Freitag, 27. November 2015

Bockenheimer, J.C: Chuzpe, Anarchie...

... und koschere Muslime.
Meine Versuche, Israel zu verstehen.

Diese Versuche sind nicht selten. Am besten man macht sie vor Ort. Hatte ich bereits versucht und die Bücherdazu findet die geneigte Leserin, der geneigte Leser auf der Palästina-Seite des gerade schreibenden Bloggers.

Doch zuvor muss ich mal klären was eigentlich CHUZPE ist. Was hilft? Wikipedia:

Ich zitiere:

"Chuzpe [xʊtspə], auch Chutzpe (aus dem jiddischen חוצפה [chùtzpe] von hebräisch חֻצְפָּה [chuzpà] für „Frechheit, Anmaßung, Dreistigkeit, Unverschämtheit“ entlehnt) ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit.
Im Hebräischen enthält der Begriff eine negative Bewertung für jemanden, der die Grenzen von Höflichkeit oder Anstand aus egoistischen Motiven überschreitet. Im Jiddischen und in den meisten europäischen Sprachen schwingt Anerkennung für eine Form sozialer Unerschrockenheit mit. Hier spricht man insbesondere von Chuzpe, wenn jemand in einer eigentlich verlorenen Situation mit Dreistigkeit noch etwas für sich herauszuschlagen versucht." [1]

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Amos Oz / © Karatekadd
Bleiben wir mal bei sozialer Unerschrockenheit und der geschilderten Diskussionswut von Israelis. Bockenheimer, und das ist schon mal ein großes Plus für das Buch, sprach mit Amos Oz, dem diesjährigen Buchpreisträger der Leipziger Buchmesse. Der erzählt eine Geschichte aus seiner Wehrdienstzeit. In dieser wird ein General, welcher unmittelbar vor dem Sechs-Tage-Krieg die taktischen Pläne erläutern wollte, von einem Reserve-Unteroffizier mit den Worten: "Entschuldigen Sie, Herr General, sie sind im Begriff, einen schweren konzeptionellen Fehler zu begehen!", unterbrochen und sodann auf Tolstois Krieg und Frieden verwiesen. Dies führte zu einem irrsinnigen Gequassel, was den deutschen uniformtragenden Blogger zum verständnislosen Kopfschütteln bringt. [2] (Das man sich meines Wissens in der Armee Israels unterschiedslos mit DU anspricht, hat bestimmt noch dazu beigetragen)

Jetzt zumindest ahnen wir, was CHUPZE in etwa bedeutet; Anarchie muss ich nicht unbedingt erläutern.

Durch das ganze Buch zieht sich die Beschäftigung mit Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus. Sein bekanntestes Buch, Der Judenstaat, war bereits einmal Thema hier im Blog.  Bockenheimer konfrontiert seine Gesprächspartner mit Herzls Theorien. Die Antworten darauf sind gelegentlich verblüffend. Herzls Ansichten scheinen im heutigen Israel nicht zu sehr verbreitet zu sein. Sie waren auch etwas utopisch wie sein Roman Altneuland. von 1902. auch dieses Buch zieht Bockenheimer oft für seine Beschreibungen heran.

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Im weiteren trifft Bockenheimer einen "zionistischen Muslim" und erzählt zwischendurch vom Purim-Fest, an dem sich alle verkleiden. Seine Freundin Yarden verblüfft den Autor: Sie erscheint mit "weißem Bubikragen über dunkelblauer Bluse, und die sonst brünetten Haare waren schwarz gefärbt und zu einem eleganten Seitenscheitel gekämmt. auf der Brust prangte ein gelber Stern, der Judenstern." Yarden ruft ihm zu: "Heute Abend gehst du mit Anne Frank aus! [3]

Sie wolle ihm einen Abend mit Landsmännern schenken. Daraus entsteht natürlich Streit:

Johannes: "Ich versuche nur zu verstehen, warum in Deutschland den Menschen die Gesichtszüge gefrieren, wenn sie das Wort 'Holocaust' hören, in Israel das aber niemand zu kümmern scheint."
Yarden: "Hör zu: Mich hat weder jemand gefragt, ob ich als Jüdin geboren werden will, noch hat mich jemand gefragt, ob ich im Nahen Osten aufwachsen will. Was soll ich machen? Den ganzen Tag ein ernstes Gesicht aufsetzen und der Opfer des Holocaust gedenken?" [4]

Ohne Worte...

