Sonntag, 10. April 2016

Levine, Karen: Hanas Koffer (2)



Abb 1 - Cover
Ein Koffer. Hanas Koffer.

Koffer sind oft Symbole für eine weite Reise, manchmal auch für eine letzte Reise. Dazu fällt mir zunächst mal ATLANTIC AFFAIRS – Sterne, die nie untergehen ein. Ein Studioalbum nebst Film von einem der politischsten Musiker, die wir wohl haben, Udo Lindenberg. Die Koffer – Es sind die Koffer der Emigranten, der Künstler, der Komponisten.

Ich bin ein kleiner Koffer sang Tim Fischer in der Bühnenshow von Udo Lindenberg.

„Ich bin ein kleiner Koffer aus Frankfurt am Main,
und ich such meinen Herrn, wo mag er nur sein,
er trug einen Stern, und war alt und blind,
und er hielt mich gut, als wär ich sein Kind.“
[1]


Abb 2 - Theresienstadt
Der Text ist von Ilse Weber, geboren 1903, gestorben am 6. Oktober 1944 in Auschwitz. In dem Lied geht es um den Koffer eines alten Herrn. Ilse Weber wurde im Februar 1942 nach Theresienstadt deportiert. In der ehemaligen Festung war das "Vorzeigelager" eingerichtet wurden. Dieses präsentierten die "Betreiber" propagandistisch der Weltöffentlichkeit. Dem Roten Kreuz, der internationalen Presse.



Das folgende vertonte Gedicht stammt auch von Ilse Weber:


Ich wandre durch Theresienstadt

Ich wandre durch Theresienstadt,
das Herz so schwer wie Blei,
bis jäh mein Weg ein Ende hat,
dort knapp an der Bastei.

Dort bleib ich auf der Brücke stehn
und schau ins Tal hinaus:
Ich möcht so gerne weitergehn,
ich möcht so gern – nach Haus!

»Nach Haus!« – du wunderschönes Wort,
du machst das Herz mir schwer,
man nahm mir mein Zuhause fort,
nun hab ich keines mehr.

Ich wende mich betrübt und matt,
so schwer wird mir dabei,
Theresienstadt, Theresienstadt
– wann wohl das Leid ein Ende hat –

wann sind wir wieder frei?
[2]


 
Abb 3 - Hanas Koffer


Einen Koffer nahm ein dreizehnjähriges Mädchen von Theresienstadt mit auf ihre letzte Reise, die im Konzentrationslager Auschwitz endete. Dieser Koffer kommt auf wundersame Weise in ein fernes Land – nach Japan. Einem Land, in dem der Holocaust bisher keine allzu große Rolle in der Geschichtsrezeption spielte. Doch gab es da eine junge Lehrerin namens Fumiko Ishioka, die um Gegenstände mit Holocaust-Bezug gebeten hatte und Hanas Koffer aus der Gedenkstätte Auschwitz bekam. Sie hatte eine Gruppe namens „Kleine Flügel“ gebildet, Kinder zwischen acht und achtzehn Jahren, die nun im Holocaust Educational Resource Center in Tokio das Leben der Besitzerin des Koffers, der jungen jüdischen Tschechin Hana Brady aus Nove Mesto, Tschechien, erforschten. Dem unermüdlichen Wirken der Lehrerin Fumiko ist es zu danken, dass dies auf eine Art und Weise möglich wurde, in deren Folge die Kanadierin Karen Levine im Jahr 2002 das Kinder- und Jugendbuch Hanas Koffer schreiben konnte.


Abb 4 - © AstroLibrium


Das Buch wurde im Juni 2014 auf eine Blog-Reise innerhalb einer Facebook-Gruppe geschickt und erreichte nun die Stadt Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern. Die ehemalige herzogliche Residenz liegt rund zwanzig Kilometer von einem Ort entfernt, der zu diesem Buch auch einen kleinen Bezug aufweist: Fürstenberg an der Havel. Hier befand sich in unmittelbarer Nähe das Frauen- und Mädchenkonzentrationslager Ravensbrück und das sogenannte Jugendschutzlager Uckermark.


