Sonntag, 27. November 2016

De Vigan, Delphine: Nach einer wahren Geschichte



Ein raffiniertes literarisches Spiel mit Fiktion, Wirklichkeit und Identität
 

Zwei Frauen lernen sich auf einer Party kennen. Die zurückhaltende Delphine, die sich mit fremden Menschen meist sehr schwer tut, ist sofort fasziniert von der klugen und eleganten L., die als Ghostwriter arbeitet. Aus gelegentlichen Treffen werden regelmäßige, man erzählt einander das eigene Leben, spricht über Familie und Freunde, vor allem über Freundinnen. Und natürlich über Bücher und Filme, die man liebt und bewundert. Delphine ist glücklich über die Gemeinsamkeiten und fühlt sich verstanden wie schon lange nicht mehr. Ganz entgegen ihrer Gewohnheit gibt sie in einem Gespräch über das Schreiben die Idee für ihr nächstes Buch preis. L. reagiert enttäuscht: Wie nur könne Delphine ihre Zeit auf eine erfundene Geschichte verschwenden? Eine Autorin ihres Formats müsse sich der Wahrheit verschreiben. Delphine ist entsetzt. L.s leidenschaftlich vorgetragene Forderung löst eine tiefe Verunsicherung in ihr aus. Bald kann sie weder Papier noch Stift in die Hand nehmen. L. scheint völlig unglücklich über das zu sein, was sie in der Freundin ausgelöst hat. Selbstlos übernimmt sie die Beantwortung von E-Mails, das Absagen von Lesungen und Interviews, das Vertrösten des Verlags, der auf einen neuen Roman wartet. Und all das in Delphines Namen. Keiner weiß davon, keiner kennt L., und so ist Delphine allein, als sie feststellt, dass L. ihr immer ähnlicher wird …

(Klappentext Dumont Verlag)

  • Gebundene Ausgabe: 350 Seiten
  • Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; Auflage: 2 (24. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Doris Heinemann
  • ISBN-10: 383219830X
  • ISBN-13: 978-3832198305
  • Originaltitel: D'après une histoire vraie












WER IST L.?




Nachdem ich vor einigen Monaten begeistert mein erstes Buch von Delphine de Vigan gelesen hatte ('Das Lächeln meiner Mutter'), war ich sehr gespannt auf das neue Buch der Autorin. Zu meiner großen Überraschung hatte dieses jüngste Werk einen direkten Bezug zum vorherigen Roman, so dass ich nun um so neugieriger war.


Schon mit den letzten Seiten des ersten Abschnittes begann ich darüber nachzudenken, ob L., die mysteriöse Frau, die sich so in Delphines Leben schleicht und sich darin festsetzt, vielleicht nur das Alter Ego von Delphine sein könnte und für ihren inneren Disput steht, was für ein Buch denn tatsächlich nach 'Das Lächeln meiner Mutter' möglich wäre. Da ist etwas, das Delphine daran hindert, einfach das nächste Buch zu schreiben. Muss sie nicht eigentlich in der Richtung weitermachen, wie bei 'Das Lächeln meiner Mutter?' Wäre das eigentlich geplante - und fiktive - Buch nicht ein totaler Bruch? Unglaubwürdig in den Augen ihrer Leser? Wie kann man eine fiktive Geschichte schreiben, nachdem man vor der Welt sein Innerstes nach außen gekehrt, sein Leben ausgebreitet hat? 'Nach einer wahren Geschichte' könnte eine Überleitung sein - von der autobiografischen Haltung zurück zur Fiktion. Der Leser nimmt hier Teil an der inneren Zerrissenheit der Autorin, und indem sich diese derart öffnet, ebnet sie sich die 'Erlaubnis' - von sich selbst und von anderen - sich demnächst wieder anderen Themen zuwenden zu 'dürfen'. Tatsächlich habe ich nach der Lektüre von 'Das Lächeln meiner Mutter' gedacht: was soll da jetzt noch kommen?


