Sonntag, 31. Januar 2016

Schacht, Ulrich: Grimsey





„Wo ein Ypsilon ist, da steckt nicht selten ein Geheimnis ...“ Wolfgang Hildesheimer

Das kleine Flugzeug hat ihn, den Mann in der Mitte des Lebens, direkt von Akureyri nach Grimsey gebracht. Die winzige isländische Insel im Nordmeer, durch die der Polarkreis verläuft, ist für ihn, der schon viel herumgekommen ist, der fünfte arktische Boden, den er betritt. Fast ist es so, als sammele er Inseln. Sein Weg führt ihn über das karge Eiland, hinein in eine Kirche, in der ein merkwürdiges Summen tönt: Fliegen sind es, unzählige Fliegen, aber auch schon tote, verknäult, verklumpt. Draußen, in der Einsamkeit und Natur, Erinnerungen an früher, als er Kind war und Sandinseln am Strand baute, als er ein Junge war und Altpapierlager nach Büchern durchstöberte, als er ein Mann wurde, sich auflehnte und verhaftet wurde. Er, der Fotograf, Berichterstatter und Chronist, braucht Nahrung und neue Filme, trifft freundliche Einheimische, sieht immer wieder einen kleinen Jungen, alles scheint ganz normal, wenn da nicht die weißen Flecken wären, in den Wiesen. Die weißen Flecken werden mehr, und schließlich erkennt er, es sind tote Möwen. Was hat das zu bedeuten, hier, wo die Stille Musik, wo die Landschaft eins mit ihm ist? Am Ende des Tages, nach dem Überschreiten der Insel und dem Durchschreiten seines Lebens, wird er es wissen und ein anderer sein. – Sprachlich brillant, anmutig und kraftvoll, führt diese Novelle durch ein Neuland, das nur der sehen kann, der von einem anderen Leben weiß.

„Der Inselsammler hat ein besonderes Exemplar unter den Füßen: die Insel Grimsey in der baumlosen Welt, sehr klein, vom Polarkreis durchzogen, voll Vogelgeschrei und weiß wie Schnee die Möwenkadaver. Alsbald setzt Kino im Kopf ein von anderen Inseln, anderer Natur im anderen Leben. Eine sehr wunderbare Erscheinung ist dieses Buch.“ Sarah Kirsch


(Klappentext Aufbau Verlag)


 

  • Gebundene Ausgabe: 189 Seiten
  • Verlag: Aufbau Verlag; Auflage: 2 (21. August 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3351036183
  • ISBN-13: 978-3351036188









 Ich danke dem Aufbau Verlag ganz herzlich, dieses Buch als Rezensionsexemplar lesen zu können!
 
 








 SPRACHGEWALTIG...

Datei:Grímsey Iceland.JPG
Grimsey (Foto von MosheA  - übernommen von Wikipedia)
 
Ein Mann in der Mitte seines Lebens, ein Berichterstatter und Fotograf, der schon viele Regionen der Welt bereist hat, ein Inselsammler. Besonders die arktischen Inseln haben es ihm angetan, und so ist es nur konsequent, dass er mit seiner Kamera auch Grimsey aufsucht, eine winzige isländische Insel im Nordmeer am Polarkreis.


"Oh, sagte er, ich sammle Inseln, wenn Sie verstehen? Arktisinseln ganz besonders. Wow, rief der Mann, that's good, that's very good. But I hope you have enough room for them?! O ja, sagte er und legte die rechte Hand auf seine linke Brustseite." (S. 185)


Einen einzigen Tag wird der Mann, dessen Namen wir nicht erfahren, auf dem kargen Eiland verbringen. Was gibt es dort schon zu sehen? Eine kleine Kirche, in der sich Massen toter Fliegen befinden, ein wettergegerbter Friedhof, ein verlassener Leuchtturm, einige kleine Häuser, ein winziger Supermarkt - und die karge Natur, Fels und Gras und Möwen. Tote Möwen vor allem, die überall im Gras verteilt liegen, wie kleine Flecken weißen Schnees.


"Was wusste er von Grimsey und dem Leben hier? Daß die Insel eine Perle war, aufgezogen auf der Polarkreiskette, die dem ganzen Globus um den Hals hing. Daß es hier bedeutende Vogelkolonien gab. Daß ein Wikinger namens Grimur zur Landnahmezeit in ihrem südlichen Teil einen Hof gegründet und sich mit einer Reihe von Trollen und anderen nordischen Gespenstern herumgeschlagen hatte, weil das Eiland bis zu seiner Ankuft ihr Quartier gewesen war, das sie nicht verlassen wollten. Sonst nichts." (S. 31 f.)


Der Mann durchquert die Einsamkeit und die Natur, begegnet vereinzelt Menschen, lässt sich aber vor allem von den Bildern treiben, die ihm vor seine Kamera kommen - und von seinen Gedanken. Bilder schaffen Erinnerungen, und so legt der Mann nicht nur seinen Weg auf Grimsey zurück, sondern auch etliche Passagen seiner Vergangenheit - seine Kindheit, seine Zeit des Erwachsenwerdens und der Haft, vereinzelte Ereignisse seiner zahllosen Reisen. Und die Perlenkette der Erinnerungen hängt schließlich gedankenschwer um den Hals des Fotografen, eine Bilanz seiner Träume, vom Reisebericht zur Lebensbeichte.


