Freitag, 8. April 2016

Haig, Matt: Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben



»Weise, komisch, lebensbejahend.« Joanne Harris

Ein Buch, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn mit gerade mal 24 Jahren wird Matt Haig von einer lebensbedrohlichen Krankheit überfallen, von der er bis dahin kaum etwas wusste: einer schweren Depression. Es geschieht auf eine physisch dramatische Art und Weise, die ihn buchstäblich an den Rand des Abgrunds bringt. Dieses Buch beschreibt, wie er allmählich die zerstörerische Krankheit besiegt und langsam ins Leben zurückfindet.  

Eine bewegende, witzige und mitreißende Hymne an das Leben und an das Menschsein - ebenso unterhaltsam wie berührend. »Ich habe dieses Buch geschrieben, weil letztendlich doch etwas dran ist an den uralten Klischees: Die Zeit heilt alle Wunden, und es gibt ein Licht am Ende des Tunnels, auch wenn wir es zunächst nicht sehen können. Und manchmal können Worte einen Menschen tatsächlich befreien.« Matt Haig

(Klappentext dtv)



  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (18. März 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Sophie Zeitz
  • ISBN-10: 3423280719
  • ISBN-13: 978-3423280716
  • Originaltitel: REASONS TO STAY ALIVE


















DEPRESSION: EIN ÜBERLEBENSBERICHT...




Ich hatte also zwei Ziele mit diesem Buch. Gegen die Stigmatisierung zu kämpfen und - vielleicht die größere Herausforderung - andere Menschen davon zu überzeugen, dass wir am tiefsten Punkt des Tals einfach nicht die klarste Aussicht haben. (S. 7)


Fallen - Landen - Aufstehen - Leben - Sein. Das sind die großen Abschnitte, in die Matt Haig sein Buch unterteilt hat und die einen Prozess andeuten. Seinen eigenen Prozess im Kampf gegen die Depression. Oder vielmehr in seinem Lebenlernen mit der Depression. Denn diese Krankheit ist nicht einfach plötzlich weg. Sie ist immer da, zumindest latent im Hintergrund - und kann jederzeit wieder zuschlagen...


"Und wenn der Sandsturm vorüber ist, wirst du dich kaum erinnern, wie du ihn durchquert, ihn überlebt hast. Du wirst nicht einmal sicher sein, ob er wirklich vorüber ist. Nur eins ist sicher. Wenn du aus dem Sandsturm kommst, bist du nicht mehr derselbe Mensch, der in ihn hineingeraten ist. Darin liegt der Sinn dieses Sturms." (Haruki Murakami, Kafka am Strand) (S. 89)


Was ist das eigentlich für ein Buch? Das fragte ich mich nach einigen Seiten der Lektüre. Erwartet hatte ich einen hoffnungsvoll gestimmten, von leichtem Humor durchsetzten Roman im Stile des vorherigen Buches von Matt Haig: 'Ich und die Menschen', von dem ich so überaus angetan war. Aber: dieses Buch ist anders. Ganz anders.

Hoffnungsvoll gestimmt? Ja, unbedingt. Auch. Von leichtem Humor durchsetzt? Auch dies, stellenweise. Aber: eben kein Roman. Wirklich zuordnen lässt sich dieses Buch keinem Genre so richtig; es ist im Grunde eine Mischung aus Erfahrungsbericht, Sachbuch und Ratgeber. Und diese Erkenntnis war für mich: ernüchternd.


Hat man eine Depression, versinkt man in einem Sumpf und verliert jeglichen Antrieb. Mischt man Angst in den Cocktail, bleibt der Sumpf zwar ein Sumpf, doch der Sumpf hat jetzt Strudel (...) Du bist konstant im Alarmzustand. Du bist angespannt bis zum Kollaps, in  jedem einzelnen Augenblick, während du verzweifelt versuchst, dich über Wasser zu halten... (S. 62)


Nachdem ich das Buch nun gelesen habe, bin ich der Meinung, dass mir persönlich ein Roman mit dieser Thematik deutlich besser gefallen hätte, zumal darin dann vermutlich mehr Anteile von Haigs eigener Erfahrung mit der Depression verarbeitet worden wären. Aber hätte, könnte, wäre - ist eben nicht, und so musste ich mich mit dem gewählten Stil arrangieren. Natürlich gelingt es Matt Haig auf diese Art, viel Wissenswertes rund um das Thema Depression zu vermitteln und den Leser - ob nun Betroffener oder nicht - für die Thematik zu senisibilisieren. Aber für mich persönlich muss ich gestehen, dass ich wenig Neues erfahren habe. Am berührtesten war ich letztlich bei der Danksagung - und das will wirklich etwas heißen.


