Montag, 5. Dezember 2016

Gerlach, Heinrich: Durchbruch bei Stalingrad





DURCHBRUCH BEI STALINGRAD nannte Heinrich Gerlach seinen Roman, geschrieben von 1943 bis Mai 1945 in sowjetischer Gefangenschaft. Als DIE VERRATENE ARMEE später in der BRD sehr erfolgreich verlegt. Der DURCHBRUCH aber ist nun fast eine Erstauflage – wie es dazu kam soll in einem zweiten Post behandelt werden.

* * *

Oberleutnant Breuer, Lehrer, dient als Chef der Abteilung Ic im Stab einer Division der Deutschen Wehrmacht. Als solcher ist er u.a. auch für die Befragung von Kriegsgefangenen zuständig, er hat also einen gewissen Einblick, eine etwas bessere Sicht als die Mannschaften auf den Gegner, die Rote Armee. Diese bereitet sich gerade auf die Einschließung der 6. Armee vor Stalingrad, der Stadt an der Wolga[1], vor. Zu seiner Abteilung gehört auch der Gefreite Lakosch, sein Fahrer. Noch sind die meisten Angehörigen des Stabes stramme Nationalsozialisten, wie sie sich gegenseitig beteuern. Auch Lakosch, dessen Eltern doch ganz anders dachten. 

Geführt wird der Stab von Oberleutnant (?)[2] Unold, dem Ersten Generalstabsoffizier (Ia), einem wohl talentierten Militär, einem Durchbeißer, einem Durchhalter, bis auch diesen das Unheil einholen wird. Der Divisionskommandeur, ein General, wird fortschreitend seiner Aufgabe nicht gerecht. Später wird er von Oberst v. Herrmann abgelöst, einem ganz anderen Typus militärischer Truppenführer. Zum Divisionsstab gehört auch der Feldwebel Harras, immer noch scharf darauf, Offizier zu werden. Unbedingt zu nennen wäre noch Pfarrer Peters, ein evangelischer Feldgeistlicher, der sich gelegentlich über den Befehl als Pfarrer keine Briefe an Hinterbliebene zu schreiben hinwegsetzt.

Ein Roman aus dem Blickwinkel eines Divisionsstabes also? Arbeitend hinter der HKL, der Hauptkampflinie, in geheizten Bunkern, Feldbetten, Ordonnanzen und Offiziersburschen, versorgt mit bester Verpflegung, Cognac und aus den Frankreichfeldzug herüber geretteten Rotweinresten? Nur gelegentlich von Granaten bestrichen und wenn gut getarnt selten von Bomben betroffen? (Soweit die Klischees)

Nein. Auch wenn der Leser genau dies lesen wird. Geheizte Bunker, fette Verpflegung und Versorgung – paradiesische Zustände gegenüber den Landsern, die in notdürftigen Unterständen, in Schützenlöchern, im blanken Schnee, ohne ausreichende Winterbekleidung, hungernd ausharren müssen – der Winter ist im Anmarsch und er kommt mit aller Gewalt.

Irgendwann ist der Divisionsstab ziemlich nutzlos geworden. Die Armee eingeschlossen. Die Regimenter aufgerieben, die Lazarette überfüllt, die Munition knapp, der Oberst zum General befördert und versetzt und Unold meint, so ein eingespielter, vollständiger Divisionsstab müsste doch aufgespart werden für zukünftige Aufgaben.

Breuer und andere Offiziere bilden auf Befehl kleine Kampfgruppen und plötzlich sind sie überhaupt nicht mehr so weit weg von den Landsern in den Gräben. Ihre persönlichen Sachen gehen genauso verlustig, so viel rumschleppen kann man ja gar nicht bei zunehmender Erschöpfung. Sie freuen sich über jedes verreckte Pferd, klauen Verpflegung, erfrieren sich Hände, Füße, Ohren und bekommen kaum ärztliche Hilfe. Sie schleppen sich durch den Kessel nach allen Himmelsrichtungen, immer noch hoffend: „Der Mannstein kommt!“„Der Führer wird uns nicht sitzen lassen“.  
 Ausfliegen? Nur mit Genehmigung des Armeearztes. 300000 Mann! – Und dann sind irgenwann die Russen da.

Generalstäbler im Schützengrabenelend. Das ist neu in so einem Roman. Zumindest in dieser Dichte. Und Gerlach weiß dieses wirklich zu beschreiben, denn der Oberleutnant Breuer ist sein ALTER EGO. Der schleppt sich zuletzt, stark am Auge verletzt durch den Kessel, erhält sogar eine Transportgenehmigung und rutscht, literarischer Kunstgriff, auf der vereisten Leiter des letzten Fliegers, der von Gumrak startet aus und bleibt zurück. Er beschreibt, wie das letzte Fleisch von den Pferdegerippen geschabt wird, Brot ohne Rücksicht auf den Nebenmann gestohlen wird, die Rationen immer dünner werden.

Er erzählt von der Figur des Harras, der sich den Wunsch erfüllt, Leutnant (durch Betrug) zu werden, sich schlussendlich durch die Hand schießt und im letzten Chaos von schwerem Gerät überfahren wird. Von Lakosch, der am Ende begreift, warum ihn der verstorbene Vater warnte und die Mutter in ihren Briefen und dann, strammer Nationalsozialist bisher, überläuft.

