Sonntag, 23. Februar 2014

Orwell, George: 1984


Im Orwell-Staat wird eine neue Sprache verordnet, das sogenannte 'Neusprech'. Zusammen mit dem sogenannten 'Zwiedenk' soll den Menschen das Denken abgewöhnt werden. Orwell beschriebt eindrucksvoll, wie durch Veränderung der Sprache der Manipulation des Volkes durch die herrschende Klasse Tür und Tor geöffnet werden kann. Besonders deutlich wird das, wenn die unmenschlichsten Züge eines Systems mit wohllautenden Namen besetzt sind. So gibt es zum Beispiel ein 'Liebesministerium'. Es sorgt nicht etwa für den liebevollen Umgang der Menschen untereinander, sondern 'lehrt' den Abtrünnigen und Andersdenkenden mittels grausamster Foltermethoden den 'Großen Bruder' zu lieben. Im 'Ministerium für Wahrheit' werden Geschichte und Gegenwart dem gegenwärtigen politischen System angepasst.Wahr ist, was der 'Große Bruder' als wahr definiert. Dem Volk wird klargemacht, dass alles immer schon so war, wie es jetzt ist. Anderslautendes wird aus Zeitschriften und Büchern und damit aus dem Gedächtnis der Menschen systematisch entfernt. Das 'Friedensministerium' hingegen plant 'Friedensmissionen', die nichts anderes sind als Kriegseinsätze. Wer wollte sich da noch wundern, dass sich hinter 'Lustlagern' Zwangsarbeitslager der übelsten Art verbergen. 





SCHWARZMALEREI?






Der Zukunftsroman 1984 (geschrieben bereits im Jahr 1948) beschreibt einen totalitären Staat, in dem Menschenrechte kaum noch Gültigkeit haben. Die Welt wird von drei Supermächten beherrscht: Ozeanien, Eurasien und Ostasien, die permanent Krieg um ein paar nicht fest umrissene Gebiete führen. Auf britischem Boden hält die Elite des Staates die Bevölkerung in ständiger Angst.  Lebensmittel sind knapp, alltägliche Dinge wie Schnürsenkel oder Rasierklingen sind Luxusgüter, an die kaum heranzukommen ist.
An der Spitze dieses totalitären Staatssystems steht  der 'Große Bruder', der durch überlebensgroße Plakate überall in der Stadt omnipräsent zu sein scheint. Der Staat besteht aus einer dreischichtigen Gesellschaft: der Inneren und der Äußeren Partei, sowie der Masse der Proles. Für die Aufrechterhaltung der Macht sind vier Ministerien verantwortlich. Ein Kontrollmedium stellen die sog. Televisioren dar, Fernseher mit eingebauter Kamera, die nicht abgeschaltet werden können. Hiermit wird einerseits eine ständige Parteipropaganda, andererseits eine totale Überwachung aller Bürger ermöglicht. Der Einzelne zählt nichts, der Staat zählt alles...

 

Die Umgangssprache im gesamten Staat ist Englisch. Diese gewohnte Sprache soll aber zunehmend durch eine Neusprache, 'Neusprech', ersetzt werden. Diese neue, bereinigte Sprache hat den Zweck, Wörter, die der Partei schaden könnten, wie z. B. Freiheit oder Gleichheit, zu eliminieren und somit die Bürger des Staats leichter lenkbar zu machen. Durch die Reduktion der Sprache auf einen Minimalwortschatz und Euphemismen für negative Dinge ('Minipax' nennt sich z.B. das Friedensministerium, das sich aber ausschließlich mit den Angelegenheiten des immerwährenden Krieges befasst) sollen in der Konsequenz die Gedanken der Menschen kontrolliert werden können. Wofür es keine Wörter gibt, das kann letztlich auch nicht gedacht werden...
Wer unbehelligt bleiben will von der Gedankenpolizei, muss sich nicht nur den Erwartungen konform verhalten und sich selbst ständig unter Kontrolle haben, sondern er muss auch die Fähigkeit besitzen, korrekt zu denken, um nicht eines Gedankenverbrechens angeklagt zu werden. 'Doppeldenk' sollte sich jeder zueigen machen, um persönlich jeden Zweifel an der Lauterkeit des Systems auszuräumen bzw. gar nicht erst aufkommen zu lassen. 'Doppeldenk' bezeichnet die Fähigkeit, gleichzeitig Widersprüchliches zu denken und dabei auch noch auszublenden, dass es sich um Widersprüchlichkeiten handelt...

