Sonntag, 13. Dezember 2015

Welskopf-Henrich, Liselotte: Der Bergführer


Die Berge haben es der studierten Okonomin und Historikerin Liselotte Welskopf-Henrich wohl angetan. Diese Geschichte hier spielt in Südtirol in den Dolomiten.

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Der Bergführer Karl Unteregger führt für meist schmales Geld Touristen in die Bergwelt der Dolomiten. Sein Wunsch ist es, eine kleine Hütte mit ein paar Wiesen zu erwerben, er will aus eigenem Domizil heraus leben mit seiner Moidl und dem kleinen gemeinsamen Buben, der ebenfalls Karl heißt.

Es ist das Jahr 1939 und im alpinen Club in Bozen haben die Faschisten das sagen. Doch die Leute in den Bergen sind frei und lassen sich nicht ein auf solcerart Ideologie.

Postoberinspektor Ordemann aus Berlin kommt mit seiner Verlobten in die Berge. Der herrische NSDAP-Ortsgruppenführer hat ein paar Touren gebucht. Karl soll ihn führen. Der erste Konflikt entsteht, als der feiste Berliner verlangt, der Bergführer solle seinen Rucksack schleppen. Unangenehm berührt von seinem Benehmen ist Lotte, das Berliner Arbeitermädchen, zwanzig Jahre jünger als ihr Verlobter...

Das Wetter in den Bergen ist launisch. Wenn es umschlägt, wird es gefährlich, besonders wenn ein warmer Föhn auf kalte Felsen fällt.

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Der Konflikt zwischen dem Bergführer und dem Nazi bestimmt das Büchlein. Jedoch wird der nicht ideologisch dargestellt, es ist der Konflikt zwischen Herr und Knecht, wenn man so will, der "Knecht" allerdings wird wegen seines Wissens und seines Könnens im Fels zum "Herrn": "Wir sind im Fels und da bin ich der Herr!"

Ein sehr interessantes Bild bieten zwei junge Bozener, ein Paar, welches unter dem Lied "Wie ist die Welt so groß und weit und voller Sonnenschein..." am Sonntag kraxln geht. Mit der Zeit kommen der Lotte ebenfalls Verse, heimliche Verse im Jahr 1939, in den Sinn: "Bis ihrer Sehnsucht Verlangen, Himmel und Nacht überschwillt". Der Text beider Lieder spricht von Freiheit. So weist die Autoren auf den großen politischen Konflikt hin, der die Welt in Kürze an den Abgrund führt.

Die Entstehung der Geschichte selbst ist ebenfalls nicht konfliktlos, dem 1954 veröffentlichten Büchlein war kein Erfolg beschieden. Dr. Frank Elstner vom Palisander-Verlag macht dafür die Änderung der Handlungszeit verantwortlich, die zu Unstimmigkeiten geführt hatte. Man hatte nämlich die Zeit von 1939 in die Zeit des geteilten Berlins verschoben. Nun wurde im genannten Verlag der Originaltext neu aufgelegt, von Unstimmigkeiten war nichts zu merken.[1]

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Die Figuren Lotte und die Tiroler werden sofort sympatisch, Gegenpart ist der ortsgruppenführende Postbeamte. Lotte allerdings erzählt am Ende, als sie sich von ihrem Verlobten löst, der Moidl von dessen Geschichte, eine Geschichte, deren es viele gegeben haben wird im sogenannten Tausendjährigen Reich. Bestimmende Figur ist der Tierser Karl aus der Tierser Tal im Konflikt mit dem Zwang Geld zu verdienen für seinen Traum und der dafür gegebenenfalls vernachlässigten Klettersicherheit. Man sieht ihn vor sich, wie er durch die Berge und Hügel steigt. Geübt, kraftvoll, ausdauernd und doch durch die kräftezehrende Arbeit nicht mehr ganz gesund.