"Beim Umdrehen jedoch (...) sah er, daß im Rasen, etwas abseits, ein Holzpflock steckte, über den vier Ringe aus Gummi gestülpt waren. Das sportliche Spielzeug, blaßrosa, blaßblau, blaßgelb und blaßgrün, löste in seinem Kopf ein Signal aus, das sogleich seine Füße erreichte und sie am Weiterlaufen hinderte: Mit solchen Ringen, die ein feines Rillenprofil trugen, hatten er und seine Freunde sich in jener Zeit vergnügt, als er auch seine Inseln baute, im Ferienlager oder auf dem Schulhof. Jahrzehnte lag das zurück, und nie wieder hatte er Gummiringe dieser Art gesehen, bis in ihre Farbblässe hinein glichen sie jenen von damals, er wußte für den Moment nicht, ob er weinen oder lachen sollte über das unerwartete Wiedersehen von Dingen, die scheinbar keinerlei Bedeutung für sein weiteres Leben gehabt hatten." (S. 55)


Ulrich Schacht lässt hier offensichtlich auch viele autobiografische Elemente in die Novelle einfließen, die einen Einblick auch in sein Leben und seine Gedankenwelt gewähren. 1951 wurde Schacht im Frauengefängnis Hoheneck geboren, wuchs dann in Wismar auf und wurde 1973 wegen 'staatsfeindlicher Hetze' in der DDR zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt - man entließ ihn jedoch bereits 1976 in die BRD. Als Redakteur und Journalist arbeitete er für verschiedene Zeitungen, heute lebt er seit 1998 als freier Autor in Schweden.


"Zuerst fiel seine Aufmerksamkeit auf einen Bagger, der hinter der Kante, die an ihrem Fuß in einen groben Geröllsaum überging, auf dem der Ozean seine Wellen verlor, wie ein Ungetüm hervorragte. Es schien aus dem Meer gekommen zu sein und war dabei, die Kante zu erklimmen. Schon hatte es die Zähne seines mächtigen Gebisses in das Erdreich neben dem Asphaltband geschlagen, um den massigen, panzerschweren Leib nachzuziehen, da mußte ihm plötzlich die Luft ausgegangen oder etwas anderes Furchtbares geschehen sein: All seine Kraft war in dieser letzten Bewegung steckengeblieben, erstarrt. Seitdem hatten Wind und Wetter die leuchtend gelbe Haut des Monsters fast vollständig abgezogen und den darunterliegenden Leib aus Stahlknochen und Eisenfleisch in eine rostbraune Masse verwandelt, die sich der Farbe der nahe liegenden Basaltsäulen, denen das Meer seit Urzeiten seine Wellen entgegenbranden ließ, anzugleichen begann." (S. 18)


Trotz der leisen Töne und der ruhigen Bilder kommt die kleine Novelle sprachgewaltig daher, oftmals mit langen und verschachtelten Sätzen, die mehrfach gelesen werden wollen, um sie in ihrer Gänze zu erfassen, detailgetreu und bildhaft. Ein bisschen hatte ich zuweilen das Gefühl, mich durch Sirup zu lesen - süß und ein wenig zäh, in kleinen Portionen genossen eine Delikatesse, zu viel davon jedoch schlecht zu vertragen. Und so habe ich Wochen gebraucht, um diese Novelle bis zum Ende zu lesen, immer wieder ein paar Seiten, so dass der eintägige Ausflug nach Grimsey letztlich für mich zu einer langen Reise wurde.

Aber eine Reise, die sich gelohnt hat, die mich nicht nur mitnahm auf diese kleine Insel am Polarkreis, sondern auch in die Gedankenwelt des reisenden Fotografen - und ein wenig auch zu mir selbst.


© Parden







PRESSESTIMMEN

„Ulrich Schachts Grimsey hat mir ein Freund mit der Bemerkung geschenkt, es sei die schönste Erzählung des Jahres. Da ich ihn als erfahrenen Leser kenne, schlug ich das Buch neugierig auf und war nach wenigen Seiten gefangen. Eine derart klare und leuchtende Prosa hatte ich lange nicht gelesen. Sie wirkt wie ein langer Atemzug, in dem Gegenwart und Vergangenheit zu einem großen Jetzt verschmolzen sind … Grimsey ist ein Buch der verlangsamten Wahrnehmung, der Abrüstung der Affekte. Es widersteht der gegenwärtigen Sucht, Erlebnisse zu sammeln und Reize zu steigern … für die Zeit der Lektüre dieses Buches genießen wir ein zeitloses Glück.“

Ulrich Greiner, Die Zeit Nr. 47, 19.11.2015


„’Inseln sammeln’: Der Mann hat ein komisches Hobby, und kostspielig wird es auch sein, wenn auch nicht in dem Sinne, dass er sich seine Inseln alle kauft … Es sind solche, deren Boden beim Begehen gewissermaßen nachgibt, um tiefere Dimensionen und Seinsschichten zu offenbaren. Gerade ist er auf Grimsey, einer Insel vor Island. Viel passieren wird dort nicht. Es ist ein Glück bei dieser relativen Ereignislosigkeit, dass Ulrich Schacht so gut erzählen, das heißt einfach: schreiben kann … ein Stück Literatur, wie es in dieser Sorgfalt und Präzision nicht an jeder Ecke zu haben ist. … Unter der Oberfläche der behutsam ausgeleuchteten Gegebenheiten dieser nicht gerade zum Baden einladenden Insel wird langsam klar, worum es dem Reisenden geht: Laufend will er zu sich selbst kommen. Dies geschieht naturgemäß schrittweise. Dabei nimmt er, wie in einer Trickbearbeitung, fortlaufend eine andere Gestalt, oder richtiger, einen früheren Seinszustand an. Erinnernd durchmisst er seine früheren Identitäten und kommt auf der letzten Insel ans Ziel. … Das Glück, weiß der Erzähler, ist in der Literatur selten abendfüllend. Deswegen bricht er ab – nicht ohne ein Wort zu hinterlassen, dass sprachwissenschaftlich als Dvandva bezeichnet wird, eine Paarbildung mit semantisch gleichgewichtigen Teilen: ‚Glücksschmerz’. Man könnte von der ‚Trauer der Vollendung’ sprechen …“


