Freitag, 9. Oktober 2015

Meneberg, Gard: Absurde Menschheit oder Was Voyager eigentlich über die Menschheit hätte berichten sollen


















Ich danke dem Artegenium Verlag ganz herzlich für die Möglichkeit, dieses Buch als Rezensionsexemplar lesen zu dürfen!














DA BLEIBT WOHL NUR DER KOLLEKTIVE SELBSTMORD...





Als man in den Siebzigerjahren die Voyager-Sonden ins All schickte, legte man eine Datenplatte mit Botschaften bei, die sich an außerirdische Zivilisationen richteten. Doch die Wahrheit über den Menschen wurde darin verschwiegen. Gard Meneberg geht der Frage nach, was man stattdessen hätte enthüllen sollen. In vierundvierzig unterhaltsamen Kapiteln fasst er die absurdesten Tollheiten unserer Spezies zusammen. Dabei beschreibt er nicht nur, wie arrogant der Mensch anderen Affenwesen gegenüber auftritt, sondern auch, zu welchen Skurrilitäten ihn die Lust zuweilen treibt, wie gummiartig seine Werte sind und warum ihn das eigene Entschwinden in Panik versetzt. Ein Buch mit dem Potenzial, sogar Außerirdische zum Schmunzeln zu bringen.


Bewusst stelle ich den Klappentext hier voran, weil ich verdeutlichen möchte, weshalb ich zugesagt habe, als mir das Buch vom Verlag als Rezensionsexemplar angeboten wurde. Was Außerirdische zum Schmunzeln bringen kann, das wird ja wohl auch für mich ein paar humorvolle Lesemomente bereithalten? Zumal die Ausschreibung der Leserunde bei Lovelybooks folgendes verhieß:


Habt ihr euch schon einmal die Frage gestellt, wie außerirdische Zivilisationen uns Menschen wohl beurteilen würden, wenn sie auf ihren Erkundungsmissionen auf die Erde stießen? Gard Meneberg ist diesem Thema nachgegangen und hat in „Absurde Menschheit“ die schrägsten Eigenschaften unserer Spezies zusammengefasst.


Schräg? Schwarzer Humor? Satire? Genau meins. Denkste...

Zunächst war ich erstaunt, dass Gard Meneberg (übrigens ein Pseudonym) recht viele wissenschaftliche Inhalte in seine Kapitel mit einbezog. Auch wenn ich das nicht erwartet hatte, störte es mich jedoch nicht - vieles davon war durchaus interessant. Zeigte es doch auch, dass sich der Autor im Rahmen des Buches inhaltlich mit vielen der angesprochenen Themen ernsthaft auseinandergesetzt hat.

Aaaaaaaber - und das ist ein immens großes ABER: locker-flockig und humorvoll: Fehlanzeige. Nahezu harmlos fängt Gard Meneberg an, den Menschen zu charakterisieren:


"...eine etwas gewöhnungsbedürftige Kombination aus Neugierde, Triebbesessenheit, Habsucht und reflektierendem Bewusstsein (Verstand)." (S. 30)


Später kommt noch 'Neugierig, arrogant und an einem angeborenen Spieltrieb leidend' hinzu (S. 40), dann skizziert der Autor eine 'Erde (...) voller Menschen, die sich im täglichen Trott verlieren' (S. 86), 'Millionen, durch ihre geisttötende Arbeit meist verblödete Durchschnittsschafe' (S. 108), bis er es schließlich auf den Punkt bringt:


"(...) dass der Durchschnittsmensch am Ende seiner Tage nur eine einzige Errungenschaft anführen kann: etwa fünf bis acht Tonnen Kot sowie fünfundzwanzig- bis fünfzigtausend Liter Harn zu hinterlassen. Und eventuell ein paar ebenso fäkalproduzierende Nachkommen. Das macht ihn zu einem Gülleerzeuger, dem die Natur aus irgendeiner Schrulligkeit heraus ein komplexes Gehirn spendiert hat." (S. 92)


Auch wenn ich nachvollziehen kann, dass Satire auch Übertreibungen beinhaltet, fehlte mir hier fast immer das Augenzwinkern. Das ganze erschien als bitterböse Abrechnung mit der Menschheit, eine abgrundtiefe Verärgerung des Autors und eine hoffnungslose Resignation à la 'Ich bin ein Star, äh, Mensch, holt mich hier raus! ' kam bei mir an.