 * * *

Das Buch – Die Geschichte

Karen Levine erzählt zwei Geschichten. Die der Hana Brady und die ihres Koffers. Vor allem aber erzählt sie, wie Frau Fumiko Ishioka es schaffte, den Bruder Hanas zu finden und den mittlerweile über achtzigjährigen Kanadier George Brady in Tokio mit ihrer Kindergruppe zu begrüßen.


Für mich einer der am meisten bewegenden Momente des Buches: George steht vor dem Koffer seiner kleinen Schwester.

„Und dort, umgeben von Kindern und mit Fumiko, die seine eine Hand nahm, während seine Tochter Lara Hana die andere hielt, sah George nach einem halben Jahrhundert den Koffer wieder. Plötzlich überfiel ihn eine unerträgliche Traurigkeit. Es war der Koffer, der seiner kleinen Schwester gehört hatte. Ihr Name stand groß darauf. Hanna Brady. Seine starke, mutige, fröhliche Schwester. Sie war so jung gestorben, auf eine so schreckliche Art. George senkte den Kopf und ließ den Tränen freien Lauf.

Doch ein paar Minuten später, als er den Kopf hob, sah er seine Tochter Lara. Er sah Fumiko, die keine Anstrengung gescheut hatte, um Hanas Geschichte herauszufinden.“
[3]

Es gehörte wohl viel Durchhaltevermögen dazu und lange Reisen, um dies möglich zu machen. Fumiko gelangte dabei auch nach Theresienstadt (Terezin), und in der Gedenkstätte erhielt sie den Namen eines Freundes von George, den sie dann in Prag traf. So konnte die Geschichte eines unbekannten dreizehnjährigen Mädchens den Weg in ein Kinderbuch finden, dass in viele Sprachen übersetzt, in das Deutsche von Mirjam Pressler, und mehrfach ausgezeichnet wurde.

Von ihrer Kindheit erzählt Jiri (George) Brady:

Abb 5: Hana & Jiri

"Wir gehörten zur Mittelschicht, unsere Eltern hatten einen Laden auf dem Hauptplatz. Unser Vater war voll in das dortige Leben eingebunden. Er spielte Theater, war Kapitän der Fußballmannschaft, bei der freiwilligen Feuerwehr. Hana und ich spielten mit den anderen Kindern, wir fuhren im Winter Schlittschuh und Ski, badeten im Sommer im Teich - wir lebten, wie alle anderen Kinder." [4]

Alena Nemeckova-Blahova, Schulfreundin von Hana, erinnerte sich:

"Hanka war so offen und freundlich, sie machte keinen Unterschied zwischen reich und arm. Ich stammte aus einer ärmeren Familie, aber Hanka ging immer mit mir unsere Tiere hüten. Wir hatten zuerst eine sorglose Kindheit. Als sie dann nicht mehr zur Schule gehen durfte, konnten wir Kinder das damals nicht verstehen. Als Hanka an der Schule vorbeiging, sagte Oberlehrer Kleveta immer zu uns: ´Schaut unauffällig aus dem Fenster und grüßt die Hanicka.´ Das war für uns dann schon sehr, sehr traurig." [5]

Doch Hana muss mit anderen Kindern und ihrem Bruder 1942, die Eltern sind bereits verhaftet und deportiert oder im Gefängnis, nach Theresienstadt, dem „Vorzeigelager“ der Nationalsozialisten. Den Kontakt mit ihrem Bruder konnte sie manchmal halten. Als sie, nachdem ihr Bruder bereits „auf Transport“ gegangen war, ihren Namen auf einer weiteren Transportliste sah, freute sie sich, bald ihren Bruder wiederzusehen. Aber für Hana endete die Reise nach einem Tag und einer Nacht so:

„Unter den wachsamen Augen der Hunde und der uniformierten Männer wurden Hana und ihre Zimmergenossinnen durch ein schmiedeeisernes Tor geführt. Hana klammerte sich an Ellas Hand. Sie gingen an riesigen Baracken vorbei. Sie sahen Gefangene in gestreiften Uniformen, die mit ihren bis auf die Knochen abgemagerten Gesichtern aus den Türen spähten. Man befahl den Mädchen, in ein großes Gebäude zu gehen. Dann wurde die Tür mit einem schrecklichen Knall hinter ihnen zugeschlagen.“ [6]