Edo Reents, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. 10. 2015



„Ein Mann liebt Inseln. Möglichst abgelegen sollten sie sein. Das trifft auf ‚Grimsey’ zu, auf die isländische Insel, über die der Mann streift. Einen Tag lang. Er beobachtet, fotografiert – und er erinnert sich. Das sind die Bausteine dieser geheimnisvollen Novelle von Ulrich Schacht. Der Schauplatz ist überschaubar, der Zeitrahmen begrenzt. Wie es typisch ist für eine Novelle. Ulrich Schacht bleibt ganz nah bei seinem Protagonisten, einem Fotografen, den er auf diesen Landgang nach Grimsey schickt. Der Mann ist auf einer Erkundungstour, einer äußeren wie inneren. Was auch immer er sieht und hört, stößt Erinnerungen an. Er denkt an die glücklichen Sommer seiner Kindheit, an die Studentenzeit, als er im Hafen gearbeitet hat, aber auch an die Brüche in seinem Leben. Inhaftiert war er zu DDR-Zeiten. Auf Grimsey, inmitten dieser eigenwilligen Landschaft, stellt er sich den Fragen des Lebens. Davon erzählt Ulrich Schacht: ohne Pathos, sensibel, in einer kraftvollen Sprache.“


Gabi Rüth, WDR 5, 22. 9. 2015









 
  









Der Aufbau Verlag schreibt über den Autor:

Ulrich Schacht wurde 1951 im Frauengefängnis Hoheneck geboren und wuchs in Wismar auf. 1973 in der DDR wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt, wurde er 1976 in die Bundesrepublik entlassen. Dort arbeitete er als Feuilletonredakteur und Chefreporter Kultur für Die Welt und Welt am Sonntag. Schacht erhielt verschiedene Preise, Auszeichnungen und Literaturstipendien, u. a. den Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus. Er gilt als ein streitbarer Publizist, der sich nicht Konventionen, sondern einer humanistischen Tradition verpflichtet fühlt. Seit 1998 lebt Ulrich Schacht als freier Autor in Schweden. Zuletzt bei Aufbau: „Vereister Sommer“ (2011) und „Grimsey“ (2015).

übernommen vom Aufbau Verlag

Darling, Lillian A. & Dance, Rupert: Blaue Feen & Weiße Königinnen



Wenn Spiegel Urteile fällen, in einem Frosch ein König steckt, oder Spindeln hundert Jahre währenden Schlaf bringen, dann wissen wir, wir sind bereits tief im Märchenwald, der uns in zauberhafte Zeiten entführt, in ferne Welten, die schon unsere Vorfahren verzauberten. Schwarzweißmalerei und Grausamkeit, Archetypen und Urängste – hier findet der Mensch sich im Kern seines Seins, seines Hoffens, seiner Wünsche und Erwartungen. Die Literaturwissenschaftler Rupert Dance* und Lillian A. Darling** blicken hinter die Kulissen der Märchen. Wo liegen ihre Ursprünge? Wie haben sie sich durch die Zeiten verändert? Und warum üben Märchen auch heute noch so eine Faszination auf uns aus? Erlebe schaurig-schöne, traurige, herzerwärmende & humoreske Märchen in neuem Gewand, die zum Nachdenken anregen. Mit und ohne “Happily Ever After”.

 (Klappentext Amazon.de)

 
  • Taschenbuch: 146 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform; Auflage: 1 (2. März 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1508700893
  • ISBN-13: 978-1508700890


















Hinter den Pseudonymen Lilian A. Darling und Rupert Dance verbergen sich nicht sonderlich konsequent zwei erfahrene Autorinnen. Bereits am Anfang wird deutlich, dass es sich bei Rupert Winston Basil Dance um die schottische Autorin Rona Walter handelt, während sich hinter Lillian Anne Darling die Hamburger Autorin Kristina Lohfeldt verbirgt. Danach befragt, gaben die beiden zur Antwort, dass sie das Pseudonym nicht in erster Linie der Leser wegen gewählt haben, sondern vor allem für sich selbst - ein genrefremdes Schreiben sollte so unbelasteter vonstatten gehen können. In jedem Fall setzten die beiden hier eine originelle Idee um: die Neuinterpretation volklstümlicher Märchen.

Die Essenz der Märchen
, so auch der Nebentitel des Werkes, dreht den Spieß des Gewohnten häufig um. Klares Schwarz und Weiß wird zu grau oder die Rollen werden gleich ganz vertauscht: wo sonst stets das blonde Haar eines jungen Mädchens für Unschuld und das Gute stand, die schwarzhaarige Hexe aber für das Böse, kann man sich in diesen Neuinterpretationen keinesfalls darauf verlassen.

Nach einem aufschlussreichen und interessanten Vorwort, das kurz darüber informiert, woher die bekannten Märchen eigentlich stammen - ja, sie sind viel älter als die Gebrüder Grimm - gibt es zahlreiche Neufassungen bekannter und weniger geläufiger Märchen. Manchmal wäre ich nicht auf das Ursprungsmärchen gekommen, wenn die Überschrift darüber nicht Auskunft gegeben hätte - oftmals werden auch Elemente verschiedener Märchen vermischt. 13  Geschichten und 3 Gedichte sind hier versammelt - und vor allem die frech gehaltenen Gedichte haben mich bestens unterhalten.


Hundert Jahre sind vergangen,
Rosen um die Mauern ranken,
als ein Prinz auf lautem Ross,
Outfit Leder und von Boss,
ganz beherzt dem Schlosse naht,
müde von der langen Fahrt.
Parkt die Harley ganz behende
mit gekonnter heißer Wende.
In der Zeit von Harry Potter
sind die Prinzen heute hotter...



Ein wenig gruselig und dem Dunklen zugewandt sind die Geschichten in der Regel, aber das Abweichen von den üblichen Klischees ist erfrischend angenehm, und die Neugierde auf weitere Neufassungen trieb mich immer weiter durch das Buch. Nebenher lassen sich die Märchen dennoch nicht lesen, denn sie sind nicht einfach geschrieben. Vor allem aber muss man sich auf die jeweilige Atmosphäre einlasen - ansonsten wäre es nur das halbe Vergnügen...

