Freitag, 4. Dezember 2015

Münk, Katharina: Die Insassen


Vier Insassen der Nervenklinik St. Ägidius bringen ihre Anstalt zunächst auf Kurs und anschließend an die Börse. Schließlich sind sie vom Fach - handelt es sich doch um drei ehemalige Topmanager und eine Chefsekretärin. Ohnehin ist Exfinanzvorstand Dr. Wilhelm Löhring überzeugt, die Klinik sei seine eigene Firma. Sofort will er sein Unternehmen mithilfe der drei Insider flottmachen. Da im Zeitalter der anonymen digitalen Kommunikation und mit einer entsprechenden Reputation in der Wirtschafts-Community alles möglich ist, gerät der Börsengang zu einem vollen Erfolg.

(Klappentext dtv Verlag)


  • Taschenbuch: 224 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juni 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423212993
  • ISBN-13: 978-3423212991

















WER IST HIER VERRÜCKT?


Drei Insassen der Nervenklinik St. Ägidius bringen ihre Anstalt zunächst auf Kurs und anschließend an die Börse. Schließlich sind sie vom Fach - handelt es sich doch um drei ehemalige Topmanager. Ohnehin ist Exfinanzvorstand Dr. Wilhelm Löhring überzeugt, die Klinik sei seine eigene Firma und forciert eisern den Börsengang von Station 4. Die als Chefsekretärin angeheuerte Patientin, traumatisiert von ebendiesem Beruf, rutscht sofort wieder in ihre alte Rolle. Oder?

Dass das Finanzgewerbe stressig ist und die Topmanager fast ständig unter Anspannung stehen, macht Katharina Münk hier auf eine ganz eigene Weise deutlich. In der Nervenklinik St. Ägidius treffen drei von ihnen aufeinander - jeder aus einem anderen Grund dort, doch alle letztlich geschafft von den hohen Anforderungen des Berufs.

Keith Winter fühlt sich durch das ständige Reisen, die zahllosen Meetings, das ununterbrochene Auswerten von Zahlen und Daten zunehmend von Reizen überflutet und entkommt ihnen nur noch durch Hilfsmittel wie Sonnenbrille oder eine künstlich stilisierte Arroganz, doch die Energie, die diese Versuche der Reizflucht kostet, wird zunehmend höher. So reicht letztlich ein unvorhergesehener Stau und ein dysfunktionales Navigationsgerät, das sinnfrei auf Winter einzuplappern beginnt, um ihn schließlich an den Seitenstreifen heranfahren, aussteigen, und vollkommen außer sich auf das Gerät eintreten zu lassen. Danach setzt er sich ohne Schuhe an den Seitenstreifen und wartet einfach ab. Endstation: St. Ägidius.


Seine Verlegung ins Einbett-Privatzimmer tangierte ihn kaum, denn er war schon lange vorher völlig allein mit sich gewesen - privater ging's nicht mehr. Aber eines tat er dann doch: Er nahm sein Blackberry, öffnete es, entnahm die SIM-Karte und schluckte sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter. Hunderte von Daten strömten durch seine Kehle. Er ließ sich wieder auf das Kissen fallen, in der Gewissheit, seine Ruhe zu haben. (S. 28)


Dr. Wilhelm Löhring reagiert sehr irritiert und zunehmend ungehalten, als er eines Morgens seinen Schreibtisch leer vorfindet, seine Sekretärin ihm seinen Morgenkaffee nicht bringt und Arbeitsgeräte wie der PC verschwunden sind. Weder im Guten noch im Bösen vermag er etwas an der Situation zu ändern, und als ihm eröffnet wird, dass er am Vortag schließlich verabschiedet worden sei, argwöhnt Löhring ein übles Komplott. Erst seiner Frau gelingt es, ihn halbwegs zu beruhigen und ihn an eine neue 'Wirkungsstätte' zu bringen: St. Ägidius.