Das Buch hat die Geschichte bekannt gemacht. Nicht unerwähnt soll aber bleiben, dass eine Schulfreundin Hanas, Libuse Wurzelova-Minarova, den Koffer, als er sich noch vor seiner großen Reise in der Gedenkstätte Auschwitz befand, selbst dort gesehen hatte:

"Ich sah den Koffer, als ich während der Ferien im Jahre 1962 die Gedenkstätte in Auschwitz besuchte. Ich war dort noch mit meinen Bekannten. Ich erzählte ihnen, dass dort die Familie meiner Schulfreundin ermordet wurde. Wir gingen da an einem Glasschrank vorbei und da sah ich plötzlich den Koffer mit der Überschrift Hana Brady." [7]

Was müssen das für Gefühle sein, die da in Libuse aufgekommen sein müssen, wie auch Jahre später auf Jiri?


Abb 6 - Fumiko Ishioka & George Brady




* * *




Abb 7
Ein Abstecher nach Ravensbrück

Mutter weg. Abtransportiert nach Unbekannt. Doch die zehnjährige Hana erreicht ein Brief, da ist noch der Vater bei den Kindern. Im Mai 1941 schreibt die Mutter als dem Konzentrationslager Ravensbrück:

„Mein Liebstes,
ich wünsche dir alles Gute zu deinem Geburtstag. Es tut mir Leid, dass ich dir dieses Jahr nicht helfen kann, die Kerzen auszublasen. Ich habe das Herz für dein Armband gemacht. Werden dir deine Kleider zu klein? Bitte Papa und Georgie, mit deinen Tanten zu sprechen, damit sie meinem großen Mädchen etwas Neues zum Anziehen machen. Ich denke dauernd an dich und deinen Bruder. Mir geht es gut. Bist du ein braves Mädchen? Wirst du mir einen Brief schreiben? Ich hoffe ihr lernt weiterhin, du und George. Mir geht es gut. Ich vermisse dich so sehr, liebste Hanischka. Ich küsse dich.
In Liebe, Mutter. Mai 1941, Ravensbrück.“
[8] / [9]


Abb 8 Brief an Hana


In einem Konzentrationslager ist nichts normal. Und doch geschehen manchmal normal anmutende Dinge. Briefe. Die Vernichtungsmaschinerie hate 1941 ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Heydrich wird den Plan der Endlösung auf der Wannsee-Konferenz erst ein dreiviertel Jahr später mit weiteren dafür Verantwortlichen diskutieren.

Ravensbrück war ein Lager für Frauen und Mädchen. Einem in Dresden aufgewachsenem Jungen wurde in den siebziger Jahren der Name vermutlich durch eine Mutter und ihre Tochter bekannt, dies waren Rosa und Irma Thälmann, Frau und Tochter von Ernst Thälmann, dem Vorsitzenden der KPD, welcher 1944 im Konzentrationslager Buchenwald umgebracht wurde. Beide überlebten die Lagerzeit. Nach Ernst Thälmann wurde die Pionierorganisation benannt und so hörten und lasen wir Geschichten auch von dessen Tochter Irma. In einer Geschichte von Eltern und Kindern wurde uns, mir, so vermutlich erstmals das Thema Konzentrationslager bekannt.


Abb 9
In Ravensbrück waren wohl insgesamt ca. 132000 Frauen und Kinder, 20000 Männer und 1000 weibliche Jugendliche (Uckermark) interniert. Ungefähr 28000 Häftlinge sind ums Leben gekommen.

Als Markéta Brady im Jahr 1941 dorthin deportiert wurde, wurde die Anzahl der Häftlinge, ursprünglich war das Lager für rund 3000 Insassen geplant, ungefähr verdoppelt. Die Frauen mussten wohl „frauentypische“ Arbeiten im SS-Betrieb Gesellschaft für Textil- und Lederverwertung mbH verrichten. Mit der Verdopplung der Häftlinge musste jedoch vermutlich „Platz“ geschaffen werden. Tausend Frauen wurden nach Auschwitz transportiert. Hinrichtungen häuften sich und Häftlinge wurden durch Schwerstarbeit zu Tode gequält. [10]

