig. Klar, das Netanjahu dem Beifall zollt.

Bei aller Zerrissenheit, Meinungsverschiedenheiten, Kämpfen, Kriegen und Anschlägen, immer wieder erscheint irgendwo in Fünkchen Hoffnung auf eine Lösung des jahrzehntelangen Konflikts. Es dürfte für Kollek ein Schock gewesen sein, als Jitzchak Rabin 1995 von einem extremistischen Juden ermordet wurde, der ehemalige Stabschef war an der Eroberung Jerusalems maßgeblich beteiligt und arbeitete 1967 auch mit Kollek eng zusammen. Ob Rabins Händedruck mit Yassir Arafat im Beisein von US-Präsident Clinton seine Zustimmung fand, wissen wir leider nicht.


Jitzchak Rabi, Bil Clinton und Yassir Arafat 1993

Der Besuch der Klagemauer durch Trump allerdings hätte ihm bestimmt gefallen.


Vater und Sohn
Selten gibt es Autobiografien, die so persönlich Geschichte erzählen. Die eigene und die eines Landes, einer Region, eine politische, ein kulturelle und eine zukunftsweisende. Ein wichtiges Buch.

► DNB / Fischer Taschenbuch Verlag / Frankfurt am Main 1992 / ISBN: 978-3-596-11269-2 / 446 Seiten




© KaratekaDD


Abbildungen & Quellen:



Abbildungen:


Quellen:

1 siehe: Kollek, Jerusalem, S. 198
1 siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Teddy_Kollek; 13.04.2017, 17:45 Uhr
2 siehe Rezension zu Herzl, Theodor: Der Judenstaat; http://litterae-artesque.blogspot.de/2014/10/herzl-theodor-der-judenstaat.html; 14.04.2017; 18:00 Uhr
3 siehe LITT-ART Rezension zu Leon Uris: Exodus; http://litterae-artesque.blogspot.de/2014/09/uris-leon-exodus.html; 14.04.2017; 18:00 Uhr
4 zum Beispiel mit Präsident Somoza in Nicaragua. siehe: Kollek: Jerusalem, Seite 118
5 Später war er, als Chef des Ministerpräsidentenamtes unter Ben Gurion (eine Art Kanzleramtsminister) für die logistische Umsetzung des Eichmann-Prozesses verantwortlich. Persönlich besuchte er den Prozess nicht.  Vgl. Kollek: Jerusalem, Seite 196 ff
6 vgl. wikipedia, a.a.O
7 siehe Kollek: Jerusalem,  Seite 200
8 siehe / vgl. Ebenda, Seite 210
9 vgl. Ebenda, Seite 115
10 vgl. Ebenda, Seite 274/275
11 Kollek gehörte der „Israelischen Arbeiterliste“ – Rafi – an, einer Abspaltung der Arbeiterpartei Mapai. Im Jahr 1968 vereinigtern sich drei Parteien wieder. In Israel sind Spaltungen und neue Zusammenschlüsse von Pateien immer wieder auf der Tagsordnung.
12 vgl. Kollek, Jerusalem, Seite 290 ff
13 Seite „Teddy Kollek“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 12. März 2017, 12:14 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Teddy_Kollek&oldid=163509761 (Abgerufen: 22. April 2017, 20:34 UTC) 
14 siehe Kollek: Jerusalem, Seite 309
15 vgl. Seite „Jerusalemer Altstadt“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 19. April 2017, 10:00 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Jerusalemer_Altstadt&oldid=164717917 (Abgerufen: 22. April 2017, 20:59 UTC) 
16 vgl. Kollek, Jerusalem, Seite 308
17 Begin war in den vierziger Jahren Mitglied der terroristischen Levi Gruppe, auch Irgun genannt.
18 Begin war verantwortlich für die Sprengung des King-David-Hotels in Jerusalem 1946. vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Menachem_Begin
19 vgl. Lollek, Jerusalem, Seite 417
20 vgl. Ebenda, Seite 425 und 431 /
21 vgl. Ebenda, Seite 432
22 vgl. Ebenda, Seite





Kommentare:

  1. Deine Masterarbeiten rund um das zeitlose Thema Israel lassen mich immer sprachlos zurück. Diese Hintergründe entziehen sich mir weitgehend und ich bin froh, hier immer mal wieder auf Stand gebracht zu werden, auch wenn das Buch sicher nicht für mich in Frage kommt.

    Deine Betrachtungen lassen aber das Heute besser verstehen und das ist ein Prädikat für dein Schreiben..

    Gruß aus der literarischen Sternwarte...

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  2. Mir geht es mit manchen deiner Bücherbesprechungen ebenso. Schön, wenn wir uns gegenseitig wieder finden.

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  3. Inspirationen kann man ebenso teilen, wie Ansichten und gute Bücher...

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