"Ach, Lore, sollen wir es nicht auch noch einmal miteinander versuchen?" --- "Nein, Wilhelm, ich glaube nicht. Siehst du, du hast schon vor Jahren die Zeit verloren, dann die Nerven, bald darauf ganz langsam die Liebe und nun eben auch den Verstand. Du musst erst einmal nur an dich denken." (S. 24)



Hubert Wienkamp ist dagegen nicht zum ersten Mal in der Nervenheilanstalt. Der frühere Personalchef eines großen Beratungsunternehmens hat vor lauter Stress, Eheproblemen und Alkohol ein amnestisches Syndrom entwickelt. Zwanzig Jahre seines Lebens sind ihm nicht erinnerlich, und auch im Alltag vergisst er schon mal das ein oder andere...


"Der wirkt aber gar nicht wie ein Topmanager. Hat was Nettes an sich." --- "Kein Wunder. Er hat einfach alle unerfreulichen Daten von seiner Festplatte gelöscht und einen Gutmenschen aus sich gemacht, hat sich neu erfunden (...) Du kannst davon ausgehen, dass Wienkamp früher so schrecklich war, wie er jetzt vorgibt, gut zu sein." (S. 51)


Diese drei ehemaligen Topmanager treffen in St. Ägidius zwangsläufig aufeinander, und angestoßen durch den unermüdlichen Löhring, der nur noch für das Finanzwesen zu leben scheint und dessen Verdrängung der Realität umwerfend gut funktioniert, beschließen sie schließlich, jeder aus einer anderen Motivation heraus, die Angelegenheiten der Klinik selbst in die Hand zu nehmen und gar an die Börse zu gehen. Zur Hand geht ihnen dabei eine an Burnout leidende Chefsekretärin, die für die Unterlagen und die Regelung der Abläufe zuständig ist. Ein wahnsinniges Unterfangen?

Katharina Münk ist das Pseudonym einer ehemaligen Chefsekretärin, die international orientiert für Dax-Unternehmen, Kreativschmieden und mittelständische Unternehmen gearbeitet hat. Dass ihr die fachlichen Begrifflichkeiten geläufig sind, stellt sie hier eindrucksvoll unter Beweis. Abgesehen davon bot ihr das Schreiben dieses Romans wohl die Möglichkeit, auf humorvoll-satirische Art und Weise mit den Erlebnissen im Büro sowie dem egomanen Gehabe manchem Chefs abzurechnen - und darzulegen, wie nahe Normalität und Wahnsinn doch zusammenligen.  Die selbstgefällige Managermentalität nimmt hier einen breiten Raum ein, und deutlich wird, wie leicht es zu sein scheint, mit ausreichend Selbstbewusstsein, dem passenden Vokabular, den richtigen Beziehungen und einigen kleinen zusätzlichen Kniffen einen vollkommen aus der Luft gegriffenen Bösengang zu initiiieren. Und alle spielen mit. Wer also ist hier verrückt?


Wenn Löhrings Böersenpläne hier und jetzt funktionierten, hinter verschlossenen Türen und mit dieser völlig irren Ménage à trois, seine Person eingeschlossen, dann würde er endgültig wissen, wie bekoppt die Welt war, in der er bisher gelebt hatte. Und wenn sein Verdacht sich bestätigte, dann wollte er lieber hierbleiben, als dorthin zurückkehren. (S. 132)


Schwarzhumorig, satirisch, unterhaltsam - so habe ich das Buch empfunden. Die Charaktere waren sehr klischeehaft, etwas anderes hätte hier m.E. aber auch nicht gepasst. Der Schreibstil war flüssig und sehr eingängig.  Manche Szenen brachten mich zum Lachen, andere sah ich nahezu bildlich vor mir und ich fragte mich... Und tatsächlich: das Buch wurde auch verfilmt und hatte im September 2015 TV-Premiere. Ist natürlich wieder vollkommen an mir vorbeigegangen. Aber nun werde ich sicher nach dem Film Ausschau halten.

Empfehlenswert für alle, die schwarzem Humor und Satiren gegenüber nicht abgeneigt sind.


© Parden












Katharina MünkDer dtv-Verlag schreibt über die Autorin:

Katharina Münk ist neben ihrer Autorentätigkeit Personal Coach für Fach- und Führungskräfte und lebt mit ihrem Mann in Hamburg. Ihr erster Roman ›Die Insassen‹ (2009) wurde ein Bestseller. Ihr Name ist ein Pseudonym.

übernommen vom dtv-Verlag


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