Freitag, 18. April 2014

Roger, Marie-Sabine: Das Leben ist ein listiger Kater


Zum Leben ist es nie zu spät...

Jean-Pierre wacht auf und kann sich an nichts erinnern. Er ist in die Seine gefallen, ein junger Mann hat ihm das Leben gerettet. Jetzt liegt er im Krankenhaus, ein Alptraum für den menschenscheuen Einzelgänger. Über zu viel Besuch kann sich der verwitwete Rentner "ohne Kinder oder Hund" eigentlich nicht beklagen. Aber alleine ist er trotzdem nie, ständig fällt ihm jemand auf die Nerven: Die vierzehnjährige Maëva hat es auf seinen Laptop abgesehen, um "schnell mal Facebook zu checken". Maxime, ein junger Polizist, versucht herauszufinden, wie Jean-Pierre in der Seine gelandet ist - und schon bald entdecken die beiden ihre gemeinsame Leidenschaft für Schwarzweißfilme. Der gutherzigen Krankenschwester Myriam wächst der alte Griesgram mit Galgenhumor so ans Herz, dass sie ihn zu ihrem Lieblingspatienten ernennt. Und dann ist da noch Camille, der Student, der Jean-Pierre aus der Seine gefischt hat. Allen zusammen gelingt es nach und nach, Jean-Pierre zurück ins Leben zu holen - und für einen Neuanfang ist es bekanntlich nie zu spät.



  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
  • Verlag: Atlantik (11. März 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Claudia Kalscheuer
  • ISBN-10: 3455600026
  • ISBN-13: 978-3455600025





Zurück ins Leben...


Brücke über die Seine, Paris   >Quelle


Jean-Pierre Fabre erwacht im Krankenhaus und kann sich an nichts erinnern. Man erzählt ihm, er sei aus der Seine gefischt worden, bewusstlos und schwer verletzt.

"Nein: Ich hatte nicht versucht, mir das Leben zu nehmen. Ich bin nicht selbstmordgefährdet. Das erledigt sich mit der Zeit von selbst." (S. 13)

So viel ist immerhin klar. Klar ist aber auch, dass Jean-Pierre schwere Verletzungen davongetragen hat und nun für lange Zeit nahezu bewegungsunfähig im seinem tristen Zimmer im Krankenhaus verbleiben müssen wird. Pragmatisch nimmt er dies zur Kenntnis, doch fällt dem Eigenbrötler die Zeit der Fremdbestimmung nicht immer leicht.

"Durch Zufall gerammt, in die Seine gestürzt, von einem Strichjungen und Müllmännern gerettet. Ich werde es nicht müde, immer wieder zu denken: Mein Schicksal ist doch ein wahres Glück." (S. 39)

Obwohl er solch ein Einzelgänger ist, ist er trotzdem oft nicht alleine. Besuch bekommt Jean-Pierre lediglich von seinem Bruder und dessen Frau, aber auch sonst erhält er mehr Gesellschaft als er möchte:
Die vierzehnjährige Maëva hat es auf seinen Laptop abgesehen, um "schnell mal Facebook zu checken". Maxime, ein junger Polizist, versucht herauszufinden, wie Jean-Pierre in der Seine gelandet ist - und schon bald entdecken die beiden ihre gemeinsame Leidenschaft für Schwarzweißfilme. Der gutherzigen Krankenschwester Myriam wächst der alte Griesgram mit Galgenhumor so ans Herz, dass sie ihn zu ihrem Lieblingspatienten ernennt. Und dann ist da noch Camille, der Student, der Jean-Pierre aus der Seine gefischt hat.

"Als kinderloser Witwer hat man den Vorteil, dass man nicht von Besuchern überrannt wird. Aber es geht hier trotzdem zu wie in einem Taubenschlag. Genau genommen, habe ich seit Jahren nicht mehr so viele Leute gesehen..." (S. 42)

Marie-Sabine Roger gelingt es sehr gut, mit dem sarkastischen Humor Jean-Pierres die Missstände in Krankenhäusern auf den Punkt zu bringen. Das hat nichts Anklagendes, nichts Weinerliches - aber nachdenklich stimmt es doch, denn man weiß ja: so ist es!
Sei es das allgegenwärtige "Ja, wie geht´s uns denn?", das auf die Behandlung reduzierte Wahrnehmen des Patienten von seiten der Ärzte, ständig offene Türen oder das oft ungenießbare Essen - auch Jean-Pierre kommt nicht um derlei herum...

