Montag, 8. September 2014

Rezension einer bemerkenswerten Rezension eines bemerkenswerten Buches

Unter der Überschrift

"Gemeinsam Lesen - Meinungsaustausch..." 

haben meine beiden Mitstreiter in diesem Blog, Anne Parden und Karatekadd alias Uwe Rennicke, das Buch Terrorist von John Updike gelesen und gemeinsam rezensiert. Uwe hatte während der Arbeit an diesem Gemeinschaftsprojekt geäußert, er wäre gespannt auf mein ausführliches Urteil:  

"Verändern mag ich nichts mehr, aber auf Rudis AUSFÜHRLICHES Urteil wäre ich schon gespannt". 

Da ich ihm aus zeitlichen Gründen seinen Wunsch vor der Veröffentlichung leider nicht mehr erfüllen konnte, so hole ich dies jetzt einfach nach, indem ich kurzerhand seine (und Annes) Rezension rezensiere. Eine Rezension zu rezensieren ist neu, aber ich halte es für eine angemessene Form, die "Arbeit" der beiden zu würdigen!

So haben alle was davon, denn als Blog-Autor bedauere ich selbst es oft genug, dass man leider nur sehr selten Rückmeldungen von den Lesern erhält. Man kann in der Regel nur anhand der Anzahl der "Klicks" Rückschlüsse auf die Meinung des Publikums ziehen. Ich möchte daher bei dieser Gelegenheit alle Besucher unseres Blogs ermuntern, gerne öfters auch mal einen Kommentar zu hinterlassen. Der darf dann ruhig auch mal kritisch sein! Das spornt an und erfreut gleichermaßen. Man sagt ja nicht umsonst, der "Künstler" lebt vom Applaus seines Publikums, auch wenn der mal verhalten ausfällt.

So, nun aber zur Updike -Rezi von Anne und Uwe. Um es gleich vorweg zu sagen:     Ich habe das Buch nicht gelesen. Muss ich auch nicht, denn ich habe ja Uwe und Anne und ihre Rezension. Die ermöglicht es mir, bei Bedarf in jedem "Small-Talk" über das Buch mitzureden, ohne durch mein Nichtwissen aufzufallen. Das sagt doch schon einmal eine ganze Menge über die Rezension: Die ist nämlich ausführlich und gibt nicht nur den Inhalt des Buches, sondern auch eine ganze Menge zusätzlicher Informationen wieder. Damit ist das, was ich von einer Rezension mindestens erwarte, schon mal mehr als erfüllt! 

 Doch, was ist das? Gleich am Beginn stoße ich auf ein Detail, dass mich sofort "einrasten" lässt! 

Es ist der folgende Satz von John Updike, den Uwe zitiert:

"Männer, die bedingungslos bereit sind, ihr diesseitiges Leben für das jenseitige eines Märtyrers hinzugeben, können Zerstörungen über uns bringen in einem Ausmaß, das jeder Vorstellung hohnspricht."

Verbrennung evangelischer Christen
Quelle: Wikipedia

Da muss ich doch gleich mal widersprechen!         Qua Definition sind Märtyrer Menschen, die um des Bekenntnisses ihres Glaubens willen leiden und ggf. ihren Tod erdulden. (Quelle: Wikipedia).                 So wäre etwa Jesus als Märtyrer zu sehen, aber auch z.B. Johannes Hus, der bekanntlich als "Reformator" auf dem Scheiterhaufen endete (zum Schicksal des Jan Hus siehe auch meine Rezension des Buches "Die Wende - wie die Renaissance begann" von Stephen Greenblatt). Der Begriff Märtyrer ist ferner ein Konzept aus der griechischen Philosophie, aus dem sich der christliche Märtyrerbegriff entwickelte. Allein schon deshalb erscheint es merkwürdig, dass ausgerechnet (fanatische) Moslems diesen Begriff verwenden. Nun gut, auch unter Moslems mag es echte Märtyrer gegeben haben oder geben. Insofern haben wir als Christen den Begriff sicher nicht gepachtet.     Aber egal, wo man sich in der Literatur umschaut: 

Quelle: Internet
Stets wird der "klassische" Märtyrer als Mensch definiert, der um seines Glaubens willen leidet und den Tod erduldet, den
andere ihm zumessen, weil er zu seinem Glauben steht. Noch deutlicher wird dies im Baihatum, einer Religion, die ebenfalls den Märtyrerbegriff kennt. Der Märtyrer ist also stets Opfer und niemals Täter, auf keinen Fall aber jemand, der seinen eigenen Tod durch Selbstmord herbeiführt und dabei im Sinn hat, noch möglichst viele andere Menschen mit in den Tod zu reißen! Ich bin kein Theologe, dennoch glaube ich zu wissen, dass nach der christlichen Lehre der Suizid  eine Sünde darstellt. Somit können wir festhalten, dass Selbstmordattentäter qua Definition keine Märtyrer sein können! 