Etwas störend empfand ich die doch noch häufigen Fehler, die dem Lektorat wohl entgangen sind. Dies ließ die ein oder andere Textstelle etwas holperig erscheinen, was ich schade fand. Die Originalität der Neuinterpretationen dagegen hat mich wirklich überzeugt.

'Happily ever after' - 'Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute' - war gestern. Heute gibt es schaurig-dunkle Überraschungen... Mir hat es gefallen!


© Parden


Samstag, 30. Januar 2016

Krauleidis, Raymund: Eine Rolle Klopapier hat 200 Blatt. Warum ist keins mehr da, wenn man es am dringendsten braucht?: Das Leben in Textaufgaben



Die Textaufgaben, mit denen uns Mathelehrer früher quälten, waren absolut unrealistisch. Wen interessiert schon die gerechte Aufteilung von Schokolinsen? Und wieso den Preis für fünf Brötchen mühevoll selbst berechnen, wenn kompetente Bäckereifachverkäuferinnen das viel besser können? Dabei kann die Welt der Textaufgaben verrückt und lustig sein – genau wie das wahre Leben. Ein Beispiel: Über 90 Prozent aller Deutschen besitzen ein Handy. a) Wieso rufen Mütter immer auf dem Festnetz an? b) Erklären Sie, weshalb Mütter-Telefonate grundsätzlich über 30 Minuten dauern – auch wenn seit dem Anruf vor zwei Tagen nichts Berichtenswertes passiert ist. Ein grandioses und unterhaltsames Vergnügen mit Suchtfaktor, das jede Wartezeit, z.B. vor dem Aufzug, im Handumdrehen vergehen lässt.

(Klappentext Goldmann Verlag)


  • Taschenbuch: 192 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (21. Dezember 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442158877
  • ISBN-13: 978-3442158874
















ÜBER DIE RÄTSEL DES LEBENS...


"Wie es der Titel bereits erahnen lässt, geht es um Textaufgaben. Allerdings nicht um den Quatsch, mit dem wir alle früher im Mathematikunterricht regelmäßig gequält wurden. Wen interessiert schon, ob sich zwei Züge mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten in der Nähe von Wanne-Eickel treffen oder wieviel Sarah beim Bäcker für fünf Laugenstangen bezahlt, wenn eine Laugenstange dreimal so viel kostet wie ein halbes Sesambrötchen? Vielmehr war es an der Zeit, die vielgescholtene Textaufgabe endlich ein bisschen aufzupimpen und sie den Fragestellungen des alltäglichen Irrsinns anzupassen. " -  So der Autor im Rahmen einer Leserunde.


Ein Deodorant wird mit dem Argument beworben, dass es 96 Stunden wirken soll.
  • a. Wie viel Wasser würde ein Käufer pro Jahr sparen, wenn er infolgedessen künftig nicht mehr täglich, sondern nur noch jeden vierten Tag duscht (Wasserverbrauch pro Duschvorgang: 40 Liter)?
  • b. Was hält seine Umwelt von dieser Idee?

Wie immer bei humorvollen Büchern ging ich mit einer gehörigen Portion Skepsis ans Lesen. Doch lasen sich die Aufgaben locker runter, und die Antwortmöglichkeiten amüsierten mich größtenteils tatsächlich. Dabei gibt es in den einzelnen Kategorien...
  • Alltag
  • Liebe und Partnerschaft
  • Freizeit und Urlaub
  • Mobilität
  • Einkauf und Shopping
  • Arbeit
  • Politik und Zeitgeschehen
  • Medien, Kunst und Kultur
  • Technik
  • Umwelt, Ernährung, Gesundheit, Wissenschaft
  • Sport und Spiel
... nicht nur Unterhaltsames, sondern durchaus auch kleine Denkanstöße, wenn auch glücklicherweise nicht mit erhobenem Zeigefinger. Wie Raymund Krauleidis schon in der Einleitung schreibt:


Warum halten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, dieses Buch gerade in Ihren Händen?
  • a. Ihnen kommt die auf dem Cover gezeigte Situation bekannt vor.
  • b. Sie mögen Textaufgaben
  • c. Sie suchen gute Unterhaltung ohne akademischen Anspruch.
  • d. Sie möchten sich mit Hilfe des Buches auf die nächste Mathe-Arbeit vorbereiten.
Liegt Ihre Antwort irgendwo zwischen a. und c., sind Sie hier genau richtig...


Zu viele Aufgaben hintereinander sollte man m.E. hier nicht lesen, denn auch dieser Humor 'nutzt sich irgendwann ab'. Wohl dosiert allerdings macht das Buch einfach nur Spaß, gut geeignet ist es sicher auch als sog. 'Klolektüre'. Hier im doppelten Sinne... ;)


Am Ende des Buches gibt es einen Lösungsteil, denn tatsächlich gibt es unter den Textaufgaben für Willige auch solche, die sich berechnen lassen. Kann man lösen, muss man aber nicht, man kann bei Interesse auch einfach hinten nachschauen. Wir sind hier ja nicht in der Schule... Allerdings ist das Nachschauen bei der eBook-Version etwas umständlich, so dass ich persönlich letztlich darauf verzichtet habe.

Auf einen merkwürdigen Zusammenhang bin ich bei genauerer Betrachtung noch gestoßen und habe diesen Tatbestand auch als Textaufgabe an den Autor weitergeleitet:


Der Titel lautet: 'Eine Rolle Klopapier hat 200 Blatt...' Das Buch hat lt. Lovelybooks 200 Seiten.
a) Berechnen Sie den Korrelationskoeffizienten der genannten Merkmale.
b) Welcher Verwendungszweck drängt sich hier außer Lesen noch auf? ;)
c) War das Absicht?


Eine Antwort steht noch aus...



