Dienstag, 3. Januar 2017

Harris, Robert: Konklave

Wahlen bestimmen (mehr oder weniger) die Politik in einem Staat. In aller Regel dauert so eine Wahl für ein Parlament auch nur einen Tag, plus Auszählung der Stimmen ein wenig länger. Bei Staaten, deren Territorium sich über mehrere Zeitzonen erstreckt, kann es auch mehrere Tage dauern. Dann kommt es hier und da zu Überprüfungen der Wahlen bezüglich der korrekten Durchführung. Diverse Gerichte beschäftigen sich dann mit der möglichen Wiederholung. Außerdem gibt es unter den Staaten auch noch Diktaturen, in denen Wahlen von vorn herein fragwürdig erscheinen.

Letztlich gibt es noch einen Staat, in dem ist alles anders. Dies ist der Vatikanstaat. Da kommt das „Wahlvolk“ aus allen Teilen der Welt in die Stadt am Tiber. Man könnte die Wahlteilnehmer auch Wahlmänner nennen. Diese Wahlmänner wurden nie gewählt, sie wählen Kraft ihres Amtes ihr Oberhaupt. Das ist der Pontifex Maximus. Dessen Vor- oder auch Vorvorgänger hat die Wahlmänner mal in diese Funktion ernannt. Nach der Ernennung nennen sie sich Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalis. Die Kardinäle, nie mehr als 120 [1], wählen manchmal tagelang das neue Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Sie wählen geheim - denkt man. Außerdem werden sie eingeschlossen, damit sie von außerhalb nicht beeinflusst werden können. Aber schon zu Zeiten des Rodrigo Borgia, bekannt geworden als Papst Alexander VI. (1431 - 1503), gab es Mittel und Möglichkeiten, dieses Gebot zu umgehen. Rodrigo Kardinal Borgia kommunizierte mit einem Spiegel mit der Außenwelt um den „Kollegen“, die damals nur einfachste Speisen erhielten, mit einem Brathuhn etwas „Gutes“ zu tun: Im Brathuhn waren diverse geldwerte Versprechungen eingebacken.[2]

Ein wenig davon scheint heute noch vorhanden zu sein, die Teilnehmer am KONKLAVE können im gleichnamigen Roman von Robert Harris die Fenster ihrer Unterkunft nicht öffnen. Jedoch hat der Kardinaldekan ein paar Helfer, die sowohl innerhalb als auch außerhalb wirken und so ganz sind die spekulativen Berichte der Medien doch nicht ohne Grundlage.
Der aktuelle Roman des bekannten Autors Robert Harris beschreibt ein solches KONKLAVE. Es ist die fiktive Beschreibung der möglicherweise nächsten Papstwahl.



Kardinal Lomeli ist dieser Dekan des Kardinalkollegiums und als höchster Kardinalbischof primus inter pares. Lomeli wird eines Nachts an das Totenbett des Heiligen Vaters gerufen, einige der Kollegen sind schon da. Einmal Kardinal Bellini, Staatssekretär, der Camerlengo Kardinal Tremblay und Kardinal Adeyemi, oberster Beichtvater im Vatikan. Tremblay ist Kanadier, Adeyemi ist Nigerianer. Tremblay zerbricht den Fischerring: „Sede vakante!“ Es fehlt in dieser Runde noch Kardinal Tedesco, der Patriarch von Venedig. Alle fünf wären unter Umständen Anwärter auf den Bischofsitz in Rom. Lomeli wird das Konklave leiten müssen, eine mühsame Aufgabe. Kurz bevor die Türen geschlossen werden, erreicht ein unbekannter Priester den Vatikan. Keiner kennt den Erzbischof von Bagdad, Kardinal in pectore, ernannt vom Herzen des Heiligen Vaters her. Benítez ist Philippiner. Das Konklave kann beginnen...

Der Heilige Vater gleicht in seiner Beschreibung ein wenig (?) dem Papst Franziskus. Er hat auf die päpstliche Wohnung verzichtet, wie auch auf die roten Schuhe, seine Gewänder sind zwar weiß aber von schlichter Einfachheit. Er war umstritten und die gezeigte Armut wurde ihn schon mal als Hochmut ausgelegt. Nun ist er beerdigt. Und die Kardinäle fangen an zu wählen...

Hauptfigur ist der Kardinaldekan der oberste Kardinalbischof, der sich plötzlich mit Informationen versehen sieht, die die aussichtsreichsten Anwärter auf den Stuhl Petri diskreditieren. Er fühlt sich gezwungen, diese mit ihren Verfehlungen zu konfrontieren. Immer mehr Stimmen fallen auf ihn. Auch dieser unbekannte Kardinal bekommt einige... Am Ende steigt weißer Rauch auf und Lomelis Gebete scheinen gefruchtet zu haben: Er bleibt der Dekan des Kollegiums. Und doch: Ein Gespräch steht nun noch aus ...

