Sonntag, 2. August 2015

Höra, Daniel: Braune Erde


Ein Roman, der mitreißend erzählt, wie das Leben eines Jungen, eines ganzes Dorfes, mit rechtem Gedankengut infiltriert wird und was passiert, wenn völkische Parolen auf Perspektivlosigkeit treffen. 



  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 617 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: bloomoon (17. September 2013)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00E4NDCCC




















MITGEGANGEN, MITGEFANGEN...




Der fünfzehnjährige Ben wohnt nahe der polnischen Grenze in Mecklenburg in einem trostlosen Dorf, wo die Hälfte der Häuser leersteht und in der anderen Hälfte Menschen wohnen, die größtenteils arbeitslos sind. Jeder lebt für sich, lässt sich von der Perspektivlosigkeit runterziehen, und neben der Schule bleibt dem Jugendlichen nur die Welt der Bücher, in die er sich zurückzieht, wann immer es geht. Aufgeschreckt werden die Dorfbewohner, als eines Tages zwei vollbeladene Wagen in ihrem Ort halten - zwei Männer, eine Frau und drei Jugendliche, die den Autos entsteigen, entpuppen sich als die neuen Besitzer des Gutshauses.
Die beiden Familien richten das verwahrloste Gebäude wieder her und verkünden der perplexen Dorfgemeinschaft, sich durch biologischen Anbau selbst versorgen zu wollen. Die offene Art der Neuankömmlinge ermutigt Ben, sich mit den Zwillingen Konrad und Gunter anzufreunden und mit ihnen Streifzüge zum nahegelegenen ehemaligen Militärgelände zu unternehmen. Auch das Interesse der gleichaltrigen Freya ist ihm nicht unangenehm, und ihr Vater Reinhold imponiert Ben ganz gewaltig. Er hat dort offensichtlich das Sagen, und Ben fühlt sich immer mehr eingeladen, seine Freizeit auf dem Gutshof zu verbringen.


"... fühlte ich mich doch als Teil von etwas Größerem. Als hätte sich eine Tür geöffnet und frischen Wind in mein verstaubtes Leben gebracht." (S. 128)

Der Fünfzehnjährige, der nach dem Unfalltod seiner Eltern von seiner Tante und seinem Onkel aufgenommen wurde, fühlt sich zunehmend wohl im Kreise der Neuankömmlinge, die so ganz anders sind als die spießigen Dorfbewohner. Während Ben sich bei seinen Verwandten oftmals eher unverstanden und unwillkommen fühlt, sieht er sich von den Neuen im Dorf an- und vor allem ernst genommen. Wie ein typischer Jugendlicher auf Identitätssuche ist Ben froh, dass ihm die Gutshofbesitzer eine Alternative zu seinem bisherigen Leben bieten - was so weit geht, dass er sich zwischenzeitlich mit seinen Verwandten überwirft und seine neue Bleibe auf dem Gutshof einrichtet.


"Kommst du bald wieder nach Hause?", fragte sie als wir uns verabschiedeten. "Mal sehen", sagte ich. "Ich muss erstmal rausfinden, wo das ist." (S. 142)


Doch die Neuen nehmen nicht nur Ben herzlich in ihrer Mitte auf, sie sorgen auch im Dorf für frischen Wind. Begegnen die Bewohner ihnen anfangs mit Misstrauen, so ändert sich das zunehmend, als Uta, die Frau auf dem Gutshof, die Alten und Kranken zu besuchen und zu pflegen beginnt. Anfangs zögernd, doch dann mit wachsender Begeisterung, beteiligen sich die Dorfbewohner bei der Aktion, das Gemeinschaftshaus wiederzubeleben - alle zusammen reinigen und restaurieren sie die Örtlichkeit, und die Anlässe werden immer häufiger, zu denen man sich schließlich dort trifft: eine Volkstanzgruppe wird ins Leben gerufen, ebenso wie eine Handarbeitsgruppe für die Frauen, eine Handwerksgruppe für die Männer. Plötzlich ist die Dorfgemeinschaft tatsächlich wieder eine Gemeinschaft.

Nur Georg, ein eigenbrötlerischer alter Künstler, beteiligt sich nicht an der plötzlichen Euphorie. Im Gegensatz zu den anderen schaut er genauer hin, was da vor sich geht - und er warnt. Doch werden seine Warnungen als spinnert und lästig abgetan. Bei dem neuen Gemeinschaftsgefühl schaut man lieber nicht so genau hin, wenn es um die Waffenliebe der Jugendlichen auf dem Gutshof geht, wenn von der Globalisierung und ihren Folgen für das deutsche Volk, dem Verfall deutscher Werte und dem Vergessen deutscher Tugenden die Rede ist, wird verdrängt, dass die vermeintlich vernünftigen Aussagen im Bezug auf Ausländer, Kriminelle oder auch Politiker sehr einseitig sind. Und so entsteht mit der Unterstützung aller schließlich sogar eine Bürgerwehr im Dorf, die der Kriminalität angesichts der Passivität der Polizei Einhalt gebieten will.