"Hier hat man keinen Knochenbruch oder eine Krankheit, man ist dieser Bruch oder diese Krankheit. Ich zum Beispiel bin 'das Becken in Zimmer 28'. Ich wage mir nicht vorzustellen, welch tägliche Demütigung es wäre, wenn ich wegen einer Hodenentzündung oder Hämorrhoiden im Krankenhaus läge." (S. 114)

Wenn man so zur Bewegungslosigkeit verdammt ist wie Jean-Pierre, kreisen zwangsläufig die Gedanken immer wieder auch um sich selbst. Er beginnt, Erinnerungen an sein Leben in seinen Laptop zu schreiben und Bilanz zu ziehen. Teilweise wehmütig, teilweise sarkastisch, immer jedoch ehrlich. Dabei mischen sich aktuelle Geschehnisse mit solchen aus früheren Zeiten, vieles wird Jean-Pierre auf diese Art sehr bewusst.

"Hoffnung ist etwas für Träumer und Jugendliche. Ich habe Erinnerungen. In meinem Alter ist das sicherer, als Pläne zu schmieden." (S. 36)

Im Grunde hat Jean-Pierre mit seinem Leben abgeschlossen und erwartet nicht mehr allzu viel. Doch die vielfältigen Kontakte weichen die harte Schale des alten Mannes allmählich auf, und so entpuppt sich das, was er nahezu als das Ende seines Lebens angesehen hat, letztlich als ein Weg zurück ins Leben...

"Sogar vollgepumpt mit Schmerzmitteln auf diesem verdammten Bett in diesem elenden Zimmer liegend, liebe ich das Leben, das ich gelebt habe. Ich finde es in Ordnung, am Leben zu sein. Ich bin noch nicht fertig mit der Inventur und habe fest vor, hundert Jahre alt zu werden." (s. 169)

'Bon rétablissement', so lautet der französische Originaltitel des Buches, was so viel bedeutet wie 'Gute Besserung'. Manchmal fragt man sich schon, wer sich bei der Übersetzung eines Buches den deutschen Titel überlegt - und warum? 'Gute Besserung' wäre m.E. auch im Deutschen ein überaus passender Name für das vorliegende Buch gewesen...

Abgesehen davon hat mir das Buch selbst ausgesprochen gut gefallen. Der sarkastisch-bissige Humor und die oft pragmatische Weltansicht des Jean-Pierre Fabre sind genau meins. Den Schreibstil empfand ich als flüssig, die Sätze sind oft einfach und kurz, Szenen wechseln schnell einander ab - und doch zieht sich eine menschliche Wärme durch den Text, die mich so häufig einfach nur zum Lächeln brachte. Außerdem hatte  ich das Gefühl, mir ständig Zitate aufschreiben zu müssen, um sie nicht gleich wieder zu verlieren.

"Wenn man immer alles tut, um böse Überraschungen zu vermeiden, verpasst man am Ende auch die guten." (S. 198)

Marie-Sabine Roger hat ein eigenartiges Talent, mit Gefühlen zu spielen. Oftmals gluckste ich vor mich hin, um dann im nächsten Nebensatz unerwartet berührt zu werden und einen Abschnitt weiter wieder ans Nachdenken zu kommen. Lebensklugheit, Lebensweisheit, Lebensliebe - all dies steckt in dem kleinen Buch und noch viel mehr. Mich hat es sehr angesprochen, und gerne würde ich Jean-Pierre auch mal besuchen in seiner Wohnung mit dem Kater. Der alte Griesgram, der letztlich doch weich wurde - und sich selbst am meisten damit überraschte...

Nach "Der Poet der kleinen Dinge" und dem Bestseller "Das Labyrinth der Wörter" hat die Autorin Marie-Sabine Roger wieder einen zauberhaften Roman geschaffen, der von mir eine uneingeschränkte Empfehlung erhält...


© Parden





Bisher erschienen von Marie-Sabine Roger:






Marie-Sabine Roger   >Quelle

Marie-Sabine Roger wurde 1957 in Bordeaux geboren. Sie arbeitete einige Jahre als Grundschullehrerin, ehe sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Von ihren Romanen wurden mehrere ausgezeichnet. "Das Labyrinth der Wörter" erhielt den Prix Inter 2009. Marie-Sabine Roger lebt heute in Südfrankreich.   >Quelle



1 Kommentar:

  1. Sehr schöne Rezension eines offensichtlich sehr guten Buches! Interessante Geschichte, scheinbar voller Lebensklugheit - genau meine Kragenweite!

    AntwortenLöschen