Dies ist ein schönes Beispiel dafür, wie wir durch unreflektierten und unkritischen Gebrauch bestimmter Begriffe selbst dazu beitragen, fehlgeleiteten religiösen Fanatikern zu einer moralischen Überhöhung ihres mörderischen Tuns zu verhelfen! Was mich aber wirklich besorgt ist die Tatsache, dass selbst ein Autor wie Updike, doch eigentlich ein "Meister des Wortes", diesem begrifflichen Irrtum unterliegt! Nun mögen manchen meine Argumentation vielleicht für kleinlich halten, aber denen halte ich entgegen: Wenn wir solche begrifflich-rhetorischen Missbräuche nicht erkennen, aufdecken und ihnen entschieden widersprechen, dann erlauben wir fehlgeleiteten religiösen Fanatikern, ihre Morde zu idealisieren!

Doch zurück zur Updike-Rezension:

Zunächst ist festzuhalten, dass unsere beiden Rezensenten den Inhalt des Buches, die Geschichte also, Kapitel für Kapitel in Kurzform schildern. Das versetzt uns in die Lage, uns ein Bild zu machen. DAS aber ist es eigentlich nicht, was für mich die Rezension interessant macht. In ihren Kommentaren arbeiten die beiden nämlich schön heraus, welche Stärken und Schwächen das Buch, die Handlung und die gezeichneten Charaktere haben. Dabei ist natürlich klar, dass beide aus ihrer (unterschiedlichen) subjektiven Sicht heraus argumentieren. Da wir es aber mit ZWEI Meinungen zu tun haben, ist das Bild, welches wir uns daraus zusammenfügen, stimmig. Dies gilt auch für das abschließende Urteil der beiden. Letztlich kommt auch Anne nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Schreibstil Updikes zu dem Ergebnis, dass dies nicht ihr letzters Buch dieses Autors war.

Einen kleines Lob muss ich aber noch los werden, es geht an die Adresse von Uwe, der folgendes formulierte:


"Updike hat dem Leser verständlich aufgezeigt, wie sogenannte Märtyrer geschaffen werden können. In einer Zeit, in der sehr wahrscheinlich eine Reihe von Westeuropäern in Syrien und im Irak in der Terrororganisation IS (Islamischer Staat) Verbrechen begehen, zeigt der Roman aus dem Jahr 2006 auf, warum das so sein könnte".


Den "sogenannten Märtyrer" lasse ich durchgehen. Noch besser wäre es gewesen, diesen als das zu benennen, was er ist: Ein Selbstmordattentäter!

In diesem Sinne gratuliere ich euch beiden zu eurer gelungenen "Doppelrezension". Vielleicht versuchen wir demnächst mal einen "Dreier" :-) !


Der TinSoldier

Kommentare:

  1. Wie mir scheint, lieber Rudi, hast du dich hier an etwas fest gebissen, das ist der Begriff des "Märtyrers". Qua Definitionem hast du da wohl recht, aber um diesen geht es ja gar nicht. Der Ahmed ist nicht Märtyrer weil er es aus eigenem Gewissen oder Anschauung wird, sondern weil er meint, es zu sein oder zu werden, wenn....
    Dies drückt auch Updike in dem oben genannten Zitat aus. Selbstmordattentäter dieser Art halten sich für Märtyrer und nehmen bewusst Menschen mit in den Tod, vorzugsweise solche, die anderen Glaubens sind.
    Dies trifft natürlich auf den Jeshua ben Joseph nicht zu, denn zumindest die Evangelien berichten, dass er nur seines Glaubens willens starb wenn auch das nicht ohne Konflikte, sonst hätte er nicht gefragt "Vater, warum hast du mich verlassen?" (Vielleicht aber stand der historische Jesus den Zeloten - Terroristen? - doch näher als es das von Kirchenvätern redigierte Neue Testament berichtet.)

    Updike verwendet genau hier deshalb den Konjunktiv, denn Männer wie Ahmed KÖNNEN durch ihre Handlungen immenses Leid über andere bringen.