© Parden



Und hier als Nachtrag auf meine Anfrage noch die Antwort des Autors vom 31.01.2016 auf Lovelybooks:

@parden
Lach. Eine originelle Idee (auf die ich bislang noch nicht gekommen bin)! Allerdings würde das nur funktionieren, wenn man beidseitig "arbeitet", da 200 Buchseiten ja lediglich aus 100 Blatt bestehen. Aber vielleicht bin ich jetzt zu sehr Korinthenkacker... :-D

Herzlichen Dank dafür! ☺













Raymund KrauleidisDer Goldmann Verlag schreibt über den Autor:

Raymund Krauleidis wurde 1973 in Tübingen geboren, wo er nach dem Abitur auch Betriebswirtschaftslehre studierte. Seitdem hat der Diplom-Kaufmann den deutschen Büroalltag bei einem Telekommunikationsdienstleister und bei einem großen Energieunternehmen kennen lernen dürfen. Krauleidis ist nicht nur ein erfolgreicher Sachbuchautor, er ist darüber hinaus auch seit vielen Jahren als Satiriker für diverse Online-Magazine (ZYN!, Frankfurter Magazin, kolumnen.de, Glasauge) tätig.
übernommen vom Goldmann Verlag

Freitag, 29. Januar 2016

Katzenbach, John: Der Psychiater



Timothy Warner, Spitzname »Moth«, studiert Geschichte an der University of Miami - und er hat ein massives Drogenproblem. Jetzt ist er seit hundert Tagen »clean«, doch das hat er nur mit Hilfe seines Onkels Ed geschafft, eines prominenten Psychiaters und so etwas wie Moths Rettungsanker. Als Ed tot in seiner Praxis aufgefunden wird, stürzt Moth ins Bodenlose. Niemals war dies Selbstmord, auch wenn die Polizei noch so sehr davon überzeugt ist. Moths neue Aufgabe im Leben wird es, den Mörder zu stellen. Seine Nachforschungen führen ihn zu dem pensionierten Psychiatrieprofessor Jeremy Hogan, der seit einiger Zeit anonyme Drohanrufe bekommt. Ein unbekannter »Student Nr. 5« kündigt an, ihn umbringen zu wollen. Jedes Mal eröffnet er seinen Anruf mit der Frage: »Wessen Schuld ist es?« Es scheint, als wolle er Rache nehmen für ein Unrecht, das ihm vor Jahren während seines Studiums angetan wurde...

(Klappentext Verlagsgruppe Droemer Knaur)


  • Gebundene Ausgabe: 576 Seiten
  • Verlag: Droemer HC (1. April 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Anke und Eberhard Kreutzer
  • ISBN-10: 3426281104
  • ISBN-13: 978-3426281109
  • Originaltitel: N. N.










Ich danke der Verlagsgruppe Droemer Knaur ganz herzlich für die Möglichkeit, dieses Buch als Rezensionsexemplar lesen zu dürfen!









UNSPEKTAKULÄR...




Timothy Warner, Spitzname 'Moth', 24 Jahre alt, studiert Geschichte an der University of Miami - und hat ein massives Alkoholproblem. Seit hundert Tagen ist er nun clean, doch das hat er nur mit Hilfe seines Onkels Ed geschafft, eines prominenten Psychiaters. Als Ed tot in seiner Praxis aufgefunden wird, stürzt Moth ins Bodenlose. Doch eines ist ihm klar: Dies war kein Selbstmord, auch wenn die Polizei noch so sehr davon überzeugt ist. Die Jagd nach dem Mörder wird für Moth immer mehr zum Lebensinhalt...

Es gibt nicht viele Menschen, zu denen Moth überhaupt noch Kontakt hat. Sein Onkel war seine wichtigste Bezugsperson, doch der ist nun tot. Die Teilnehmer der Sucht-Selbsthilfegruppe 'Redeemer One' sind diejenigen, die Moth in seiner Abhängigkeit verstehen und in seinem Kampf dagegen unterstützen. Doch auch wenn sie sich dort nicht wirklich anonym geben, ist der Kontakt untereinander nicht persönlicher Natur. Dennoch spricht Moth in seiner Not die kokainabhängige Staatsanwältin Susan Terry an, um den Verdacht auch offiziell zu untermauern, dass sein Onkel ermordert wurde. Und weil er weiß, dass er den Kampf gegen die Mühlen der Bürokratie sowie nicht zuletzt auch gegen einen Mörder unmöglich alleine schaffen wird, nimmt er wieder Kontakt zu seiner Ex-Freundin Andrea ('Andy-Candy') auf und bittet sie um ihre Unterstützung - ohne zu wissen, dass auch sie sich derzeit miserabel fühlt und nach einer Vergewaltigung mit anschließender Abtreibung unter Schuldgefühlen und einer schweren Depression leidet.

Diese kurze Aufzählung reicht sicher aus, um zu verdeutlichen, dass es hier durchweg um Charaktere geht, die alle bis über beide Ohren in Problemen stecken und immer kurz davor sind, sich und ihr Leben darin zu verlieren. Auch der Mörder, den der Leser nur zu bald kennenlernt, hat seine Geschichte und gewaltige psychische Schwierigkeiten - und in der Summe fand ich das alles reichlich viel.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Moth und seinen Helfern sowie aus der Sicht des Mörders geschildert. Ziemlich rasch weiß der Leser, wer hinter dem Tod von Moths Onkel und wohl noch einer Reihe anderer Morde steckt, und das Motiv taucht auch recht bald auf, ohne jedoch wirklich ausgelotet zu werden. Die wechselnde Perspektive lässt den Leser an der Gedankenwelt beider Parteien teilhaben, doch dreht sich dabei im Grunde immer wieder alles um dieselben Gedankengänge. Wiederholungen und zu detailverliebte und ausschweifende Beschreibungen ziehen das Lesen immer wieder in die Länge, wobei die Suchtproblematik auch stets einen großen Raum einnimmt. Die Spannung dagegen, die ich mir von einem Thriller stets erhoffe, blieb hier leider oftmals eher auf der Strecke.