In der Ausstellung wird dargestellt, dass aus dem „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ ungefähr 2000 Tschechinnen nach Ravensbrück deportiert wurden. Im Protektorat und vor allem im Satellitenstaat Slowakei begann die Verfolgung der Juden. [11] Dass Hanas Mutter von der Gestapo verhaftet wurde, lässt vielleicht darauf schließen, dass sie eventuell dem Widerstand zugeordnet wurde, auch der Vater wurde etwas später verhaftet. [12]


Abb 10
Ravensbrück ist eine Gedenkstätte, in der vom eigentlichen Konzentrationslager nicht viel erkennbar ist. Die Baracken der Häftlinge sind in ihren Umrissen durch Nachzeichnung links und rechts der Lagerstraße gekennzeichnet. Der Industriehof, das Verwaltungsgebäude stehen noch; das Gelände wurde nach dem Krieg von der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland genutzt. In den Häusern der Aufseherinnen befinden sich eine Jugendherberge und ein Haus ist für ehemalige Häftlinge, die das Lager besuchen, vorgesehen. Fährt man auf das Lager zu, stehen links und rechts halbverfallene Häuser der ehemaligen SS-Offiziere, die später Familien der Offiziere der Roten Armee bewohnten. Das Haus der Kommandanten des Konzentrationslagers wurde renoviert.


Abb 11
Wie so oft in Deutschland: In einer Idylle, dicht neben einer bürgerlichen brandenburgischen Stadt, an einem malerischen See, entstand die Hölle für Menschen vieler Länder, die aus politischen, religiösen, rassischen Gründen einer Vernichtungsmaschinerie sondergleichen ausgesetzt wurden.




* * *


Abb 12
Ein Abstecher nach Yad Vashem 

Der Absatz, in dem Hanas Geschichte abrupt endet, als sich die Türen hinter der Gaskammer schließen, war nicht der, welcher mich am meisten berührte. Es war der Absatz, in dem George dem Koffer seiner Schwester gegenübersteht. Wie geht man um mit der Konfrontation mit so viel unfassbaren Leid? – Vielleicht so wie in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem:

Yad Vashem ist die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Holocaust (griechisch: ὁλοκαύτωμα) bedeutet "Vollständig Verbranntes" oder "Brandopfer". Oftmals wird auch der Begriff Shoa (hebräisch השואה) für "Unheil" oder "Große Katastrophe" gebraucht. Beide Begriffe kennzeichnen eines der größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte. Die allermeisten Menschen wissen auch, was gemeint ist.

Yad Vashem (hebräisch ‏ יד ושם ‎ für „Denkmal und Name“) erhielt seinen Namen nach Jesaja 56,5: „Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“

Wir geben ihnen einen Namen, das ist das Ziel der Gedenkstätte und damit unterscheidet sich diese von anderen, auch zum Beispiel den Gedenkstätten in den Konzentrationslagern Europas. Die Israelis verfolgen das Ziel, jedem ermordeten Juden seinen Namen wiederzugeben, als nicht einfach SECHS MILLIONEN, sondern LEAH, SARAH, SCHLOMO oder YIZAK. Erinnerung ist das Ziel, nicht Anklage. Vier Millionen Menschen wurden so bereits namhaft gemacht.

In der Jahr 2009 besuchte ich in einer Reisegruppe diese Stätte. Ich dachte, in Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück hätte ich bereits alles gesehen. Doch in Jerusalem, in diesem Park, in dem die mehrere 100 Meter lange dreieckige Stätte in den Erdboden eingelassen ist, merkte ich, dem war nicht so. Das fängt schon damit an, dass in der ersten Abteilung das Leben der jüdischen Bevölkerung, nicht nur in Deutschland vor 1933 dargestellt wird. Die jüdischen Familien, nicht DIE JUDEN, sind hier gemeint. Genau dies macht einen Besuch so besonders und den Besucher mehr als nur ernst, richtig beklommen.

Nicht, weil man als Deutscher nun einmal besonders betroffen wäre. Schließlich hat unsere Generation keinen Anteil an dieser Shoa. Trotzdem gehört es zu unserer Geschichte. Als Deutscher kann man die ausgestellten Dokumente ja ohne weiteres lesen und braucht keine Übersetzung.