"Darauf pfeifen die Leute. Sie haben genug von Märchen und Figuren. Mit romanhaften Wechselfällen und plötzlichen Umschwüngen sind sie zur Genüge gefüttert worden. Die Leute haben die gut geölten Geschichten mit ihren geschickten Aufhängern und Auflösungen satt. Sie haben genug von den Sandmännchen und Geschäftemachern, die am laufenden Band Geschichten erfinden, um ihnen Bücher, Autos und Joghurts anzudrehen. In großer Zahl produzierte und unendlich abwandelbare Geschichten. Glaub mir, die Leser erwarten etwas anderes von der Literatur, und damit haben sie sehr recht: Sie erwarten Wahres, Authentisches, sie wollen, dass man ihnen vom Leben erzählt, verstehst du? Die Literatur darf nicht auf das falsche Territorium geraten." (S. 74)


Und wirklich dreht sich in diesem Roman vieles um Belange der Literatur und des Schreibens, um die Frage von Fiktion und Wirklichkeit, von Wahnsinn und Normalität - und auch immer wieder um das Rätsel um L., die mysteriöse Frau, die das Leben von Delphine okupiert. Ist sie wirklich vorhanden oder aber das Alter Ego der Autorin - halt, nein, des Hauptcharakters des Buches? Denn wie der Roman letztendlich lehrt: selbst wenn man über die Wahrheit schreibt, ist es Fiktion. In der Leserunde zum Buch kam dann die interessante Theorie auf: L. ausgesprochen = frz. 'elle', also 'sie' - was wiederum passen könnte zu den Zitaten aus Stephen Kings Roman 'Sie', die den einzelnen Abschnitten vorangestellt sind. Eine andere Idee betraf das Pseudonym der Autorin: unter Lou Delvig veröffentlichte sie bereits frühere Romane - L. wäre damit möglicherweise die Initiale dieses Pseudonyms. All diese Thesen und Gedanken verdeutlichen sicherlich, wie meisterhaft Delphine de Vigan hier das Verwirrspiel von Wahrheit und Fiktion beherrscht.


"Aber es gibt keine Wahrheit. Die Wahrheit existiert nicht (...) Sobald man Dinge auslässt, etwas ausdehnt oder verdichet, Lücken füllt, ist man im Reich der Fiktion (...) jedes Schreiben über sich selbst ist ein Roman. Der Bericht ist Illusion. Kein Buch dürfte diese Bezeichnung tragen." (S. 76)



Der Schreibstil ist sehr anspruchsvoll. Die oft langen, ineinander verketteten Sätze, der analytische Blick, das Sezieren der Gefühlslagen, Gedankengänge, Zustände - sehr gekonnt, aber eben auch sehr fordernd. Dieser Schreibstil und das Nachdenken über das Gelesene bewirkten, dass ich - wie übrigens auch schon bei 'Das Lächeln meiner Mutter' - beim Lesen ausgesprochen und ungewohnt langsam voran kam. Die Handlungsarmut der Erzählung ermüdete mich dabei zusätzlich - die Innenschau des Hauptcharakters war intensiv aber eben oftmals langatmig und ausschweifend und damit auch anstrengend. Immer wenn ich glaubte, endlich einmal gut vorangekommen zu sein, belehrte mich die Seitenzahl eines Besseren. Maximal zwanzig Seiten habe ich hier am Stück gelesen, bevor ich das Buch erst einmal wieder zur Seite legte. Die letzten 50 Seiten allerdings schlugen mich wieder richtig in ihren Bann und sorgten noch für eine interessante Überraschung. Selten zuvor habe ich ein Buch gelesen, das ich am Ende mit einer Gänsehaut schloss. Hier ist es mir so ergangen.

Ein außergewöhnlicher Roman, der mit einer verwirrenden aber faszinierenden Geschichte aufwartet, undurchschaubar bis zum Schluss. Anspruchsvolle Lektüre, die den Leser aber zum Nachdenken bringt, auch über die Geschichte hinaus, und die Delphine de Vigans Perfektion in Sachen Verwirrspiele zur Geltung bringt. Beeindruckend, einmal mehr.


© Parden



P. S.: Roman Polanski wird 'Nach einer wahren Geschichte' verfilmen, das Drehbuch wird Olivier Assayas schreiben. Dies ist der Homepage des Dumont Verlags zu entnehmen. Ehrlich gesagt kann ich mir eine Verfilmung dieses Stoffes in keinster Weise vorstellen. Um so gespannter bin ich auf diesen Film - und Polanski ist ja immer für beeindruckende Filme gut. Der Kinobesuch ist vorgemerkt!

















Delphine de ViganDer Dumont Verlag schreibt üer die Autorin:

Delphine de Vigan, geboren 1966, gelang mit ›No & ich‹ (2007) der Durchbruch als Schriftstellerin. Seit dem Roman ›Das Lächeln meiner Mutter‹ (2010), der wochenlang die französische Bestsellerliste anführte, zählt sie zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren Frankreichs. Sie lebt mit ihren Kindern in Paris

übernommen vom Dumont Verlag

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