Dienstag, 22. Juli 2014

Yasmina Reza: Bühne & Film

Gestern wars. Da kam auf der ARD der ►Roman POLANSKI Film DER GOTT DES GEMETZELS.
(Da ich was anderes sehen wollte, hab ich den aufgenommen: Ein Glück, denn jetzt ist er konserviert.)

Eigentlich ist das ja ein preisgekröntes Theaterstück von ►Yasmina Reza. Es spielt in New York, der Polanski hat es in Paris gedreht, denn bei Einreise in die USA droht dem Mann ja Gefängnis. Aber eigentlich ist das völlig egal, denn das Stück spielt in der Wohnung des Ehepaars LONGSTREET. Ob das nun in Paris oder New York stattfindet ist ebenfalls  egal, es könnte auch Berlin sein. Oder London.  Die Longstreets haben gerade das Ehepaar COWAN zu "Gast". Grund des Besuchs: Beide haben einen elfjährigen Sohn und die Sprösslinge haben sich geprügelt. Dabei verlor Longstreet Junior durch den Stock, welchen Junior Cowan benutzte, 1,5 Schneidezähne.


filmstarts.de
Die Eltern wollen das Ganze nun bereinigen. Jedoch, sie hätten es lassen sollen. Der verbale Krieg, welcher hier entsteht, ist eines Theaterstückes würdig. Geht es zuerst darum, dass die Kinder sich halt nicht prügeln sollen, wird sodann natürlich sofort die Schuldfrage gestellt. Der eine Bengel hatte ja einen Stock, er war "bewaffnet", damit hat er ihren Sohn "entstellt" - so Mrs. Longstreet. Aber unser Sohn wurde ja als "Petze" bezeichnet, da musste er sich doch wehren, entgegnet Mrs. Cowan. Zu diesem Zeitpunkt geht's noch sachlich zur Sache aber dann ist die Steigerung in den Auseinandersetzungen stetig. Gibt es mal eine Pause, oder den Versuch einer der vier Personen Ruhe rein zu bringen, dann ist das nur der Ausgangspunkt für eine weitere Auseinandersetzung. (Die Handlung ist ► hier kurz und prägnant beschrieben).

 

Dramaturgisch wird das Ganze immer wieder angeheizt, weil Alan Cowan ständig mit seinem Smartphone hantiert und telefoniert. Das dies allen irgendwann auf den Geist geht, kann wohl jeder verstehen. Vater Longstreet hingegen bietet ständig was neues an "Speisen & Getränken" an, wenn die Cowans vernünftigerweise gehen wollen oder sollten. Klar, dass dann auch noch Alkohol  ins Spiel kommt. (Komischerweise trinkt der Haushaltwarenhändler Longstreet Single Malt; US-untypisch, aber Polanski ist ja auch kein Amerikaner) Passend dazu landet das Smartphone irgendwann in einer Blumenvase und der Apfelkuchen auf dem Teppich und diversen Kunstkatalogen, weil sich Ms. Cowan das Essen noch mal durch den Kopf gehen lässt.

Es ist eine Starbesetzung, die hier aufgeboten wurde. Ist schon mal der Regisseur Oscar - Preisträger, so sind es ►Jodie FOSTER (Ms. Longstreet), ► Kate WINSLEY (Ms. Cowan), ► Christoph WALTZ (Mr. Cowan) auch. ► John C. Reilly (Mr. Longstreet) ist zumindest schon mal nominiert wurden.

Die ►Filmkritik fiel unter filmstarts.de folgendermaßen aus:

„Gott des Gemetzels" bietet ein Dialogfeuerwerk voller satirischer Pointen und humoristischer Highlights, das kaum Pausen zum Atmen lässt. Diese erzählerische Dichte behält auch Polanski in seinem nur 79 Minuten langen Film bei. Was als vernünftiges Gespräch unter Elternpaaren beginnt, wird so fast unausweichlich zu einem Streit voller Vorwürfe, Besserwisserei und schließlich Beleidigungen. Die vier sehr verschiedenen Protagonisten – von der Weltverbesserin, die glaubt, alle anderen erziehen zu müssen, bis zum zynischen Anwalt – lassen nach und nach ihre Masken und Hemmungen fallen, um wie Kinder auszuteilen, ohne einstecken zu können. Die Gesellschaftssatire mag nicht gerade subtil ausfallen, aber gerade die Zuspitzung macht sie zu einem köstlichen Vergnügen: Hinter der Fassade des zivilisierten Bürgertums stecken auch nur eitle, unreife Menschen, die mit Stöcken aufeinander losgehen würden, wenn sie Regeln und Normen nicht daran hindern würden." (Björn Becher)