Auch die Zeit nach dem Krieg hat ihren Platz. So findet man auch die Geschichte der EXODUS, die Leon Uris in dem Roman beschrieben hat.


Abb 13
Wenn in einem Filmintro gleich zu Beginn ein Kinderchor die HATIKVA (Volkslied, heute israelische Nationalhymne) singt und dieser Filmausschnitt am Ende in seiner Gesamtheit über einen Monitor flimmert und man weiß, von diesen ungefähr sechs bis acht Jahre alten Kindern wurde der größte Teil einige Jahre später ermordet, dann kommt man aus der Gedenkstätte raus und kann nichts mehr sagen. 


Man schaut nur in das weite israelische Land.
Wie auf dem Bild. Wie die ganze Gruppe.
[13]
 

 Drei Menschen, drei von vielen, denen es nicht vergönnt war, einen solchen Blick zu tun, weil sie diese unmenschliche Zeit nicht überleben durften.



Abb 14
Warum kommt der Text hier wieder rein? Es ist, als ob ich Hana und ihre Eltern Karel und Markéta dort gesehen hätte, nach der Lektüre dieses eigentlichen Kinder- und Jugendbuches. Auch wenn ich Hanas Geschichte und das Buch zum Zeitpunkt der Reise noch gar nicht kannte.

Vielleicht ist Hanas Name in der Kindergedenkstätte in Yad Vashem mit genannt worden.


Fumiko Ishioka, Die "Kleinen Flügel" und Karen Levine haben noch etwas getan: 
Sie gaben einem Namen ein Gesicht.


* * *

Ein Kinderbuch?

„Eine wahre Geschichte ab 10“ steht auf dem Buchrücken. Nun, ob diese Geschichte für alle Kinder von zehn Jahren gleichermaßen geeignet ist, das werden die Eltern entscheiden müssen. Auf jeden Fall werden die Grausamkeiten, die mit dem Aufenthalt in den Konzentrationslagern in den Konzentrationslagern verbunden waren, nicht beschrieben. Dass die Menschen umgebracht wurden kommt schon zum Tragen, aber das, was sich hinter den „zugeschlagenen Türen“ und danach dann zutrug, das ist nicht Thema des Buches. Thema ist, wie das glückliche Leben einer Familie, beispielhaft für viele andere, durch Fremdenhass, Vernichtung und grausame Expansionspolitik, vernichtet wurde. Es ist kindgerecht geschrieben, das heißt, kindgerecht und einfühlsam von Mirjam Pressler übersetzt wurden.


Abb 15

Durch Fumiko Ishioka, George Brady, den „kleinen Flügeln“ und viele andere, nicht zuletzt durch Karen Levine sind weitere Steinchen auf das nicht vorhandene Grab von Hana und ihren Eltern gelegt wurden. Zur Erinnerung und zum Gedenken.

Ja, es ist ein Kinderbuch. Vorzuschlagen wäre, das Buch gemeinsam zu lesen. Aber dafür müssen Eltern oder ältere Geschwister schon selbst in der Lage sein, diese Geschichte und die dunkle Zeit der dreißiger und vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts anzunehmen und zu erklären. Dies scheint gerade heut nicht uneingeschränkt üblich und möglich zu sein.


Vor fünfzehn Jahren kam das Buch heraus. Vor knapp zwei Jahren brachte es Arndt Stroscher neu auf den Weg. Hoffen wir, dass es sich durch unsere Rezensionen herumspricht und immer wieder neu entdeckt wird. 


* * *


Abb 16
Ein letztes Wort zu Büchern
Natürlich gibt es in so einer Gedenkstätte auch eine ziemliche Menge an Büchern, die man erwerben kann. Wissenschaftliche, belletristische und Bücher in einer Form, die in den letzten Jahren immer mehr auf den Büchermarkt trennt. 

Natürlich habe ich Hanas Koffer gefunden. Das Büchlein fand sich neben Der Junge im gestreiften Pyjama von  John Boyne, über das Anne Parden bereits in diesem Post geschrieben hat. Anne war übrigens die Erste, welche auf Hanas Reise das Buch las und hier rezensierte.


