Mittwoch, 27. Mai 2015

Boaz Yakin & Nick Bertozzi: Jerusalem

"Diese in beeindruckenden Schwarz-Weiß-Tönen gehaltene Graphic Novel nimmt uns mit auf eine Reise ins Jerusalem der Jahre 1945 bis 1948 und erzählt die bewegte Familiengeschichte der Brüder Izak und Yakov Halaby. Das auf den Erzählungen des Vaters von Autor und Filmemacher Boaz Yakin basierende Familien-Epos stellt sich der großen Herausforderung, grundlegende Etappen dieser ereignisreichen und leidvollen Jahre nachzuzeichnen, wie etwa die Belagerung von Jerusalem, das Massaker von Deir Yassin, die Schlachten von Latrun und die UN-Resolution von 1947, die zur Grundlage für die Ausrufung des Staates Israel wurde." (Webseite PaniniComics)

So steht es auf der Webseite des Verlages und verspricht auf 404 Seiten ein Bild-Text-Werk wirklich großen Ausmaßes. Eine sogenannte Graphic Novel - ein Comic - Buch. PaniniComics war erneut so freundlich, mir dieses am 21. April diesen Jahres als Rezensionsexemplar zu übersenden, hatte ich doch schon zweimal ein solches Buch aus dem Verlag in der Hand.  Wie schon bei Israel verstehen in 60 Tagen und Die Stern-Bande führt uns der Weg ein weiteres Mal nach Palästina, und zwar nach Jerusalem.


Jerusalem - Eine Stadt, die wie kaum eine andere angebetet, geliebt und vor allem umkämpft wurde. Zuletzt 1948 im Krieg zwischen dem gerade gegründeten Israel und den arabischen Nachbarn und dann noch einmal 1967, im Sechs-Tage-Krieg. "Die Musik seines Namens war ein Leuchtfeuer für Pilger und Kreuzritter und erweckte eine innere Welt, die so viele anstreben, aber bislang nie erreicht haben; dessen Wahrheit durch die sinnlose Umklammerung einer unendlichen Prozession von Kriegern, Königen, Propheten und Gelehrten schlüpfte. Es ist ein eigensinniges, kleines Stück Realität, das jedoch wie eine Fata Morgana vor den Augen der Verrückten und der Vernünftigen flimmert und sie in einer Bruderschaft aus Träumern, Mördern und Dichtern vereint." (Vorspann Seite VII)


Unsere Geschichte beginnt im April 1945 und wir begleiten den kleinen Motti Halaby, jüngster Sohn von Izak, in die Schule und stoßen sofort auf einen ersten Konflikt, denn die (wohl) jesuitischen Lehrer verbieten im Unterricht das Hebräische und Arabische. Statt dessen soll Englisch und Französisch geprochen werden. Mottis Cousin Jonathan hält sich nicht dran und soll geschlagen werden, doch er nimmt dem Leher den Rohrstock weg...

Mottis Familie lebt in einer Wohnung, die von Jonathans Vater verwaltet wird, ein religiöser Geizkragen und Geschäftemacher, der auch seinen Bruder an der kurzen Leine hält. Wegen der Schulden bei seinem Bruder wird Izak sogar zu einer Haftstrafe verurteilt.




Während Izaks ältester Sohn Avraham in der jüdischen Brigade seiner britischen Majestät in Italien diente und der zweitgeborene David auch diesem Weg folgt, verschreibt sich Ezra dem Terror gegen die Briten der Irgun. Avraham sucht nach der Rückkehr vom Militär Antworten bei den "Antizionisten" - den Kommunisten. Motti dagegen übt sich in Beleidigungen britscher Soldaten und begeistert sich für das Theaterspielen. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Geschichte zu Beginn im Jahr 1945.

 (Motti)    Seite 14; 93-95     (Ezra)
Es gilt im Jahr 1946 britisches Gesetz. Und so kommt es, dass Avraham wegen der Teilnahme an kommunistischen Protesten und Ezra wegen terrorstischen Aktionen am selben Tag verurteilt werden.


Seite 169
Im November 1947 sitzt ganz Palästina am Radio und lauscht der Abstimmung der UN-Resolution über die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Auch im Gefängnis, in dem Ezra einsitzt. Folgender Dialog ist doch bezeichnend (Bild)

Während die Juden in Israel die Entscheidung feiern kommt es zu ersten Protesten inklusive Plünderungen durch die arabischen Bevölkerung. Erste Kampfhandlungen brechen aus.

David kommt wieder nach Palästina und meldet sich beim Palmach und  gerät bei der Lieferung von Lebensmitten nach Jerusalem in einen arabischen Hinterhalt.

Der Kommunist Elias Habash, mit dem David Halaby zeitweise zusammen arbeitete, kommt bei dem Massaker im Dorf Deir Yassin um, er wird von den angreifenden Juden an die Wand gestellt. Sowohl Deir Yassin wie auch Latrun liegen an den Versorgungswegen zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Während die Kämpfe sich ausweiten bereitet sich Jonathan auf seine Bar Mizwa vor. Sein Vater Yakov beaftragt ihn, die Schulden bei seinem Onkel einzutreiben. Zur Bar Mizwa erhält er dann ein tragisches Geschenk seines Cousins, der vorher als Oberon auf der Bühne gefeiert wurde.  