 

Winston Smith, der Hauptcharakter der Dystopie, ist in London damit beschäftigt, im Wahrheitsministerium Zeitungsberichte zu
fälschen, um so falsche Prognosen der Partei zu korrigieren oder die von der Partei aus politischen Gründen eliminierten Personen aus der Geschichte zu streichen. Obwohl Smith für die Partei arbeitet, zweifelt er zunehmend an dem, was er tut und an der Ideologie des Staates. So wird er allmählich zu einem Gegner des Systems und versucht mit der legendären Brüderschaft, einer Untergrundbewegung, in Verbindung zu treten.
Eines Tages verliebt sich Smith in Julia, die ebenfalls ein Mitglied der Äußeren Partei ist. Da laut Parteistatut jedoch Sexualität allein der Fortpflanzung dienen soll und Liebe zu den unerwünschten und subversiven Gefühlen gehört, beginnt ein von Angst dominiertes ständiges Versteckspiel. Auch Julia ist eine Gegnerin des Systems, doch ist ihre Rebellion nicht ideologisch motiviert, sondern auf die Zufriedenheit durch das Erfüllen menschlicher Grundbedürfnisse gerichtet, wie z.B. das der Sexualität. Im Zuge ihrer zunehmenden Menschlichkeit vertrauen Winston und Julia sich anderen Menschen an, rechnen aber ständig mit der Möglichkeit, verraten und verhaftet zu werden...

 

Winston Smith ist nur zeitweise eine Figur, mit der der Leser sich identifizieren kann. Anfänglich werden detailliert seine Gedanken, Gefühle und Beweggründe präsentiert, und der Leser erlebt die Geschehnisse aus seiner Sichtweise. Später erlebt man ihn eher - so schreibt Orwell selbst an einer Stelle - wie "den Käfer unter der Lupe". Interessiert aber distanziert beobachtet man als Leser die zunehmenden Schrecken, und mir persönlich graute am meisten vor der analytischen Schärfe und der perfiden Logik, mit der George Orwell das Schreckensbild eines totalitären Überwachungsstaates schlüssig und lückenlos präsentiert. "Seit Kafkas 'In der Strafkolonie' gab es keine Phantasie, die dem logischen Grauen von '1984' gleichkäme", schrieb denn auch der Reclam Lektüreschlüssel...

 

Mit 1984 schuf Orwell eine zeitlose Parabel, die auch heute noch eine allgemeingültige Metapher für totalitäre Gesellschaftsverhältnisse darstellt.  Sein literarischer Erfolg ist einem beklemmenden Wirklichkeitsbezug zu verdanken, dem auch der Leser von heute sich nicht entziehen kann. Orwell bringt in dem Werk, das zu den Klassikern der modernen Weltliteratur zählt, soziale und politische Gefahren globalen Ausmaßes als Zeitkritik wirkungsvoll zum Ausdruck.
Die Auseinandersetzung mit der Anti-Utopie erreichte einen Höhepunkt im »Orwell-Jahr« 1984, was in zahlreichen Bearbeitungen des Stoffs, ob in neuen Ausgaben, Rezensionen oder Verfilmungen zum Ausdruck kam. Davor landete das Buch in der ehemaligen DDR als "antisozialistische Hetzschrift" auf dem Index und gehörte somit zur verbotenen Lektüre, während es in den westlichen Ländern während des Kalten Krieges als antikommunistisches Werk interpretiert wurde und oft auch Schullektüre war. Übersehen wurde dabei jedoch, dass Orwell gegen Gewaltherrschaft jedwelcher politischer Couleur eingestellt war und mit 1984 vor politischer Bauernfängerei von links wie von rechts warnen wollte (Hitler, Stalin).

 

Keine einfache Lektüre, doch eine lohnende - und offensichtlich eine, die immer noch zeitgemäß ist und wohl auch bleiben wird. Einzelne Aspekte (Überwachungsmaschinerie, gläserner Bürger) sind ja aktueller denn je...
Ein Buch, das zurecht als Klassiker gilt, und das man m.E. gelesen haben sollte!


 

© Parden










 Trailer zur Verfilmung von 1984 aus dem Jahr 1984










George Orwell
George Orwell wurde 1903 in Britisch-Indien als Eric Arthur Blair geboren und starb 1950 in London. Er war ein englischer Schriftsteller, Essayist und Jornalist. Durch seine Werke "Farm der Tiere" und "1984" wurde Orwell weltbekannt und zählt heute mit seinem Gesamtwerk zu den bedeutendsten Schriftstellern der englischen Literatur.

Die Liebe zu seiner Heimat drückt sich auch in der Wahl seines Pseudonyms aus: George (vom britischen Schutzheiligen Sankt Georg) und Orwell (ein kleiner Fluss in seiner Heimat).





 

Kommentare:

  1. Ich habe es vor etwa 25 Jahren gelesen und kann mich deiner Meinung nur anschließen: Man(n) (und Frau) sollte es tatsächlich gelesen haben. Orwell macht die perfiden Mechnismen der Beeinflussung und Lenkung von Menschen durch Meinungsterror, Geschichtsverfälschung und Gleichschaltung deutlich.
    Das Thema ist m.E. im Zeitalter der Globalisierung, des Medienkults und der ungehemmten Datensammelwut der Geheimdienste wieder sehr aktuell!

    AntwortenLöschen
  2. Ich hätte es wohl erst vor 20 Jahren lesen können. Es viel mir erst vor wenigen Jahren in die Hände. Nicht zu unrecht als Weltliteratur bezeichnet. Gute Rezension, liebe Anne.
    (PS: Meine Rezension, BG, hab ich gesichert. In einigen Tagen werde ich diese hier dann auch veröffentlichen.

    AntwortenLöschen