Meine Meinungsbildung zu dem Buch war ein Prozess, der sich im Rahmen der Leserunde verdeutlichen lässt. Während ich anfangs noch einzelne Punkte bestätigen konnte, deprimierte mich die Lektüre zusehends. Nach dem dritten Leseabschnitt schrieb ich:


Ich bin ehrlich gesagt kurz davor, das Buch abzubrechen. Es mag daran liegen, dass der Klappentext 'Ein Buch mit dem Potenzial, sogar Außerirdische zum Schmunzeln zu bringen', falsche Erwartungen geschürt hat. Wahrheiten, ja, aber verpackt in humoristische, satirische Untertöne, damit hatte ich gerechnet. Was der dritte Abschnitt liefert, ist in meinen Augen eine bitterböse Abrechnung, zynisch und resigniert, sehr plakativ und - ja, auch einseitig. Mich hat das Lesen deprimiert und heruntergezogen. Und nein, ich sehe die Welt nicht durch eine rosarote Brille, keineswegs. Was aber hier als Botschaft rüberkommt, ist, dass der Mensch nur von Gier und Neid beherrscht und er quasi von Geburt an in diesen Mechanismus hineingezwungen wird. Glück ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, und alle sind Opfer der Umstände, der Gesellschaft, der Zwänge oder der Triebe. Selbstbestimmung ist eine Illusion, Freiheit erst recht, der Mensch ist ein wiederkäuender Gülleerzeuger. Mich zieht so eine geballte Abrechnung wirklich runter, und wie manche Vorredner hier bereits äußerten: es gibt auch andere Seiten des Menschseins. Schmunzeln konnte ich hier kein einziges Mal...


Und nach dem vierten Abschnitt ergänzte ich noch folgendes:


Meinem Vater hätte dieses Buch garantiert gefallen. Desillusionierter Zyniker - und das in geballter Form. Wenn ich punktuell über bestimmte Missstände mit ihm geredet habe, waren wir sogar meist derselben Meinung. Will sagen: viele hier geschilderte Punkte einzeln betrachtet kann ich in der Wertung auch in dem Buch meist nachvollziehen. Aber in der Summe und in der Ausschließlichkeit - nein, tut mir leid, das ist einfach nicht meins. Witzig oder humorvoll ist hier gar nichts, und 'schmunzeln' können Außerirdische höchstens deshalb, weil sie sich über den Menschen, wie er hier dargestellt wird, lustig machen.



Ich führe diese Anmerkungen hier an, weil sie deutlich machen, wie es mir mit diesem Buch ging. Der Autor, der meinen Kampf sehr wohl wahrnahm, bot mir im Rahmen einer PN an, die Lektüre abzubrechen - was ich dann tatsächlich einige Tage erwog. Da aber der Großteil nun sowieso schon gelesen war, beschloss ich, nun auch den Rest noch zu lesen, um dann abschließend mein Urteil zu fällen.

Dass der Autor den Menschen als evolutionären Fehlschlag sieht, ist wohl jedem Leser deutlich geworden. In der Leserunde gab es durchaus auch Leser, denen die Lektüre gefallen hat - und das sei ihnen gegönnt. Ich kann mit der plakativen Darstellung von Gegebenheiten, die mir keineswegs neu oder unbkannt sind, in dieser Form nichts anfangen. Im Falle der Vorstellung der Rollen von Mann und Frau wurde dann auch noch fleißig die Klischeekiste bedient und alles schön in die passenden Schubladen sortiert - etwas , auf das ich von jeher eher allergisch reagiere. Diese resignative Abrechnung mit der Menschheit, die zudem alle positiven Aspekte des Menschseins bis auf einen Satz im Anhang vollkommen außen vor lässt, hinterlässt bei mir das Gefühl, dass sich der Autor seinen jahrelang aufgestauten Frust einfach mal von der Seele schreiben wollte. Ich finde es einfach schade, dass alles so plakativ niedergemacht werden muss - eigentlich bliebe hier ja nur der kollektive Selbstmord. Oder? Zumindest der Erde erginge es damit wohl deutlich besser...


© Parden















Kommentare:

  1. So kann es also auch gehen. Du hast dazu an einer Leserunde teilgenommen? So ein Ergebnis hatte wir wohl noch nicht...

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    1. Oh doch, mir fällt da plötzlich ein, wir erwogen schon mal die wohl schlimmste, politisch völlig inkoorekte, Strafe für ein Buch. Diese war aber vermulich viel schlimmer als dieses hier.

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    2. Ja, das ist nicht in Vergessenheit geraten, und ich hoffe, wir kommen eines Tages auch dazu, diesen ketzerischen Plan umzusetzen... ;) Die 'Absurde Menschheit' werde ich einfach weitergeben, da andere Leser dem Buch durchaus etwas abgewinnen können. Selten habe ich solch ein kontrovers diskutiertes Buch gelesen.

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