Sonntag, 15. November 2015

McEwan, Ian: Abbitte

Bild 1
Ein Blick in das Fernsehprogramm wies den Weg des gestrigen Abends: Leider auf nicht werbefreiem Sender kommt ein Film. Ein britisches Filmdrama aus dem Jahre 2007. Nach dem gleichnamigen Roman von Ian McEwan aus dem Jahr 2001: Abbitte.

Ein Grund für die Bücherraupe sich erneut einem Roman, aber auch der Literaturverfilmung zu widmen.


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Bild 2 © by URDD
Schauen wir aber erstmal in die gesammelten Buchgesichterbeiträge, hier vom 14. April 2011:

"Briony ist dreizehn im Jahr 1935, am Vorabend des zweiten Weltkrieges. Ein phantasievolles und aufgedrehtes Mädchen, Tochter einer begüterten Familie in England. Die Familie ist so begütert, dass sie den Sohn ihres ehemaligen Parkwächters, Robbie Turner, studieren ließ. Gemeinsam, oder fast gemeinsam mit Brionys älteren Schwester Cecilia.
Es ist Besuch bei der Familie Tallis, zwei Vettern und Lola, die Cousine von Briony sind angekommen. Außerdem ihr Bruder mit einem Freund. Doch der letzte Abend erlebt eine böse Überraschung: Briony verändert das Leben mehrerer Menschen und sie wird ein Leben daran zu knabbern haben.

Szenenwechsel: Robbie Turner ist Angehöriger des britischen Expeditionsheres, das zu Beginn des Krieges in Holland kämpfte und von der deutschen Wehrmacht bei Dünkirchen  überrannt wurde. Tausende Soldaten flüchteten in Richtung Ärmelkanal. Unter ihnen eine Robbie. In diesem Buchabschnitt wird eindringlich die Flucht geschildert. Verstreute, verletzte Soldaten auf dem Weg zum Meer. Einheiten, die sich in die andere Richtung bewegen. Zivilisten. Ein Bauer pflügt sein Feld mit einem Pferd. Bei einem Tieffliegerangriff wartet er seelenruhig und pflügt dann weiter. Die eine Bombe trifft auf dem Feld eine Mutter mit ihrem zehnjährigen Jungen. Beide können nicht mehr weiter und nun ist nicht mehr von ihnen zu finden. Eindringlich ist der Weg des Soldaten beschrieben. Wird er in England ankommen?

Erneuter Szenenwechsel: Briony ist nun Lernschwester in einem Krankenhaus. Wie es da zu geht und wie schnell man plötzlich den "Rest" der Krankenpflege lernt wenn der Krieg ausbricht - Briony und ihrer Mitschwestern müssen die oben beschriebenen Rückkehrer behandeln - das wird plastisch und eindringlich beschrieben. Warum aber lernt das Mädchen einen solchen Beruf, statt auf die Universität zu gehen? Wird sie trotzdem zur Schriftstellerin werden? Und kann sie das Schicksal zurückdrehen, jetzt wo sie erwachsen wird?

Es ist ein Liebesroman. Es ist nicht die Liebe der Hauptperson. Es ist die Geschichte eine phantasiebegabten Mädchens mit Talent zum schreiben, das an einem einzigen Tag Einfluss nimmt auf ihre Familie und andere, unheilvollen Einfluss. Und das Mädchen muss lernen, dies zu verarbeiten.

Wirklich ein großer Roman. Die sehr langen Teilgeschichten tun dem keinen Abbruch. Etwas erstaunlich ist das Ende dann doch. Aber das wird nicht verraten.

Den Film werde ich mir auf jeden Fall ansehen." 

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Viereinhalb Jahre später ist es nun so weit gewesen, nun kenne ich auch den Film (Regisseur Joe Wright), der das Buch mit Bildern "illustiert". Nicht, dass das Buch dies nötig gehabt hätte. Aber der Film ist hoch gelobt wurden, was selten bei Literaturverfilmungen passiert. Besonders die eindringlichen Bilder des Rückzuges an die Küste des britisches Expeditionscorps unterstreichen dies, der Text im Roman allerdings ist nicht weniger eindringlich.



