Dienstag, 3. März 2015

Houellebecq, Michel: Unterwerfung



Natürlich werden Blogger auch mal gegenseitig auf sich aufmerksam. Das ist ja, meine ich, durchaus auch „Nebenzweck“ der Sache, denn irgend woher müssen ja die „Buchideen“ kommen. Am 06. Februar veröffentlichte Mr. Rail (alias Arndt Stroscher) seine Rezension zu Michel Houellebecq´s Roman UNTERWERFUNG und betitelte diesen mit „Unterwerfung“ – Der Tag an dem Houellebecq unterworfen wurde.

Es ist nicht meine Aufgabe, eine Rezension zu rezensieren, aber des Erklärens wert ist auf jeden Fall der Umstand, dass mich gerade bei diesem Buch politische und gesellschaftliche Aktualität auf diesen Zug aufspringen ließen und erstmals erwarb ich ein eBook der (noch) etwas preisintensiveren Art weil ich nicht abwarten wollte. Nun, das sei als Vorbemerkung genug.

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Doch erst einmal zum Roman: 

Ein ziemlich gelangweilter französischer Hochschullehrer namens Francois, ein Literaturwissenschaftler in den Vierzigern, erzählt beginnend 2017 mit den französischen Präsidentschaftswahlen von sich und Frankreich und gelegentlich von der Welt. Eigentlich ist er Experte für einen gewissen Joris – Karl  Hyusmans, der im 19. Jahrhundert lebte und dessen literarischen Werke den Erzähler sieben Jahre an seiner Dissertation schreiben ließen.
(Auf Hyusmans werde ich nicht weiter eingehen und erlaube mir schon mal bzw. nur die Bemerkung, Das Michel Houellebecq da schon verdammt viel Recherche betrieben haben muss. [1] Bemerkt sei nur, dass der Erzähler sehr tief in das Werk eintauchte und dieses zwangsläufig im Roman eine Rolle spielte, meist in Bezug auf die Rolle des Erzählers selbst.)

Im Jahr 2017 schicken sich die Franzosen an zu wählen und zur Wahl steht neben den Sozialisten und der Front Nationale und anderen eine Partei der französischen Muslimbrüder. Damit die Front Nationale nicht ans Ruder kommt, verbünden sich die anderen mit den Muslimbrüdern bzw., ihrem charismatischen Anführer. (Bei der Jahreszahl läuft es einem kalt den Rücken runter, gelegentlich werden Merkel und Hollande und Sarkozy und Marine Le Pen erwähnt, was die ganze Utopie in verdammt greifbare Nähe rückt.)

Kurz, die Muslime gewinnen, bürgerkriegsähnliche Zustände bleiben weg, bzw. werden höchstens angedeutet und eine ziemlich gemäßigte, an islamischen Traditionen orientierte, Innenpolitik setzt sich durch; außenpolitisch sollen Marokko, Lybien, Ägyten und andere zur „EU“ stoßen.

Ergebnis: Frauen an den Herd, außerhalb dessen bitte verschleiert, staatliche Bedienstete und insbesondere Lehrer müssen konvertieren. Von was auch immer, aber auf jeden Fall zum Islam.

Fazit: Irgendwie „gesundet“ Frankreich, mindestens wirtschaftlich und scheinbar gesellschaftlich…
Wie wird es unserem Hochschullehrer ergehen? Wird er sich unterwerfen?

Francois ist anfangs ein gelangweilter Professor, dessen Interessen keineswegs in der Lehre liegen, sie liegen eher bei seinen Studentinnen, die er regelmäßig, also jeweils im ersten Semester entsprechend an sich binden kann. Während des kurzzeitig unruhigen Umbruchs, der das scheinbar tatenlose Staatswesen nicht weiter beeinträchtigt, zieht er unschlüssig durch das Land. Doch als er zurückkehrt, erwartet ihn eine Aufgabe, die seinen tatenlosen, wenn auch durch Saudi Arabien gut bezahlten, Ruhestand beenden kann. Wenn…

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Der Roman erschien am Tag des Attentats auf CHARLIE HEBDO. Das war Zufall, klar. Da bin ich mir sicher und das Interview mit dem Autor bei der Süddeutschen Zeitung [2] zeigt das auch. Interessant an dem Interview ist auch, wie Houellebecq sich zur Entwicklung des Romans beim Schreiben äußert. Er ist ein wenig exzentrisch, aber nur ein solcher konnte wahrscheinlich einen Roman wie diesen schreiben. (Mal abgesehen davon, dass so was wohl kein Deutscher schreiben kann und wenn doch, dann hat er es schwer. Schwerer als der Franzose.)