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Das der "in das sozialistische Wirtschaftssystem verliebte" junge Staat daran fast zugrunde gegangen wäre, erzählt der Autor ebenso, wie die Entwicklung zum "reinen Kapitalismus". Die Leute im Land mit dem höchsten BIP-Wachstum und der höchsten Armutsrate (OECD / 2010) sehen sich gelegentlich nach den "sozialistischen" Zeiten zurück. [5]

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Bockenheimer erzählt von Gesprächen mit einem ultraorthodoxen Rabbi, der meint, die Juden wären bis zur Ankunft des Messias lieber in der Diaspora geblieben und Herzl sei ein ("der größte") Antisemit, der die Juden mit seiner Idee von der eigenen Heimstatt ihrer Traditionen entwurzelt hätte. Aha.

Er spricht mit einem schwulen Pornoproduzenten, einem Nobelpreisträger, einer kämpferischen Stadträtin von Jerusalem, mit einem Barbesitzer und Tel Aviv, Antizionisten und Palästinenserfreund und einem zionistischen Drusen.


Am Ende kommt Bockenheimer zu dem Schluss, dass der Versuch, Israel zu verstehen gescheitert sei: Immer neu Fragen quälen ihn nun. Ihn, den seine deutschen Gene davon im Gegensatz zu Israelis davon abhalten bei Rot über eine Ampel zu laufen, steht am Ende (nachts) an einer und traut sich, dieses "Verbrechen" zu begehen.


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Abb [7]
Es ist eine sehr persönliche Annäherung an den Staat der Juden, schreibt der Pantheon-Verlag auf der Buchwebseite und führt weiter aus: "Johannes C. Bockenheimer gelingt ein behutsames, mitunter skurriles Porträt Israels, das letztlich vor allem eines tut: bestens unterhalten." [6]



Der Autor hat Politikwissenschaften (Hamburg) und Nahostwissenschaften (Beer Sheva) studiert, war als Korrespondent für das Handelsblatt, den Tagesspiegel, die Jüdische Allgemeine, die Zeit immer wieder in Palästina. Wer mehr von ihm lesen will, kann das ja mal hier versuchen..




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Es war wirklich ein kurzweiliges Buch und es beweist, dass Journalisten durchaus spannend und genau berichten, Kritik mit Humor verbinden und auch ernsthafteste Themen ohne Moralin darbieten können. Die regelmäßigen Rückgriffe auf Herzl sind Methode und damit hat Bockenheimer vielleicht Israel noch nicht verstanden aber etwas zum Verständnis beigetragen. Zumindest bei mir.

Dem RandomHouse danke ich noch für dieses Exemplar, welches ich gern rezensiert habe.


DNB / Pantheon - Verlag / München 2015 / ISBN: 978-3-570-55276-6 / 206 Seiten

© KaratekaDD



Quellen:





[1] Seite „Chuzpe“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 11. November 2015, 11:46 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Chuzpe&oldid=147931223 (Abgerufen: 23. November 2015, 17:34 UTC)
[2] Bockenheimer, J.C.: Chuzpe, Anarchie..., Pantheon, München 2015, Seite 23 ff
[3] Ebenda, Seite 51
[4] Ebenda Seite  52ff 
[5] Ebenda, Seite 84
[6] http://www.randomhouse.de/Paperback/Chuzpe-Anarchie-und-koschere-Muslime-Meine-Versuche-Israel-zu-verstehen/Johannes-C-Bockenheimer/e477275.rhd?mid=1&serviceAvailable=true#tabbox, abgerufen am 25.11.2015, 19:45 Uhr
[7] - Abb:  http://images.google.de/imgres?imgurl=http://www.randomhouse.de/content/author/image/22038.jpg&imgrefurl=http://www.randomhouse.de/Autor/Johannes_C._Bockenheimer/p568069.rhd&h=241&w=161&tbnid=3hOxYKej1KIdcM:&tbnh=90&tbnw=60&usg=__BtcmSRril-FN8x20KL0_0welCSg%3D&docid=KbQewA-WnF-lvM&sa=X&ved=0ahUKEwiJwrTd367JAhWEWRQKHd3kAUgQ9QEIMTAE, ab gerufen am 25.11.2015, 19:50 Uhr

Kommentare:

  1. Klingt lehrreich... :) Schön, wenn es obendrein unterhaltsam ist.

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    1. War auch unkonventionell. Mal erfrischend anders, eben persönlich.

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