'Psychothriller' steht auf dem Umschlag des Buches. Doch meines Erachtens verdient ein Buch dieses Label nicht automatisch, nur weil der Täter ein psychopathischer Killer ist. Wenn die wirklichen Überraschungen ausbleiben, die Handlung allzu gradlinig und vorhersehbar bleibt, die Personen bei aller ausführlicher Schilderung ihrer Gedankengänge für den Leser distanziert und unnahbar bleiben, so dass es selbst beim Showdown im Grunde nicht wirklich wichtig ist, wer letztlich die Oberhand behält - dann ist das für mich eher am Thema vorbei. Ich habe das Buch nicht direkt ungern gelesen, doch den erwarteten Psychothriller habe ich für mich nicht bekommen. Schade.

Wüsste ich nicht, das Katzenbach schon einige Thriller geschrieben hat, würde ich dieses Buch für ein wenig gelungenes Debüt eines jungen Autors halten. Unspektakulär und eindeutig viel zu lang.


© Parden





















Die Verlagsgruppe Droemer Knaur schreibt über den Autor:

John Katzenbach, geboren 1950, war ursprünglich Gerichtsreporter für den "Miami Herald" und die "Miami News". Bei Droemer Knaur sind inzwischen zahlreiche Kriminalromane von ihm erschienen, darunter die Bestseller "Das Opfer", "Das Rätsel", "Die Anstalt", "Der Patient" und "Der Professor". Zweimal war Katzenbach für den Edgar Award nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Amherst im Westen des US-Bundesstaates Massachusetts.


übernommen von der Verlagsgruppe Droemer Knaur


Fforde, Jasper: Der Fall Jane Eyre (Thursday Next Bd. 1) - Hörbuch



Können Sie sich eine Welt vorstellen, in der Literatur so wichtig genommen wird, dass es eine Spezialpolizei gibt, um sie vor Fälschern zu schützen? 

Als Geheimagentin Thursday Next ihre neue Stelle in Swindon antritt, ahnt sie schon, daß ihr die größte Herausforderung ihrer Karriere bevorsteht: Niemand anderes als der Erzschurke Acheron Hades hat Jane Eyre aus dem berühmten Roman von Charlotte Brontë entführt, um Lösegeld zu erpressen. Eine Katastrophe für England, das mit dem seit 130 Jahren tobenden Krimkrieg schon genug Sorgen hat.

Aber Thursday Next ist eine Superagentin: clever und unerschrocken. Und wenn sie wirklich mal in die Klemme gerät, kommt aus dem Nichts ihr von den Chronoguards desertierter, ziemlich anarchistischer Vater, um für ein paar Minuten die Zeit anzuhalten... 


(Klappentext Audible.de)


  • Autor: Jasper Fforde
  • Gesprochen von: Elisabeth Günther
  • Spieldauer: 12 Std. 24 Min. 
  • ungekürztes Hörbuch
  • Veröffentlicht: 20.03.2014
  • Anbieter: Audible GmbH


Diese ungekürzte Hörbuch-Fassung wird exklusiv von Audible präsentiert und ist ausschließlich im Download erhältlich.

©2011 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG. Übersetzung von Lorenz Stern (P) 2014 Audible GmbH










 
 

 KAMPF DEN LITERATURFÄLSCHERN...


Eine schräge Welt ist es, die Jasper Fforde hier vorstellt. Eigentlich spielt das Geschehen im England der achziger Jahre, doch hat der Autor hier einige eigenwillige Wendungen vorgenommen: England befindet sich seit über 100 Jahren im Krieg mit dem zaristischen Russland um die Krimhalbinsel, Wales hat seine Unabhängigkeit als kommunistischer Staat erklärt, und nicht die Flugzeuge haben sich im Luftverkehr durchgesetzt, sondern die allseits beliebten Zeppeline.

Geheimagentin Thursday Next ist auch keine gewöhnliche Polizistin: sie gehört einer speziellen Einheit des 'Special Operations Network' (SpecOps) an. Sie ist eine Literatur-Agentin (LitAg), die Verbrechen an der Literatur verfolgt. Zeitreisen und Reisen in (und aus) Büchern sind hier möglich, Wirklichkeit und Fiktion vermischen sich immer wieder. Wegen des hohen Ansehens von Kunst und Literatur sind Bücherfälschungen an der Tagesordnung und werden von den LitAgs streng geahndet.

Meist besteht das Leben eines LitAgs nur aus langweiliger Schreibtischarbeit, doch als das Originalmanuskript von Jane Eyre gestohlen wird - und dies ausgerechnet von dem berüchtigten Erzschurken Acheron Hades  - finden sich die Literatur-Detektive rund um Next in turbulenten und gefährlichen Ermittlungen wieder. Und die Zeit drängt, denn Acheron Hades hat die Hauptfigur des Romans als Geisel genommen, und wenn den LitAgs die Rettung von Jane Eyre nicht rechtzeitig gelingt, wird das Originalmanuskript - und mit ihm alle Ausgaben des Buches - für immer verändert.

Was für eine durchgeknallte und witzige Idee hat Jasper Fforde hier buntgelaunt umgesetzt. Ffordes Welt strotzt vor verrückten Einfällen, die sich an Absurdität überbieten, und die zahlreichen Ausflüge und Anspielungen in die Welt der Literatur sowie die oftmals auch reichlich skurrilen Charaktere sind für den Leser in der Tat sehr vergnüglich. Immer wieder wird hier auch auf das Mysterium "Shakespeare" angespielt. Wer steckte wirklich hinter dem großen englischen Barden? Hat der weltberühmte Schriftsteller die zahlreichen Stücke tatsächlich selbst geschrieben - oder war es doch Christopher Marlowe oder Francis Bacon oder gar der siebzehnte Earl von Oxford? Eine Hommage an die Welt der Literatur, auch wenn hier einige Stücke ihr Fett abbekommen und nichts so bleiben muss, wie man es kennt...

