Montag, 30. Mai 2016

Denzau, Heike: Opa will zum Nordkap




Einmal das Nordlicht sehen, das ist Opa Fridos Herzenswunsch. Um ihm den zu erfüllen, hat die siebzehnjährige Esther ihren leicht dementen Opa kurzerhand aus dem Pflegeheim entführt. Aufgelesen werden die beiden von Audrey, die auf dem Weg nach Nordfriesland ist – in einer ganz eigenen Mission. Audrey muss Frido als ihren eigenen Opa ausgeben, was in seinen lichten Momenten nicht ganz einfach ist. Außerdem neigt der Alte zum Weglaufen und schickt sie damit auf eine Odyssee durch Nordfriesland. Doch mitten im größten Chaos findet auch Audrey zu sich selbst und erkennt ihren eigenen Herzenswunsch.


  • Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. März 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426516985
  • ISBN-13: 978-3426516980












VON REISENDEN UND SUCHENDEN...




Bildergebnis für nordkap



Ziemlich blauäugig ist die gerade mal 18jährige Esther losgezogen, hat ihren Großvater aus dem Altersheim entführt und sich mit ihm auf den Weg gen Norden gemacht. Fest entschlossen, ihm seinen einen großen Traum zu erfüllen, den er in seinem Leben hatte: eine Reise zum Nordkap, um das Nordlicht zu sehen. Opa Frido leidet seit einer Hirnblutung vor einigen Jahren an einer Demenz, hat aber auch noch seine wachen Momente. Er freut sich dann an den kleinen Dingen des Alltags, erkennt allerdings seine Enkelin nicht, sondern hält diese für seine verstorbene Frau Aurora.

An einer Autobahnraststätte treffen Esther und Frido auf Audrey, den eigentlichen Hauptcharakter dieses Romans, und ihren Zwillingsbruder Moritz. Beide sind trotz des Porsches wenig begeistert von dem väterlichen Auftrag, in dem sie unterwegs sind. Bevor sie sich drei lange Ferienwochen auf Sylt vergnügen können, sollen sie in Dagebüll Halt machen, einem kleinen Nest an der Nordsee. Dort sollen sie ihrem Vater den Kauf eines alten Hotels sichern, mit dem ihn angenehme Erinnerungen an seine Lehrzeit verbinden. Obwohl Audrey ein ungutes Gefühl befällt, nimmt sie gegen den Widerstand ihres Zwillingsbruders die beiden Ausreißer mit bis zur Nordsee. Dem leisen Charme Fridos hat sie einfach wenig entgegenzusetzen.

In Dagebüll angekommen, geraten die Dinge plötzlich aus dem Ruder. Ein Unfall verhindert die zügige Weiterfahrt nach Sylt, so dass Audrey sich und ihre drei Begleiter kurzerhand in dem Hotel einquartiert, das ihr Vater gerne erwerben würde. Da sie sich denken kann, dass Esther und Frido durch besorgte Angehörige zur Fahndung ausgeschrieben werden, gibt sie bei der Anmeldung der beiden falsche Namen an. Und auch sonst verstrickt sie sich immer mehr in ein Geflecht aus Halbwahrheiten und Lügen, bis die Dinge eine Dimension entwickeln, die nicht länger berechenbar ist. Das Chaos ist vorprogrammiert...

Doch wer jetzt an bloßen Klamauk denkt, der irrt. Natürlich gibt es Szenen, bei denen ich lauthals lachen musste. Aber es gibt auch viele andere Aspekte, die den Roman zu etwas Besonderem machen. Klar, ein Wohlfühlroman. Aber eben einer, der alle Facetten bedient.

Angefangen bei den liebevoll ausgearbeiteten Charakteren - nicht alle sympathisch, beileibe nicht. Aber eben sehr authentisch angelegt, so dass man beim Lesen nahezu die Gesichter vor Augen hat. Audrey, die 32jährige Frau, die kurz vor der Hochzeit mit einem aufstrebenden Arzt steht, modebewusst und stilsicher durchs Leben geht, aber immer noch nicht recht weiß, was für einen Beruf sie wählen soll. Etliche begonnene und wieder verworfene Studiengänge zeugen von ihrer Unentschlossenheit - und von der Großzügigkeit ihres Vaters. Ihr Zwillingsbruder Moritz, hypochondrisch veranlagt und ein Künstler mit einem morbiden Hang zu düsteren Darstellungen, ein wenig das schwarze Schaf in der Familie und liiert mit einer sehr temperamentvollen Frau, die für sein aktuell bunt schillerndes und zugeschwollenes Auge verantwortlich ist. Esther, lebhaft und naiv, liebevoll und blauäugig, die ihr Herz auf der Zunge trägt. Und Frido, der demente Großvater, den jeder rasch in sein Herz schließt, weil er unglaublich liebenswürdig erscheint, was selbst sein Hang zum ständigen Davonlaufen nicht vermindert.

Aber auch die Geschichte selbst ist plausibel und liebevoll ausgearbeitet - es geht um Herzenswünsche, um Zwischenmenschliches, um die Suche nach sich selbst und um so manches mehr noch, das sich zu entdecken lohnt. Trotz der vagen Vorhersehbarkeit aufgrund des Genres 'Wohlfühlroman' gibt es zahlreiche Überraschungen, und vor allem die Klaviatur der Gefühle wird hier rauf und runter bedient. Lachen und Weinen liegen manchmal nur einen Satz auseinander, und an einer Stelle klappte ich das Buch spontan ungläubig zu, stand auf, starrte entgeistert auf das Cover und sagte mehrfach: 'Nein!'. Das passiert mir nicht häufig, dass ich eine Geschichte derart miterlebe und mit den Charakteren mitfiebere.

Ein herzerwärmendes Buch, bei dem man das Gefühl hat, die Personen wirklich zu kennen - oder zumindest, sie kennenlernen zu wollen. Ein Buch, das mir einen verregneten Tag versüßt hat und mich mit einem leisen Lächeln zurücklässt. Mehr kann man nicht erwarten...


© Parden














Die Verlagsgruppe Droemer Knaur schreibt über die Autorin:



Heike Denzau, Jahrgang 1963, lebt mit Ehemann und zwei Töchtern in dem kleinen Wewelsfleth in Schleswig-Holstein. Viele ihrer Kurzgeschichten wurden in Anthologien veröffentlicht, und sie hat mehrere Kriminachromane geschrieben, die in Norddeutschland spielen.. Ihr Krimi »Die Tote am Deich« war nominiert für den Friedrich-Glauser-Preis 2012 in der Sparte Debüt.
übernommen von der Verlagsgruppe Droemer Knaur


Kommentare:

  1. Liest sich wie ein schönes Geschenk.

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  2. Das scheint genau die richtige Urlaubslektüre zu sein.
    lg, Tina

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