* * *

Wie erzählt man in einem Comic einen Krieg? Nun, ich bin kein Comic-Leser, meine aber, dass hier die Grausamkeit vom Kämpfen, der Hass auf den Gegner auf sehr eindringliche Weise dargestellt wurde. Die kleine Bilderstecke am Rand beweist dies. (Seite 350 - 355) Auch Verletzungen bis hin zu zerissenen Körpern "erspart" der Zeichner dem Leser nicht.

Die Tragik eines jeglichen Krieges kommt bei den Kindern Motti und Jonathan zum Ausdruck aber auch bei den drei älteren Brüdern Avraham, David und Ezra. Es gelingt den Autoren durchaus und bespielhaft, ohne Parteiergreifung einen Konflikt darzustellen, der bis in die heutige Zeit wirkt und so schnell wohl nicht aus der Welt zu schaffen sein wird.

In diesem Konflikt, in diesem Bürgerkrieg, hat sich wahrlich keiner mit Ruhm bekleckert: Die Briten nicht, die erst taktierend mit beiden Seiten verhandelten, Waffen lieferten und Unterstützung versprachen; die UNO nicht, die mit ihrer Resolution zur Teilung Palästinas wohl sehenden Auges den Beginn des Bürgerkrieg mindestens beschleunigten wenn nicht gar auslösten.
  
Die arabische Seite, die, arm wie die meisten Fellachen, Beduinen und andere palästinänsiche Araber in ihren Dörfern von Ziegen und Oliven lebten, von dem Know How der jüdischen Einwanderer hätte profitieren können wurde aufgehetzt von Führern, die teilweise vorher mit dem nationalsozialistischem Deutschland  paktierten.
Deren arabisch-jordanische Legion wurde teilweise von ehemaligen britischen Offizieren geführt.

Auch die zukünftigen Israelis, noch im Status von Einwanderern setzten sie ihre Interessen rücksichtslos durch, verwüsteten ebenfalls arabische Dörfer, schreckten vor Mord nicht zurück.  Organisierte, später reguläre Einheiten des Palmach, der Hagana kämpften trotzdem mit terroristischen Gruppen wie der Lechi (Irgun)* zusammen, obwohl sie deren "Arbeitsweise" eientlich ablehnten. Später pferchten sie die aus ihren Dörfern vertriebenen Palästinenser in Flüchtlingslager zusammen, sie, die doch oftmals nur auswanderten, weil sie Europa nicht mehr als ihre Heimstatt ansehen konnten und wollten.

Das Buch spiegelt die große Geschichte hier im kleinen wieder, in der Zerissenheit einer Familie, die nach langer Anwesenheit in Palästina bereits Sabre** waren, im Streit mit askenasischen Juden aus Osteuropa, in ihren politischen Ideen fast schon extrem auseinanderliegend...

Tragisch das Ende, es trifft wieder die Jüngsten. 
Mit Motti und Jonathan, beginnt das Buch - es endet auch mit ihnen.


* * *

Diesmal war das Buch nicht einfach zu lesen. Zwar gab es zu Beginn einige wichtige Erklärungen zur Geschichte der Stadt Jerusalem und auch zur Familiengeschichte der Halaby, aber es war schwer, den Figuren zu folgen, denn insbesondere die drei Brüder Avraham, David und Ezra waren aus meiner Sicht schwer zu unterscheiden. Die Schwarz-Weiß Darstellung trug sicherlich dazu bei. Auch hätte ein Angabe über Ort, Zeit und jeweilige Familie auf mancher Doppelseite zu Beginn einer neuen Episode das Verständnis wesentlich erleichtert. Die Verbindung zu den im Vorspann genannten Familien Nehmad und Habash erschließt sich dem Leser nur mühsam.
Allerdings gehört es wahrscheinlich zum Comic lesen dazu, die Bilder mehr zu interpretieren. Nach einem zweiten Durchblättern ist mir das dann auch fast gelungen, für diese Zeilen musste ich mich mit Details noch einmal intensiver beschäftigen.
Es wird natürlich auch Geschichte erzählt, allerdings wird das mit dem Erkennen von Zusammenhängen etwas schwerer, trotz der Erläuterungen zu Beginn. Zum Beispiel wird zwar der britische Truppenabzug erwähnt und gezeigt, aber die Staatsgründung, der der "offizielle" Kriegsbeginn folgte, spielt keine Rolle. Vielleicht hätten die Erläuterungen um ein zwei Seiten erweitert werden müssen, oder die Autoren hätten am Ende noch einige Aspekte des weiteren Geschehens darstellen können.  