                                                                               * * *

Robert Harris führt uns in die Sixtinische Kapelle und in die Casa Santa Marta, das vatikanische Gästehaus. Der gesamte Roman handelt in und zwischen diesen beiden Orten. Er durfte mit Genehmigung des Vatikans vor Ort recherchieren. So werden die Bilder lebendig und authentisch.

Die Kurie, der Vatikan bilden seit Jahrzehnten den Stoff für Stories, Verschwörungen, Verbrechen. Warum starb Johannes Paul I. bereits nach 33 Tagen (1978) im Amt? Warum hing der Chef der Banco Ambrosiano 1982 an einer Londoner Brücke und was verband ihn mit der Vatikan Bank? Gegenstand ständiger Diskussionen ist die Rolle der Kirche und Pius XII. im Zweiten Weltkrieg und und und... Dieser Roman bedient derartige Verschwörungstheorien nicht. Er zeigt, dass die Diener Gottes vor allem eines sind: Menschen mit allen ihren Stärken und Schwächen. Die große Weltpolitik spielt gar keine Rolle, wobei allerdings das Konklave plötzlich darüber sprechen muss, wie es mit einer Reihe von Terroranschlägen in Rom und München umgehen soll. Wohl aber spielt eine Rolle, wie integer, wie unantastbar ein Oberhaupt der katholischen Kirche sein muss, etwas worüber die Medien in jeder Sedisvakanz hemmungslos spekulieren.

Ein interessanter Roman, der die aktuellen Probleme der römisch - katholischen Kirche betrachtet und bestimmte Eigenheiten und Eigenschaften des amtierenden Papstes hierbei mit einbezieht. Wir hören von Korruption, Missbrauch und reichen Kirchenfürsten die in goßem Pomp leben. Harris schildert die Mühen und die Intrigen und „gestaltet eine große Parabel über die Versuchung der Macht.“ [3]  Der Leser meint am Ende vermutlich, ja, so könnte das nächste Konklave ablaufen. [4]



Quelle
Die Macht ist schon sehr lange das Thema des Autors Robert Harris. Seine Romane über das Römische Reich oder über das Dritte Reich (siehe Vaterland) wie auch aktuellere Themen zeigen die Formen der Macht als „Treibstoff der Geschichte“. Das inst in diesem hier besprochenen Roman nicht anders. Die älteste noch nach alten Riten ausgeübte Wahl der Welt, 700 Jahre alt, geheim und mächtig, bildet den Stoff, aus dem solche fesselnden Romane entstehen. [5] Hier wählen wenige alte Männer ein Kirchenoberhaupt, welches 1,2 Milliarden Menschen repräsentiert.

„Nach Harris ist Macht wie Plutonium und die ganze Menschheitsgeschichte besteht in dem Bemühen, diesen Sprengstoff unter Kontrolle zu behalten. Keiner darf zu viel davon haben und er muss in den richtigen Händen liegen.“ [6]

                                                                              * * *

Schon immer mal wollte ich einen Robert Harris, der ursprünglich Journalist war, lesen. Sein Erfolg zeigt sich auch darin, dass Vaterland, sein erster Roman, es ihm ermöglichte, sich ein zu ständigen Schreiben inspirierendes, imposantes Grundstück zuzulegen. [7]

Mit diesem Roman ist der Grundstein für weitere Lektüre unbedingt gelegt.

DNB / Heyne - Verlag / München 2016 / ISBN: 978-3-453-27072-5 / 349 Seiten

© KaratekaDD

 Quellen:
1 Diese Regelung geht auf Papst Paul VI zurück, bestätigt durch Johannes Paul II. 
   (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Kardinal)
2 Kann man sich ansehen in der Fernsehserie „die Borgias“ 

   (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Borgia_(Fernsehserie)#Besetzung)
3 vgl. deutschlandradikultur 

   (http://www.deutschlandradiokultur.de/robert-harris-konklave-die-verschlossene-welt-der- kardinaele.950.de.html?dram:article_id=371986)
4 vgl. ebenda
5 vgl. Das Erste - ARD (http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/robert-harris100.html)
6 vgl. Ebenda
7 vgl. Ebenda

Kommentare:

  1. Das klingt ja, als sei hier bald wieder eine Autorenseite fällig? ;)

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    1. Nö, bis jetzt sind ja erst zwei Bücher von Harris besprochen wurden.

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