Die Depression, das bist nicht D U. Sie ist etwas, das dir passiert. Etwas, das häufig durch Reden besser wird. Durch Worte. Trost. Unterstützung. Ich habe über ein Jahrzehnt gebraucht, um offen über meine Erfahrungen zu reden, richtig zu reden, mit jedem. Und mir wurde schnell klar, dass Reden an sich schon eine Therapie ist. Wo man reden kann, ist Hoffnung. (S. 85 f.)



Dennoch denke ich, dass es ein wertvolles Buch ist. Ich glaube, dass das Buch für Betroffene gut sein kann. Man macht hier die Erfahrung: man ist nicht alleine damit, man ist nicht 'unnormal', weil man an dieser Krankheit leidet, es ist nicht hoffnungslos - es gibt immer auch wieder einen Weg aus dem Tal hinaus, auch wenn dieser für jeden anders ausschaut, da es keine Patentrezepte gibt gegen die 'Depression'.

Aber auch für Leser, die sich mit der Thematik bislang wenig auseinanderegestzt haben, kann es hilfreich sein, dieses Buch zu lesen. Wann sonst erhält man derart authentische Einblicke in das Innenleben (und die Lösungen) eines Betroffenen? Viele werden zumindest in ihrem Umfeld (Freunde, Familie, Kollegen) jemanden kennen, der depressiv ist - und wie hilflos reagiert man oft im Umgang mit ihnen? Das Buch kann hier m.E. dazu beitragen, mehr Verständnis für Erkrankte zu entwickeln.


Wenn möglich, gib dem Depressiven nicht das Gefühl, noch seltsamer zu sein, als er sich sowieso schon fühlt. Drei Tage auf dem Sofa? Nicht die Vorhänge aufgezogen? Tränen wegen schwieriger Entscheidungen wie zum Beispiel, welche Socken anziehen? Na und? Kleinigkeit. Einen Normalzustand gibt es nicht. Normal ist subjektiv. Auf unserem Planeten gibt es sieben Milliarden Versionen von normal. (S. 151)


Es gibt hier also keine zusammenhängende Geschichte, sondern aufeinanderfolgende kleine Kapitel, in denen in meist kurzen, flüssig zu lesenden Sätzen entweder von Matt Haigs Erfahrungen berichtet wird, oder in denen er Wissenswertes zur Krankheit 'Depression' vorstellt, gerne auch in Form von Listen und Aufzählungen, wie z.B. von Dingen, die ihm gut tun und anderen Dingen, die die Symptomatik eher verschlechtern.

Keine Depression ist wie die andere, das Erleben ist immer individuell, jeder muss für sich herausfinden, was ihm gegen den 'schwarzen Hund' hilft, ob Medikamente beispielsweise eine Option sind oder nicht. Neurowissenschaftlich ist viel weniger erforscht, als Medizin und Pharmaindustrie uns weis machen wollen, und Matt Haig beispielsweise verzichtet ganz auf Medikamente. Bei ihm sind es andere Dinge, die ihm helfen: Sonne, Luft, Reisen, Laufen, Yoga, Meditation - und Bücher.


"Das Ziel der Kunst ist es, dem Leben Form zu geben", sagte Shakespeare. Und mein Leben - das Chaos in meinem Kopf - brauchte Form. Ich hatte den Faden verloren. Ich hatte keinen einheitlichen Erzählstrang mehr. Es war nur Chaos und Unordnung da. Also liebte ich Geschichten, weil sie mir Hoffnung gaben. (...) Es gibt das Klischee, dass Leute, die viel lesen, einsam sind, aber für mich waren Bücher der Weg aus der Einsamkeit heraus. Wenn man zu den Leuten gehört, die zu viel nachdenken, gibt es nichts Einsameres auf der Welt, als von Leuten umgeben zu sein, die eine völlig andere Wellenlänge haben." (S. 151 f.)


Matt Haig: Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleibenMatt Haig schaut bei all seinen Schilderungen auch über den Tellerrand der eigenen Betroffenheit hinaus. So listet er beispielsweise eine stattliche Anzahl von Berühmtheiten auf, die ebenfalls an Depression leiden/litten - und nicht an ihr gestorben sind. Neben der Erkenntnis, dass auch Geld und Ruhm vor dieser Erkrankung nicht schützen, sondern dass eine Depression wirklich jeden ereilen kann, wird auch eines deutlich: man kann die Krankheit überleben. Und dies ist eine ganz wesentliche Botschaft des Buches.