* * *


Washington 1993 / Quelle: wiki
Schon meine Generation kennt Palästina nur als eine von Krieg und Terror mit gelegentlich ruhigen Phasen gezeichnete Region.  Die Welt atmete kurzzeitig auf, als  Premier Jitzchak Rabin und Jassir Arafat im Beisein von US-Präsident Clinton im Jahr 1995 das Zweite Osloer Abkommen unterzeichneten, dass die palästinensischen Autonomie auf Gebiete mit vorwiegend arbischer Bevölkerung im Westjordanland ausgeweitet wurde. (wikipedia)


„Werfen Sie jetzt nach einer langen Reihe offizieller, feierlicher Erklärungen einen Blick auf dieses Podium. Der König von Jordanien, der Präsident von Ägypten, Vorsitzender Arafat und wir, der Ministerpräsident und der Außenminister von Israel, auf einer Plattform. Lassen Sie diesen Anblick tief auf sich wirken. Was Sie hier vor sich sehen, war noch vor zwei oder drei Jahren unmöglich, ja phantastisch. Nur Dichter haben davon geträumt, und zu unserem großen Schmerz sind Soldaten und Zivilisten in den Tod gegangen, um diesen Augenblick möglich zu machen. Hier stehen wir vor Ihnen, Männer, die vom Schicksal und der Geschichte auf eine Friedensmission geschickt wurden: einhundert Jahre Blutvergießen für alle Zeiten zu beenden.
Unser Traum ist auch Ihr Traum. König Hussein, Präsident Mubarak, Vorsitzender Arafat, all die anderen und vor allem Präsident Bill Clinton – ein Präsident, der im Dienste des Friedens arbeitet –, wir alle lieben dieselben Kinder, weinen dieselben Tränen, hassen dieselbe Feindschaft und beten um Versöhnung. Der Frieden hat keine Grenzen.“
 Leah Rabin: Rabin. Our Life - His Legacy, S. 373/374

Am 04. November 1995 wurde Rabin ermordet - von einem radikalen Juden.

"Diese Regierung, der ich gemeinsam mit meinem Freund Shimon Peres das Privileg habe vorzustehen, hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben – einem Frieden, der die meisten Probleme Israels lösen wird. … Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Ich sage Euch dies als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war.“
Diese Worte sprach er kurz vorher. (wikipedia)
Doch wieder einmal wurde der Prozess aufgehalten.***


* * *


Jerusalem ist immer noch eine geteilte Stadt. Zwar können Juden an der Klagemauer und Muslime im Felsendom, Christen aller Art in der Grabeskirche beten, Touristen aus aller Welt besuchen die Stadt, aber sie sehen auch Mauern und Türme. Sie trennen arabische von jüdischen Stadtteilen aus Gründen von "Sicherheit"??

Heute fährt zwar eine Straßenbahn durch die verschiedenen Gebiete, aber ein Zusammenwachsen ist momentan noch nicht in Sicht. Die erste Station nach dem Herzl Berg ist Mahane Yehuda - eine heutige Einkaufsstraße, Mottis Familie Halaby wohnte in dieser Straße. Es lohnt sich auch die Dokumentation zu sehen, die das heutige Jerusalem im Kontext dieser Geschichte gut beschreibt.








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Boaz Yakin PhotoBoaz Yakin, Drehbuchautor und Regisseur wohnt in New York. Er hat Filmgestaltung studiert und vielleicht kommt daher auch das Gefühl für solche Comic Romae bzw. Graphiv Novels, denn Filmszenen werden ja oft mit sogenannten Storyboards, gezeichneten Momentaufnahmen, vorbereitet.
► Boaz Yakin in Wikipedia



Nickbertozzi2006.jpgAuch Nick Bertozzi lebt mit seiner Familie in New York und hat viele andere Comics geschaffen. Er unterrichtet an der School of Visual Arts.
► Nick Bertozzi in Wikipedia


DNB / Panini / 2015 / ISBN: 978-3-957983282 / 404 S.



*zu Irgun siehe auch diese Rezension
** als Sabre bezeichnete man die in Palästina vor der Staatsgündung Israels geborenen Juden.
*** Dieses langen Zitate sollen das Dilemma um den Konflikt noch einmal verdeutlichen. 

© KaratekaDD




Kommentare:

  1. Erneut zeigst du, dass du in der Lage bist, dir selbst zu widersprechen.

    "Ich bin kein Comic-Leser"...

    Richtig... du bist ein Comic-Analysator, in den geschichtlichen Rahmen Rücker, liebevoll kritisch Zerlegender, in Bausteine Teilender... aber damit bist du mehr als ein Comic-Leser, sondern ein Traumleser für Autoren dieses Genres.

    Dass du ganz nebenbei und spielerisch wieder eine ganze Welt in wenigen und griffigen Sätzen erklärst macht diese Artikel rund um Israel so lesenswert.

    Daumen hoch...

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    1. Jetzt allerdings werd ich irgendwie rot...

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  2. Wieder einmal ein beeindruckender Beitrag, dem anzumerken ist, wie viel Zeit, Arbeit und Engagement ihm innewohnt. Und Arndt hat Recht: Du machst Zusammenhänge begreifbar.

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