Ein bisschen mitmachen ist nicht - entweder ganz oder gar nicht, das wird Ben allmählich klar. Es kommt der Punkt, an dem er nicht länger wegschauen kann, an dem ihm klar wird, dass er Teil braunen Gedankenguts ist, dass Schweigen auch Mitmachen bedeutet, dass er plötzlich von einem System vereinnahmt wird, hinter dem er doch gar nicht steht. Doch ist es für eine Umkehr nicht längst zu spät?!


"Ich sah in den angelaufenen Spiegel, der über dem Waschbecken hing. Wenn man lange genug hineinschaute, wurde einem das eigene Gesicht fremd: Genauso wie ein Wort, das man wieder und wieder vor sich hersagte und das dadurch seine Bedeutung verlor. War ich das wirklich da im Spiegel? Sah ich so aus? Was bedeutete der Überfall (...) für mich, für mein Leben? Verwandelte ich mich jetzt? (...) Ich konnte meinen Blick nicht von meinem Spiegelbild lösen. Der Typ auf der anderen Seite war mir fremd. Wo kam der plötzlich her? Und wo war Ben?" (S. 214)


Die Geschichte, erzählt aus der Perspektive Bens, fesselt gleich von der ersten Seite an. Zu Beginn jeden Kapitels beschreibt Ben seine Flucht, und seine Angst erwischt zu werden, steigert das Unbehagen des Lesers von Mal zu Mal. Im Anschluss an die Szenen der Flucht wird das Geschehen in chronologischer Reihenfolge dargestellt, das zu eben dieser Flucht führte.


"Sie würden mich als Mitwisser umbringen. Ich hatte zu lange mit ihnen gelebt, mit ihren Geheimnissen und ihrem schrägen Weltbild, Verräter hatten da keinen Platz, die mussten verschwinden. Wer sich gegen sie stellte, der hatte den Tod verdient. Das hatte ich unterschätzt, weil ich mir eingebildet hatte, ich wäre sicher, ja, ich wäre sogar einer vovn ihnen." (S. 143)


Dieses Jugendbuch beschreibt sehr eindrücklich, wie mühelos Menschen in solch einen Sumpf hineingeraten können. Perspektivlosigkeit, Identitätssuche, fehlende Anerkennung - solche Orte, solche Menschen gibt es hierzulande überall. Auch wenn Höra hier mit vielen Klischees arbeitet, ist die Erzählung keineswegs platt. Zeigt sie doch, dass nicht nur Skins rechtes Gedankengut verbreiten, dass man es vielen Menschen gar nicht ansehen kann, dass sich das Gedankengut oftmals hinter unscheinbaren Fassaden und Themen versteckt. Und wäre man selbst denn davor gefeit? Unbequeme Fragen, die sich da beim Lesen auftun.
Aber wäre man wirklich derjenige, der durchschaut, dass eigentlich begrüßenswerte Ansätze in ihrem Sinn pervertiert und andere dadurch manipuliert werden? Oder trüge man selbst den Mut in sich, sich offen gegen andere oder sogar gegen eine Gemeinschaft zu stellen, die begeistert und von ihrem Handeln überzeugt ist? Und ist der Gedanke immer so fern, dass womöglich auch etwas Wahres an den Ansichten rechtsdenkender Menschen sein könnte? Für mich muss ich sagen: ich hoffe es.

Ein beeindruckendes Jugendbuch, das als Schullektüre Pflicht sein sollte, allerdings begleitet von einem interessierten und engagierten Lehrer, denn mit den angeschnittenen Themen sollten die Schüler nicht alleine gelassen werden. Unbedingt empfehlenswert!


© Parden

















Daniel Höra ist in Hannover geboren und aufgewachsen. Mittlerweile lebt er in Berlin. Er hat in verschiedenen Berufen gearbeitet, darunter als Taxifahrer, Möbelträger und Lagerarbeiter.
Er hat in Hannover und Berlin Geschichte und Soziologie studiert und lange Jahre als Nachrichtenredakteur bei einem großen Fernsehsender gearbeitet. Seit 2011 konzentriert er sich aussschließlich aufs Schreiben.

Sein erster Jugendroman "Gedisst" erschien 2009 bei Bloomsbury und wird in einigen Bundesländern als Schulstoff behandelt.  1. Oktober 2011 erschien sein dystopischer Jugendroman "Das Ende der Welt" erneut bei Bloomsbury. Im September 2012 erschien der Roman "Braune Erde". Das Buch wird ebenfalls als Schulstoff verwendet.

Quelle Text und Bild

Kommentare:

  1. Das Buch würde ich gern einmal lesen.

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    1. Und nun werde ich wohl bald lesen. Schon aus aktuellem Anlass, wenn man sich in Deutschland so umsieht. Wobei ich allerdings die Unterscheidung von He- und Dunkeldeutschland als sehr sehr plakativ ansehe.

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  2. Nun habe ich es gelesen, stimme dir zu und bin mir über dien Stoff in seiner Darbietung und dichte noch nicht ganz klar. Thematisch gibt es natürlich keine Fragen.

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