Abb 17
Sodann wurde ich auf das Thema Anne Frank aufmerksam. Bisher hatte ich meist nur etwas über Anne Frank, aber nicht ihr Tagebuch gelesen. Nun fand ich eine Gesamtausgabe, die neben dem Tagebuch auch andere Texte enthält. Besonders interessant, die Graphic Novel dazu. Wenn es schon schwer ist heutzutage Kindern und Jugendlichen nicht nur das Thema Holocaust und Drittes Reich sondern sogar das Lesen zu vermitteln, vielleicht hilft die Comic-Form dabei. (Beide Bücher liegen auf dem Foto nebeneinander). Kinder im Holocaust. Es gibt dazu eine ganze Menge Bücher. Von Angela Krumpen sah ich Spiel mir das Lied vom Leben. Über die Geschichte einer jungen Geigerin Judith und dem Jungen von Schindlers Liste hatte ich schon mal was gesehen oder gehört. Inzwischen stellte ich bereits fest, es ist ebenso ein ergreifendes wie faszinierendes Büchlein. Dazu wird es in der Sparte Gegen das Vergessen bald wieder etwas zu lesen geben.


Material zur Unterrichtspraxis
DNB / Ravensburger Verlag / ISBN: 978-3-473-52308-5 /


© KaratekaDD





Quellen und Abbildungen:


Abbildungen
[1] Cover (Verlag)
[2] Eingangstor zum KZ Kleine Festung Theresienstadt CC BY-SA 3.0; Arbeitmachtfrei 01.jpg;11. Juni 2005; https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt#/media/File:Arbeitmachtfrei_01.jpg; 10.04.2016; 14:00 Uhr
[3] Hanas Koffer; In Levine, Karen: Hanas Koffer, Seite 12 (Foto UR)
[4] Stroscher Arndt: Hanas Koffer geht auf große Reise In:  Gegen das Vergessen – Hanas Koffer kommt zu Euch. Blog  Astrolibrium; https://astrolibrium.wordpress.com/2014/06/20/gegen-das-vergessen-hanas-koffer-kommt-zu-euch/; 10.04.2016, 15:30 Uhr
[5] Hana und George; In Levine, Karen: Hanas Koffer, Seite 36 (Foto UR)
[6] Fumiko Ishioka und George Brady; In Levine, Karen: Hanas Koffer, Seite 143 (Foto UR)
[7] Statue Die Tragende. Gedenkstätte Ravensbrück. 2016. Foto: UR
[8] Brief an Hana;  In Levine, Karen: Hanas Koffer, Seite 54 (Foto UR)
[9] Frau und Kind. Gedenkstätte Ravensbrück. 2016. Foto: UR
[10] Lagerstraße. Gedenkstätte Ravensbrück. 2016. Foto UR
[11] Schwedtsee bei Fürstenberg. Vom Lagergelände aus fotografiert. 2016. Foto UR
[12] Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem. 2009. Foto UR
[13] Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem. 2009. Ausstellungsende, Ausblick nach Galiläa. Foto UR
[14]  Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem. Kindergedenkstätte. 2009. Foto UR
[15] Die "Kleinen Flügel";  In Levine, Karen: Hanas Koffer, Seite 60 (Foto UR)
[16/17] Foto UR