Viele Auszeichnungen bekam der Film, den Oscar aber "nur" für die Filmmusik. 
Auch die Figuren, Cecilia (Keira Knightley), Briony (Saoirse Ronan, Romola Garai. Vanessa Redgrave) und Robbie (James McAvoy) sind gut "gezeichnet", eine erneute Lektüre dees Romans werden diese "Bilder" gut begleiten. Vanessa Redgrave als nunmehr alte Dame, die ihren letzten Roman, der doch auch als ihr erster bezeichnet werden könnte, präsentiert, zeigt, so kurz der Anspann am Ende auch sein mag, zeigt, dass Briony Tallis Abbitte gelungen ist. Vor allem sich selbst gegenüber und ihrer Schwester und deren Freund - nach fast 60 Jahren.


http://movies.universal-pictures-international-germany.de/abbitte/site/site.html
Bild 3 - Zur Webseite von universal-pictures-international



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„Ian McEwan hat einen Roman über die Literatur geschrieben, der gleichzeitig ein Roman über den Menschen ist. Gleichzeitig – darin liegt die Kunst. Kein Buch, in dem neben diversen Figuren auch einige literaturtheoretische Überlegungen vorkommen, sondern ein Buch, das nach der Moral des Schreibens fragt und Schreiben, also Imaginieren, als besonders heikle Form sittlichen Handelns betrachtet. […] Hier fallen das Ethische und das Ästhetische in einer Prosa zusammen, die vielsagend sein will und trotzdem klar sein kann.“ [1]

"Lesen gefährdet den Charakter: In Ian McEwans Meisterwerk kommt das Böse in Form eines zwölfjährigen Mädchens daher. Eine zerstörende Geschichte von unmöglicher Liebe, Selbsterkenntnis und Schuld, die die Frage stellt, welche Auswirkungen Literatur haben kann." [2]


Bild 4 © by URDD
Doch ist es wirklich "das Böse in Form eines Mädchens"? Schuld: ja. Der Roman als Sühne: ja. Aber BÖSE?  Briony Tallis ist doch ein Kind, welches auf Grund eines Briefes, den es nicht versteht, Schuld auf sich lädt. „Briony gehörte zu jenen Kindern, die eigensinnig darauf beharren, daß die Welt genau so und nicht anders zu sein hat.“ [3] 

"Eine zerstörende Geschichte von unmöglicher Liebe": ja, das ist dieser Roman. Inwiefern der roman Auswirkung auf die nach ihm erscheinende Literatur haben kann, oder ob es diese auch tatsächlich gab, das überlasse ich den Literaturwissenschaftlern. Ian Mc Ewan soll, so kann man nachlesen, sich auf eine Reihe literarische Werke bezogen haben, darunter findet man auch einen gewissen Shakespeare.[4] Auch dies ist zu untersuchen meine Sache nicht.


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Für mich bleibt, dass der gestrige nächtliche Filmabend Erinnerung an einen großartigen Roman brachte, welcher gekonnt verfilmt wurde. Diese Erinnerung erscheint nun hier im Blog, wo sie ja auch hingehört. Und so empfehle ich Buch & Fim der geneigten Leserschaft von Litterae-Artesque.

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Bild 5
Geboren wurde Ian McEwan im Jahr 1948 in Aldershot. Er ist Mitlgied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences. [5]
Er hat englische und französische Philologie studiert. Er hat fast alle englische Literaturpreise bekommen. Daher hat ihn die Queen zum Commander of the Order of the Britsh Empire ernannt. [6] 



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Diogenes - Verlag / Zürich 2004 / ISBN: 978-3-257-23380-3 / 544 S. / DNB
Webseite von Ian McEwan


© KaratekaDD



Quellen:
Bild 1: Cover aus Deutscher Nationalbibliothek
Bild 2: Foto von U.Rennicke
Bild 3: Abbildung = Ausschnitt Startseite von  http://movies.universal-pictures-international-germany.de/abbitte/site/site.html;; abgerufen am 15.11.2015 
Bild 4: Foto von U. Rennicke
Bild 5: By Thesupermat (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

[1] FINGER, Evelyn: Eines langen Tages Reise in die Nacht, in: Zeit-Online http://www.zeit.de/2002/39/Eines_langen_Tages_Reise_in_die_Nacht/seite-2; abgerufen am 14.11.2015
[2] Lovenberg, Felicitasvon: Vergiftete Zeilen, in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/ian-mcewan-abbitte-vergiftete-zeilen-174538.html; abgerufen am 15.11.2015
[3] siehe McEwan, Ian: Abbitte, Zürich 2004, Seite 11
[4] vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Abbitte_%28Roman%29; abgerufen am 15.11.2015  
[5] vgl. Diogenes Verlag: http://www.diogenes.de/leser/autoren/a-z/m/mcewan_ian/biographie, abgerufen am 15.11.2015
[6] Seite „Ian McEwan“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 26. Mai 2015, 10:07 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ian_McEwan&oldid=142490261 (Abgerufen: 15. November 2015, 10:57 UTC) 




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