    Sämtliche Selbstmordattentäter halten sich in Palästina für Märtyrer, die ins Paradies kommen und ihre Verwandten behaupten, genau daraus schöpften sie Kraft und beglückwünschen sie zu ihrer Tat. Ganze Scharen von Menschen halten sie für Märtyrer. Daher sind sie im Bewusstsein vieler Menschen leider welche. Kein Lexikon wird sie belehren.

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    1. Hallo Uwe, es mir ehrlich gesagt schnurz, ob die sich für Märtyrer halten oder nicht. Die glauben ja auch, dass anschließend das Paradies und in diesem 10 oder 20 bildhübsche Jungfrauen auf sie warten, die fortan nur noch ihnen zu Willen sind! Das allein zeugt m.E. schon von einer unglaublichen Naivität. Aber das nur nebenbei.
      Schließlich sehen wir einen Pädophilen auch nicht als "Kinderfreund", obwohl er das auf eine pervertierte Art sicherlich ist.
      Meine Absicht war es auch nicht, Unbelehrbare zu belehren, sondern darauf hinzuweisen, dass wir den Salafisten oder wie diese fanatischen "Gotteskrieger" sich auch immer nennen mögen, in die Hände spielen, wenn wir unkritisch deren Sprachgebrauch übernehmen.
      Für mich sind es einfach Mörder. Basta!

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  2. Also erst einmal: herzlichen Dank, Rudi, dass Du Dir die Zeit genommen hast für solch eine ausführliche Auseinandersetzung mit unserer Rezension.

    Vielleicht wird es Dich wundern, aber auch im Islam ist der Suizid streng verboten. Menschen, die sich töten, wird nach Annahme einiger Hadithen die Aufnahme ins Paradies verweigert, und es droht ihnen ein „ewiges Höllenfeuer“. Zumindest gilt es als eine schwere Sünde, denn nach muslimischer Ansicht hat nur Gott das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden. Das unterscheidet den Islam also nicht vom Christentum.
    Gleichwohl gibt es da die Selbstmordattentate im "Kampf gegen Ungläubige", die aber nur dann als "Märtyrertod" angesehen werden, wenn sie durch Zustimmung von religiösen Führern und einer Glaubensgemeinschaft abgesegnet sind. Es gibt dabei auch durchaus innermuslimische Streitigkeiten, wer "Märtyrer" ist und wer nicht. Für einige anerkannte muslimische Führer sind beispielsweise die Kämpfer der al-Qaida keine "Märtyrer", sondern „bloße Selbstmörder“.

    Du siehst also, Rudi, nicht nur hier gibt es Streitigkeiten über diesen Begriff.

    Ich glaube auch nicht, dass durch Updikes Verwendung des Begriffes der sicherlich meist westliche Leser den "Märtyrer" gleichsetzt mit dem von Dir skizzierten ursprünglichen Begriff. Es ist sicherlich jedem klar - und Updike wird keine ungebildeten Leser anziehen, glaub´s! - dass diese Begrifflichkeiten durchaus Unterschiede beinhalten. Märtyrer ist in dem Fall sicher keine beschönigende Vokabel, sondern einfach ein Synonym für einen Selbstmordattentäter "im Kampf gegen Ungläubige" - eine Haltung, die von einem in christlicher Kultur aufgewachsenen Menschen kaum nachvollzogen werden kann. Auch nicht nach dem Roman von Updike...

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    1. Meine Intention war weder ein Angriff auf "den Islam" (wenn es "den Islam" denn überhaupt gibt, weil offfensichtlich viele verschiedene Ausprägungen dieser Religion miteinander konkurrieren) noch auf Updike. Das Thema ist schwierig - und deshalb ist es wichtig, dass ein solcher Roman geschrieben wurde. Auch, wenn er nicht alle Fragen beantworten kann, wie du in deiner Rezi selbst richtig festgestellt hast. Ich glaube auch, dass man beim Leser dieses Buches wohl überwiegend einen bestimmten Bildungsgrad voraussetzen kann. Und dennoch: Auch eine gute Bildung schützt nicht vor Irrtümern! M.E. wiederholt sich heute die Geschichte: Nur sind es heute Moslems, die versuchen, ihre Religion "mit dem Schwert" zu verbreiten. Diese Phase hat das Christentum mit den Kreuzzügen im Mittelalter durchlebt und Gott sei Dank lange lange lange hinter sich gelassen. Das war genauso falsch, wie das, was heute geschieht. Kann es sein, dass da jemand geistig noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist?

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