Quellen:
[1] Text in: http://www.udo-lindenberg.de/ein_koffer_spricht_tim_fischer.57613.htm; 10.04.2016, 10:00 Uhr
[2] Text in: http://www.lyrikwelt.de/gedichte/weberilseg1.htm; 10.04.2016, 10:00 Uhr
[3] Levine, Karen: Hanas Koffer, Seite 138/139
[4] Bock, Karin: Hanas Koffer. In: Radio Praha 2003. http://www.radio.cz/de/rubrik/geschichte/hanas-koffer; 10.04.2016, 10:00 Uhr
[5] Schneibergová, Martina: Hana Brady wurde in Nove Mesto na Morave nicht vergessen. In: Radio Praha 2005 http://www.radio.cz/de/rubrik/tourist/hana-brady-wurde-in-nove-mesto-na-morave-nicht-vergessen; 10.04.2016, 10:15 Uhr
[6] Siehe Levine, Karen: Hanas Koffer, Seite 111
[7] Vgl. Scheibnerova, a.a.O.
[8] Vgl. Levine, Karen: Hanas Koffer, Seite 34
[9] Vgl. Lars von Törne: Das Grauen von Auschwitz in einem Koffer; In: http://www.zeit.de/wissen/geschichte/2013-04/hana-brady-koffer-auschwitz; 10.04.2016, 12:00 Uhr
[10] Vgl. Seite „KZ Ravensbrück“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. März 2016, 03:05 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=KZ_Ravensbr%C3%BCck&oldid=152704799 (Abgerufen: 10. April 2016, 09:48 UTC)
[11] Vgl. Ausstellung Gedenkstätte Ravensbrück; 09.04.2016
[12] Beide Eltern sterben vermutlich letztlich im Jahr 1942 in Auschwitz. Die Internetartikel widersprechen sich teilweise, in einem Fall wir davon gesprochen, dass die Mutter im KZ Ravensbrück um ihr Leben kam.
[13] Geschrieben als Buchgeschichte zu EXODUS von Leon Uris am 19.09.2009 bei den Buchgesichtern





Kommentare:

  1. Die nächste Stion für Hanas Koffer müsste UNNA sein.

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  2. OMG das Buch ist wunderbar geschrieben. Doch bei dem Thema bekomme ich Gaensehaut! Ich glaube, ich würde das Buch noch keinem Kind mit 10 Jahren vorlesen.

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  3. Ich empfand das Buch auch als sehr berührend. Weil es plötzlich so nahe kommt, ein Einzelschicksal erhoben aus dem Berg der anonymen sechs Millionen toter Juden. Der Besprechung hier ist anzumerken, wie wichtig Dir das Thema ist, und dass auch Dich das Buch nicht unberührt gelassen hat. Sehr schön.

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    1. Anonym: Das ist der Zweck von Yad Vashem. Möglichst jede Jüdin, jeden Juden, im im Zusammenhang mit dem Holocaust gestorben ist, namentlich bekannt zu machen. Vier Millionen Mal ist dies bereits geschehen.

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  4. Uwe, du hast Hana mehr als nur ein neues Zuhause gegeben. Dieser Artikel ist eine Mischung aus Doktorarbeit und Hommage an ein kleines Mädchen. Mit diesem Text gibst du auch der Sinnlosigkeit des Todes ein anderes Gesicht und zeigst die Stärke eines Blogs.

    Schreiben und Abzweigen... wiederkehren und Kreise schließen. Brillant gemacht.

    Und darüber hinaus zeigt Ein Text den Menschen, der ihn schrieb und vor dem ziehe ich meinen Hut.

    Arndt

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    1. Ach, Doktorarbeit. Ein bisschen Recherche und die Gelegenheit "vor Ort" sich umzutun. Die Quellenangaben haben eine Ursache, über die ich demnächst berichten werde. Ganz anderes Thema.

      Ich danke dir...

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  5. Ein wunderbarer Artikel...Danke dafür. Hannas Geschichte ist einfach bewegend...aber auch die fiktive Geschichte von John Boyne war sehr stark.

    Einfach Danke

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  6. Wau. Toll geschrieben und toll erklärt. Danke. Ich habe das Buch mit meiner 10 jährigen Tochter gelesen. Es war der Zeitpunkt als hier 200 Asylsuchende ein zu Hause finden sollten und in unserer kleinen Gemeinde die Angst umging, auch unter den Kindern. Für uns war der Zeitpunkt perfekt. Allerdings kennt meine Tochter das Thema auch durch meine Arbeit. Ich versuche ihr das kindgerecht zu erklären- ob dieses Thema wirklich kindgerecht erklärbar ist...schwer zu sagen....

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    1. Eine "bessere" Gelegenheit gab es wohl kaum.
      Eigentlich ist das Thema ja gar nicht erklärbar.
      Es ist wie mit dem roten Mäntelchen in Schindlers Liste. Erst als das Mäntelchen im Massengrab liegt, geht den allermeisten Menschen ein Riss durch das Herz.
      Danke Peggy.

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  7. Jawoll Uwe, die nächste Station ist Unna, nämlich bei mir. Bin schon sehr gespannt.
    Kann mich nur anschließen: Super geschrieben, Dein Beitrag!

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