Houellebecq hat, ohne das Interview und andere[3] Artikel gelesen zu haben wird eine persönliche Einschätzung schwer, Nietzsche und Hyusmans muss man allerdings nicht gelesen haben, eigentlich ein Buch über gesellschaftliche und menschliche Werte geschrieben. Er greift damit die Religionen als solche nicht an, auch nicht den Islam, dessen Regeln und Werte uns so fremd vorkommen und dessen Scharia allerdings wirklich nicht in den europäischen Wertekanon passt. Er drückt eher aus, dass „eine Gesellschaft ohne Religionen … nicht überlebensfähig [sei]“ [4] Und so zeigt er Wirkungen, die zu denken geben, auch dann, wenn sie abgelehnt werden. Islamophobisch, wie ihm vorgeworfen wurde, ist der Roman nicht. Wenn er angeblich Wasser auf die Mühlen derer gießt, die gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“ auf die Straßen gehen, dann wird er von diesen falsch verstanden.

Zudem ist der Roman aus meiner Sicht eine Utopie, weil ein Glaube, hier der muslimische, so ohne weiteres ältere tradierte Religionen nicht einfach ablösen kann, auch deswegen nicht, weil in dessen Namen derzeitig unglaubliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt werden, was zur Ablehnung führt und leider auch zu Islamophobie[5], die integrierte (und weniger integrierte) Muslime zu spüren bekommen. Umso mehr, wenn sie in Gewalt ausartet. 

© URDD
Utopie bedeutet nicht, dass bestimmte Teilbereich nicht trotzdem Realität sind. Als Francois nach Paris zurückkommt, er wohnt in einer Art Chinatown, stellt er fest, dass die Juden in der Stadt weniger geworden sind. Tausende sind ausgewandert. Die muslimisch - jüdische Feindschaft möge man ja erklären können, aber Antisemitismus wird momentan verstärkt wahrgenommen. Lest einmal diesen Artikel.

Zu denken geben sollte einem der nicht weiter ausführte Gedanke, dass eine politisch fragwürdige Verbindung zwischen Parteien entsteht, „nur“ damit „rechtsnational oder rechtsradikal“ nicht an die Macht kommt. Es wird doch in vielen Ländern deutlich, dass diese Gedankenströmungen nicht einfach vorhanden, sondern auch wirksam sind. Gegen diese anzugehen muss schon anders geschehen, als eine Religion wieder zur Staatsreligion werden zu lassen. Genau dies passiert ja im Roman – Frankreich. Und hier haben wir schon ein ziemlich extremes Ergebnis, wenn auch im Roman. Wie ungleich einfacher sollte es sein, mit Menschen, die mit den Zuständen in Vater Staat unzufrieden sind und die vielleicht auch verständlicherweise vor „Fremden Furcht haben“, vor Fremden und vor Fremdem, ins Gespräch zu kommen. Stattdessen stellt man diese, zum Teil Tausende, nicht nur in die rechtsradikale sondern gegebenenfalls und wenn es passt, auch in die rechtsextreme Ecke. Wohin wird das führen? Zu einer Erstarkung der radikalen Rechten? Und dann? Darauf verlassen, dass sich die ganzen –GIDA im Sande verlaufen, ist zu einfach…

* * *

Quelle
Das Buch beginnt mit einem längeren Text des Joris-Karl Hyusmans und auch die Ausführungen danach, in denen der Erzähler von sich und seiner Studienzeit, dem genannten Schriftsteller und überhaupt vom Leben ausschließlich in Paris erzählt, muten der Leserin, dem Leser einiges zu. Mit der Zeit ahnt man, um was es und auch wohin die Reise geht. Der Roman fordert konzentriertes Lesen damit der Faden nicht verloren geht. Die Person des Erzählers wird mit der Zeit plastisch, seine Unlust, wohl auch depressive Zustände, die Ziellosigkeit werden gut herausgearbeitet. Das ist der Kniff, mit dem der Romanautor durch die ganz langsame Wandlung des Professors tatsächlich so etwas wie Spannung erzeugt. 


