Mittwoch, 16. November 2016

Pieper, Tim: Kalte Havel


Am Ufer der Havel wird ein junger Mann erschossen, sein bester Freund verschwindet spurlos. Es ist der Sohn einer Potsdamer Staatsanwältin, die viele Feinde hat. Für Hauptkommissar Toni Sanftleben beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Entschlossen ermittelt er in den Beelitzer Heilstätten und an anderen gespenstischen Orten, die dem Verfall preisgegeben sind. Doch die Ruinen sind bewohnt und werden mit allen Mitteln verteidigt …

(Klappentext Emons Verlag)

  • Taschenbuch: 240 Seiten
  • Verlag: Emons Verlag (19. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3740800011
  • ISBN-13: 978-3740800017
  • Reihe: Toni Sanftleben Bd. 2







Ich danke dem Autor Tim Pieper ganz herzlich für die Bereitstelltung des Rezensionsexemplars. Bislang habe ich jedes Buch von ihm gelesen - stets auch im Rahmen einer Leserunde - und ich muss sagen: es ist mir stets ein Vergnügen!






LOST PLACES...



Wikipedia



Eigentlich ist Toni Sanftleben ganz zufrieden mit dem Leben, so wie es jetzt ist. Er ist nach den Ereignissen im vorherigen Band zwar vom Dienst beurlaubt, doch kümmert er sich nun liebevoll um seine Frau, die nach etlichen Jahren wieder zu ihm und seinem Sohn zurückgekehrt ist. Eigentlich verschwendet Toni kaum noch einen Gedanken an seine frühere Arbeit, und um so überraschter ist er, als die Staatsanwältin ihn auf seinem Hausboot aufsucht.

Ein Freund ihres Sohnes Alexander wurde erschossen - und seither ist er selbst wie vom Erdboden verschwunden. Entführt? Ermordet? Weggelaufen? Die Staatsanwältin hofft, ihren Sohn lebendig wiederzusehen und bittet Toni dringend um seine Mithilfe. Für diesen einen Fall ist seine Beurlaubung aufgehoben, und schon bald ist klar, dass er hier seine gesamte Erfahrung als Hauptkommissar in die Waagschale werfen muss, um Schlimmeres zu verhindern...

Düster ist die Atmosphäre, die Tim Pieper hier in dem zweiten Band um den Berliner Ermittler Toni Sanftleben schafft. Viele der geschilderten Szenen spielen sich in sog. Lost Places ab, wie z.B. in den Beelitz-Heilstätten bei Potsdam oder in der verlassenen Kaserne in Krampnitz. Diese morbide Atmosphäre erscheint ungemein passend zu den Geschehnissen und Hintergründen des Falls, was mir sehr gefallen hat.


"...und er erfasste instinktiv, was die einmalige Atmosphäre ausmachte. An den vernagelten Fenstern, an den verrosteten Teppichstangen und dem überwucherten Sportplatz war abzulesen, dass alles, was sich hier abgespielt hatte, unwiederbringlich der Vergangenheit angehörte. Gleichzeitig war dieser Ort noch keiner neuen Bestimmung zugeführt worden, was ein Gefühl des Schwebenden, des Vagen und des Ungewissen auslöste, das in der geordneten Welt außerhalb (...) kaum entstehen konnte. Dieser Ort suggerierte eine Parallelexistenz." (S. 61)


Toni Sanftleben hat es nicht leicht, wieder in den geordneten Dienst zurückzukehren, zumal nicht alle Kollegen ihn wieder willkommen heißen. Doch bald schon ist er bis über beide Ohren in den Fall verstrickt und ermittelt dabei teilweise in gänzlich anderer Richtung als in die von seinem Chef vorgegebene. Im Grunde hat er mit seinen Kollegen im Laufe der Ermittlungen kaum etwas zu tun - er gibt Anweisungen und holt sich gelegentlich Informationen ein, doch eigentlich geht Toni die meiste Zeit über seiner ganz eigenen Wege. Dieser Aspekt war für mich doch etwas verwunderlich, denn Polizeiarbeit im konsequenten Alleingang ist doch zumindest außergewöhnlich.

Dennoch ergeben sich im Laufe der Ermittlungen immer neue Aspekte und Hintergrunddetails, die Toni allmählich klarer sehen lassen - und doch auch wieder nicht. Denn alles, was er herausfindet, komplettiert einerseits das Täterprofil, passt jedoch andererseits gleich auf mehrere der Verdächtigen. Das hat Tim Pieper wieder geschickt konzipiert, denn auch der Leser wird bis kurz vor Schluss im Unklaren gelassen, wer denn nun hinter der Ermordung des Freundes von Alexander steckt und was es mit dem Verschwinden des Sohnes der Staatsanwältin tatsächlich auf sich hat.

Die Mischung aus morbider Atmosphäre einerseits und den vielen Fragezeichen andererseits, die lange immer mehr zu werden scheinen, hat mir gut gefallen. Ebenso empfand ich die Verwebung der fallrelevanten Elemente in der Gegenwart mit den Rückblenden aus der Sicht des ermordeten Opfers als sehr gelungen. Auch die privaten Einblicke in das Leben von Toni Sanftleben stehen in einem angenehmen Verhältnis zu dem Fall an sich - und machen Lust auf weitere Folgen der Reihe. Denn hier ist das letzte Wort noch nicht geschrieben, und etliche Antworten bezüglich des Privatlebens von Toni bleibt der Autor hier noch schuldig. Ein geschickter Schachzug!

Der Schreibstil ist dabei flüssig und angenehm zu lesen, wobei ich manche Stellen als etwas zu gestelzt und zu gewollt empfunden habe, andere Passagen dagegen sehr bildhaft und fast schon poetisch fand.

Insgesamt also ein gelungener zweiter Teil der Reihe, der unbedingt neugierig macht auf die Folgebände.



© Parden






Tim Pieper mit Tobi
Live-Mitschnitt eines Radiointerviews von Tim Pieper zu seinem neuen Krimi








Der Emons Verlag schreibt über den Autor:

Tim Pieper, geboren 1970 in Stade, studierte nach einer Weltreise Neuere und Ältere deutsche Literatur und Recht. Mit seiner Familie lebt er im Südwesten von Berlin, nur wenige Kilometer vor den Toren Potsdams, und liebt es, die idyllische Landschaft Brandenburgs mit dem Fahrrad zu erkunden.

übernommen vom Emons Verlag

1 Kommentar:

  1. Da hätten wir nun wieder zwei Buchbesprechungen hier auf unserem Blog.

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