Freitag, 25. September 2015

Zipse, Katrin: Die Quersumme von Liebe

Luzies geordnete Welt gerät ins Wanken, als sie einen Brief ihrer verstorbenen Großmutter erhält. Das Geheimnis, mit dem er sie konfrontiert, nimmt ihr Leben Stück für Stück auseinander. Doch plötzlich ist da Puma, bei dem sie sich frei fühlt und geborgen. Damit sie mit ihm zusammen sein kann, muss Luzie ihre Erinnerungen zu einem neuen Bild zusammensetzen, in dem Lügen keinen Platz haben.


  • Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
  • Verlag: Magellan (17. Juli 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3734850118
  • ISBN-13: 978-3734850110
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 15 - 17 Jahre





























WENN DAS SYSTEM VERSAGT...




Anfangs versteht Puma kein Wort: Wie ein bedröppelter Zwerg steht Aaron vor ihm und behauptet felsenfest, dass Luzie verschwunden ist. Das kann schon mal passieren, denkt er, dass Luzie - seine Luzie, die ihn wahnsinnig macht, im Guten wie im Schlechten - vergisst, ihren kleinen Bruder abzuholen. Doch als sich herausstellt, dass Luzie seit fünf Tagen nicht mehr zu Hause war, bekommt es Puma mit der Angst zu tun: Nach allem, was Luzie in den letzten Wochen erfahren hat, nach all den aufgedeckten Lügen und neuen Wahrheiten, kann es da sein, dass der Streit, den sie beide hatten, zu viel war für sie? Eine ganze Nacht lang folgt Puma Luzies Spuren - und lernt dabei nicht nur Luzie ganz neu kennen, sondern auch seine eigene Vergangenheit.


Ich schreibe meine Geschichte für alle, die sie lesen werden. Und das heißt: für niemanden, außer für mich selbst und für alle Maulwürfe, Regenwürmer, Schnecken und Mikroben, die sie zu Humus verarbeiten werden, weil ich sie im Obstgarten vergrabe, wenn ich mit ihr fertig bin. Sie werden sie annagen, sich durch die Seiten bohren, ihre Schleimspuren darüber ziehen, sie aufweichen, verschlingen und wieder auskacken. Bis nichts mehr von ihr übrig ist als satte braune Erde. Denn dies ist meine Geschichte und ich will sie nicht mehr haben. (S. 13)


Nein, das ist keine Liebesgeschichte. Oder doch. Irgendwie. Auch. Eine zarte Geschichte im Hintergrund, Luzie und Puma, Puma und Luzie. Vielleicht. Aber eigentlich geht es hier um Schein und Sein, Lüge und Wahrheit, Vergangenheit und - ja, was?


Ich glaube, ich ahnte damals schon, was ich heute weiß: dass dieser Brief der Anfang vom Ende war. Er war der lose gewordene Faden in einem kunstvollen Lügengespinst. Wenn man an ihm zog, ribbelte sich das ganze Machwerk auf. Ich konnte zusehen, wie es sich auflöste, als ich den Faden aufnahm und ihn nicht mehr aus der Hand ließ. Als ich so lange daran zog, bis das Netz, das mich gehalten hatte, verschwunden war. (S. 14 f.)


Im Wesentlichen geht es hier um eine Familiengeschichte. Um Luzie, die mit ihrer Mutter und ihrem Halbbruder Aaron zusammen lebt, die oft einsam ist, seit ihre beste Freundin Helena nach Peking zog. Ihre Mutter, berufstätig und oft mit anderen Männern unterwegs, überlässt Aaron häufig der Aufsicht Luzies, und auch wenn diese zuweilen denkt, dass sie ohne Aaron vielleicht mehr von ihrer Mutter hätte, kann sie sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Das Aufregendste in ihrem Leben ist bislang das Spiel mit Quersummen - die Quersummen von Daten, von Zahlen, die zu einem Ereignis gehören, ein scheinbar verlässliches System, das darüber bestimmt, ob etwas gut ausgeht oder nicht. Doch ein Brief verändert alles...


Vertrau niemals deinen Eltern. Du weisst nicht, wer sie sind. Du denkst vielleicht, dass sie dich nicht kennen, aber das ist nur die Spitze des Eisbergs, auf den du zutreibst. Die Wahrheit ist, dass du sie nicht kennst, dass du keine Ahnung hast, mit wem du es zu tun hast. Denn sie waren schon lange vor dir da. Sie können dir jede Lüge erzählen, die ihnen einfällt, nicht nur über sich selbst, sondern auch über dich, und du wirst es niemals erfahren. Und wenn du es erfährst, ist es noch schlimmer. (S. 55)


Der Brief ihrer verstorbenen Oma bringt Luzies Welt ins Wanken, ihr Leben fällt Stück für Stück in Scherben. Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Und wo findet sie sich selbst wieder? Auf der Suche nach Antworten stößt sie auf Puma, und bei all dem Schrecklichen, das auf sie einprasselt, ist er ein Halt in Luzies Leben. Doch kann die Vergangenheit der Zukunft eine Chance geben?