Der Stil ist ansprechend, was auch bedeutet, dass die Übersetzung von Norma Cassau und Bernd Wilczek einen guten Text erbracht hat.

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Arnst Stroscher meinte in seiner Rezension, dass Houellebecq hätte komplexer ausholen und seine Utopie erklären sollen. Nun, das braucht er nicht, denn er schrieb einen Roman. Interessant ist die Bemerkung einer Kommentatorin (?), dass ihr der Roman sinngemäß mit der Bemerkung „Sieh, wie es kommen wird…“ in die Hand gedrückt wurde. Womit Michel Houellebecq gründlich missverstanden wurde. Aber ich danke dir, Arndt, der Roman wäre mir wohl nicht in die Hände gefallen.

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Quelle: Zeit-online
Michel Houellebecq wurde 1956 oder 1958 geboren und wuchs in den französischen Alpen auf. Er studierte Landwirtschaft, er arbeitete später als Informatiker. Mit seinen Romanen Ausweitung der Kampfzone und Elementarteilchen wurde er national und international bekannt. Durch kontroverse Äußerungen wie die Bezeichnung des Islams als „dümmste Religion“, welche er kürzlich im Zuge der Romandiskussionen zurückzog, wurde er des öfteren auch als „radikalster Schriftsteller unserer Zeit“ und als Skandalautor bezeichnet. Liest man biografische Artikel, dann stellt man diverse Zusammenhänge zu seiner Romanfigur fest, was ich aber im Weiteren den Leserinnen und Lesern überlassen möchte.

 ► DNB / DuMont Buchverlag / Köln 2015 / ISBN: 978-3-8321-9795-7 / 272 S.

© KaratekaDD







[4] Ebenda


[5] Gibt man bei Wikipedia Islamophobie ein, kommt man zu „Islamfeindlichkeit“, obwohl Xenophobie eigentlich Fremdenfurcht bedeutet und weniger Fremdenfeindlichkeit, wie ebenfalls bei wikipedia rauskommt. Vorsicht also beim Recherchieren. 



Kommentare:

  1. Lieber Uwe,

    erstmal vielen dank für die vielfachen Erwähungen in deiner umfassenden Rezension. Im Kern der Bewertung sind wir uns einig. Utopie - gut geschrieben - nachdenlklich machen - nicht islamfeindlich.

    Mit dem weiter Ausholen mag ich hier etwas erklären. Eine Utopie gelingt, wenn sie alle gesellschaftlichen Schichten so einbezieht, dass sie plausibel wird. Die komplette und rasante Verdrängung aller Frauen aus den Berufen hat er in zwei Sätzen beschrieben.

    Da funktioniert die Utopie für mich nicht ganz. Das geht zu schnell. Zu automatisch. Ohne Widerstand. Das habe ich angemerkt und gleich dazu geschrieben, dass es dem Lesen nicht abträglich ist.

    Der Kontakt zu einer Leserin, die sich nur wegen der Rezension getraut hat offen zu schreiben, besteht immer noch. Ihr Umfeld ist "Pegida" und sie sollte das Buch lesen, um zu erkennen, was passiert, wenn...

    Mein Artikel hat ihre Stimme ans Tageslicht gebracht und sie hat selbst erkannt, dass diese Utopie sich nicht gegen den Islam richtet. Wir schreiben uns immer noch. Und du magst kaum glauben, wie sehr Frauen und ihre Meinung unter Druckgeraten, wenn ein ganzes Umfeld fremdenfeinlich gepolt ist.

    Ein wichtiges Buch für mich und ich danke dir für deinen sehr tief angelegten Beitrag.

    Arndt

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    1. Wir liegen da ganz dicht beieinander, Arndt. Mir war schon bewusst, dass bestimmte Aspekte gar nicht erklärt wurden. Francois ist der Kunstkniff, er haut erst mal ab, und so "spart" sich der Autor eine Erklärung, die außerdem von einem kommen müsste, der politisch weitestgehend desinteressiert ist. Mögen wir von einem Hochschullehrer eine bestimmte Vorstellung haben, der hier ist eine Romanfigur und diese Leute umfassen auch viele Schattierungen.
      Du hast aber recht, dies ist ein Bruch, welcher andererseits zur Frage führt: Geht das?

      Die Erwähnung der Kommentare war mir ein besonderes Anliegen, aus genau den von dir angeführten Gründen.

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar.
      Uwe

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