Die Intention des Buches habe ich verstanden und ich kann nur meinen Hut ziehen vor dem Mut, den Matt Haig hier mit seiner Offenlegung bewies. Bestimmte Aspekte - wie beispielsweise die Kritik an der Konsumgesellschaft (fragwürdige Werte, Schüren von Ängsten, Überforderung durch ständige Reizsetzungen) oder aber auch das 'Abwatschen' von Schopenhauer, dem 'Lieblingsphilosophen der Depressiven' - haben mir richtig gut gefallen. Anderes dagegen wie z.B. zahlreiche Wiederholungen und nahezu mantraartiges Auflisten von positiven Aspekten des Lebens ließen mich die entsprechenden Seiten eher überfliegen. Noch einmal: für Betroffene mag dies der richtige Weg sein. Mich persönlich sprach dieses Vorgehen einfach nicht an.


Die Menschen legen so viel Wert auf das Denken, aber das Fühlen ist genauso wichtig. Ich will Bücher lesen, die mich zum Lachen und zum Weinen bringen, die mir Angst und Hoffnung machen und mich triumphieren lassen. Ich will, dass ein Buch mich umarmt oder am Kragen packt. Ich habe auch nichts dagegen, wenn es mir einen Schlag in den Magen versetzt. Denn wir sind hier, um zu fühlen. Ich will das Leben. (S. 265)


Die Leserunde zu dem Buch hat gezeigt, dass ich eine der wenigen war, denen es nicht so zusagte. Ich kann hier aber nur meinen individuellen Eindruck schildern - und will damit weder die Bedeutung des Geschriebenen schmälern noch dessen mögliche Wirkung verneinen auf diejenigen, die zu dem Thema einen anderen Zugang haben oder bekommen möchten. Insofern: ein beeindruckendes Buch. Nur eben nicht so sehr für mich.



© Parden





















Matt HaigDer dtv schreibt über den Autor:

Matt Haig, geboren 1975 in Sheffield, hat bereits eine Reihe von Romanen und Kinderbüchern veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden.

Matt Haig wurde mit seinen Roman ›Ich und die Menschen‹ für den Edgar Award, Kategorie »Best Novel« nominiert.

übernommen vom dtv


Kommentare:

  1. Antworten
    1. Es ist ja auch kein schlechtes Buch, Uwe. Ich hatte nur etwas anderes erwartet...

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  2. Eine gute Rezension über ein Buch, das ein wichtiges Thema behandelt. Depression ist d i e Krankheit unseres Jahrhunderts und bleibt sehr häufig unerkannt und unbehandelt. Wahrscheinlich sterben heutzutage mehr Menschen an den Folgen einer Depression (durch Selbstmord) als an Krebs. Auch, wenn sich die öffentliche Einstellung dazu langsam ändert: Psychische Erkrankungen führen auch heute noch zu oft dazu, dass die Erkrankten diskriminiert und als "Psychopathen" betrachtet werden. Viele Menschen schämen sich, laut zu sagen: Ja, ich leide unter Depressionen. Und wenn Du´s hast - versuch mal, einen Therapeuten zu finden. Die Wartelisten sind so lang, dass Betroffene oft mehr als 1 oder 2 Jahre auf einen Therapieplatz warten müssen. Für manche kommt die Hilfe dann zu spät...
    Für viele ist dann der Leidensdruck so hoch, dass der Suicid als einziger Ausweg erscheint! Wie verzweifelt muss ein solcher Mensch sein...??!!

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    1. Das Thema hat mich bisher eigentlich nie beschäftigt. Aber wenn ich deine Zeilen so lese...
      Ich hab das Buch ja auch. Es war in dem Lovelybooksbeutel auf der Buchmesse.

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    2. Da gebe ich Dir hundertprozentig Recht, und auf diese Aussagen stößt man auch im Buch. Insofern eine Lektüre, die auch der 'Aufklärung' dient.

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  3. Ich empfehle zu diesem Thema auch meine eigene Rezension des Buches
    "Früh am Morgen beginnt die Nacht" von Wally Lamb. Die Rezension findet Ihr unter folgendem Link: http://litterae-artesque.blogspot.de/2013/05/fruh-am-morgen-beginnt-die-nacht-roman.html

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    1. Gleich ein Grund "zurück zu stöbern"

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    2. Auch Matt Haig hat das Lesen als probates Mittel im Kampf gegen den 'schwarzen Hund' entdeckt. Als ich seine Büchertipps las, musste ich gleich an diese Rezension von Dir denken, Rudi. Ich hatte sie noch gut in Erinnerung...

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  4. Ein wichtiges Thema. Aber mir hätte eine Romanform auch besser gefallen. Nach "Ich und die Menschen" ist man verwöhnt und erwartet einen ähnlichen Knallerroman als Nachfolger.

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    1. Ich bin so froh, dass einige wenige diese Meinung teilen, Renie! ☺ Ansonsten hat man fast das Gefühl, ein Sakrileg zu begehen, wenn man sich dahingehend äußert. Die meisten Leser der Leserunde waren schlichtweg begeistert, fühlten sich oft auch persönlich erkannt und bestätigt. Das ist dann womöglich eine andere Situation...

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