Elisabeth Günther liest das rasante (ungekürzte) Spektakel von 12 Stunden und 24 Minuten in angenehmer und der jeweiligen Situation entsprechender variantenreicher Stimmlage - besonders das Reden nach einer hyperaktiven Aktion der Bücherwürmer hat mir hier besonders gefallen. Auch wenn die Charaktere eher distanziert bleiben, ist Fforde hier eine unterhaltsame Mischung aus Krimi und fantastischen Elementen gelungen, die eindeutig Lust auf mehr macht!



© Parden




 







 

Die Reihenfolge der Bände um Thursday Next:



1. Der Fall Jane Eyre
2. In einem anderen Buch
3. Im Brunnen der Manuskripte
4. Es ist was faul
5. Irgendwo ganz anders
6. Wo ist Thursday Next?
--------
7. (noch nicht auf Deutsch): The woman who died a lot







 


 Der dtv schreibt über den Autor:

ImageJasper Fforde wurde 1961 in Wales geboren (daher das markante doppelte F!), wo er auch heute lebt. Er arbeitete lange Jahre als Kameramann bei verschiedenen Filmproduktionen, bis er eines Tages beschloss, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Die Idee für seinen ersten Roman ›Der Fall Jane Eyre‹ kam ihm 1988. 2001 erschien das Buch im englischen Original unter dem Titel ›The Eyre Affair‹.

übernommen vom dtv

Donnerstag, 28. Januar 2016

Goldammer, Frank: Feldwebel (II)....

Der schwarze Fluss

Eine direkte Rezension in Folge auf Band I der FELDWEBEL Geschichte von Frank Goldammer ist inhaltlich kaum machbar. Die Gefahr eines Spoilers liegt sehr nahe.

Inwischen besteht die kleine Gruppe aus FELDWEBEL David Koon aus vier Personen. Vera wurde von den mutierten Schimpansen erst entführt und dann von David auf spektakuläre Art und Weise befreit. Es sind tausede Schimpansen und diese ahmen die Menschen nach, überhaupt sind sie scheinar richtig intelligent geworden: Sie ahmen sogar der Menschen Religion nach. Einen 15jährigen jungen Türken und dessen kleine Schwester gabeln David und Vera auf und dank deren Ortskenntnis können sie den Affen entfliehen. David will über die Alpen.

Rückblende: In Nürnberg konnte Feldwebel in seine Militärakte scheuen. Nun kommen nach und nach die Erinnerungen zurück....


* * *

Utopischer Roman, so wird die Geschichte beim Verlag bezeichnet. Bereits in der Rezension zu FELDWEBEL I bemerkte ich, dass es eher eine Dystopie ist. Nun aber, nachdem ich das Buch wieder in das Regal zu den anderen Goldammer-Büchern stelle, kommt eine Eigenschaft hinzu, die Frank Goldammers Faible für "Mystisches" wiederspiegelt.

In der Bertelsmann-Lexikothek findet sich der Eintrag:

"Mystik [die; grch.], eine Grundform religiösen Lebens, die durch Versenkung die Trennung zwischen menschl. Ich u. göttl. Sein im Erlebnis der Vereinigung (Unio mystica) bzw. der geistigen Schau aufzuheben sucht u. zumeist als höchste Stufe der Frömmigkeit gilt." *

Bei Wikipedia heißt es etwas einfacher:

"Der Ausdruck Mystik (von griechisch μυστικός mystikós ‚geheimnisvoll‘, und dies zu myō ‚Mund oder Augen schließen‘) bezeichnet Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer göttlichen oder absoluten Wirklichkeit sowie die Bemühungen um eine solche Erfahrung." **

Das Ende der Geschichte zeigt, dass hier eher die Wiki-Definition herangezogen werden kann, denn es geht letztlich tatsächlich um Aussagen um Erfahrungen über eine Art göttlicher Wirklichkeit. Doch mehr möchte ich nicht verraten.


* * *

Bis zu diesem Punkt gefiel mir die Geschichte ausnehmend gut, aber diesen Schluss hätte ich nicht erwartet. Etwas Religiöses oder Pseudoreligiöses deutete sich an, denn Vera bewahrt sich ihre Religiösität (und damit auch ihre Menschlichkeit), David hingegen glaubt (eigentlich) an nichts. Oder glaubt er an NICHTS mehr?

Feldwebel David begegnet zum Schluss einem Mann, der 1884 geboren wurde. Der ist nun 144 Jahre alt. Und das bedeutet, der dritte Weltkrieg beginnt in vier Jahren...

Bezogen auf Feldwebels Geschichte war es konsequent zu Ende gedacht, aber der Fährmann (über den Styx?) ist für mich zuviel des Guten. Außerdem erinnert der Schluss ein wenig an das Ende der Geschichte einer gewissen J.K. Rowling.

Schon einmal fand ich, dass Frank gegen Ende einer mystischen Geschichte übertrieb. Insgesamt aber überwog das Lesevergnügen. Das will schon etwas heißen, wo ich doch auch dystopischen Geschichten skeptisch gegenüberstehe.




DNB / Dresdner Buchverlag / Dresden 2014 / ISBN: 978-3-941757-41-7 / 359 S.