filmstarts.de
Allerdings kann ich mir sehr gut vorstellen, dass mal auf der Theaterbühne zu sehen. Da muss doch der Streit noch viel unmittelbarer sein. Die Kamera allerdings vermag die wutverzerrten, zynischen, beleidigten, spöttischen, überheblichen, grinsenden, weinenden Gesichter der Schauspielercrew natürlich aus nächster Nähe einzufangen.  In diesem Zusammenhang weise ich auf den Ausspruch von Eberhard Esche hin, der weiter unten zitiert wird.Das macht dann durchaus den Fernsehgenuss aus. Ich jedenfalls habe mich köstlich amüsiert.





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Quelle
Yasmina Reza: sie ist eine französische Schriftstellerin, die als Schauspielerin begann. Geboren wurde sie am 1. Mai 1956 in Paris) Der Vater war Iraner, die Mutter Ungarin, die Großeltern sind in Amerika begraben und ansonsten ist die Familie jüdischen Ursprungs. Aber Yasmina ist: Französin. Was sie als Bühnenatorin denkt und wies sie arbeitet, zeigt ganz gut dieses ► Interview.  Interessant, was sie dazu zur Sprache, sie meint Französisch, sagt:

"Die einzige Heimat, die ich kenne, ist die französische Sprache... Sprache ist für mich auch sehr viel mehr als ein Mittel zum Zweck. Mich faszinieren ihr Klang, ihr Rhythmus, die Brüche, die sie enthält. Bei meiner Arbeit ist mir der Ton der Sprache weit wichtiger als ihr Inhalt...

zeit: Ihre fünf Theaterstücke sind aber alles andere als inhaltslos.

Reza: Ich sage nur, dass mir der Klang einer Geschichte mehr bedeutet als die Geschichte an sich. Wie auf der Bühne geredet wird, interessiert mich mehr, als was da geredet wird. Es kommt häufig vor, dass ich Wörter verwende, weil sie an einer bestimmten Stelle gut klingen, und nicht, weil sie an dieser bestimmten Stelle richtig sind."

Weiter will der Interviewer wissen, warum sie nicht über Sex und Geld schreibt. Dazu sagt sie: "Die Sexualität ist eine viel zu private Angelegenheit, als dass ich darüber schreiben könnte. In 99 Prozent der Fälle wirkt Sex auf dem Papier peinlich und auf der Bühne geschmacklos."

In Bezug auf Geld allerdings spricht sie ein weiteres Stück aus ihrer Feder an, nämlich KUNST, mit dem sie ein weltweites Publikum erreichte.

"Und was das Geld angeht ...
in Kunst spielt Geld sehr wohl eine Rolle. Schließlich ist der Preis des weißen Bildes der Auslöser des ganzen Dramas. Aber es stimmt, auch dort geht es nicht um eine groß angelegte Analyse des Kapitalismus, sondern darum, dass Modernität noch kein Wert an sich ist. Das Thema Geld scheint mir nur dann einigermaßen ergiebig zu sein, wenn es sich auf Machtverhältnisse bezieht.
Geld schafft Abhängigkeit, daraus lässt sich literarisch etwas machen. Doch auch Liebe oder Erfolg schaffen Abhängigkeit, und daraus lässt sich literarisch meistens noch mehr machen."

Das ist doch schon mal interessant. Sie wurde auch gefragt, ob sie ihre Stücke auch selbst inszenieren würde. Eigentlich steht sie dem wohl ablehnend gegenüber. Am Drehbuch von DER GOTT DES GEMETZELS hat sie aber mit Roman Polanski mitgewirkt.

► Yasmina Reza in der DNB

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Nun aber zu KUNST*. Zu diesem Stück gibts dann eher Persönliches zu berichten.

KUNST **- Na das ist ja ein weiter Begriff; so deutlich will sich KaratekaDD gar nicht drüber auslassen. Aber KUNST kommt auch von KÖNNEN. Und in dem Stück KUNST von Yasmina REZA sind zwei von drei Freunden nicht unbedingt der Auffassung, dass ein total weißes Bild KUNST ist, einer meint, es wäre eigentlich nur "weiße Scheiße"***. Die weiße KUNST hat SERGE gekauft. Und sein Freund MARC kann es nicht fassen, dass er für die scheißKUNST 200.000 Franc bezahlt hat.




