Freitag, 20. März 2015

DEHE / ENGSTLER: Nagars Nacht - Part 2


Wiederholt folgt kurz nach einer ersten Rezension auf diesem unseren Blog ein (kurzer) zweiter Beitrag zu einem Buch. Die Geschichte um Shalom Nagar wollte mich anfangs gar nicht so richtig ansprechen.

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Um was geht es? Im Jahr 1962 kidnappt der israelische Geheimdienst den deutschen Beamten des Referates IV des Reichsicherheitshauptamtes und SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Argentinien. In Israel kommt er vor Gericht. Das Ende ist bekannt, das Urteil lautet Tod durch den Strang.

Wer aber ist Shalom Nagar? Shalom ist ein jemenitischer Jude. Große Gruppen von diesen und anderen Juden afrikanischer Staaten holte der junge Staat Israel in das Land um ein jüdisches Übergewicht gegenüber den arabischen Einwohnern zu erreichen.


Eine besondere Eigenschaft der Jemeniten: Keine persönliche Beziehung zu Deutschland und zum Holocaust. Das prädestiniert Shalom Nagar zum Wächter und dann auch zum Henker Adolf Eichmanns.

Ein Rollstuhlfahrer namens Moshe sucht Nagar, der auch als Schächter arbeitet, auf. Moshe hat eine eigene Geschichte, die indirekt mit Eichmann zu tun hat, diese kommt so nach und nach zu Tage...

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Zuerst hielt ich die Geschichte für eine Fiktion und las dann ganz hinten, dass Astrid Dehe und Achim Engstler die Idee aus Natalie Brauns Film THE HANGMAN aus dem Jahr 2010 hatten.
Den ehemaligen Wächter und Henker, den späteren Rabbi Nagar gab es also wirklich.


Trailer (YouTube)

Aber nicht nur das. Auch die Figur Moshe hat einen realen Hintergrund. Das erzählte das Autorenpaar dem TinSoldier in diesem Interview.

Das im Steidl Verlag herausgekommene Buch gehört nun nicht zu denen, die ich als unbedingt empfehlenswert bezeichnen möchte, wenn auch die Geschichte des Romans eine sehr interessante ist.
Zumal ich ja ein besonderes Interesse für Palästina und auch Israel habe und das Thema Eichmann in Bezug auf Hannah Arendt auch schon ansprach. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass dieses Buch nicht zwingend notwendig sei, denn zu Eichmann & Co. ist ja nun wirklich viel geschrieben wurden, seit Hannah Arendt die "Banalität des Bösen" beschrieb. Andererseits: Wie bekannt ist der Film? Ich kannte ihn nicht. 

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Die Geschichte ist rückwirkend erzählt, Shalom erzählt seine Geschichte dem Moshe und Moshe erzählt zuerst dem Leser seine eigene, später erfährt diese Geschichte auch Shalom. Aus meiner Sicht ist der Roman, auch wenn das nicht unmittelbar ausgesprochen wird, ein Aufruf gegen die Todesstrafe, einen anderen Sinn kann ich in der ziemlich detailierten Hinrichtungsschilderung nicht erkennen. Unterstrichen wird das durch den Umstand, dass diese letzte Tätigkeit des Henkers, der den Verurteilten wochenlang unmittelbar zu bewachen hatte, den Henker selbst verändert, denn der Mensch Eichmann lässt den späteren Rabbi nicht mehr los. Fiktion und Wirklichkeit vermischen sich in den Erzählungen von Nagar gegenüber Moshe und dessen Begleiter Ben. Dies gilt auch für Moshe, den Erzähler im Roman, der Eichmann allerdings nie kennen lernte. Für mich ist das die zentrale Botschaft eines Romans, den ich auch nach Tagen des zuende Lesens zwiespältig betrachte.

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Es ist sicher auch Zweck der Literatur, die Leser an unterschiedlichen Punkten abzuholen und auf andere zu stoßen. Gerade in der Literatur finden wir durch unterschiedliche Art und Weise der Geschichtsrezeption immer wieder Neues in scheinbar alt Bekanntem. Bei mir haben das Astrid Dehe und Achim Engstler jedenfalls geschafft.

DNB / Steidl Verlag / Göttingen 2014 / ISBN: 978-3-86930-829-6 / 239 Seiten.

© KaratekaDD





Kommentare:

  1. Eine kritische Rezension des Buches. Nun ja, es ist ein schwieriges Thema, ich finde aber, es ist auch mal eine völlig andere Herangehensweise: Die Protagonisten der Geschichte sind persönlich (Nagar) oder durch Herkunft (Moshe) in die Ereignisse verstrickt, ob sie es wollen oder nicht.
    Zitat Engstler: "Moshe ist eigentlich ein armer Mensch, er sitzt im Rollstuhl und er kann eigentlich gar nichts machen, außer zu erzählen, zu schreiben." Ihre Verbindung zu dem Dämon Eichmann überschattet ihr Leben und verursacht Albträume. Kann das Böse auferstehen? Kann es wieder geschehen? Ist Eichmann, ist das Böse tot, wirklich vernichtet, verbrannt, endgültig ausgelöscht, oder könnte es (durch einige nicht verbrannte Knochenreste Eichmanns) irgendwann wieder auferstehen und die Shoah neu beginnen? Es ist eine existentielle Frage für die Juden, dass der Antisemitismus überlebt hat. Das ist für mich eine zentrale Botschaft des Buches. Eine weitere ist: Auch ein Massenmörder hat nicht das Erscheinungsbild des Teufels sondern er kann durchaus menschliche Seiten haben. Eichmann war ja weder ein Triebtäter noch ein im klinischen Sinne Verrückter, sondern ein Überzeugungstäter, der seinen Gehorsam dem NS-Regime gegenüber als Tugend empfand. Das ist eine zweite zentrale Botschaft des Buches. Eine dritte ist: Es ist durchaus leicht, einen Eichmann zu hassen. Ihn zu henken, ist eine andere. Wie auch immer Uwe, welches Buch ist schon "zwingend notwendig"?

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    1. "Es ist eine existentielle Frage für die Juden, dass der Antisemitismus überlebt hat. Das ist für mich eine zentrale Botschaft des Buches."
      Was hat der Antisemitismus überlebt? Etwas, was es nicht erst gibt, seit Christen sie zu Gottesmördern machten. Existenzielle Frage für die Juden, und hier nur die israelischen, ist der Umgang mit den arabischen Staaten, Völkern, Stämmen...
      Das das Böse auferstehen kann, sieht man nicht vordergründig an Eichmann und den Leuten, die den Holocaust leugnen, man sieht das an den Taten des IS, der kein bißchen anders böse ist.
      Was das "Erscheinungsbild des Teufels" betrifft, stimme ich dir zu. Ohne politischen Background gibt es aber das Böse durch die Teilnahme der Massen nicht. Eichmann ist nur das Beispiel für viele. Leider. Und daher sollte man ihn nicht mehr beachten als andere auch.
      "Zwingend notwendig": Ich wollte damit nur ausdrücken, dass das Thema ja schon ziemlich breit und umfassend behandelt wurde. Die wahre Geschichte des Shalom Nagar ist aber auch eine authentische und daher hat das Buch durchaus seine Berechtigung.

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