Eine der aus meiner Sicht wichtigsten Personen ist der Feldgeistliche Peters. Anfangs spendet er voller Überzeugung Verwundeten und Sterbenden Trost und verfällt selbst immer mehr in diesem Elend, er schleppt sich durch von Verbandsplatz zu Verbandsplatz und fällt irgendwann dem Gegner in die Hände, er trifft auf russische Gläubige, die ihn (vermutlich) retten. Eine der menschlichsten und kraftvollsten Gestalten des Buches, im Gegensatz zu Unold, der am Ende wegen Absetzens von der Truppe erschossen wird.

Gerlach hat dies erlebt, er gehört zu den 91000, die da übrigblieben und von denen letztlich nur ca. 6500 die Heimat wiedersahen. Die meisten waren so erschöpft, dass sie die ersten Wochen der Gefangenschaft nicht überlebten.


Quelle

Breuer überlebt diese. Und Gerlach schreibt den Roman. Er beginnt schnell damit und bringt das Manuskript durch viele Gefangenenlager, allerdings letztlich nicht nach Deutschland. Die eigenen Anschauungen überwiegen im Roman, einige Dinge erfährt er von mitgefangenen Offizieren und Generälen. Da er die Stabsarbeit aus mehreren Kriegsjahren kennt, ist auch die Darstellung der Stabsarbeit genauso authentisch wie die des unbeschreiblichen Elends im Kessel. Wobei er deren Inhalte nur manchmal erwähnt, den Menschen in den Stäben widmet er seine Aufmerksamkeit. Den Soldaten, Feldwebeln und den älteren, erneut rekrutierten Weltkriegsoffizieren wie auch den ganz jungen, kriegsbegeisterten Leutnanten.  Gelegentlich schiebt er erläuternd historisch bekannte Fakten ein. So die Besprechung zum Entsatz der Armee beim Heeresgruppenführer Generalfeldmarschall v. Mannstein oder die letzten Stunden der Armeeführung, die Kapitulation des am selben Morgen noch zum Generalfeldmarschall beförderten Oberbefehlshabers Paulus.[3]


Durchbruch bei Stalingrad. Dies ist auch eine Metapher. Einerseits geht es um den vom OKW verbotenen Durchbruch in rückwertige Stellungen. Und es bezeichnet auch den Durchbruch im Denken der Soldaten und Offizieren. Das Begreifen, dass dieses im Stich lassen von 300000 deutschen Wehrmachtsangehörigen eine verbrecherische Handlung ist, die in der Kriegsgeschichte ihres gleichen sucht und symptomatisch für das Regime, welches sie in den Krieg sendete, der in eben dieser Kriegsgeschichte der größte, der opferreichste und zerstörerischste  war.


Es ist eines der eindringlichsten Bücher über den Krieg. Mit intensiven Beschreibungen von Erfrierungen, Verletzungen, Chaos, Erschöpfung, Tod, Führungslosigkeit, Verzweiflung und vergeblicher Hoffnung.



* * *

Aus verschiedenen Gründen, zu verschiedenen Zeiten habe ich eine Reihe von Büchern mit Bezug zum Untergang der 6. Armee vor Stalingrad gelesen. Von diesen wird noch zu schreiben sein, wie auch von der Geschichte des Romans. Und davon, wie sich Gedanken ändern, Geschichte anders, neu rezipiert wird. 

Wegen seiner Geschichte und seiner auf eine gewisse Art und Weise Einzigartigkeit hat das Buch ein langes Nachwort vom Carsten Gansel, der den Roman in russischen Archiven nach intensiven Recherchen fand. Diesem Post wird demnächst ein weiterer folgen über die Herkunft dieses Buches und zur Stalingraddarstellung in der Literatur.


DNB / Galiani / Berlin 2016 / ISBN: 978-3-86971-121-8 / 515 S. / 175. Seiten Anhang

© KaratekaDD



[1] Stalin soll sich in Zaryzin, so hieß das heutige Wolgograd früher, während des Bürgerkrieges als Kriegskommissar    
     ausgezeichnet haben. Daher der Name.

[2] Hier liegt vermutlich ein Lektoratsfehler vor, denn der Ia, der die für diese Tätigkeit notwendige Kriegsakademie 
     besuchen musste, war sicherlich kaum ein Oberleutnant, der den Kommandeuren der Bataillone und Regimenter    
     operative Befehle erteilen konnte und musste. Später im Roman wird Unold dann zum Oberst befördert, was vermuten    
     lässt, dass er Oberstleutnant gewesen ist.


[3] Ebenso nachzulesen in den Memoiren Wilhelm Adams machlesen. Vgl. Adam, W.: Der Schwere Entschluss, Verlag der 
     Nation , Berlin 1965 (22.Auflage) Seite 306.

Kommentare:

  1. Und wieder eine Deiner besonderen Lesenischen. Mainstream kann man Dir ganz bestimmt nicht vorwerfen!

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    1. Lesenische hin, Lesenische her: Ich werde es auch lesen!

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  2. Wie gewohnt gute Rezension Uwe. Das Buch interessiert mich auch!

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    1. Danke. Da folgt demnächst noch was zum Thema "Stalingrad - Rezeption"

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