Samstag, 29. August 2015

Bjerg, Bov: Auerhaus


Sechs Freunde und ein Versprechen: Ihr Leben soll nicht in Ordnern mit der Aufschrift Birth - School - Work - Death abgeheftet werden. Deshalb ziehen sie gemeinsam ins Auerhaus. Eine Schüler-WG auf dem Dorf - unerhört. Aber sie wollen nicht nur ihr Leben retten, sondern vor allem das ihres besten Freundes Frieder. Denn der ist sich nicht so sicher, warum er überhaupt leben soll.
Bov Bjerg erzählt mitreißend und einfühlsam von Liebe, Freundschaft und sechs Idealisten, deren Einfallsreichtum nichts weniger ist als Notwehr gegen das Vorgefundene. Denn ihr Ringen um das Glück ist auch ein Kampf um Leben und Tod.


  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
  • Verlag: Blumenbar; Auflage: 2 (17. Juli 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3351050232
  • ISBN-13: 978-3351050238














Ich danke dem Aufbau Verlag (Verlag Blumenbar) ganz herzlich für die Möglichkeit, dieses Buch als Rezensionsexemplar lesen zu dürfen!
http://gestioncultura.cervantes.es/COMUNES/37696_I_aufbau_cervantes_2015.jpg













BIRTH - SCHOOL - WORK - DEATH



Ein Dorf in den 80er Jahren - vor der Zeit der Handys und des Internets. Der Abiturient Höppner fristet dort sein Dasein im alltäglichen Einerlei - Schule, Familie, Aushilfsjob auf der Hühnerfarm. Wenn ihm sein Stiefvater zu sehr auf die Nerven geht, nimmt er sich mit seiner Freundin Vera eine Auszeit und trampt nach Berlin. Die Musterung steht an, es ist fraglich, ob er das Abitur schafft - und was er danach machen will, ist auch noch nicht klar.


Die anderen Gymnasien hießen Schiller-Gymnasium und Albert-Einstein-Gymnasium. Unseres hieß Gymnasium Am Stadtrand. Die anderen hießen danach, was die Schüler mal werden sollten. Wir hießen danach, wo wir herkamen. (S. 36)


Aus der Monotonie des Daseins wird Höppner gerissen, als er erfährt, dass sein bester Freund Frieder versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Er besucht ihn ihn der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie - und erkennt, dass nichts mehr sein wird wie zuvor.


Frieder aß ziemlich hastig und viel. Er war immer als Erster fertig. Dann schob er den Teller von sich weg und sagte: 'Ich bin satt. I am sad.' (S. 61)



Höppner beginnt vermehrt über sein eigenes Leben nachzudenken - und darüber, wie er seinem Freund helfen kann. Als sie die Möglichkeit erhalten, gemeinsam in das Haus von Frieders verstorbenem Großvater zu ziehen, gibt es kein Zögern mehr. Höpnners Freundin Vera zieht gleich mit ein und mit ihr Cäcilia, eine Schulfreundin Veras, da verteilt sich die Last der Verantwortung auf mehr Schultern.  Später gesellen sich noch Harry und Pauline dazu. Eine WG auf dem Dorf - im Auerhaus.


Seltsam waren die anderen in der Klasse. Die, für die alles so weiterging wie immer. Hätte man sie vor einer Klausur gefrag: 'Wozu lebst du eigentlich?', hätten sie geantwortet: 'Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen.' Sie waren auf der Oberschule zu Hause. Sie verpuppten sich, machten Abi und studierten, und wenn der Kokon platzte, sahen sie aus wie ihre Eltern. Sie übernahmen die Praxis, die Kanzlei, das Ingenieurbüro. Sie erbten von ihren Eltern das Abitur und das Leben. (S. 68)


Birth - School - Work - Death: Diesem Kreislauf wollen Höppner und seine Freunde entfliehen. Mit dem Auerhaus setzen sie einen Kontrapunkt. Gesellschaftliche Regeln gelten nur noch bedingt, sie genießen die Freiheit. Sechs Idealisten, deren Einfallsreichtum nichts weniger ist als Notwehr gegen das Vorgefundene.