(Im Hintergrund ►Thomas STECHER, im Vordergrund ►Joachim LÄTSCH, rechts ►Jürgen ZARTMANN

Aber da gibt es noch den YVAN. Der hat mit der KUNST überhaupt nicht viel im Sinn und wundert sich nur, dass sich MARC und SERGE so streiten können. Mag es nun ein weißes Bild, KUNST oder weiße scheißKUNST seien. YVAN hat eher Probleme mit seiner zukünftigen Frau und seiner zukünftigen Schwiegermutter. Und er macht sich Luft: Ein irrer Monolog darüber, das Publikum atmet im Rhythmus mit. Im Rhythmus von Joachim LÄTSCH, der den YVAN spielt. Achim hat uns von dem Stück erzählt, dass da im Schlosstheater gegeben wird. Zehn oder zwölf Leute gehen also hin um KUNST zu schauen, um mal zu sehen, wie es um die KUNST ihres (damaligen) Vereinskameraden steht. Wirklich: der Monolog ist schlichtweg KUNST. Selbst als YVAN, um der Freundschaft willen heuchelt, er würde bei der weißen KUNST sowas wie Vibrationen spüren. Genauso lachen wir über Jürgen ZARTMANN, wenn der sich über diese weiße Scheiße, die scheißKUNST aufregt. Eigentlich hat der Angst, dass er ZWEI Freunde verliert. Einen an die KUNST und einen an die FRAUEN. Dagegen muss man doch vorgehen. Dat iss vielleicht ne "weiße Scheiße".

Die ►Yasmina REZA hat da ein Stück geschrieben, dass garantiert nicht auf unseren KUNST-Speisezettel gekommen wäre ohne den Achim, der mal eine Weile mit Karate trainiert hat. Das Textbuch würde mich interessieren. Denn der Achim hat später immer behauptet, den Monolog könne er nur auf den Brettern, die die KUNST, äh, die Welt bedeuten sprechen. Schade.

Quelle
Aber dafür hab ich mir das Stück zweimal angesehen. Beim zweiten Mal zu meinem Geburtstag, diesmal auf dem ►THEATERKAHN, der da am Elbufer liegt, und sicher keine KleinKUNST darbietet, obwohl er so klein ist. Das DRESDNER BRETTL spielt da, erstes in freie Trägerschaft entlassenes Theater Ostdeutschlands. Mehr als 216 Leute passen nicht in den Zuschauerraum. Die Bar ist Klasse. Und so kommen meine Eltern in den Genuss, mit YVAN, also Achim, der mir die Karten besorgte, zu schwatzen. So wird KUNST erst mal richtig erlebbar. Außerdem konnte man so den Bootsmann von der FICHTE, den Leutnant vom Schwanenkiez, den Artur Becker, den Navigator einer IL 62, mal auf der Bühne erleben. Den ZARTMANN halt. Obwohl auch der Thomas STECHER (Serge) ein bekannter Dresdner Bühnenschauspieler ist und hier eine tolle Rolle übernommen hat.

Der ► Eberhard ESCHE, über den ich schon öfter geschrieben habe, hat in einer Geschichte geschrieben, dass "…der Fernsehschauspieler den Leuten so nah sei, obwohl er so fern ist. Der Bühnenschauspieler dagegen so fern, obwohl er so nah ist."

Nun dieser Grundsatz wurde hier aufgehoben, weil Fernsehschauspieler hier den Leuten doppelt nah waren. Wie gesagt, so macht KUNST Spaß, auch wenn in dieser KUNST so oft von SCHEIßE die Rede war. Die Sächsische Zeitung meinte damals, dass REZA´s Erfolgskomödie herrlich geschliffene Sätze und witzig-gehässige Bonmots aufweise.
Nun, die können KUNST besser beschreiben als ich, da KUNST ja vom KÖNNEN kommt, wie Max LIEBERMANN mal sagt.



© KaratekaDD

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Diese Geschichte wurde zuerst bei den damaligen Buchgesichtern am 03.02.2011 veröffentlicht. 
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KaratekaDD bedeutet, das sagt schon der Name, dass ich was mit Karate und Dresden zu tun habe. KUNST war der Grund, Karate, KUNST und Literatur und anderes im Wado-Magazin zusammenzubringen. Das Ergebnis gibt es ► hier.
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Übrigens, das Wort mit SCH... kommt erst dann im Stück richtig zur Geltung, als die Auseinandersetzungen immer heftiger werden. Nicht dass hier jemand denkt, derartige Worte währen textbestimmend.


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