Selbst jetzt, während ich versuche zu verstehen, was passiert ist, wie eins zum anderen kam, ringe ich noch nach Worten, taste mich voran und werde doch nie richtig beschreiben können, wie es sich anfühlt, wenn man zu einem Wesen geworden ist, das endgültig untergegangen ist, das keine Vergangenheit mehr hat, keine Gegenwart und keine Zukunft. Wenn man komplett ausgelöscht ist. weil man nicht mehr weiß, wer man ist. (S. 85)


Der Buchtitel lässt eine reine Liebesgeschichte vermuten, doch ist dies hier keineswegs der Fall. Eigentlich begegnen sich Luzie und Puma nur wenige Male, und auch wenn hier eine zarte Beziehung ihren Anfang nehmen könnte, dreht sich doch alles um das Geheimnis in Luzies Leben, das alles zu zerstören, in den Abgrund zu reißen, zu verschlingen droht, was bisher Luzies Leben ausmachte. Die zart knospende Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptfiguren drängt sich hier niemals in den Vordergrund; vielmehr bettet Katrin Zipse Luzies Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe unglaublich einfühlsam zwischen die Zeilen, gleich einer kleinen Insel des Glücks inmitten der Scherben ihres bisherigen Lebens.


Erinnerungen zum Anfassen, dachte ich und beneidete ihn darum. Dabei wusste ich es doch besser. Man kann Erinnerungen nicht festhalten. Sie verstauben und verändern sich. Das Licht verschwindet aus ihnen. Bis man sie nicht mehr erkennt. (S. 215)


Aus der Ich-Perspektive wird hier wechselnd aus der Sicht Luzies und Pumas erzählt, was auch deutlich namentlich gekennzeichnet ist. Dabei erzählt Luzie chronolgisch ihre Geschichte seit der Entdeckung des Briefes ihrer verstorbenen Oma, während Puma aus der Nacht berichtet, in der er Luzie so verzweifelt sucht. Perspektivwechsel und Zeitwechsel in Kombination bergen immer ein gewisses Risiko, den Lesefluss zu unterbrechen. Doch hier bewies Zipse ein wirkliches Fingerspitzengefühl - die Stränge greifen zunehmend ineinander und verweben sich letztlich zu einem schlüssigen Gesamtkonstrukt. Die einzelnen Kapitel fügen sich wie bei einem Puzzle allmählich Stück für Stück zusammen, während das Lügengebäude, welches um Luzie aufgebaut wurde, allmählich in sich zusammenfällt. Auch die Wahl der Ich-Perspektive erwies sich hier als die richtige, denn aus einer auktorialen Perspektive hätte eine derartige Intensität der Geschichte wohl nicht funktioniert.


Aber es funktioniert nicht, oder? Man kann das Entsetzen nicht mit schönen Bildern übermalen. (S. 270)


Ein gefühlvolles und packendes Jugendbuch hat Katrin Zipse hier geschrieben, eine Geschichte, die mit dunklen Geheimnissen lockt, die den Atem beim Lesen manchmal stocken lässt, die mit kryptischen und oftmals zugleich poetisch-zauberhaften Schilderungen besticht und die bis zum Schluss mit unerwarteten Überraschungen aufwartet. Eine Erzählung, die mehr als einmal für Gänsehaut und Tränen sorgt, aber auch ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Ein Ende, das schockiert und mich das Buch dennoch zufrieden zuschlagen ließ.

Von mir gibt es hier konsequenterweise eine uneingeschränkte Leseempfehlung!



© Parden




















© Susanne Wolf
Katrin Zipse arbeitete mehrere Jahre als Dramaturgin und ist seit 1993 Redakteurin bei SWR2. Außerdem schreibt sie Hörspiele und Radio-Features. Sie lebt mit ihrer Familie und Berta, der Hündin mit den vier Augen, in Baden-Baden. So oft es geht, unternimmt sie Spritztouren nach Frankreich und genießt das Savoir-vivre. Glücksdrachenzeit ist ihr erster Jugendroman, gefolgt von Die Quersumme von Liebe. Quelle Text und Bild


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