Ihm machte nichts mehr richtig Angst, weil er schon mal gewonnen hatte gegen die allergrößte Angst, die es gab. (S. 88)


Aus der Sicht Höppners wird diese Geschichte erzählt. Der Schreibstil ist außergewöhnlich: kurze, knappe Sätze in ebenso eng bemessenen Abschnitten, sprunghaft im Geschehen, aber dennoch mit einem roten Faden. Der Autor bringt hier eine ganz besondere Note herein: einerseits eine gewisse Leichtigkeit und ein untergründiger Humor, andererseits kleine Spitzen und wie ein latenter Tinitus im Hintergrund die Melancholie, die einen einfach nicht loslassen will. Denn immer geht es bei allen Lebensfragen auch um das Aufpassen um einen, der mal versucht hatte, sich umzubringen.


Ich wollte nicht schon wieder ein ernstes Gespräch führen. Diese Gespräche drehten sich im Kreis, hatte ich mal zu Frieder gesagt. Frieder sagte, das sei kein Kreis, sondern eine Spirale. Wir kämen dem Zentrum immer näher. (S. 97)


Das Buch ist nicht so locker und leicht, wie es der Klappentext erwarten lässt. Jeder Charakter hat seine Geschichte, auch wenn Höppner und Frieder im Zentrum des Geschehens stehen. Fast nebenher und oft in flapsigem Ton wird so viel Tiefe und Gefühl transportiert, dass man sich nur wundern kann. Lachen, Melancholie, Nachdenken: alles dabei, und das oft gleichzeitig. Sehr schön eingefangen ist die Zerrissenheit der Jugendlichen (und das ist ja ganz unabhängig von irgeneinem Jahrzehnt). Höppner und seine Frreunde
sind auf der Schwelle zum Erwachsenwerden - aber wohin? So viele offene Fragen, und das muss man erst einmal aushalten...

Was man theoretisch richtig findet, das kann ziemlich weit weg sein von dem, was man praktisch aushalten kann. (S. 130)

Zwar kamen mir die Charaktere nicht wirklich nahe, sehr wohl aber die Gefühle und Gedanken. Das Buch katapultierte mich zurück in die 80er Jahre, und die Zeit des Erwachsenwerdens sowie die Suche nach dem künftigen Lebensweg ist sicher auch jedem aus seiner Jugendzeit bekannt. Das Zeitgefühl war einfach wieder da beim Lesen, und das hat mir gut gefallen. 


Du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht, und du denkst, geil, jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens hier in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloß ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon vorbei. (S. 214)


Was für ein Ende erwartet man bei solch einem Buch? Nun, es sei nur so viel verraten: für mich war der Schluss stimmig. Die Geschichte lässt mich zufrieden und ein wenig nachdenklich zurück.


Wenn ein Talisman neunzig Prozent vom Unglück abwehren konnte, blieben noch zehn Prozent übrig. Für die war der zweite Talisman. Neunzig Prozent von zehn waren neun. Zwei Talismane konnten also 99 Prozent vom Unglück abhalten. Das war kein Aberglauben, das war Mathematik. (S. 190)

Ein Buch, das einen durch den besonderen Schreibstil durch die Seiten jagen lässt, das den Leser auf eine emotionale Reise zurück in die 80er und in die Jugendzeit nimmt und das auf flapsig-humorvolle Art unerwartet in die Tiefe geht. In meinen Augen wirklich empfehlenswert!


© Parden





















Bov BjergBov Bjerg (*1965), Schriftsteller und Kabarettist. Studium in Berlin, Amsterdam und Leipzig. Gründete mit Freunden die Literaturzeitschrift Salbader und mehrere Berliner Lesebühnen: Dr. Seltsams Frühschoppen, Mittwochsfazit, Reformbühne Heim & Welt. Lebt seit 1984 in Berlin. Romane: Deadline (2008), Auerhaus (2015).
Quelle Text und Bild

Kommentare:

  1. Die Geschichte gefällt mir. Und du hast es mit den Zitaten mal wieder ganz hervorragend gepackt.

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    1. Vielen Dank, Uwe. Und ja, die Geschichte hat was, unbedingt!

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