Donnerstag, 4. September 2014

Broeckhoven, Diane: Ein Tag mit Herrn Jules


Eine wunderbar ergreifende Geschichte über die Liebe, die ein Leben lang hält....

 Einen ganzen langen Tag Abschied nehmen, das will Alice, als sie Jules tot auf dem Sofa sitzen sieht. Es gibt das eine oder andere, was sie mit ihm zu klären hat und worüber nie gesprochen wurde, zum Beispiel seine Affäre mit Olga, die noch immer in ihrer Erinnerung gegenwärtig ist. Erst danach kann sie ihren geliebten Mann ziehen lassen. Auch der autistische Nachbarjunge David kann sich mit einer letzten Schachpartie von seinem Freund verabschieden.

 „Ein ganz liebenswertes, kleines, schönes Buch darüber, wie Rituale uns helfen, große Verluste zu überwinden.“ (Elke Heidenreich)








  • Taschenbuch: 96 Seiten
  • Verlag: rororo; Auflage: 5 (1. Februar 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Isabel Hessel
  • ISBN-10: 3499241552
  • ISBN-13: 978-3499241550








MENSCHLICH UND WARMHERZIG...

 



 "Was wir aus unserem Leben gemacht haben, lässt uns zu dem werden, was wir sind, wenn wir sterben. Und alles, absolut alles zählt." (Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben)

                                                             
Alice und Jules haben ein morgendliches Ritual. Und auch an diesem Wintermorgen wird Alice geweckt vom Duft des Kaffees, den ihr Mann schon zubereitet hat. Als sie jedoch zu Jules ins Wohnzimmer kommt, sitzt er tot auf dem Sofa.


"Er war nicht tot, solange sie niemandem davon erzählte. Er lebte, solange sie das wollte. Sie hatte ihm noch so viel zu sagen."

                                                             
Alice beschließt, seinen Tod, zumindest einen Tag lang, zu ignorieren. Einen ganzen langen Tag Abschied nehmen, das will Alice. Sie lässt Jules also sitzen, wo er starb, und sagt ihm endlich all die Dinge, über die sie immer geschwiegen hat: Zärtliches und Frivoles, Bitteres und Geheimnisvolles.
Es ist die kleine, liebevolle und gewitzte Revolte einer Frau, die ebenso erschüttert wie weise von einem langen Leben Abschied nimmt. Ganz leise beginnt damit ein neues für sie...


"Die Zeit verstrich. Zeitlos. Alice stand auf und lugte durch die Vorhänge. Es schneite wieder. Langsam herabfallende Flocken überzogen die Außenwelt mit einer dicken Schicht Weiß. Vor ihren Augen wirbelte es. Sie sah keinen einzigen Autoscheinwerfer in den ausgestorbenen Straßen, kein Mensch, keine Bewegung holte die Welt aus ihrem Winterschlaf. Das war das perfekte Dekor für einen Abschied, wurde ihr bewusst. Nicht auszudenken, Jules wäre an einem strahlenden Sommertag gegangen, und sie säße hier mit ihm, die Luft voll Grillgerüchen und übermütigem Stimmengewirr."


Eine liebevolle Erzählung über Lebenslügen und den Mut, auch am Ende eines Lebens noch einmal neu anzufangen. Ein kleines Buch der leisen Töne, das verdeutlicht, wie Rituale uns helfen, große Verluste zu überwinden. Diane Broeckhoven schildert diese ungewöhnlichen letzten Stunden einer Frau so wunderbar unsentimental und vorsichtig, dass einem beim Lesen regelrecht das Herz aufgeht.


Kein trauriges Buch, sondern eines, das einen sehr ruhig und nachdenklich werden lässt, einen aber auch voller Zuversicht zurücklässt. Sehr empfehlenswert!


                                                                   ***** 


Vor einigen Jahren bereits las ich dieses wundervolle kleine Buch und setzte es als eines der ersten auf meine Favoritenliste.


Nun bekam ich das Hörbuch dieser Geschichte geschenkt. So sehr freute ich mich, wieder in die Erzählung einzutauchen, mit Alice ihr langes Leben mit Jules Revue passieren zu lassen und leise mit ihr Abschied zu nehmen, bis sie bereit war, ihren Mann wirklich loszulassen. Bei manch einer Szene stahl sich ein Lächeln in mein Gesicht, und wie das Buch selbst hallte auch das Hörbuch noch nach.
Eva Mattes liest diese dichte, feine Novelle mit gebührendem Ernst aber nicht zu tragisch - passend eben. Sicher nicht das letzte Mal, dass ich mich dieser Erzählung widme...



© Parden

 

 

 

 

Bildergebnis für diane broeckhoven
Diane Broeckhoeven
Diane Broeckhoven (* 4. März 1946 in Antwerpen) ist eine flämische Autorin und Journalistin.Broeckhoven wuchs in Antwerpen auf. Ab 1967 arbeitete sie für die Zeitung De Standaard. 1970 ging sie nach Haarlem in den Niederlanden, wo sie als freischaffende Journalistin und Autorin tätig wurde. 2000 kehrte sie in ihre Geburtsstadt zurück.
Zu ihren Werken zählen vor allem Jugendbücher, in denen zum Teil bis dahin für dieses Genre eher unübliche Themenkreise wie etwa Tod und Krankheit, aber auch Adoption von Kindern aus der „Dritten Welt“ aufgegriffen werden. Neben diesen Jugendbüchern hat sie auch Bücher für Erwachsene verfasst. Das bekannteste von ihnen ist Ein Tag mit Herrn Jules.

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