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"Die Wandernden schauten überrascht um sich, denn eine neue Felslandschaft hatte sich plötzlich vor ihnen aufgetan. Um wüste Geröllhalden reckten sich im Rund die Rosengartenspitze und die zerklüftete Laurinswand; die Vajoletttürme starrten zwischen schnellziehenden Fetzen der Morgennebel, sich entblößend und wieder verbergend, messerscharfe Kanten, kühne Sterbende in Wolken und Wind. Der Föhn pfiff durch die zerissenen Wände, hoch oben am Himmel flogen Wolken wie große Vögel. Die letzten Anemonen waren hinter den Wandernden zurückgeblieben, und die Menschen traten in das Reich der vollkommenen Unfruchtbarkeit ein. Gerundetes Geröll und spitzer Schotter, verwitterte Türme, rissige Felsmauern, gestürzte Blöcke, die den Weg sperrten, Schneeflecke, die in kleinen Schluchten ihr frostgebanntes Dasein fristeten, bildeten ein eigenes Revier, die Wüste Zwerg Laurins versunkenem Garten. Der Ausblick in das fruchtbare Land war jetzt vollständig verschlossen. Einen eigenartigen Eindruck machte das völlig Wüste unter dem hohen Himmel, das den Namen 'Gartl' trug in der zur Sage gewordenen Erinnerung daran, dass auch auf dieser Höhe einst Blüte und Frucht gediehen waren." [2]

Landschaftsbeschreibungen dieser Arte kannte ich bisher nicht von Liselotte Welskopf-Henrich. Hier zeigt sie die Kunst der Beschreibung einer Gegend, die sie wohl selbst kannte.
Es sind die Vajotet-Türme, die die Kletterer zuerst besteigen, in der Rosengarten-Gruppe.
Die Kölner Hütte und die Grasleitner-Hütte gibt es auch heute noch und so könnte man sich auf die Spuren der Autorin begeben ohne gleich in ein Indianerreservat reisen zu müssen.
Die Beschreibungen sind so detailtreu, dass dies sicher ohne weiteres möglich ist.

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Der Palisanderverlag hat es geschafft, das gesamte belletristische Werk der Liselotte Welskopf-Henrich als e-Book, viele davon auch als Printausgabe, herauszubringen. Diese nahezu unbekannte Geschichte ergänzt solche Romane wie Jan und Jutta, Zwei Freunde oder Bertholds neue Welt. (Verlagsprogramm)

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Liselotte Welskopf-Henrich hat auf unserem Blog eine "eigene" Autorenseite.

► DNB / Palisander Verlag / Chemnitz 2015 / ISBN: 978-3-938305-94-2 / 103 S.

© KaratekaDD




Abbildungen:
Cover: Palisander-Verlag
Kölner Hütte:  CC BY-SA 3.0; File:KölnerHütte.jpg; Hochgeladen von Mai-Sachme; Erstellt: 2. August 2012; Standort: 46° 26′ 30,76″ N, 11° 36′ 43″ E;13.12.2015, 11:30 Uhr
Google Earth:  https://www.google.de/maps/place/Rifugio+Fronza+Alle+Coronel/@46.4493765,11.5871539,506/data=!3m1!1e3!4m2!3m1!1s0x47786fa27df5a8f5:0xfc2beaee7fbb200e!6m1!1e1 13.12.2015, 11:30 Uhr
Vajolet Türme:  CC BY-SA 2.5 it File:Torri del Vaiolet.JPG; Hochgeladen von Vincenzo Gianferrari Pini, Erstellt: 8. August 2000; 13.12.2015, 11:30 Uhr

Quelle:
[1] vgl. LWH: Der Bergführer, Chemnitz 2015, Seite 7
[2] vgl. Ebenda, Seite 31 


Kommentare:

  1. Das viel mir gerade noch ein: Die beiden Lieder, die durch die Geschichte hallen: Das Bozener Bergsteigerlied "Wohl ist die Welt so groß und weit" des jungen Bozener Bergsteigerpaares und das "Brüder zur Sonne zur Freiheit" der Arbeiter aus deren Kreisen Lotte stammt. Darum musste ich das noch ergänzen.

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  2. Huhu :)

    ich habe deinen Blog eben gerade entdeckt und bin gleich mal als Leserin geblieben :)

    Vielleicht liest man sich ja bald mal ;)

    Liebste Grüße
    Sonja

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    1. Freut UNS natürlich. Viel Spaß beim stöbern.

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