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* Die Große Bertelsmannlexikothek, Band 10, 1996, ISBN: 3-577-03890-X, S. 263
**  Seite „Mystik“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 10. Januar 2016, 15:50 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Mystik&oldid=150038352 (Abgerufen: 28. Januar 2016, 16:44 UTC) 



Dienstag, 26. Januar 2016

Goldammer, Frank: Abstauber

Ein Dialog in der letzten Woche beim Mittagessen mit einem Kollegen, frei wiedergegeben:

Er: "Bloß gut, dass die Bundesliga morgen wieder beginnt."
Ich: "Ich lese da gerade einen Roman, der spielt vor und während der EM in Polen und der Ukraine."
Er: "Ja und?"
Ich: "Der Bundestrainer sollte in Dresden ermordet werden. Es ermittelt ein Hauptkommissar der Mordkommission, der Fußball hasst."
Er: "Was willst du damit sagen?"
Ich: "Den Hauptkommissar mag ich irgendwie."

Schweigen!
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Letztes Testspiel vor der Europameisterschaft. Gegen die Slowakai. In der Glücksgasarena. Die Dresdner nennen es aber wie immer schon das Dynamo-Stadion. Dynaaaaaaaamoooooo!!!!

Aber Dynamo ist gerade nicht dran, denn der Staufenbergallee fallen Schüsse. Nicht allzuweit weg von der Liegenschaft der Bereitschaftspolizeiabteilung, aber noch vor dem Hechtviertel. Geschossen wird auf den schwerreichen, ziemlich egozentrischen, ewig kaugummikauenden Bundestrainer namens Ehlig. Doch sitzt der nicht auf dem Beifahrersitz, er fährt selbst. Es stirbt der Fahrer Jansen, der Bundestrainer wird verletzt. Es ermittelt die Mordkommission. Hauptkommissar Tauner und Hauptkommissar Uhlmann. Es hilft Pia, die eigentlich nur Schreibkraft ist, von Frank Goldammer aber ganz schön befördert wurde. Spuren wertet Martin aus. Die Ermittlung leitet die Staatsanwältin Dickwachtel. Äh, Frau Diekmann-Wachtel.
Hier folgt der Versuch einer Tatortskizze. Daneben finden sich Auszüge aus dem "Vernehmungsprotokoll". Man könnte auch Zitat dazu sagen.

© google.map


So also der Tathergang in der Schilderung des Bundestrainers. Über zwei Kreuzungen ist er noch gefahren. Also über die Königsbrücker Straße und dann die Hans-Oster-Straße. Der Haltepunkt könnte hinter dem Prießnitzgrund gewesen sein. Da finden Kinder später die Tatwaffe, die der Täter in den tiefen Prißnitzgrund geworfen hat. Aber hat er sie geworfen, oder hat er sie deponiert? In einer Zellophantüte?? Mit den Fingerabdrücken des DFB-Präsidenten drauf?

Es wird immer verworrener. Das Navi hat doch bestimmt erst am Waldschlößchenareal was von links abbiegen gefaselt, der BT wollte eigentlich auf den Weißen Hirsch, obwohl, 2012 war am Waldschlößchen fast alles noch Baustelle. Verwirrend. Jedenfalls geraten nun gleich mehrere Leute unter Mordverdacht. Der DFB-Präsident. Einer, der auch mal BT werden sollte. Der zweite Torhüter. Und was für eine Rolle spielt eigentlich der junge Kommissar aus dem LKA? Eine Karriere, da schüttelt es einen.

(Kleiner Hinweis an den KHK Tauner: Der Täter hätte mit einem Nachtsichtgerät das Auto, welches auf der dunklen Stauffenbergallee um die beiden Kurven fuhr, nicht erkennen können. Er wäre geblendet gewesen. Außerdem wäre das NSG wohl zerstört wurden durch das Licht der Scheinwerfer, zumindest aber unbrauchbar gewesen.)



© google.map
Ein Weile später geschieht noch ein Mord. Auf der Wilsdruffer Straße auf Höhe Altmarkt. Der verhinderte Möchtegernbundestrainer gerät unter bzw. über einen schwarzen Audi, der darauf gewartet hat, dass er den Fuß auf die Straße, vom Altmarkt kommend, setzt.

Das der Audifahrer auf der schmalen Fahrbahn aus Richtung Postplatz kommend so zielgerichtet einen Typen umfährt, von dem er gar nicht so genau weiß, ob und wann er die Fahrbahn betritt, ist ein weiteres Rätsel. Vor allem, wenn man die Verkehrssituation an dieser Stelle selbst gut kennt. Hatte er Komplizen?


Rätsel über Rätsel. Tauner ist sauer: Scheiß Fußball, scheiß Alkohol, scheiß Scheidung...


* * *

Schluß mit der Rätselei. Der nächste Leser soll ja auch noch was zu rätseln haben. Es ist spannend. Man könnte meinen, der Tauner entspricht genau dem Klischee. Aber dies tut er nicht. Man hat ihm vor wenigen Jahren einen Tumor aus dem Kopf operiert. Dies führt eigentlich zu einer Schwerbehinderung. Bei Tauner führt es zu andren Problemen. Dies unterscheidet ihn von sonstigen Buch- und Filmhelden. Unorthodoxe Ermittlungs- und Vernehmungsmethoden sind da bloß ein Teilchen...

* * *


Das Taschenbuch aus der Hand zu legen fällt schwer. Frank Goldammer schreibt unkompliziert mit guten dialogen, besonders wenn es um Gespräche der Kollegen geht und wenn es gilt, einem TV das Leben schwer zu machen. Am Ende kommt alles etwas anders. Zwischendurch dachte man, dat isser! Aber denkste! Und plötzlich: Isser´s doch?

Es macht Spaß, der Mordkommission durch die eigene Heimatstadt zu folgen. Nun ist mir wohl endgültig klar geworden, warum die Regionalkrimis so boomen. Ist bei mir ja nicht anders. Und wenn man den Frank Goldammer dann noch kennen gelernt hat auf der Schriftgut...

Nur zu empfehlen und nicht nur Dresdner, aber vor allem natürlich diesen.




Bis hierhin dauert es noch eine Weile, denn noch ist 2012

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DNB / Gmeiner-Verlag / Meßkirch 2012 / ISBN: 978-3-8392-1250-9 / 305 S.

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